20.10.2010 | 12:05

S21 - über Trojanische Pferde, Spaltpilzbefall und anderes Ungemach

 

Seit dem letzten Freitag (dem Wochentag; nicht der Zeitung) steht fest, dass es sogenannte Schlichtungsgespräche zu S21 geben wird. Heiner Geißler wird als der von Grünen und CDU herbeigerufene deus ex machina zwischen Gegnern und Befürwortern vermitteln. Indem aber an diesem Punkt so und de facto der Politik das Feld überlassen wird, drohen die Bewegten Bürger in genau jenes Muster alter Reglosigkeit zurück zu fallen, von dem sich zu befreien sie auf die Straße gingen.

Ich zitiere dazu den Offenen Brief eines Parkschützers, geschrieben am Tag danach:


 

„Wir wollten diese Gespräche.“ „Wir haben die besseren Argumente.“ „Ein Teil verhandelt, ein Teil protestiert; das ist clever.“ Das sind -kolportagehaft ausgedrückt- die Kernaussagen von gestern.

Und genau daran lassen sich die fehlerhaften Annahmen und letalen Risiken, die sie auch bedeuten, ausmachen.

1) „Wir wollten diese Gespräche.“ Nein, das stimmt nicht. Wir wollten mindestens einen umfassenden Baustopp, bevor wir uns mit dieser Bagage an einen Tisch setzen. Eigentlich hätten wir konsequent Rücktritte fordern müssen. Und wären mindestens nach dem 30. September auch in jeder Hinsicht dazu berechtigt gewesen. Unter französisch-bürgerlichen Verhältnissen hätte man darüber nachgedacht, welcher dieser sich blaublütig wähnenden, hochmütigen Verbrecher die Guillotine verdient hat. Das nur zum Vergleich, der zugegeben drastisch ist, aber um so mehr verdeutlicht, wohin die Reise hätte gehen müssen. Und das Reiseziel lag bereits fast greifbar vor Augen. Zur Erinnerung: Dieses hatten wir (fast) erreicht, weil wir auf die Straße gegangen sind und Druck gemacht haben. Ihr 6 wollt diese Gespräche[1], weil Ihr die Situation maßlos falsch einschätzt. Ihr glaubt, man könne mit diesen Leuten Politik (Kompromisse) machen. Und das, obwohl Ihr seht, dass sie kompromisslos in der Sache sind. Nur am Rande: der einzige Nicht-Politiker unter Euch hat die Runde verlassen.[2] Zufall? Und -und auch das will ich nicht verhehlen- es sind mir ein paar zu viele mögliche CDU-Koalitionspartner in diesem Sprecher-Gremium. Da sind Interessen-Konflikte fast vorprogrammiert. Ich will nicht gleich sagen, dass wer grün wählt, sich hinterher möglicherweise schwarz ärgert, aber: denkt mal drüber nach.

2) „Wir haben die besseren Argumente“ Ja. Seit 15 Jahren. Und?... Hat sich die Gegenseite jemals von guten Argumenten beeinflussen/überzeugen lassen? Die Bürgerbewegung in der DDR hat die Stasi entmachtet. Und sich nicht zunächst mit ihr an einen Tisch gesetzt, um sie etwa zu „überzeugen“. (Oder die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Stasi schlecht ist.)
Ihr wollt diese besseren Argumente in der Öffentlichkeit vortragen. Das ist gut. Aber geht es um Offenheit? Gangolfs Zeilen[3] entnehme ich, dass er sich wünscht, dass nun all diese guten Argumente sich dadurch verbreiten. Wozu? Um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass wir die besseren Argumente haben? Habt Ihr die Umfragen vergessen? Die Leute draußen stehen auf unserer Seite. Seit dem 30. September viele mehr, die es bis dahin noch nicht taten. Und?... Hat einer der Verantwortlichen deshalb freiwillig seinen Hut genommen? -Sie haben sich -bis heute- noch nicht einmal entschuldigt! Rech schwatzte nach dem 30.9. sogar noch frech und öffentlich davon, dass wir ja wohl selbst Schuld seien, wenn wir verletzt würden von Wasserwerfern, die ja im Übrigen auch nur eine Art sanftes Aeorosol lustig über die brutalen Demonstranten versprühten. Das hat viele, auch außerhalb Stuttgarts, im ganzen Land zu recht empört. Und?...
Dieser Mann wird von Leuten, die Ihr nun öffentlich mit guten Argumenten ausmanövrieren wollt, gedeckt. Glaubt Ihr, die halten das nicht aus, knicken ein vor lauter Öffentlichkeit und guten Argumenten? Das beste, weil überzeugendste Argument, was wir haben, ist der Druck der Straße. Den hätten wir gemeinsam noch ein bisschen weiter ausüben müssen. Damit die Macht dieses Verbrechersyndikats gebrochen wird. Zum Beispiel durch Rücktritte und öffentliche Schuldeingeständnisse. Dann, aber erst dann, hätte man auch reden können.

