Michael Jäger

Die Andere Gesellschaft

18.02.2012 | 20:26

Wem wird geholfen? Hans-Werner Sinn rechnet vor (Tagebuch der Krise)

 

 

Es ist eigentlich kein "Ereignis", das man berichten oder kommentieren müsste, wenn ein Professor, und sei es Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, einer Zeitung ein Interview gibt. Was der Ökonom am heutigen Samstag auf einer ganzen FAZ-Seite kund und zu wissen gibt, ist aber doch des Aufhebens wert. Schon einmal deshalb, weil er in klaren Worten bestätigt, was bisher nur von Leuten behauptet wurde, die man als linke Spinner abtun konnte. Das barmherzige Rettungsgebaren von Gläubigern Griechenland gegenüber, diese Jesus Christus-Attitüde, zu der, warum nicht, immer auch ein Schuss Warnung vor höllischen Strafen gehörte, beschreibt er mit den Worten: "Sie sagen: Wenn ihr Griechenland nicht rettet, bricht die Welt zusammen. In Wahrheit bricht ihr Vermögensportfolio zusammen, nicht die Welt."

Dass er da nur von "den Gläubigern an der Wall Street, in London und Paris" spricht, als wären nicht auch Deutsche beteiligt, lassen wir mal beiseite. Hans-Werner Sinn ist tatsächlich kein Mann, mit dem man sich als Linker verbünden möchte. Vieles von dem, was er sagt, wird man nicht unterschreiben. So ist es eine Konstante in all seinen Büchern und Interviews, auch diesem hier wieder, dass er es es ganz normal findet oder fände, wenn in einer Volkswirtschaft, damit sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger wird, Löhne stärker gesenkt werden, als es wegen der ärgerlichen Existenz von Gewerkschaften tatsächlich geschieht. Das ist nun mal sein Standpunkt, er ist ein Marktradikaler. Indessen ist das Schauspiel, das derzeit in Europa abläuft, keine Epiphanie von Marktradikalismus. Es ist etwas ganz anderes. Und dazu hat der auf seine Art kundige Mann etwas zu sagen.

Ginge es wirklich darum, Griechenland zu retten, was wäre dann zu tun? Antwort: Das neuerliche Hilfspaket von 130 Milliarden, die dorthin demnächst fließen, ist an sich eine gute Sache. Es rettet im geltenden Konstruktionsrahmen aber allenfalls außergriechische Gläubiger - als "eine weitere Hilfe für die Kapitalanleger, die so noch mal einen Teil ihrer Staatspapiere loswerden" -; nein, man müsste es anders einsetzen. Griechenland müsste aus dem Euroraum austreten. Es könnte dann die wieder eigene Währung abwerten. Damit würden auch die griechischen Bankschulden abgewertet. Die Außenschulden könnten in Drachmenschulden verwandelt werden, wodurch sie auf Kosten der ausländischen Gläubiger reduziert wären. Natürlich hätte der Austritt auch stark negative Auswirkungen für Griechenland. So würde es extrem schwierig, auf dem Kapitalmarkt Kredite zu erträglichen Zinsen zu erhalten. Aber nun gibt es ja das Hilfspaket! 130 Milliarden Euro wären in der Tat eine gute Starthilfe.

Spaß beiseite: Die stärkeren EU-Länder denken gar nicht daran, dem Land etwas zu geben, das den Namen "Hilfspaket" wirklich verdiente. Sie wollen nehmen, nicht geben. Dadurch ruinieren sie das Land, und auch das sagt der Ökonom deutlich: Die "Griechen [...] haben keine Chance, im Euroraum wettbewerbsfähig zu werden. Sie müssten 31 Prozent mit ihren Preisen runter, um auf das türkische Niveau zu kommen." Will sagen, entsprechend stark müssten die griechischen Löhne gedrückt werden. Aber "wenn man Griechenland zumutet, durch ein Sparprogramm die Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, wird das Land zerbrechen." Das sieht der Marktradikale immerhin. In früheren Zeiten wäre in so einer Lage ganz einfach eine Militärdiktatur errichtet worden. In noch früheren Zeiten hätten die Gläubiger Kanonenboote entsenden lassen. Aber das geht heute nicht mehr so leicht. " Da können die Politiker Europas zehn Mal etwas anderes sagen. Bestimmte Dinge sind ökonomisch nicht möglich."

