Magda

Mal sehen

01.04.2010 | 10:59

Eugen Drewermann „Kleriker – Psychogramm eines Ideals

 Ein Lesetagebuch aus biographischem und aktuellem Anlass

Eugen Drewermanns Buch ist schon im Jahr 1989 erschienen und wurde umfangreich besprochen. Ich war in dieser Zeit sehr befreundet und verliebt in einen Kleriker, einen Niederländer. Eine lange Geschichte, die ihre eigene Erzählung kriegen sollte. Ein bisschen davon ist hier nachzulesen. www.freitag.de/community/blogs/magda/am-meer---was-mit-liebe/?searchterm=Am+Meer

Ich bin selbst katholisch aufgewachsen und deshalb war mir vieles an „klerikalen“ Verhaltensweisen nicht fremd. Neu war mir eine – in meinem ostdeutschen Umfeld unbekannte – sehr männliche Seins- und Selbstgewissheit, die er ausstrahlte und auch eine Mischung aus kindlichem Vertrauen und großer Geschicklichkeit im Umgang mit Menschen. Diese offene weitherzige Art kannte ich von den Kaplänen meiner Kindheit nur sehr begrenzt. Die meisten waren sehr konservativ. Auch in der Zeit des II. Vatikanischen Konzils blieben sie in Deckung – umgeben von Feinden ist „aggiornamento“ weniger geboten. Ich trat schon in jungen Jahren aus der Kirche aus.

Nach der Wende gab es die Möglichkeit, sich zu sehen und zu besuchen. K. lebte in einer Ordenskommunität, die sehr modern und offen war. Man trug dort auch selten Ordenskleidung und hatte ständig Gäste im Haus.

Ich fuhr dort mehrfach hin und es gab einen ausführlichen Briefwechsel. Die Beziehung wurde aus vielen Gründen sehr konfliktbeladen und anstrengend.

Um mich in einem entstehenden Groll gewissermaßen geistig zu „munitionieren“ kaufte ich mir den Drewermann, fand da zwar keine Munition, aber viel einleuchtende Erklärung für manches Unbehagen. K. selbst war irritiert, als ich mit ihm über das Buch sprechen wollte. Er fand, Drewermann habe ja nie in einer Ordensgemeinschaft gelebt, wobei dies auch nicht der Schwerpunkt in Drewermanns Buch ist, sondern die „weltlichen“ Kleriker. Dieser Einwand war mir als Ostdeutsche in anderen Zusammenhängen sehr bekannt.

Wie auch immer, wir entfernten uns voneinander, auch weil unser Leben ja fest lag und niemand es ändern konnte oder wollte. Vor einigen Jahren ist er gestorben.

Und da spürte ich erneut, wie sehr ich ihn geliebt hatte und wie bereichernd und wichtig für mein Leben diese Beziehung gewesen war. Der Tod schuf Versöhnung, wo vorher ja auch kein Hass, sondern nur Enttäuschung und Entfremdung gewesen waren.

Dies also der Hintergrund.

Ich stelle beim Schreiben fest, dass das eine gute Form ist, diese Geschichte aus der bekannten „Frau liebt Priester-Ecke“ raus zu kriegen und auch über die Bereicherung zu schreiben, die mit solch einer Beziehung verbunden ist.

„Ich denke nur an Dich und dadurch ständig Neues“ – das ist eine Formel, die das durchaus beschreibt. Es war ein ständiger direkter oder auch innerer Disput und natürlich Streit. Jahre später kam mir Luise Rinsers „Gratwanderung“ in die Hände. de.wikipedia.org/wiki/Luise_Rinser 

Sie hat da den Briefwechsel mit Karl Rahner de.wikipedia.org/wiki/Karl_Rahner veröffentlicht, mit dem sie zärtlich-erotische Freundschaft verband. Rahner ist einer der großen Konzilstheologen gewesen, von Hans Küng als „Protaogonist der Freiheit der Theologie“ gewürdigt. Da fand ich einige Empfindungen wieder, obwohl ich zu Luise Rinsers Arbeiten ein gespaltenes Verhältnis habe. Es wurde auch noch einmal deutlich, welchen Aufbruch die Katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verpasst und versäumt hat und welche großen Geister sie verleugnet oder vernachlässigt.

Ich werde also "Kleriker" noch einmal lesen und in Fortsetzungen das mir Wichtige im Blog schreiben und dabei meine eigenen Erfahrungen versuchen, einzuarbeiten.

(Hoffentlich halte ich durch und vielleicht gibt es Interessierte.)

 Zum Vorwort

Schon im Vorwort entzaubert Drewermann sein Thema, gerade indem er sich auf verklärende Literatur bezieht: „Francis Jammes „Der Pfarrherr von Ozeron“ zum Beispiel ist ein Buch, in dem der Kleriker „in der Tat „Symbol, Repräsentant, ja geistiger Garant einer Welt (ist) die trotz aller Schwachheit und Schuld der Menschen aus den Händen Gottes nie herausgefallen ist“. Er setzt dieser Sicht die Analyse entgegen, aber nicht, um irgendwelcher Entlarvung Nahrung zu liefern, sondern, weil er glaubt, dass es darum geht, den Priesterstand aus seiner Erstarrung zu erlösen und ihm seine prophetische und dichterische Existenzform zurückzugeben.

Mir gefiel das damals sehr. Denn ich behauptete im Streit, dass die wirkliche Transzendenz immer von den Kreativen, den Künstlern ausgehe und nicht von der Kirche und ihren Klerikern. Bei denen sei das eine Behauptung. Nicht ohne Grund und auch aus Rivalität habe die Kirche die Künstler immer mit Misstrauen betrachtet oder so fest und machtvoll in den eigenen Dienst gestellt, dass sie sich nur schwer wieder befreien konnten.

Drewermann führt dann noch Hermann Hesses „Narziß und Goldmund“ als Beispiel für die sich bedingenden Widersprüche von – vereinfacht gesagt - Denken und Fühlen an, die durch den Priesterstand getrennt werden und ihn unfruchtbar machen.

„Wir Denker suchen uns Gott zu nähern, indem wir die Welt von ihm abziehen. Du näherst Dich ihm, indem du seine Schöpfung liebst und noch einmal erschaffst. Beides ist Menschenwerk und unzulänglich, aber die Kunst ist unschuldiger “ spricht Narziß zu Goldmund.

Ende 1. Teil (Fortsetzung folgt)

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.04.2010 um 12:41
Hallo Magda,
ich werde zu Deinen Lesern gehören - fein, das erspart mir den Drewermann ;-) Und biographische Zusammenhänge scheinen mir genau das zu sein, was am Thema abseits einer allgemeinen Religionskritik interessant ist.

Magst Du präzisieren, was Du seinerzeit mit "wirklicher Transzendenz" im Sinn hattest? Und würdest Du diesen Begriff heute halten oder verwerfen?
Magda schrieb am 01.04.2010 um 13:12
@ TomGard - danke fürs Lesen. Aber, ich bitte Dich "händeringend" verlange nicht dauernd Präzisierungen von mir. Ich bin eine interessierte, durchaus bildungswillige Laien-Frau (Lain will ich nicht schreiben ), mehr aber auch nicht.

Mir "wirklicher Transzendenz" meinte ich damals, dass Künstler, die Kreativen, wirklich etwas Neues (er)schaffen, nicht nur Auferstehung und Übergang beschwören, sondern auch "zeigen". Es hatte damals - im Streit mit meinem Freund - ja auch etwas von "Ätsch". Künstler schaffen was und Ihr macht nur Brimborium.
So, das muss jetzt genügen. Theoretischen Disputen bin ich nur in Notfällen zugewandt. Ich bitte also entsprechende Kommentare mit der Zahl 112 zu versehen, das ist der Rettungsdienst.

Ich schreibe das deshalb, weil der Drewermann selbst ja eine komplizierte Lektüre ist und mir sonst gleich von vornherein der Mut fehlt, fortzufahren.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.04.2010 um 22:27
"verlange nicht dauernd" - *kicher*, klingt schon fast nach Ehe -

Also, für den Notfall - 112

Ich möcht nur rasch demonstrieren, wie benachbart Dein Gedanke meiner (einfachen, wie ich finde) Ableitung der Transzendenz (des "Absoluten") aus dem Gesetz ist, wie ich sie in meinem Text "Zur Psychologie des bürgl. Individuums" skizzierte. Dort lautet der betreffende Übergang:
In der gegen alle Gegensätze und Widersprüche gesetzten Idealität des Gebotenen (des Sollens, das der Geltung der herrschaftlichen Institute aus den Wechselfällen der Konkurrenz und der technischen Entwicklung zuwächst) erscheint nichts mehr so, wie es an sich ist. Die gültigen Zwecke nebst ihrem Zusammenhang (ihren Gründen) sind ersetzt durch ihr Verhältnis zum Gesetz: die Relation des Guten und des Bösen. Die rationelle Subjektivität der Urteile "gut" und "schlecht" - d.h. nützlich und schädlich - wird objektiviert. Die falsche - weil die Widersprüche gewaltsam vereinigende - Allgemeinheit erscheint darin als Reich des Absoluten: Gott, das Wahre, das Gute, das Schöne, das Menschliche.
Dies "Reich des Absoluten" muß zunächst Gegenstand und Domäne der Künstler (als historischer Berufsstand genommen) gewesen sein, bevor es herrschaftlicher Institutionalisierung anheim gestellt wird, weil diese der (volks)mythologischen Codierung und Verankerung jener bedarf, um angenommen und tradiert zu werden.
Magda schrieb am 01.04.2010 um 22:59
Na das habe ich auch gleich verstanden und bedanke mich artig. Da können wir uns doch einigen:

Du hast es im Kopp und ich hatte es im Urin.
SiebzehnterJuni schrieb am 07.04.2010 um 11:19
Drewermann zu lesen, ist eine Qual. Drewermann zu hören im Radio, im Fernsehen ist sehr interessant. Drewermann real zu sehen und zu hören, ist extrem spannend, obwohl er dann auch Schwierigkeiten hat, ein Ende zu finden. In Potsdam habe ich einen Vortrag gehört- 90 Minuten. Dann durften Fragen gestellt werden. Drewermann kam bis Frage 3 - die Antworten dauerten insgesamt ca.1,5 Stunden!!
Magda
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Publizistin
Aktivität:
Beiträge: 567
Kommentare: 9344
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
21:34
Corina Wagner hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
21:30
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:29
ed2murrow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:29
lothar.ackermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
21:27
Corina Wagner hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG