Matthias Dell

Blog von Matthias Dell

18.11.2011 | 10:00

Winnetou oder "deshalb bin ich in der FDP"

Der Deutschlandfunk hat sich den Spaß gemacht, zu diesem Vorlesetag Politiker nach ihren frühen Lesegewohnheiten und heutigen Vorleseerfahrungen zu fragen. Schon vor eineinhalb Jahren war eine ähnliche Umfrage unter den DLF-Moderatoren nach dem je liebsten Buch sehr instruktiv (Dirk Müller: "Lucky Luke, Band 34, Der Psycho-Doc"). Nun erfährt man unter anderem, dass Hubertus Heil "Prinzessin Lillifee" gewöhnungsbedürftig findet.

Highlight ist aber das "Winnetou"-Bekenntnis von Rainer Brüderle (FDP). Brüderle erklärt, dass er natürlich "für die vermeintlichen Underdogs, weitgehend ausgerottet" war, und seine Sympathien "nicht bei den Militäreinheiten, die die Apachen bekämpft haben" lag.

Da kann man kurz stutzen, ob Karl May wirklich schon so postkolonial geschrieben hat, wie Brüderle ("Bin dann auch öfter bei Fastnacht als Indianer rumgelaufen, für die Silberbüchse hat's nie gelangt, für die braune Gesichtsfarbe ja") ihn hier liest – die Militäreinheiten etwa kommen bei May doch zumeist als Kavallerie im Namen der guten, versöhnlichen Sache zum Einsatz. Und Brüderles Eindruck, die Lektüre habe früh "Liberalismus, Menschenrechte, ähnliches mit einimpfen" geholfen, kann man ebenfalls in Zweifel ziehen – als politische Figur stellt man sich Winnetou am ehesten als parteilosen, christlich basierten Universalhumanisten vor.

Die schönste Stelle ist dem kurzen Statement ist aber die folgende: "Mein Herz war immer bei den Kleineren, deshalb bin ich auch bei der FDP, und bei den Unterdrückten, deshalb bin ich ja auch für Minderheitsrechte." Man traut seinen Ohren nicht; beim ersten Hören klingt Brüderle wie die Satire, die das Kabarett über die FDP erst machen würde. Aber Rainer Brüderle meint das ernst – nach Jahrzehnten in der Politik: dass seine Partei, die FDP, die Partei der Kleineren und Unterdrückten sei. In dieser Selbstbeschreibung steckt das ganze Drama dieser einst stolzen Partei.

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Christoph Heinemann, der DLF-Moderator, hat sich bei der Abmoderation fürs Lachen entschieden.

 

 

 
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Kommentare
Richard der Hayek schrieb am 18.11.2011 um 10:10
Manche sind glatt so blöd, ihre eigenen Lügen selber zu glauben.
Darf so was frei herum laufen ?
Streifzug schrieb am 18.11.2011 um 10:45
Immerhin konnte der gute Mann sich mit Silberbörse und brauner Geschichtsfarbe einen Kindheitstraum erfüllen.
Dirk Bellmann schrieb am 18.11.2011 um 11:16
Oh, welch ein Segen, daß es noch Politiker vom Schlage Brüderle gibt...

Wer sorgt sonst für die "kleinen Holiers", die "unterdrückten Banken" und die "Minderheitsrechte der Superreichen"?

Wessen Herz würde für den "braven Kapitalisten" schlagen, wenn es die FDP nicht mehr gäbe?

Sorry: Natürlich ist die ursprüngliche Bezeichnung "Kapitalist" heute nicht mehr politisch korrekt. Natürlich muß es "Arbeitgeber" heißen - will man doch ein partnerschaftliches Verhältnis zum "Arbeitnehmer" propagieren...
Dirk Bellmann schrieb am 18.11.2011 um 11:17
PS: Natürlich waren die "kleinen Hoteliers" gemeint!
lurch schrieb am 18.11.2011 um 12:02
Die Holiers wären auch als treffende Parodie des Brüderle'schen Silbenschluckens durchgegangen. (Man denke sich ein gerolltes "l", das mit einem davor angedeuteten "d" verschmilzt.)
SchmidtH. schrieb am 18.11.2011 um 12:00
Wenn sich das herumspricht, haben wir endlich eine neue, soziale Volkspartei "NSV".
Ach ja, fest daran glauben muß man auch. Nicht nur Brüderle.
Alien59 schrieb am 18.11.2011 um 14:13
"Da kann man kurz stutzen, ob Karl May wirklich schon so postkolonial geschrieben hat, wie Brüderle ("Bin dann auch öfter bei Fastnacht als Indianer rumgelaufen, für die Silberbüchse hat's nie gelangt, für die braune Gesichtsfarbe ja") ihn hier liest – die Militäreinheiten etwa kommen bei May doch zumeist als Kavallerie im Namen der guten, versöhnlichen Sache zum Einsatz."

In den Bänden zum Wilden Westen mitnichten - da ist die Kavallerie eher der Trottel vom Dienst, wenn nicht Schlimmeres. Anscheinend kennt Brüderle, bei allen sonstigen Schwächen, seinen Karl May doch besser als Sie. Die Rolle der US-Armee sah May durchaus kritisch, insbesondere deren Ignoranz der Urbevölkerung gegenüber.
goedzak schrieb am 18.11.2011 um 14:29
Karl May sah die sanften Rundungen der Präriehügel, den kräftig emporragenden Lauf der Silberbüchse (in seiner Phantasie) und den bröckligen Putz seiner Knastzelle in der Realität.
Alien59 schrieb am 18.11.2011 um 14:32
Also muss jeder Autor, der in der ersten Person Singular schreibt, unbedingt am Orte des Geschehens gewesen sein? Warum dieses May-Bashing?
Matthias Dell schrieb am 18.11.2011 um 15:31
@alien69
goedzak will wohl nicht bashen, sondern spielt auf die arno-schmidt-lektüre in "sitara oder der weg dahin" an. dem würde ich zustimmen, insofern da es um die verkleidung von fantasien am beispiel des wilden westens geht, die, wie bei schmidt, sexuell oder sonst auch eher exotisierend sind. aber nicht so sehr politisch
Matthias Dell schrieb am 18.11.2011 um 15:34
und zu dem ersten kommentar: die rolle der us-armee ist in den verfilmungen vielleicht präsenter als kavallerie der versöhnung, als das in den büchern der fall ist, das stimmt. aber die bösewichte sind doch marodierende westener wie santer in der winnetou-trilogie oder der colonel im silbersee. da mag es ein echo der armee geben, aber vordergründig gehts doch nicht um den mord der armee an den ureinwohnern
Wolfram Heinrich schrieb am 19.11.2011 um 09:04
@Alien59
Also muss jeder Autor, der in der ersten Person Singular schreibt, unbedingt am Orte des Geschehens gewesen sein?

Nein, muß er nicht. Das Besondere an Karl May ist, daß er seinerzeit der Leserschaft gegenüber mit großem Eifer den Eindruck erweckte, er sei nicht nur am Ort des Geschehens gewesen, sondern habe all die geschilderten Abenteuer auch selber erlebt. Als zwei Journalisten 1899 aufdeckten, er sei nie in den USA, nie im Orient gewesen, wehrte sich Karl May sogar gerichtlich gegen die "Verleumdung", obwohl er angesichts der Beweislage natürlich keine Chance hatte. Die Kampagne begann, als Karl May in vorgerücktem Alter tatsächlich durch den Orient reiste, später auch in die USA.
Karl May konnte den Eindruck, er sei ein vielgereister Mann, auch dadurch erwecken, daß seine Beschreibungen ganz ungewöhnlich sorgfältig recherchiert waren. Meine ersten Informationen über die arabischen Ländern, über die Türkei und über den Islam kamen sämtlich von Karl May (ich habe ihn als Kind und Jugendlicher einige Jahre mit großer Begeisterung gelesen), bislang mußte ich diese Informationen nicht korrigieren (abgesehen natürlich von den tatsächlichen Veränderungen, die seither stattgefunden haben).
Er hat immer wieder über die Schlamperei im Orient gespöttelt, der Spott war aber nie bösartig. Er hatte mit seinem Begleiter Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi al Gossarah (den Namen habe ich jetzt ohne nachzuschlagen hingeschrieben) ein ausgesprochen positives Bild vom arabischen Beduinen gezeichnet. Obwohl er selber fast so etwas wie ein christlicher Missionar war, hat er den Islam fair geschildert, genau genommen sogar mit Sympathie.

Warum dieses May-Bashing?

Gute Frage. Die Leidenschaft, mit der heute noch (oder wieder) über ihn gestritten wird, ist einigermaßen erstaunlich. Der Umstand, daß er vor Abfassung seiner Geschichten nie am Schauplatz des Geschehens war, ist heute längst geklärt, was soll es. Daß man ihm seine Zeit im Zuchthaus vorwirft stimmt mich bedenklich, daß man seine angebliche oder tatsächliche Homosexualität wieder ausgräbt und ihm als Vorwurf vorhält, läßt mich allerdings zusammenzucken. So tief sollte man denn doch nicht sinken.
Es sei daran erinnert, daß es Arno Schmidt war, der Mays homosexuelle Phantasien sehr scharfsinnig aus seinen Texten herausanalysiert hat. Es sei aber auch daran erinnert, daß Arno Schmidt, der manische Leser und Schreiber Karl May als Autor sehr geschätzt hat.

Ciao
Wolfram
goedzak schrieb am 18.11.2011 um 14:25
Die Nachbereitung hier reicht zumindest noch zum Grinsen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.11.2011 um 15:18
Vermißt jemand die FDP? Ich jedenfalls nicht!
Nichts gegen Steuererleichterungen!
Dann aber bitte für Arbeiter und Angestellte und alle anderen, die vom "Steuerbauch" betroffen sind.
Aber nicht wie die FPP das gerne hätte, für "Großverdiener", Multimillionäre und Milliardäre.
Magda schrieb am 18.11.2011 um 15:41
"dass seine Partei, die FDP, die Partei der Kleineren und Unterdrückten sei. In dieser Selbstbeschreibung steckt das ganze Drama dieser einst stolzen Partei."

Sind denn die Zahnärzte und Rechtsanwälte eine unterdrückte Minderheit?

Die Zahnärzte - so arme Menschen, dass sie sich von den Resten ernähren müssen, die sie zwischen den Zähnen ihrer...igitt, (na das ist Gottseidank von Volker Pispers.)
Matthias Dell schrieb am 18.11.2011 um 15:53
na, brüderle scheint das ja zu glauben, die offizielle fdp-propaganda, die öffentlich immer so tut, als wäre sie für den mittelstand oder was drunter da, und am ende natürlich eine andere klientel hat. aber erschreckend ist für mich, dass der dann allen ernstes und ungefragt so was sagt
Achtermann schrieb am 18.11.2011 um 16:42
@ Matthias Dell

aber erschreckend ist für mich, dass der dann allen ernstes und ungefragt so was sagt

Brüderle hat schon viele Weinprinzessinnen geküsst. Ernüchternd und berauschend zugleich ist der Aufstieg und Fall - von 15 auf zwei Prozent - seiner Lobbyvereinigung, die sich FDP nennt. Zwei Jahre reichten für diese Fahrt abwärts. Politikern seines Schlages kommt es doch eher darauf an, dass sie was sagen.
d353rt schrieb am 18.11.2011 um 17:08
… realitätsFern, erschreckenD, Peinlich …
langweiler schrieb am 18.11.2011 um 18:19
Brüderle bleib bei deinen Weinen oder wenn ich dass höre muss ich weinen oder kommt mir das Kotzen

www.youtube.com/watch?v=SjL0eHp4DH0&feature=related

mein erstes Buch war ebenfalls von Karl May "Am Rio de la Plata". Die Lektüre von Büchern von Karl May haben mich für das Lesen begeistert. Ab und an lese ich auch etwas von einem anderen Karl. ; )
miauxx schrieb am 19.11.2011 um 00:42
Der Link von langweiler zum Reden Brüderles noch eine gute Ergänzung: Die Situation in und mit der FDP ist wohl nur (noch) besoffen auszuhalten.
weinsztein schrieb am 18.11.2011 um 19:06
Die Vorstellung von Brüderle im Winnetoukostüm und -perücke wird mir den Abend versüßen.
Streifzug, könntest Du vielleicht... ?
kay.kloetzer schrieb am 18.11.2011 um 23:56
das passt sehr gut zu neulich: ich erfinde ein 1a kabarett-programm. und als ich aufwache, war es doch nur ein traum aus tagesschauschnipseln vom FDP-Parteitag.
Tiefendenker schrieb am 22.11.2011 um 12:51
Ich hab als Seminarleiter immer gern Artikel über Brüderle verwendet - weil der war mit seinen Sichtweisen immer für einen Lacher gut... ;o)
Matthias Dell
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