Sinn rechnet vor, welche genau drei Möglichkeiten es gibt: erstens, das unendliche Fortlaufen der Kreditierung, um Griechenlands Leistungsbilanzdefizit von 10 Prozent zu stopfen, das sich aus dem genannten Grund nie verringern, sondern das nur anwachsen kann; zweitens, den Austritt aus der Eurozone mit darauf folgender Währungsabwertung; drittens, "Griechenland wird im Euro entsprechend billiger", um 31 Prozent eben, was in den Außenbeziehungen denselben Effekt wie die Währungsabwertung hätte, inländisch aber "die Gewerkschaften auf die Barrikaden [bringt]".

Das Target-System

So bestätigt also dieser Mann unsere schlimmsten Verdächtigungen. Aber er tut mehr, denn was unsere Befürchtungen angeht, die sind gar nichts gegen das, was  e r  befürchtet. Er macht darauf aufmerksam, welche Folgen es für Deutschland hätte, wenn die Eurozone zusammenbrechen würde: Die Bundesbank würde 500 Milliarden Euro verlieren, mehr als das Dreifache ihres Eigenkapitals. Um dafür aufzukommen, müssten die Steuern entsprechend erhöht werden. Natürlich wird jede Bundesregierung versuchen, das Eintreten dieses Falls zu verhindern. Wenn Griechenland aus der Eurozone austräte, so sagt man sich, wäre ein Dominoeffekt möglich, der zuletzt die Eurozone insgesamt gefährden könnte. Daher wird das nicht gewünscht. Den privaten Gläubigern kann alles egal sein, aber eben deshalb konvergiert ihr Kurs mit dem der Bundesregierung: "Sie hoffen, dass der deutsche Steuerzahler einen größeren Teil der Rechnung übernimmt, wenn die Griechen im Euro bleiben."

Warum würde die Bundesbank 500 Milliarden Euro verlieren? Weil es "das Target-System" gibt. Das ist ein System zur Verrechnung zwischen Euro-Ländern. Es funktioniert so, dass sich die Zahlungsansprüche exportüberschüssiger Länder wie Deutschland nicht mehr direkt an die Länder mit Leistungsbilanzdefizit richten, sondern an die Europäische Zentralbank. Dorthin bringen diese ihre Zahlungen "mit selbstgedrucktem Geld". In den USA gibt es ein ähnliches System des Zahlungsausgleichs zwischen den Staaten, dort aber müssen die Zahlungen am Ende jeden Jahres gegen Wertpapiere mit Sicherheiten umgetauscht werden. In Europa nicht. Bricht nun die Eurozone zusammen, hat die Bundesbank eine Gesamtforderung, ursprünglich und eigentlich an die Länder mit Leistungsbilanzdefizit, in der Höhe eben von einer halben Billion Euro, "gegen ein System, das es nicht mehr gibt". Mit andern Worten, sie müsste alles in den Wind schreiben.

Hans-Werner Sinn hat das schon im Mai vorigen Jahres zum ersten Mal vorgerechnet. Es wäre Zeit gewesen, etwas zu ändern. Die Bundesregierung hätte sich für eine Übernahme des US-Systems in der Eurozone einsetzen können. Aber das hat sie nicht getan. Sie ist  a u s s c h l i e ß l i c h  damit beschäftigt, es den privaten Gläubigern möglichst kommod zu machen - das ist die Welt, in der wir leben.

