Magda

Mal sehen

09.02.2010 | 10:05

Alles ein Abwasch XXI – Schwarmintelligenz

Wenn zwei Leute – so wie wir beide an der Schüssel – zusammen was bekakeln, sind wir dann eigentlich schon ein Schwarm? So fragte ich mich und machte einen kleinen Exkurs zu den im Internet behandelten Fragen. Der mitarbeitende Gatte ergänzte kurz und schlagfertig: „Momentan sind wir ein arbeitender Schwarm. Ob wir intelligent sind...“

Schwarmintelligenz – wenn man die Debatten um das „overgehypte“ Helene Hegemann Werk „Axolotl Roadkill“ beobachtet – dann hat dieser Begriff ja eigentlich eine völlig neue Bedeutung erlangt. Dann ist unter Schwarmintelligenz zu verstehen: Ausschwärmen, Was finden, Aufgreifen, bzw. sich Aneignen, und dann als Einzelne oder Einzelner den Gewinn einstreichen.

War nicht auch Brecht so ein schwarmintelligenter Kerl mit seinem Tross an Produzentinnen?, fragte mich der Gatte während er am - wieder völlig eingesauten -Cerankochfeld herumschruppte. Nee, meinte ich, bei Brecht war das anders, der ist nicht herumgeschwärmt, der war umschwärmt, obwohl das in diesem kreativen Zusammenhang ein unziemlich triviales Wort ist. Die Frauen um Brecht, die wussten, dass sie ein Gesamtkunstwerk sind. Wie heißt das Buch von Elisabeth Hauptmann, der Brecht-Mitarbeiterin „Ich fragte nicht nach meinem Anteil“. Punkt. Oder die Margarete Steffin und Ruth Berlau. Tragische Schicksale beide, aber doch geliebt und produzierend liebend, jede zu ihrer Zeit im Schwarm.

Der Schwarm ist ja auch etwas, das nicht statisch ist, sondern eben fliegt und da ändern sich die Mitglieder, einige stürzen halt ab, andere fliegen zu hoch. Das gehört dazu. Und einer fliegt halt vornweg.

Überhaupt scheinen sich damals Frauen mehr für den Schwarm geeignet zu haben. Männer wollten immer einzeln wahrgenommen werden.

 

Ist es heute anders? Wie ist es denn nun mit Helenens "Axolotl-Schwarm". Ist die vielleicht vor dem Ausschwärmen selbst Bestandteil eines Schwarms gewesen? Kann ja sein, denn ich hatte einen Verdacht: Hier verarscht uns jemand gewaltig. Etwa so: da haben mal irgendwann ein Werbetexter (ehemaliger Fernsehredakteur), ein Clubbesitzer (zuletzt Oberkellner im Restaurant Moskau) und die Kantinen-Chefin der Volksbühne (fünf Semester Theaterwissenschaft) zusammengesessen und sich gesagt: Jetzt zeigen wir denen mal wie dankbar sie sind für ein bisschen Einblick in die Zukunft ihrer nicht gelebten Gegenwart. die Rezepte liegen seit Jack Kerouac auf der Strasse. Der Koch braucht lediglich einen Internet-Anschluss. der Rest ist Marketing.

Ist das nicht eine geniale Überlegung. Ich finde das jedenfalls. Allerdings ist die gar nicht meiner Intelligenz entsprungen. Auch ich bin ausgeschwärmt – in einen Freitags-Blogs und wurde flugs fündig.

 

www.freitag.de/community/blogs/kay-kloetzer/wunderkind-roadkill---helene-hegemann-hat-abgeschrieben

 

Dort habe ich diese Passage abgeschrieben, will sagen aufgegriffen, und nun habe ich sie mir anverwandelt. Das war ein schweres Stück Arbeit, weil die wirkliche Autorin die durchgehende Kleinschreibung bevorzugt. Da waren viel eigene Kreativität und Wissen erforderlich, das wieder aufzulösen. Und - nach der Tilgung von drei Wörtern - steht es auch in ganz anderen Zusammenhängen. Hach, was bin ich schwarmintelligent.

