11.02.2012 | 15:37

Sägen und Segen

 

Wenn in der kommenden Woche die erste Sthil-Kettensäge kreischend in das vitale Holz der jahrhundertealten Baumriesen im Stuttgarter Schlossgarten fährt, sägt sie gleichwohl und heftig am Stuhl des ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

(Foto: Stuttgarter Schlossgarten, zu fällende Bäume, vor Beginn von S21, etwa 2009)

Das Projekt S21, dem der furchtbare SPD-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Landtag und S21-Lobbyist Claus Schmiedel allen Ernstes öffentlich Gottes Segen erteilte, könnte so auch und zuvorderst zum Fiasko aller Hoffnungen auf einen von Stuttgart ausgehenden Impuls für einen gesellschaftlichen Wandel geraten, welcher mit der Abwahl der CDU und dem Sieg der Grünen bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr Gestalt annahm.

(Video, starring Claus Schmiedel: Das Stuttgart-Problem Teil 1 from fluegel.tv on Vimeo.)

Verantwortlich dafür, dass aus diesen politischen Hoffnungen mit der Rodung des Schlossgartens ebenfalls Kleinholz gemacht wird, ist vor allem der grüne Ministerpräsident selbst. Zug um Zug verfällt er beim Thema S21 den abstrusen Argumentationslinien seines CDU-Vorgängers im Amt, Stefan Mappus.

Er tut dies, indem er die Volksabstimmung vom 27. November 2011 (bei der es lediglich um die PFLICHT zum Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Projekts ging – nicht um das Projekt selbst und schon gar nicht um weitere, triftige und zwingende Gründe, es schleunigst zu beenden) zu einem höheren, ehernen Gesetz stilisiert, dass, folgt man Kretschmanns Intentionen auf Zuckerbergs Gesichtsbuch, direkt aus der Bundeslade zu stammen scheint. - Gott bewahre, noch ein Gotteskrieger, der „die Märkte“ befrieden will!

Der sich mit religiös anmutendem Eifer so als Demokratie-Missionar Gerierende verliert jedoch den Blick für das Weltliche. Und dort kann man unschwer sehen, dass S21 mindestens die Verfassung bricht und die S21-Finanzierungsverträge mutmaßlich durch schweren Betrug nach § 263 zustande kamen. Bekannt war und ist Ministerpräsident Kretschmann all dies schon lange; weit vor der Volksabstimmung. (Dass der 'Mann Gottes' mit gefühlten Papst-, BuPrä- und vielleicht sogar Weihnachtsmann-Ambitionen vor nicht all zu langer Zeit, genau genommen vor der Landtagswahl, auch mal anders konnte, kann man hier und hier sehen. Inzwischen aber ist Er in der Sache zu einem ähnlich faktenresistenten S21-Radikalinski geworden wie seine pechschwarzen Vorgänger; wenngleich auch Er aktuell in giftgrün den Jüngern gewandet Er-scheint.)

Bei so viel Gottesfürchtigkeit haben sich nun auch baden-württembergische Christen und Kirchenvertreter zum wiederholten Male bemüßigt gefühlt, Kretschmann ins säkulare Gewissen zu reden. Sie tun dies in einem Offenen Brief. Darin heißt es u.a.:

[...]Wir brauchen aber – auch auf Bundesebene – keine weitere Partei, die (wie seit langem auch die SPD) in ihrer Politik die Interessen der Bevölkerung den Interessen der Wirtschaft unterordnet. Wir brauchen eine Partei und Politiker – dafür wurden die Grünen gewählt –, die politikfähig sind und nicht zu Handlangern der Wirtschaftslobby verkümmern, sobald die ersten Widerstände auftreten – innerhalb der Koalition oder außerhalb vonseiten der Opposition und der S21-Lobby. Ich appelliere an Sie als Vertreter einer Umwelt- und Bürgerrechtspartei: Riskieren Sie nicht durch Ihre Tatenlosigkeit den guten Ruf der Grünen![...]“

(Martin Poguntke; weitere namentliche Unterstützer dieses Briefs: Eberhard Dietrich, Friedrich Gehring, Michael Harr, Gunther Leibbrand, Guntrun Müller-Ensslin, Wolfgang Schiegg, Martin Schmid-Keimburg, Dorothea Ziesenhenne-Harr)

Dieser Offene Brief, dessen Lektüre dringend zu empfehlen ist, listet noch einmal kurz und bündig alle Ungereimtheiten bis hin zu veritablen Gesetzesbrüchen im Zusammenhang mit S21 auf, so, dass auch Außenstehende leicht begreifen können, worum es derzeit in Stuttgart geht und wieso dies letztlich auch weitreichende und dramatische Auswirkungen auf die ganze Republik haben wird.

(Foto: Parkschützeraktion gestern Morgen am Südflügel, bei der -  lt. Polizei - ein Mensch durch Schüsse aus einer Wasserpistole schwer verletzt wurde...)

  • Stuttgarter Erklärung (openpetiton.de; eine Stellungnahme Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger, die weiter Widerstand gegen das Projekt S21 leisten wollen und um Unterstützung bitten)
 
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Kommentare
Kopfmachen21 schrieb am 19.02.2012 um 14:57
@mcmac : "Dieser Offene Brief, dessen Lektüre dringend zu empfehlen ist, listet noch einmal kurz und bündig alle Ungereimtheiten bis hin zu veritablen Gesetzesbrüchen im Zusammenhang mit S21 auf, so, dass auch Außenstehende leicht begreifen können, worum es derzeit in Stuttgart geht und wieso dies letztlich auch weitreichende und dramatische Auswirkungen auf die ganze Republik haben wird."

Daß Außenstehende leicht begreifen k ö n n t e n ( wenn sie denn wollten ), was hingegen wir Innenstehenden nicht begreifen wollen, daß die große Mehrzahl dieser "Außenstehenden" gar kein Interesse an Fakten und Hintergründen hat, das wäre viel zu mühselig, sich selbst mit den Themen zu befassen. Es muß reichen, die Schlagzeilen zu lesen. Wenn so viele Zeitungen das gleiche schreiben, dann wird' schon so sein. Fertig.
Leider.

@mcmac "Inzwischen aber ist Er [Kretschmann] in der Sache zu einem ähnlich faktenresistenten S21-Radikalinski geworden wie seine pechschwarzen Vorgänger."

Ha no, was dem Windfried Grünkretsch da alles vorgeworfen wird, z.B. er ließe sich von der SPD vorführen, dachte ich zunächst auch und wunderte mich, dabei kann er offensichtlich in seinem rot-grünen Joint-Venture genau das tun, was er immer tun wollte ! Wäre die Volksabstimmung anders verlaufen, o.k. dann hätte er eben die Heldenrolle des volksbestimmten S21-Verhinderers gespielt,. So kann er nun in seinem Labor neue schwarz-grüne Farbmuster zusammenmischen.

Überall in der Werbung verkauft sich ein Produkt über das "Anderssein", egal wie, Hauptsache die Werbung verspricht : "anders als alle andern".
Darauf beruhte jahr(zehnte)lang der Erfolg der Grünen, so zu tun, als wären sie ganz anders als die Etablierten geblieben.
Sie haben dankenswerterweise einiges im Lande in Bewegung gebracht, z.B. letztendlich den Atomausstieg. Schlichen sich in Turnschuhen an die Macht, und lernten stetig dazu. Lernten, wie die Sozialdemokraten zuvor, daß sich zwar weniges verändern ließ, daß aber die lecker gefüllten Fressnäpfchen immer noch dort standen wo sie immer standen, und sich nicht zu ihnen hin bewegten, also mussten die Grünen sich bewegen, um an die Näpfchen zu gelangen. Die Werbetafel mit dem "Anderssein"-Slogan ließen aber stehen.

Auch ein so banales Produkt wie Zigaretten verkauft sich bestens über die Werbebotschaft von "Freiheit und Abenteuer". Es geht nicht um das Produkt selbst, sondern um eine damit verbundene Illusion.
Was ist eine politische Partei heute anderes als ein Produkt, das erfolgreich vermarktet werden soll ?
Also ?

Und Grünfried als Katholik. Kritische Position gegenüber den Kuttenträgern ? Mir nix aufgefallen. Er war wohl in jungen Jahren vorübergehend aus der Kirche ausgetreten. Später wieder hinein. Seit langem Mitglied in mehreren katholischen Kirchenorganisationen. Papstaudienz im Herbst 2010. Demutsvolle Akzeptanz des 2000-jährigen Götzendienstes oder besser : Kritisch-konstruktiver Wegbegleiter der klerikalen Macht ? Kurzfristig mal zu ein paar anderen, roten Götzen hinübergeblinzelt. War wohl doch zu wenig dauerhaft erfolgversprechend, also wieder zurück in die Arme der uralten beständigen Macht.

Bald steht der nächste Personalwechsel in der Leitung der Firma Stuttgart an. Fritz Kuhn als OB-Kandidat ? Meinetwegen. Aber macht schnell, damit ich nicht nochmals so oft die aufgedrehte Miss Betroffenheit oder Özdemir's Augendeckel-Geklimpere ertragen muß, die beide gerne prominent mit geschwoft haben, solange in Stuttgart noch Party war. Diese Bühne hat man gerne genutzt um sich im Scheinwerferlicht zu bräunen. Aber dann, Spots aus, Stars weg. Mehr war nie dahinter.
Nach der grünen S21-Seifenoper kann ich gewisse Selbstdarsteller überhaupt nicht mehr ertragen.
mcmac
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