 

In der Reihe "Tagebuch der Krise" schon erschienen:
Stuttgarter Impressionen (2.11.2010)
Protest ohne Partei (9.11.2010)
Atempause in Deutschland (6.1.2011)
Plan C (19.10.2011)
Wie ist es zur Finanzkrise gekommen? (2.11.2011)
Finanztransaktionssteuer? Ohne Merkel (26.1.2012)

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
abghoul schrieb am 18.02.2012 um 20:55
Ich kann mir vorstellen was für ein Rauhbein der Sinn ist.
Da ist etwas dran das der das gut zu kauen versteht.
Dankeschön, das war sehr interresant.
(*****Sterne mal hier, weil der Bewerter leider kaputt ist)
Streifzug schrieb am 18.02.2012 um 20:57
Lieber Michael Jäger,

sind es wirklich die paar Kröten, um die es geht?

In der Schweiz wurden gefälschte US-Bonds im Wert von 6 Billionen Dollar beschlagnahmt. Nehmen wir doch spaßeshalber einmal an, die wären nicht gefälscht, immerhin handelt es sich um fast 40 Prozent der amerikanischen Staatsverschuldung. Alles nur "Papier".

"...um auf das türkische Niveau zu kommen". Nun, es gibt in Europa noch niedrigeres Niveau. Aber man will wohl nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Denn logischerweise handelt es sich um eine Kettenreaktion, die sich von einem Land zum nächsten frisst und die schon stattfindet.

Die Militärdiktatur-Option ist nie erledigt. Warum spielt sich die Krise momentan verstärkt in den Ländern ab, in denen es lange eine Militärdiktatur gab (Griechenland, Spanien, Portugal), obwohl deren Werte besser waren als die anderer Länder?

Hinter dem Geldnebel formt sich etwas, gegen das eine Agenda 2010 oder ACTA nur Kinderkram ist, so meine Meinung. Diese Meinung basiert auch auf neuen strukturellen Analysen von Historikern bezüglich bestimmter vergangener "Erscheinungen".
Michael Jäger schrieb am 18.02.2012 um 21:18
Klaro. Es geht um noch mehr. Über die Gesamtsumme der in Deutschland angekommenen vergifteten Papiere wäre auch mal zu schreiben. Aber auch das hier schon sind keine "paar Kröten". Spätestens wenn wir Steuerzahler das begleichen sollen, wird man es sehen.

Was haben die Historiker analysiert? Du sprichst manchmal so in Andeutungen, das finde ich nicht gut.
Streifzug schrieb am 18.02.2012 um 21:35
Ob vergiftete Papiere oder Steuern, das ist Geldnebel, Angstmache. Das, was nicht auf Steuerzahler, sondern (möglicherweise) auf freie Bürger zukommt, das ist in meinen Augen dramatisch.

Hoppla, schon wieder, du hast recht, ich werde solche Andeutungen in Zukunft einfach weglassen.
Michael Jäger schrieb am 18.02.2012 um 23:22
Na gut, jetzt verstehe ich, was du meinst. Die Geldschulden sind Nebel, willst du sagen. ob nun eine halbe Billion oder hundert Billionen. Dahinter das wirklich Schlimme, die sich anbahnenden Diktaturen. Naja, aber darüber sprechen heißt ja wohl über den möglichen Zusammenhang von beidem sprechen.

Was soll das denn heißen, entweder Andeutungen oder gar nichts? Was ist denn in dich gefahren?
Streifzug schrieb am 19.02.2012 um 00:00
"...die sich anbahnenden Diktaturen."

Wenn es so einfach wäre, dann würde ich es auch schreiben. Lieber Michael Jäger, es sind viele Puzzleteile, die liegen nicht einfach in der Gegend rum, die wollen erst mal aufgespürt werden, das kann dauern, ich schiebe sie hin und her, es zeichnen sich Zusammenhänge ab...