Danke kay.kloetzer und Gruß von Blog zu Blog.

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 09.02.2010 um 10:39
Sehr geehrte Magda,

vielleicht verhält es sich bei der Schwarmintelligenz zur schwärmenden Intelligenz wie bei der Psychohistorie zur Psychohistorik.
Gern gelesen.

Ihr e2m

P.S.: Tip von Hausmann zu mithelfendem Hausmann, unbekannter Weise: Auf Ceranfeldern helfen Rasierklingen. Das verkürzt aber vielleicht ungewollt den gemeinsamen Verbleib an der Küchenzeile :)
Magda schrieb am 09.02.2010 um 15:22
"Psychohistorie zur Psychohistorik"

Oh Herrje, das überfordert ich jetzt aber.
Also: Psycho-Geschichte zu Psycho-Geschichtsschreibung? Vielleicht so..

Das mit den Rasierklingen haben wir auch schon gemacht. Aber, es gibt auch ein ganz hervorragendes Putzmittel, das am Ende ebenfallsl obsiegt.
ed2murrow schrieb am 09.02.2010 um 15:57
Und schon wieder ein Versuch des (Wort-)Spiels, das in die Hose ging. PHistorik ist das, was Isaak Asimov in einigen seiner Romane verwendet. Science-fiction.

Sollte eine Auszeit nehmen.
Streifzug schrieb am 09.02.2010 um 11:24
Der Ansatz ist gut, allerdings handelt es sich in der Küche um Schwammintelligenz.
müslikind schrieb am 09.02.2010 um 15:12
Oder treffen sich beim gemeinsamen Ausfindigmachen der besten Putzmethode Schwammintelligenz und Schwarmintelligenz?
Magda schrieb am 09.02.2010 um 15:20
Ja, Müslikind, so ist es. Da wird viel ausgetauscht - an Meckereien. Der eine sagt so, die andere sagt so. Das zieht sich...sage ich Dir.

Und am Ende sagt man dann: Schwamm drüber, Du bist noch immer mein Schwarm. So ist es zwischen zwei alten Knochen :-))

Gruß
Magda schrieb am 09.02.2010 um 15:24
Kann auch Schwimm-Intelligenz werden, wenn das Abflussrohr putt geht.

Aber ich würde argumentieren, dass es mal zu den "linken" Vorstellungen gehörte, dass auch die Köchin den Staat lenken können muss und deshalb nicht lästern....(sondern denkend mitkochen)
poor on ruhr schrieb am 09.02.2010 um 12:05
Guter Blog. Wie immer bei Dir, gerne gelesen.
Herzlichen Dank

ruhrrot
Joachim Petrick schrieb am 09.02.2010 um 21:27
Hallo ruhrrot!.
Du fährst ja pur einen heissen Reifen von por nach ruhrrot.
Gibt es da demnächst im Mai 2010 eine Morgendämmerung in NRW- Rot!?

tschüss
JP
Magda schrieb am 09.02.2010 um 15:47
www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/total_legitim_1.4878025.html

Hier ein prima Link mit Vergleichen der Reaktionen von Tellkamp auf den Plagiatsvorwurf mit dem von Hegemann.

Tellkamp ist in der Tradition des konventionellen Urheberrechts und so verteidigt er sich auch, während Hegemann das alles wurscht zu sein scheint.
Schönes Stichwort: postmoderne Intertextualitäts-Theorie.
Allerdings klingt ihre Begründung ja auch schon wieder wie eine Gemeinschaftsarbeit.

Jedenfalls - ich in meinem Alter lerne viel durch diesen kleinen Skandal.
kay.kloetzer schrieb am 09.02.2010 um 16:44
apropos skandal: wollen wir ein bisschen spekulieren für welchen der folgenden preise frau hegemann demnächst nominiert wird?
1. preis der leipziger buchmesse
2. konrad-kujau-gedächtnis-medaille
3. voll-krass-stipendium für jugendsprache

und danke magda für die aufnahme in dein autorinnenkollektiv. brauchen wir dafür einen eigenen nickname?
herzlich
kk
Magda schrieb am 09.02.2010 um 17:13
Ach, da bist Du ja. Klauen von Kloetzer. Na, wie habe ich das gemacht? :-))

Also ich bin für den "konrad-kujau"-Deal. Vor allem, weil die Jungautorin bestimmt ausruft: "Konrad Kujau - wer ist denn der alte Sack?"

Neuer Nick ist auch nicht so einfach. Mal sehen, wen ich da plagiieren kann.

Gruß von Magda
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.02.2010 um 17:09
Die Schwarm-Intelligenz bei Fischen und Vögeln zumindest ist erwiesen: sie hat einen Schutzeffekt. Vielleicht folgen unsere Regierungen mit Truppenaufstockungen ja auch diesem Instinktiven Verhalten. Die Eigenart der Fliegen sich "stinkende Gebirge" auszusuchen wirft aber einen bedenklichen Schatten auf Schwarm-Intelligenz so das wir nicht generell ins Schwärmen geraten sollten. Und selbst als Individuum, wie wir wissen bringt uns Liebesschwärmerei manchmal schon aus komische Wege, sachichma
Magda schrieb am 09.02.2010 um 17:15
Danke sachichma für Deine Überlegungen
"Eigenart der Fliegen sich "stinkende Gebirge" auszusuchen wirft aber einen bedenklichen Schatten auf Schwarm-Intelligenz".

Aber es gibt den schönen Spruch: Leute, fresst Dreck, Millionen Fliegen können sich nicht irren".
Das ist auch schwarmintelligent generiert.

sachichdenn
Joachim Petrick schrieb am 09.02.2010 um 20:48
Liebe Magda,
Du hast eines bei der forschenden Pirsch nach dem Hirsch, der in dem Begriff Schwarmintelligenz wohl steckt, zwar über dem Ceranfeld mit Bedacht auf der Hut, Deinen Hut abgenommen, aber nicht an die Dunstabzugshaube gedacht, die erst den Schwarm des Hirnfettes nach dem Prinzip der globalen Gleichzeitigkeit als Gedankensprung zum Schwarme macht.
Wer hat da Gedanken geklopft?

tschüss
JP
thinktankgirl schrieb am 09.02.2010 um 21:01
Heute war ich doch etwas angewidert, als ich sogar in der Auslandspresse, es war ein Provinzblatt, im Feuilleton einen halbseitigen Artikel über diese Plagiatorin fand.
Zudem hat es meine Verschwörungstheorie, daß wir alle aus dem selben Pool mit Informationen versorgt werden, bestärkt.
Ps: das sind die Chem-Trails des Feuilletons
Magda schrieb am 09.02.2010 um 21:08
"Zudem hat es meine Verschwörungstheorie, daß wir alle aus dem selben Pool mit Informationen versorgt werden, bestärkt."

Dsa Gefühl habe ich auch manchmal.

Wie auch immer - so ein Thema greifen natürlich alle auf. Dsa ging auch nicht anders, weil es vorher einen solchen Hype um dieses Buch gegeben hat, dass so eine Meldung natürlich ein ähnliches Echo haben muss.
thinktankgirl schrieb am 09.02.2010 um 21:19
@magda
Das alle dieses Thema gerne aufgreifen, ist o.k.
Aber hier handelt es sich um ein Käsblatt in der europäischen Provinz, nicht um Le Monde oder The Guardian, bei denen man ein ein gewisses - vielleicht auch schadenfreudiges - Interesse am Fall annehmen könnte.
Das Käsblatt hat sicher niemand in der Redaktion, der deutsch kann, also wo kommt dieser halbseitige Artikel her, den doch kein Schwein interessieren kann, außer mich.
Ähnliches ist mir schon vorher aufgefallen, ich verfolge in 3-4 Ländern die Presse, da gibt es verblüffende Übereinstimmungen. Wenn in D alle dasselbe schreiben, kann ich esbmir noch halbwegs erklären, aber dass halb Europa das macht, bereitet mir doch ein bißchen Kopfzerbrechen.
THX1138 schrieb am 09.02.2010 um 22:24
DPA, SDA, Reuters, Bloomberg, AFP... Newsticker eben. Der Gedanke, dass wir alle aus ein und demselben Pool mit Informationen versorgt werden, hat etwas plausibles.

Allerdings ist mir auch schon aufgefallen, dass Agenturmeldungen nicht selten Wort für Wort von den verschiedensten Zeitungen übernommen werden, was mitunter dazu führt, dass man den genau gleichen Artikel gleich in mehreren Titeln lesen kann.

Von wegen Pressevielfalt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.02.2010 um 22:38
Das mit dem Informationspool, heißt das auch Realitätsmonopol?
Das gibts hier was für news junkies
emm.newsbrief.eu/overview.html

Einfach die Sprachen oben rechts verändern und vergleichen dann gibts den ganzen Schwarm in eine Macromediaübersicht. Besser als apreutersdpa
Magda schrieb am 09.02.2010 um 22:50
"Allerdings ist mir auch schon aufgefallen, dass Agenturmeldungen nicht selten Wort für Wort von den verschiedensten Zeitungen übernommen werden, was mitunter dazu führt, dass man den genau gleichen Artikel gleich in mehreren Titeln lesen kann."

Das ist aber der normale "Gang der Dinge". Zeitungen machen nur ausgewählte Sachen selbst und natürlich die Kommentar- und Meinungsseiten.
Das geht doch gar nicht anders, sonst wird es zu teuer. Und die Pressemitteilungen gehen ja auch an alle Agenturen.
kay.kloetzer schrieb am 09.02.2010 um 22:51
@THX

"Allerdings ist mir auch schon aufgefallen, dass Agenturmeldungen nicht selten Wort für Wort von den verschiedensten Zeitungen übernommen werden, was mitunter dazu führt, dass man den genau gleichen Artikel gleich in mehreren Titeln lesen kann."
... und wenn es richtig schlecht läuft, mit ganz verschiedenen Autorennamen drunter ...

kk
Magda schrieb am 09.02.2010 um 22:58
". und wenn es richtig schlecht läuft, mit ganz verschiedenen Autorennamen drunter ..."

Huch, Du bist auch hier zugange?
Also manchmal ändert man - wie Helene Hegemann - ein zwei kleine Sachen und macht dann das Kürzel von der Agentur und ein eigenes. Das soll immer Vielfalt suggerieren.
misterl schrieb am 09.02.2010 um 22:13
Es bedarf nicht immer eines Schwarmes um intelligent zu wirken.

"fragte mich der Gatte während er am - wieder völlig eingesauten -Cerankochfeld herumschruppte"

Mit dem richtigen Mittel muss Mann nicht schruppen, sondern nur auftragen, einwirken lassen und dann den Dreck abwischen. Von dem Mittel schwärm ich. ;-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.02.2010 um 22:41
immer feste druff mit der Chemiekeule, das Zeugs ist teuer und ätzt auf der Haut rum :-), aber meine Frau hat richtig gestaunt wie toll ich dieses Glasding kratzerfrei halte...
archinaut schrieb am 10.02.2010 um 02:02
"einige stürzen halt ab, andere fliegen zu hoch. Das gehört dazu. Und einer fliegt halt vornweg," schreibst Du, liebe Magda.....wirkt im Schwarm nicht das Rotationsprinzip, alle wissen den Weg und schieben...?
digitus schrieb am 10.02.2010 um 22:45
Klasse, Magda! Ich wusste schon immer, dass bei Abspülgesprächen die besten Ideen entwickelt werden. Danke für die Einführung in Schwarmintelligenz 2.0.
In den Schwarm reihe ich mich gerne ein ...
Magda schrieb am 10.02.2010 um 23:21
Hallo,
danke an die "letzten" beiden Leser,
den treuen archinauten und den neuen digitus.

Gruß
Magda
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