3) „Ein Teil verhandelt, ein Teil protestiert – das ist clever.“ Nein. Ist es nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Eine Teilung der Kräfte in dieser Situation ist eine Spaltung. Was soll daran gut sein? Spielen wir mit denen jetzt „Guter Bulle- böser Bulle“? Was beispielsweise passiert mit den veröffentlichten, guten Argumenten bei solcher Taktik? Wie hoch ist die Halbwertzeit ihrer Glaubwürdigkeit dann noch? Für „Politik spielen“ ist nicht die Zeit. (Und wir sollten das überhaupt ganz lassen, solange wir eine breite Bürgerbewegung sind, die etwas bewegen will. Wir wollen nicht Veränderungen simulieren. Wir wollen tatsächlich verändern. Das ist uns bisher auch sehr gut gelungen.)
Der Keil, der uns spaltet, ist angesetzt und eingeschlagen. Die Gegenseite braucht ihn jetzt nur noch immer tiefer zu treiben. Oder glaubt Ihr, sie zittert gerade, weil wir sie -durch clevere Teilung der Kräfte- in die Zange genommen haben? Die wollen nicht verhandeln! Die wollen ihr Ding durchziehen. Und solange sie noch so fest im Sattel sitzen, wird ihnen das auch gelingen. Da hilft keine clevere Taktik, kein Reden-Wollen und auch keine guten Argumente. Jedenfalls im Moment nicht. Es ist der Klassiker vom Stolpern des Führenden auf der Zielgeraden.

Das Einzige, was m.E. richtig ist in der jetzigen Situation, ist weiterhin massenhaft und friedlich zu demonstrieren, den Druck der Straße aufrecht zu erhalten und, wenn nötig, zu verstärken.

Ich hoffe, dass ich mich in all dem irre. Dass ich es bin, der den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Oben bleiben!

 

 

Text-Anmerkungen:

[1] Sechs Teilnehmer auf Seite der S21-Gegner: Gangolf Stocker, Hannes Rockenbauch (beide SÖS), Peter Conradi (SPD), Brigitte Dahlbender (BUND-Landeschefin), Winfried Kretschmann, Werner Wölfle (beide B90/Grüne)

[2] Fritz Mielert als Sprecher der Parkschützer stieg aus den Gesprächen aus, als klar wurde, dass es keinen umfassenden Baustopp während der Schlichtung geben werde

[3] Gemeint ist Gangolf Stocker, der in einem Brief an die Parkschützer begeistert von dieser Möglichkeit sprach und sie als einen wichtigen Grund für sogenannte Schlichtungsgespräche anführte

 

Nachdenkseiten vom 18. Oktober zum selben Thema (Dank an Magda!).

 
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Kommentare
seriousguy47 schrieb am 20.10.2010 um 13:19
Das ist wohl alles richtig - aber zu einseitig und eindimensional. Und da ist mir zu viel Sichtweise, die dem Gegner unterstellt wird. Wichtig ist es aber, eine eigene Sichtweise zu haben. Solange man sich auf Spielregeln des Gegners einläßt, kann man nicht mehr optimal auf ihn reagieren. Und die Konfrontation war ja bislang die Spielregel, die Mappus & Co vorgaben. Mit Beginn der Schlichtung aber gibt es zwei parallele Vorgehensweisen: Konfrontation und Gespräch. Die adäqaute Reaktion darauf schiene mir, dass die Gegner umso mehr ihr eigenes Ding durchziehen. Also alle Chancen nutzen, die diese beiden Vorgehensweisen für den Widerstand gegen S21 bieten. Und das heißt zuallererst, sich vom Gegner, seiner Sicht, seinen Spielregeln, seinen Strategien und seinen Definitionen unabhängig zu halten und stur auf das eigene Ziel hinzuarbeiten.

1. Es ist richtig, dass nun im Bündnis Differenzen sichtbar werden, die von Anfang an da waren - und die spätestens nach der Landtagswahl ohnehin deutlich geworden wären. Aber diese Differenzen sind eben Realität und man muss mit ihnen umgehen. Die Schlichtung aber ruft sie nicht hervor, sondern macht sie nur sichtbar. Diffenrenzen werden im Übrigen auch im S21-Lager sichtbar.

2. Es ist richtig, dass die Mobilisierung der Gegner in dem Moment gedämpft wurde, wo sie am stärksten war. Aber das geschah eher durch das Schlichtungsnagebot und weniger durch das Eingehen darauf. Die Frage aber ist, was passiert wäre, wenn die Gegner hart geblieben wären - was für die Grünen ohnehin unmöglich gewesen wäre. Ich schätze, in diesem Fall wäre es zu einer großen Spaltung und Schwächung des Bündnisses gekommen. Und wenn Teile des Bündnisses sich offen gegen andere stellen, dann ist das für die Mobilisierung der Menschen tödlich.

3. Die Frage, ob Mappus & Co durch das Schlichtungsangebot den Protest brechen oder sich die Möglichkeit schaffen wollten, ohne Gesichtsverlust das Projektende einleiten wollten, kann ich nicht einschätzen. Man sollte aber beide Möglichkeiten mitdenken. Die öffentliche Ausbreitung wesentlicher "Fakten" schafft auf jeden Fall für beide Seiten die Möglichkeit, von ihrer Position abzurücken. Dies kann natürlich erst am Ende passieren - wenn überhaupt. Insofern können beide Seiten zu Beginn nur "hart" bleiben.

4. Zentral für diese Art von Widerstand ist das Echo in der veröffentlichten Meinung.Die wäre wohl gekippt, hätte man die Schlichtung platzen lassen. Jetzt tritt genau das Gegenteil ein. In einem Moment, wo die Medien längst nach neuen Säuen Ausschau halten, die man durchs Dorf jagen könnte wird durch die öffentliche Übertragung der Schlichtungsgespräche ein Höchstmaß an öffentlicher Aufmerksamkeit und hoffentlich auch Aufklärung eintreten. Das sollte man weder übersehen noch unterschätzen. Und man sollte sich auch einmal klar machen, dass diese kontinuierlich zunehmende Berichterstattung in allen möglichen Sendeformaten durchaus nicht die Regel ist!

5. Gefragt ist jetzt natürlich der Kern des Widerstands. Von seinem Durchhaltevermögen im schlechten Wetter und entemotionalisierten Klima wird es abhängen, ob eine Schwächung eintritt oder nicht. Bei der letzten Montagsdemo jedenfalls war von einer Schwächung noch nichts zu spüren. Man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen: der Prügeldonnerstag hat viele auf die Straße getrieben, die für S21 allein nicht unbedingt auf die Straße gehen. Jetzt kommt es darauf an, die Demos so attraktiv zu machen, dass kein Einbruch erfolgt.

6. Neben den Demos ergibt sich jetzt aber auch verstärkt die Möglichkeit, begleitend zu den Gesprächen öffentlich aufklärerisch tätig zu werden, denn es kommt ja jetzt hoffentlich ausreichend Material auf den Tisch, das debattiert werden kann und muss. Insbesondere das Stuttgarter Medienkartell verliert jetzt zwar nicht seine Deutungshoheit, wohl aber seine Informationshoheit. Und das ist schließlich etwas, was wir seit mindestens 15 Jahren zu S21 nicht hatten.

7. Das Bündnis hat sich von Anfang an auf gewaltfreien Widerstand - also gegen die Guillotine - festgelegt. Dadurch wurde das Eingehen auf das Schlichtungsangebot zwingend. Dass die Parkschützer ausscherten, war ebenso notwendig, da sonst der Teil der Menschen, die sich auf die Scheinangebote der Bahn nicht einlassen wollen, keine Vertretung im Bündnis mehr gehabt hätte. Vom Ergebnis der Schlichtung und der Landtagswahl wird es abhängen, ob der gewaltfreie Widerstand Erfolg haben kann. Das Versprechen der Volksabstimmung durch die SPD steht ja auch noch im Raum. Dass am Ende eines erfolglosen Prozesses, in dem die Politik sich als uneinsichtig herausstellt für einige der jetzigen Bündnispartner sich doch noch die Frage nach gewaltsamem Widerstand stellen könnte, kann natürlich heute niemand ausschließen. Dann allerdings wäre das Bündnis endgültig zerbrochen.
mcmac schrieb am 20.10.2010 um 14:30
Vielen Dank, seriousguy47, für diese Entgegnung, die ja fast schon ein Programm-Entwurf ist. Da ich dieses Brief-Zitat natürlich hier eingestellt habe, weil ich ähnlich denke, kann auch ich versuchen, auf Ihre Entgegnung zu antworten. Allerdings muss ich zunächst kurz und bruchstückhaft bleiben; mich pressiert noch Weiteres...

Es ist -wie immer auch- die Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Die Schlichtung bietet Vorteile, birgt aber auch Risiken. Wobei ich glaube, dass die Schlichtungsgespräche aus Sicht derjenigen, die „lediglich“ S21 verhindern wollen, eher Vorteile bieten. Während diejenigen, die sich einen Impuls für weiter gehende, qualitative -und wie ich meine auch bitter nötige- gesellschaftliche Veränderungen erhoff(t)en eher das Riskante für ihre Hoffnungen und Träume in diesen Gesprächen sehen.

Ich denke, dass die Frage: „Schlichtung jetzt? Ja oder nein?“ (wenn man schon „Politik spielen“ will – wie es der Schreiber des Offenen Briefes ausdrückte) nicht zwangsläufig und umgehend in eine K.O.-Entscheidung für das Aktionsbündnis gemündet wäre. (Man kennt das ja z.B. von Gerichtsverhandlungen: Befangenheitsanträge; Vertagung des Verfahrens; Verschiebung des Prozessbeginns usw. ). Das zu „spielen“ wäre auch eine Option gewesen. Nicht ewig, aber vielleicht noch ein paar Tage, um der Gegenseite den umfassenden Baustopp abzutrotzen durch den Druck der Straße. Das wäre für diese ein realer Machtverlust gewesen.

Keiner kann mir erzählen, dass das nicht möglich gewesen wäre oder zu einem sofortigen totalen Gesichtsverlust der Gegner von S21 geführt hätte.
Nein, das Gegenteil ist wohl eher wahrscheinlich. Es ist auch ein bisschen fadenscheinig (und schon wieder „Politik spielen“ - dieses mal mit den eigenen Anhängern!) hinterher zu erklären, dass das Ganze eine Super-Strategie sei. Dumm nur, dass man sie selbst gar nicht so geplant hatte. Oder war das Ausscheiden von Fritz Mielert -dem einzigen NichtFunktionär dieser Runde- als Schauspiel geplant?

Die beiden hohen und höchsten Vertreter der Landes-Grünen in dieser Sprecher-Konstellation sind ein Kapitel für sich. Ich möchte hier nur an das bis heute andauernde Herumgeeiere bezüglich einer klaren Absage an S21 erinnern. Das riecht aber so was von offensichtlich danach, es sich mit einer neuen CDU-Führung nach der Landtagswahl zwecks schwarz-grüner Koalition nicht zu verderben, dass es fast schon ein bisschen heftig bis zum Himmel über Stuttgart stinkt. Die Grünen stolpern derart behende in die Fußstapfen der taumelnden Alten Tante, dass einem schwindelig werden kann. Noch mal: Nicht die Bürgerbewegung wäre unglaubwürdig geworden; die Grüne Führung hätte ihr Gesicht verloren. Nein, die Maske fallen lassen müssen. Und die Bürger (citoyens) hätten begriffen, dass nur sie selbst sich helfen können. Wie sie es bisher ja auch schon -etwas bewusst-los teilweise, aber erfolgreich- bisher taten.

Apropos: Mappus braucht nicht darum zu kämpfen, ohne Gesichtsverlust aus dem Projekt auszusteigen. Indem er am 30. September sein wahres, politisches Gesicht zeigte -eine Fratze der Gewalt- hat er nichts, worum er diesbezüglich kämpfen könnte. Der kämpft um die Macht.

Heiner Geißler und seine Bemühungen, ganz nebenbei seine Partei, die CDU, fit für's 21 Jahrhundert zu machen und somit an der Macht zu halten -und sei es mit attac und Greenpeace- auch das ist ein Thema mit gleich mehreren Kapiteln...

Und, nein, ich teile auch nicht Ihre Einschätzung, dass wir bisher den „Spielregeln“ der Gegenseite ausgeliefert waren. (Ich würde „Spielregeln“ eher gerne und explizit Macht nennen, dass macht Einiges klarer). Wir waren dabei, diese Macht durch den friedlichen, massenhaften Protest auf der Straße zu paralysieren. Gebrochen war diese Macht (noch) nicht, aber sie war ins Wanken geraten.
Da Sie den Umstand der Medien-Demokratie erwähnen, sei noch angemerkt, dass wir -ohne größere Not- die Herrschaften nach dem 30. September quasi wieder rehabilitiert haben, indem wir sie als legitime Gesprächspartner anerkennen. Die Täter mit am Tisch. Auch das gehört zu den Fakten, die jetzt alle, wenn schon, auf den selben sollen.

Es gäbe noch mehr zu sagen. Ich versuche das nachzuholen, wenn es mir möglich ist.

Vielen Dank nochmal an Sie – ich halte es für ungemein wichtig, darüber öffentlich zu debattieren!

unvollständig und ungeordnet, in Eile,
aber mit l.g.
mcmac
seriousguy47 schrieb am 20.10.2010 um 14:58
Ihrer Eile noch hinterher geworfen: Der Mappus hat sehr viel zu gewinnen und nichts (mehr) zu verlieren, wenn er S21 stoppt, nämlich die nächste Wahl und für viele weitere Jahre die CDU-Fast-Allein-Herrschaft. Insofern gibt es leider die fatale Situation, dass ein Stopp von S21 die Macht- und Filzverhältnisse in BW stabilisieren würde - wenn er von Mappus kommt. Wenn er ein "kluger Politiker" ist, dann stoppt er das Projekt und läßt sich auf K21 ein. Dass er vorher auf jeden Fall noch hoch pokern wird, ist natürlich auch klar, denn er muss ja von seinen Herren aus der Wirtschaft erst noch die Erlaubnis erhalten....

Insofern stimme ich zu, dass die beiden Ziele - S21-Stopp und Demokratisierung - gegeneinander stehen können. Dann kann man sich natürlich auch die Frage stellen, ob man alles oder nur einen Teil davon erreichen will.

Mappus aber hat sich bereits gerettet, indem er die Schlichtung zu seiner Sache machte. Daran hätte auch kein weiterer Widerstand etwas geändert. Jetzt hat er es in der Hand, ob er durch einen Stopp seine Wähler zurückgewinnt oder nicht. Insofern hat er es fast allein in der Hand, der Widerstands- und Demokratisierungsbewegung vampirhaft den Lebenssaft auszusaugen.

Die Tatsache, dass er nach dem 30.9. im Amt bleiben konnte war der Punkt, an dem sich die Sache wendete und er das Heft des Handelns wieder in die Hand bekam. Und daran ist nichts mehr zu ändern. Schon gar nicht nach Duisburg. Und nach Özdemirs völlig überflüssiger Entschuldigung.

Wenn Typen an der Macht sind, denen es an Charakter und Verantwortungsbewußtsein fehlt, dann funktionieren Moral und gewaltsloser Widerstand in der Politik nicht mehr. Das ist in dieser Qualität neu und offenbar noch nicht ganz bei den Bürgern angekommen.

Dass das Bündnis in unterschiedlicher Weise auf diese Situation reagiert hat, finde ich nur natürlich. Ich selbst habe kein Problem damit, beide Wege für parallel gangbar zu halten.

Die Grünen sind für mich als wirkliche Alternative seit Hamburg und Saarbrücken ohnehin gestorben. Und anderes darf man in Stuttgart auch nicht von ihnen erwarten. Aber eine Alternative gibt es ohnehin nicht, nur kleinere und größerer Übel. Insofern ist ein Machtwechsel allein schon ein Wert an sich für dieses Land. Das könnte, wenn es insgesamt gut geht, für die Zukunft neue Perspektiven eröffnen. Es sei denn, Mappus ist ein "guter Politiker"......
mcmac schrieb am 20.10.2010 um 19:29
Lieber seriousguy47,

da ich nicht wie Sie offensichtlich dreihändig und auch noch fehlerfrei mit 600 Anschlägen pro Minute tippen kann und mir immer noch ein bisschen die Zeit im Nacken sitzt, mache ich etwas, was mir selber eigentlich gar nicht gefällt: Ich zerpflücke Ihre Entgegnung in einzelne Zitate und gebe schnoddrige Kommentare dazu. Nicht weil ich schnoddrig gut finde, sondern weil es etwas schneller geht. Entschuldigen sie also diese Form. Ich hoffe, Sie lassen sich deshalb nicht davon abhalten, weiter zu diskutieren.

Nun denn:

Mappus aber hat sich bereits gerettet, indem er die Schlichtung zu seiner Sache machte.

Und wie ging das? Genau: er griff den grünen Vorschlag Geißler auf.

Daran hätte auch kein weiterer Widerstand etwas geändert.

Aber wohl hätte er das!

Jetzt hat er es in der Hand, ob er durch einen Stopp seine Wähler zurückgewinnt oder nicht.

Oder sein Nachfolger. -Der Plan, der von Geißler stammen könnte, geht auf.

Die Tatsache, dass er nach dem 30.9. im Amt bleiben konnte war der Punkt, an dem sich die Sache wendete und er das Heft des Handelns wieder in die Hand bekam. Und daran ist nichts mehr zu ändern.

Wohl kaum inzwischen, ja.

Schon gar nicht nach Duisburg. Und nach Özdemirs völlig überflüssiger Entschuldigung.

Und vor allem schon gar nicht, nachdem sich das Aktionsbündnis an diesem Punkt auf Gespräche einließ – darauf wird immer vergessen hinzuweisen. Ist das Vergesslichkeit? Oder schon ein bisschen 'Lügenpack'?

Wenn Typen an der Macht sind, denen es an Charakter und Verantwortungsbewußtsein fehlt, dann funktionieren Moral und gewaltloser Widerstand in der Politik nicht mehr.

Stimmt. Deshalb sind wir ja nicht in die Politik, sondern auf die Straße gegangen. Denn da funktioniert gewaltloser Widerstand in genau solchen Situationen.

Das ist in dieser Qualität neu und offenbar noch nicht ganz bei den Bürgern angekommen.

Ist es, doch, wenn auch größtenteils erst mal lediglich intuitiv und noch nicht als gesicherte Erkenntnis.

Dass das Bündnis in unterschiedlicher Weise auf diese Situation reagiert hat, finde ich nur natürlich.

Ich finde es vor allem typisch deutsch. Oder um es nicht rassistisch-national auszudrücken: etwas dämlich-verzagt, nicht tragisch, eher wie die Parodie auf eine Tragödie, aber weniger kraftvoll, als ein Satyrspiel.

Ich selbst habe kein Problem damit, beide Wege für parallel gangbar zu halten.

Ich habe massive Probleme damit (logisch, sonst gäbe es diesen Blog ja nicht). Außerdem macht es mich traurig. Aber nicht auf herbst-melancholische Art. -Wie ein Fenster, dass aufging, Licht und Luft herein ließ und sich nun langsam wieder schließt. Auf dass es für lange wieder stickig und trüb wird.

Die Grünen sind für mich als wirkliche Alternative seit Hamburg und Saarbrücken ohnehin gestorben. Und anderes darf man in Stuttgart auch nicht von ihnen erwarten. Aber eine Alternative gibt es ohnehin nicht, nur kleinere und größerer Übel. Insofern ist ein Machtwechsel allein schon ein Wert an sich für dieses Land. Das könnte, wenn es insgesamt gut geht, für die Zukunft neue Perspektiven eröffnen. Es sei denn, Mappus ist ein "guter Politiker"......

Ja ja, das sind dann halt so die Perspektiven, die nach so einer Nummer übrig bleiben.

Tut mir leid, aber ich kann nach so einem Un-Ding nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Dass es auch im Aktionsbündnis unterschiedliche Ansichten und Meinungen über das Vorgehen gab und gibt, ist m.E. nicht das Problem. Es ist auch nicht die Ursache für die Spaltung (auch die Gegenseite ist nicht die Ursache). Die näheren Ursache benennen Sie: „Wenn Typen an der Macht sind, denen es an Charakter und Verantwortungsbewußtsein fehlt, dann funktionieren Moral und gewaltsloser Widerstand in der Politik nicht mehr.“ Ich ergänze: Wenn es eine Art des Wirtschaftens gibt, die eine rein kaufmännische Kultur hervorbringt, wird Moral in jeder Hinsicht unbezahlbar. Im Besonderen und etwas auf die Spitze getrieben, dafür deutlich: Die Spaltung ist der Machtgeilheit der Grünen zu verdanken. Da diese bereits bestens im schwäbischen Filz verfilzt sind, wird es nach dem 27. März wohl dasselbe sein mit allem, nur in grün geben. Oder anders: Die „Schlichtungsgespräche“ sind die vorgezogenen schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen, nur dass dieses mal alles wirklich demokratisch legitimiert. Und sogar öffentlich. (Oder: "öffentlichkeitswirsam"?)

Klingt verrückt.
maus

Iss aber so.

l.g.
mcmac

P.S.: Danke für die Wasserbombe weiter unten.
seriousguy47 schrieb am 20.10.2010 um 16:59
Noch ein kleines Bömbchen off topic:

"Nur wenige Bürger haben sich am 21. Januar 2002 vorstellen können, was sich alles hinter der größten Verkaufstransaktion in der Geschichte Stuttgarts verbirgt: Damals verkündete der OB Wolfgang Schuster, dass die Stadt alle ihre Energieaktien an die EnBW abgibt. Betroffen davon war auch die komplette Wasserversorgung. Gesamtumfang des Handels: 2,35 Milliarden Euro. Die Stadt tilgte damit Kredite, bildete Rücklagen und kaufte Grundstücke auf dem Stuttgart-21-Gelände von der Bahn."

www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/2676653

Also einen Zusammenhang habe ich ja von Anfang an auch gesehen, aber so direkt dann doch wieder nicht: Wenn du glaubst, primitiver gehts nicht mehr, kommt irgendwo die CDU daher.....
mcmac schrieb am 20.10.2010 um 21:10
...wird noch ein richtiger Bomben-Toppich, das Ganze...

Zum Thema "Öffentliche Übertragung der Schlichtung":

[...]Auch wenn Journalisten im Sitzungssaal zugelassen sind, können diese keinerlei eigene Aufzeichnungen machen. Eigenes Bild-, Ton- oder Videomaterial wird es daher nicht geben. Die Medien werden gleichgeschaltet und können bundesweit nur einheitliche Bilder veröffentlichen oder senden. Die Berichterstattung ist daher nicht wirklich frei und unterliegt bereits bevor diese begonnen haben einer Zensur. Öffentliche Berichterstattung wäre nur dann frei und öffentlich, wenn keine Selektion der Medien im Vorfeld erfolgen würde. Wie der SWR live berichten kann, obwohl angeblich nur Phoenix ein Signal bietet, ging aus den Informationen für die Presse nicht hervor.[...]

Was die Punkte in den eckigen Klammern noch sagen wollten dazu, steht hier bei buntgrau.
Onkel Wanja schrieb am 21.10.2010 um 20:15
Lieber mcmac, Sie haben schon den Durchblick.....
Als ich von der "Schlichtung" in den Medien gehört hatte, dachte ich auch: Jetzt soll die Bürgerbewegung und der Protest so behandelt werden wie man das in der Obstzucht macht. Ich glaub man nennt es Propfen oder so, man setzt einen Keimling auf eine andere Art -im Weinbau macht man das ja auch- um so der gewünschten Frucht die Kraft und Wiederstandfähigkeit der gepropften Art zu geben und zu verlein.
Den GRÜNEN geht es eben darum: Sie Propfen die Bewegung, laben sich an ihrer Kraft und leiten sie bei den Landtagswahlen in politische Energie um und der Bahnhof wird dann doch kommen, so wie in Hamburg die Elbmarschen gegangen sind und ein Kohlkraftwerk gebaut wurde.

Vielleicht kommt es aber ganz anders und der Protest wird noch zunehmen, weil sich der Schwabe nicht die Butter vom Brot holen läßt?

OBEN BLEIBEN, GRÜNE AN DIE LEINE DER BEWEGUNG!
mcmac schrieb am 22.10.2010 um 05:04
Lieber Onkel Wanja,

erst einmal lediglich: Danke. -Ich bin so unendlich platt, dass ich mich einfach nur freue über Ihre Entgegnung.

Um OBEN zu BLEIBEN, muss ich nun aber trotzdem erst mal ABTAUCHEN.

l.g.
mcmac

P.S.: Bleibe trotzdem oben...
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