Nenn es doch statt "Andeutungen" einfach mal "Arbeitshypothesen". Wenn ich merke: da ist was, daran wird angeknüpft, dann mache ich immer gerne weiter. Wenn nicht, dann nicht. So handhabe ich das. Auch hier, seit drei Jahren. Ich werde es nicht ändern.
Michael Jäger schrieb am 19.02.2012 um 13:31
Lieber Streifzug, das ist ja gut, wie du das machst. Ich hatte nicht sagen wollen, daß du deine Arbeitshypothese gleich schon hättest ausgeführt haben müssen, sondern daß ich sie ganz einfach nicht verstanden hatte. Wenn du von Analysen "bezüglich bestimmter Erscheinungen" sprichst, habe ich keine Chance zu wissen, w o v o n du sprichst. Nur darum ging es mir. Einen schönen Restsonntag noch, falls du dieses liest!
DandelionWine schrieb am 19.02.2012 um 14:42
@Streifzug schrieb am 19.02.2012 um 00:00

Willst Du ein von mir aufgespürtes Puzzleteil? Gerade in Bezug auf sich anbahnende Diktaturen? Soll ich darüber ein Schmetterlings-Artikel ;) :) schreiben? Dafür hätte ich gleich ein Konzept und sogar ein Überschrift... ;) wird aber wieder mal in keine allgemein gültige Konzepte und schon in gar keine Parteiprogrammen und politische Parolen reinpassen!

Ich würde das aber nur unter einer Bedingung machen, und zwar, dass Du mit Deinen Puzzleteilen auch rausrückst. Im Kommentarstrang. Wir wechseln die Ideen.
Streifzug schrieb am 16.03.2012 um 06:17
"Hinter dem Geldnebel formt sich etwas, gegen das eine Agenda 2010 oder ACTA nur Kinderkram ist, so meine Meinung. Diese Meinung basiert auch auf neuen strukturellen Analysen von Historikern bezüglich bestimmter vergangener "Erscheinungen"."
Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung: Demokratie statt Fiskalpakt – Aufruf für einen grundsätzlichen Politikwechsel in der Eurokrise

Allerdings fehlt noch ein bestimmter historischer Bezug...
cuchulainn schrieb am 18.02.2012 um 22:31
ich hab da eine frage, michael: sie schreiben: "Spaß beiseite" - ezieht sich dieser "spass", der beiseite gelassen werden soll, nun auf das hilfspaket, auf die erschwerten kreditaufnahmebedingungen im falle eines euro-austritts oder auf den euro-austritt selber?
Michael Jäger schrieb am 18.02.2012 um 23:26
Der "Spaß" ist die Annahme, die EU könnte Griechenland wirklich helfen wollen in dem Sinn, daß es dem Land im Fall eines Euro-Austritts eine Starthilfe in Höhe von 130 Milliarden Euro mit auf den Weg geben würde.
Michael Jäger schrieb am 18.02.2012 um 23:27
... daß s i e dem Land ...
cuchulainn schrieb am 19.02.2012 um 00:02
ah okay, danke.

ich fragte deshalb, weil mir in letzter zeit viel zu viele leute vom euro-austritt griechenlands so reden, als sei dieser austritt mal eben so und im vorübergehen zu bewerkstelligen. ist er nicht - aus übrigens vorwiegend "technischen" gründen.

ich finde es übrigens gut, dass sie sich des interviews mit hans-werner sinn angenommen haben, ohne in diese leider üblich gewordene "das ist doch ein neoliberaler, mit dem befassen wir uns doch gar nicht!"-attitüde zu verfallen, mit der sich viele linke gewaltig viel denkarbeit ersparen und damit in meinen augen sogar noch unter das niveau der bürgerlichen ökonomiekritik hinabsinken. - der mann ist einer der wenigen, die man ernst nehmen kann, es aber auch sollte; ein urteil, das ich als ehrenbezeigung verstehe.
petz schrieb am 18.02.2012 um 22:45
Vielen Dank für diesen höchst interessanten Artikel!

Für mich als Laien (bzw. Volltrottel, was ökonomische Belange angeht) war allerdings rätselhaft, wie das möglich ist: Dorthin bringen diese (die Länder mit Leistungsbilanzdefizit) ihre Zahlungen "mit selbstgedrucktem Geld"

Innerhalb der EU können also Staaten über ihre Geldmenge selbst entscheiden? Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Bei https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Werner_Sinn fand ich dann dieses (und ich zitiere es hier mal, weil andere Leser vielleicht ähnlich verwundert sind):

Sinn versteht die genannten Krisen (auch Euro-Krise genannt) als klassische Zahlungsbilanzkrise, die durch exzessive Leistungsbilanzdefizite entstanden ist. Als sich das private Kapital in der Krise aus den Ländern Griechenland, Irland, Portugal und Spanien zurückgezogen habe, habe die EZB den Notenbanken dieser Länder erlaubt, die entstehenden Zahlungsbilanzdefizite zu Lasten der Deutsche Bundesbank durch das Drucken und Verleihen neuen Geldes zu schließen. In den Jahren 2008, 2009 und 2010 seien auf diese Weise über 300 Milliarden an Krediten von der Bundesbank an die Notenbanken dieser Länder geflossen. Diese Kredite werden als Target-Salden in den Bilanzen der Notenbanken verbucht. Sinn sieht darin einen Rettungsschirm vor dem Rettungsschirm, der an den Parlamenten vorbei - also ohne deren Kenntnis und Zustimmung - aufgespannt wurde.

Also wird, wenn ich es recht verstehe, die Erlaubnis zur Erhöhung der Geldmenge von der EZB an einzelne Staaten gegebenenfalls gesondert vergeben. Stimmt das so? Und das funktioniert innerhalb einer gemeinsamen Währung? Ist das möglicherweise ein System zum Ausgleich (bzw. zur Retusche) von Leistungsbilanzdifferenzen innerhalb der EU? Das würde dann ja - solange es funktioniert - wiederum dem Exportgiganten Deutschland besonders zugute kommen.

Falls dazu jemand noch etwas Sachkunde zusätzlich einbringen könnte, wäre das für mich und möglicherweise einige weitere Leser sehr interessant.

Besten Dank schon mal!

petz
Michael Jäger schrieb am 19.02.2012 um 13:24
Ihre Fragen sind wohl alle mit Ja zu beantworten. Über Ihre Schlußfolgerung wäre weiter nachzudenken. Warum kommt es dem Exportgiganten Deutschland zugute? Sie meinen, weil der Export auch dann verkauft wird, weil die importierenden Käufer es gar nicht wirklich bezahlen können? Aber irgendwann muß eben doch bezahlt werden.

Eine gute Darstellung des Target-Systems findet man in der Wirtschaftswoche: www.wiwo.de/politik/europa/schuldenkrise-das-target-2-system/6145078-4.html. Dies ist die letzte von vier Seiten; wenn man sie gelesen hat, sollte man das Ganze lesen von der ersten Seite an.
Michael Jäger schrieb am 19.02.2012 um 13:33
... auch dann verkauft wird, wenn ...
cuchulainn schrieb am 19.02.2012 um 16:45
"Ihre Fragen sind wohl alle mit Ja zu beantworten."

nein, verehrter michael, sind sie nicht. die antwort hierauf: "Innerhalb der EU können also Staaten über ihre Geldmenge selbst entscheiden?" lautet zum beispiel: nein.

warum?

weil die TARGET2-salden, mal verkürzt gesagt, forderungen der nationalen zentralbanken untereinander sind, die über die EZB abgewickelt werden und den NETTOZUFLUSS an gütern ausweisen.

hier gibt es durchaus "geldschöpfung" - die PIIGS-staaten beispielsweise "schöpfen" über ihre target2-salden das geld, das sie brauchen, um deutsche güter/dienstleistungen zu importieren. nur findet diese geldschöpfung nicht autonom durch die jeweiligen staaten statt, sondern "verdeckt", indem die bezahlung zb des imports deutscher güter/dienstleistungn dadurch vonstatten geht, dass die importeure bei der bundesbank "anschreiben" lassen. dafür erhält die bundesbank anschliessend eine nettoforderung gegen die jeweilige nationale zentralbank des importlandes.

das heisst also, wiederum kurz gesagt: die PIIGS finanzieren sich mittlerweile nicht mal mehr so sehr über die kapitalmärkte, sondern über das TARGET2-system, vulgo über die deutsche bundesbank, die mit de facto uneinbringlichen forderungen die zahlungsbilanzen der anderen eurostaaten (und dami auch die deutschen exporte) finanziert.

und jetzt kann man sich mal ausrechnen, woher die innige liebe der deutschen regierung für fiskalpakt, ESM und "hilfspakete" kommt.
Michael Jäger schrieb am 19.02.2012 um 22:47
cuchulainn, Sie haben recht, es liegt daran, daß ich die oberste Frage jetzt beim Beantworten übersehen hatte, ich hatte nur noch auf den vorletzten Absatz, den Frage-Absatz geschaut. Im Ganzen aber kann man petz wohl so interpretieren, daß er sagen will, insofern als die EZB die Erlaubnis zur Erhöhung der Geldmenge vergibt, können Staaten im Rahmen dieser Erlaubnis sich für die Erhöhung entscheiden. So heißt es in dem verlinkten Artikel der Wirtschaftswoche: "Weil die italienischen Banken nicht mehr genug Wertpapiere besaßen, die sie als Sicherheiten für die Geldleihe bei der EZB einreichen konnten, gaben sie kurzerhand eigene Anleihen aus, die die Regierung Monti mit einer staatlichen Garantie ausstattete. So erfüllten die Papier die Voraussetzung, um als Pfand bei der EZB eingereicht zu werden. Insgesamt hinterlegten die italienischen Banken staatlich garantierte Anleihen von 40 Milliarden Euro für die dreijährige Geldleihe bei der EZB." Das meint H.-W. Sinn, wenn er sagt, gewisse Staaten brächten ihre Zahlungen "mit selbstgedrucktem Geld" zur EZB.
petz schrieb am 20.02.2012 um 02:54
ok, da habe ich mal wieder ein paar Dinge verstanden, die mir bislang recht rätselhaft waren.

Besten Dank!

(Und was fange ich mündiger Bürger nun mit den gewonnenen Erkenntnissen an? Na, ich halt´s mit Kleist: Hilft es nichts, so schadet es nichts.)
gerhard monsees schrieb am 19.02.2012 um 14:43
Eine gute (Wirtschafts-) Theorie besteht aus Aussagen, die einen logischen und empirisch überprüfbaren Zusammenhang bilden.

Schlechte Theorien sind das Gegenteil davon, reißen Dinge aus dem Zusammenhang, und meinen, sie müssten schon deshalb richtig sein, weil der Fetzen, den sie gerade aufgrund eigener Weltanschauung als besonders wichtig befinden, bei einem Professor Sinn, der ansonsten als Feindbild dieser Art von Weltanschauung genommen wird, überraschender Weise ebenfalls vorzufinden sei.

So können sich schlechte Theorien immer nur selbst bestätigen.
gerhard monsees schrieb am 19.02.2012 um 14:44
Eine gute (Wirtschafts-) Theorie besteht aus Aussagen, die einen logischen und empirisch überprüfbaren Zusammenhang bilden.

Schlechte Theorien sind das Gegenteil davon, reißen Dinge aus dem Zusammenhang, und meinen, sie müssten schon deshalb richtig sein, weil der Fetzen, den sie gerade aufgrund eigener Weltanschauung als besonders wichtig befinden, bei einem Professor Sinn, der ansonsten als Feindbild dieser Art von Weltanschauung genommen wird, überraschender Weise ebenfalls vorzufinden sei.

So können sich schlechte Theorien immer nur selbst bestätigen.
Michael Jäger
Autor
Mitglied seit:
3 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
26.05.2012
Status:
Redakteur
Aktivität:
Beiträge: 295
Kommentare: 972
Logbuch
00:35
mcmac hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:30
mcmac hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:27
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:24
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:21
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG