oxnzeam

Verschnipseltes

22.10.2011 | 10:24

Verringert sich durch kulturelle Evolution die Gewalt?

Der Evolutionsbiologe Steven Pinker glaubt, dass die Menschheit dazulernt und Gewalt als Option für Konfliktlösungen eine immer geringere Rolle spielt

Möchte man angesichts der jüngeren Geschichte der Menschheit mit ihren Weltkriegen, Tyrannenherrschaften, Völkermorden und Terrorakten wirklich an die (schöne) These glauben, die Gewalttätigkeit unter humanoiden Artgenossen sei im Lauf der kulturellen Evolution zurückgegangen? Dafür versucht der Evolutionsbiologe Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University und regelmäßiger Autor der "New York Times", in seinem neuen Buch "Gewalt - Eine neue Geschichte der Menscheit" (S. Fischer Verlag) Belege zu liefern. Auf über 1200 Seiten skizziert er eine Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklung der Gewalttätigkeit von der Urzeit bis zur Gegenwart in all ihren individuellen und kollektiven Formen. In vielen anschaulichen Graphiken verarbeitet er eine Fülle von wissenschaftlichen Belegen mit darauf aufbauenden Vermutungen zu einem Gesamteindruck statistisch stetig abnehmender Gewalt, jeweils bezogen auf die Anzahl gewaltsamer Todesfälle pro einhunderttausend Menschen der jeweiligen Epochen und Regionen.

steven pinker - gewaltDen Hauptgrund dafür sieht Pinker in der steten Zunahme des Handels als Überlebenssicherung und damit einhergehend in der zunehmenden Gewaltkontrolle durch gesellschaftliche Institutionen und Staatsapperate. Mit der Aufklärung und der Verbreitung humanistischen Gedankenguts seien schließlich auch ethisch-intellektuelle Begründungen für ein friedliches Zusammenleben hinzugekommen.

Die extremen Gewaltausbrüche des 20. Jahrhunderts hält Pinker nur für eine Art letztes Aufflackern in einem sich insgesamt beschleunigenden Rückgang von Krieg und Gewalt, fügt aber hinzu: "Es ist keineswegs meine Absicht, die Verbrechen von Hitler, Stalin und Mao zu relativieren. Aber man muss bedenken: Die Weltbevölkerung ist seit dem Mittelalter massiv gewachsen. Wären die Kriege des 20. Jahrhunderts ähnlich blutig gewesen wie die Konflikte zwischen Stammesgesellschaften im präkolonialen Afrika und Lateinamerika, hätten ihnen nicht 100 Millionen, sondern rund 2 Milliarden Menschen zum Opfer fallen müssen." (siehe ff. Interview)

Steven Pinker, der in vielen Medien und unter Kollegen als wichtigster "public intellectual" Amerikas gehandelt wird, ist kein positivistischer Spekulant, sondern Naturwissenschaftler, und als solcher sieht er seine Arbeit (mit einer Portion Eigenskepsis gegenüber statistischen Auswertungen) weniger als Beweis für die Zwangsläufigkeit eines geschichtlich-teleologischen Prozesses, sondern mehr als Anstoß für künftiges politisch-moralisches Handeln, das die aufgezeigten friedensfördernden Mechanismen stärker in die Entscheidungsoptionen einbezieht, wobei Europa bereits eine Führungsrolle eingenommen habe.

Schon auf der TED-Conference von 2007 stellte Pinker seine Thesen vor und veranschaulichte sie mit vielen Graphiken (das Video ist deutsch untertitelt):

 
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Kommentare
Ullrich Läntzsch schrieb am 23.10.2011 um 15:04
Lieber oxnzeam,

Dank für den Blog.

Steven Pinker hat absolut recht.

Allerbeste
Ullrich Läntzsch
Wolfram Heinrich schrieb am 23.10.2011 um 15:40
@Ullrich Läntzsch
Steven Pinker hat absolut recht.

Wenn er nur nicht ausschauen würde wie der Bruder von Thomas Gottschalk.

Ciao
Wolfram
Ullrich Läntzsch schrieb am 23.10.2011 um 18:03
In der Tat ein gravierendes Handicap.
Kathrin Zinkant schrieb am 24.10.2011 um 11:46
Ob er recht hat, oder nicht.... auf jeden Fall hätten wir uns gefreut, wenn die Freitag(!)- Community auch auf das im Freitag erschienene Gespräch mit Pinker zu seinem Buch verwiesen hätte.

wie immer herzlich:
die frau zinkant
oxnzeam schrieb am 24.10.2011 um 12:06
Liebe Kathrin Zinkant,
selbstverständlich hätte ich das im Freitag erschienene Gespräch mit Pinker gleich im Blog dazugepackt, wäre es mir denn beim Schreiben schon bekannt gewesen. Gern auch noch nachträglich auf entsprechenden Hinweis aus der Redaktion, aber durch ihre kommentierende Verlinkung (Danke!) hat sich das ja erübrigt.
eykiway schrieb am 23.10.2011 um 16:23
Es waren die Bilder, die Festgehaltenen Fotos das ein immer wieder und wieder anschauen Möglich machte.
Ein Hören sagen hatte nie den Friedens Einfluss wie Fotos und Filme der Grausamkeiten die Menschen durch Menschen erfahren mussten.
Sowas prägte einen zumal Sieger sich mit der Nachwelt auseinander setzen bzw Verantwortung übernehmen mussten siehe auch Folter im Irak. Ohne Fotos der Gequälten hätte es jeder erahnt aber nicht gewusst und die Verursacher wären nie zu verantwortung gezogen worden.
Jeder Soldat weiss nun das immer und jeder Zeit Handy Fotos gemacht werden er sein tun Dokumentiert bekommt das Zivilisiert zwar nur etwas aber besser wie Früher wo die Tat undokumentiert und ungeahnt blieb.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.10.2011 um 17:16
@eykiway
Jeder Soldat weiss nun das immer und jeder Zeit Handy Fotos gemacht werden er sein tun Dokumentiert bekommt das Zivilisiert zwar nur etwas aber besser wie Früher wo die Tat undokumentiert und ungeahnt blieb.

Da wäre ich aber vorsichtig. Früher hat man Hinrichtungen mit erlesenen Grausamkeiten auf dem Marktplatz vorgenommen, wurden Leute nur wenig außerhalb der Stadtmauern gehängt, so ließ man sie dort zum allgemeinen Spektakel hängen, bis die Raben ihr Werk vollendet hatten.

E. T. A. Hoffmann wurde 1813 Augenzeuge der Schlacht bei Dresden, die in unmittelbarer Nähe der Stadt stattfand. Er berichtet unter anderem:

24. Die Unruhe steigt; Kanonen, Pulverwagen werden im Galopp zu den Toren hinausgeführt - immerwährendes Schießen; das Schwarze Tor war offen, und ich eilte nach dem Linckischen Bade, wo man die französischen und feindlichen Batterien von Pirna ganz deutlich arbeiten sehen konnte.
(...)
25. VM. alles ganz still und ruhig. NM. hörte man sehr nahe tiraillieren; ich ging mit dem Schauspieler Keller zum Pirnaer Schlage heraus, der geöffnet war, und so weit, daß die Linie der französischen Tirailleurs nur 50 Schritt vor uns stand. 300 Schritt weiter ritten einzelne Kosaken ganz ruhig hin und her und nahmen gar keine Notiz von dem Plänkern der Franzosen. Ich sah, wie einer abstieg und den Gurt des Pferdes fester schnallte. Plötzlich brachen russische Tirailleurs aus einem Gebüsch hervor, und nun wurde das Plänkern hitziger und hitziger - viele Franzosen fielen tot und andere kamen blutig und schreiend zurück. Französische Bataillone formierten sich, und es wurde eine Batterie von vier Kanonen aufgestellt; noch ehe diese anfing zu spielen, kamen aber schon feindliche Kugeln von einer Batterie, die ich nicht bemerkt hatte, und nun sah ich auch, wie eine schwarze Linie sich von den Bergen herab bewegte. Da die Kugeln bis dicht vor den Schlag niederfielen, hielten wir es für ratsam, mit vieler Schnelligkeit durch das Wilsdruffer Tor zu Hause zu eilen.
(...)
26. Frühmorgens 7 Uhr wurde ich durch den Donner der Kanonen geweckt; ich eilte sogleich auf den Boden des Nebenhauses und sah, wie die Franzosen in geringer Entfernung vor den Schanzen mehrere Batterien aufgestellt hatten, die mit feindlichen Batterien, welche am Fuße der Berge standen, auf das heftigste engagiert waren. Mit Hülfe eines sehr guten Glases konnte ich deutlich bemerken, daß sehr starke russische und österreichische Kolonnen (an der weißen Uniform sehr kenntlich) sich von den Bergen herab bewegten. Eine Batterie nach der andern rückte näher, die Franzosen retirierten bis in die Schanzen, und nun wurde sogar von den Stadtwällen aus grobem Geschütz gefeuert; der Kanonendonner wurde so heftig, daß die Erde bebte und die Fenster zitterten.
(...)
Eben wollte ich in meine Haustüre treten, als zischend und prasselnd über meinen Kopf eine Granate wegfuhr und nur 15 Schritt weiter, vor der Wohnung des Generals Gouvion Saint-Cyr, zwischen vier gefüllten Pulverwagen, die eben zur Abfahrt bereitstanden, niederfiel und sprang, so daß die Pferde, sich bäumend, Reißaus nahmen. - Wenigstens dreißig Personen standen daneben auf der Gasse, und außer dem, daß die Pulverwagen verschont blieben, deren Explosion das ganze Stadtviertel vernichtet hätte, wurde kein Mensch, kein Pferd beschädigt; es ist unbegreiflich, wo die Stücke der Granate geblieben sind, da in unserm Hause nur ein ganz unbeträchtliches gefunden wurde, welches die Fensterladen des untern Stocks zerschlagen und in ein unbewohntes Zimmer gefallen war. Wenige Minuten darauf kam eine zweite Granate und riß ein Stück vom Dache des gegenüberstehenden Cagiorgischen Hauses weg und drückte drei Fenster der Mezzane zusammen, daß das Holzwerk und die Ziegelsteine prasselnd auf die Gasse stürzten - bald darauf fiel eine dritte in der Nebengasse in ein Haus, und es wurde mir klar, daß eine Batterie gerade auf unser Stadtviertel spielte.
(...)
Nicht einmal ein Tropfen Wein oder Rum zur Herzstärkung - ein verdammter, ängstlicher Aufenthalt - ich schlich leise zur Hintertüre heraus und durch Hintergäßchen zum Schauspieler Keller, der auf dem Neumarkt wohnt - wir sahen ganz gemütlich mit einem Glase Wein in der Hand zum Fenster heraus, als eine Granate mitten auf dem Markte niederfiel und platzte, in demselben Augenblick fiel ein westfälischer Soldat, der eben Wasser pumpen wollte, mit zerschmettertem Kopfe tot nieder - und ziemlich weit davon ein anständig gekleideter Bürger. - Dieser schien sich aufraffen zu wollen - aber der Leib war ihm aufgerissen, die Gedärme hingen heraus, er fiel tot nieder.
(...)
Noch drei Menschen wurden an der Frauenkirche von derselben Granate hart verwundet. Der Schauspieler Keller ließ sein Glas fallen - ich trank das meinige aus und rief: "Was ist das Leben! Nicht das bißchen glühend Eisen ertragen zu können, schwach ist die menschliche Natur!" - Gott erhalte mir die Ruhe und den Mut in Lebensgefahr, so übersteht sich alles besser! - Es gelang mir, den Kaufmann Schmidt aus seinem verschlossenen Gemach hervorzutreiben; der belud mich mit Wein und Rum für mich und meine Hausgenossen. Ich trat wieder ein wie eine Erscheinung des Trostes und der Beruhigung. Eine der Frauen (Mad. Stein), die gerade im obersten Stock wohnte, hatte den Mut gehabt, allerlei nützliche Lebensmittel herabzubringen. Das war alles bonum commune, und uns allen, die wir keinen Mittag gegessen, schmeckte es im Biwak auf der Treppe herrlich; das Kelchglas ging fleißig herum, und unter dem Donner der Kanonen, unter dem Prasseln der Granaten ging uns allen ein fröhlicher guter Humor auf, der immer der Nachklang einer durch Gefahr exaltierten Stimmung ist.
(...)
Das Kammermädchen der Gräfin Breza trat vor die Haustüre, vor welcher der Wagen stand, der die Gräfin in Sicherheit in ein anderes Stadtviertel bringen sollte; in ebendemselben Augenblicke wurde sie aber von einer Granate im strengsten Sinn des Wortes zerrissen. Einer Hebamme auf der Pirnaer Vorstadt wurde, als sie zum Fenster hinausschaute, der Kopf weggerissen; ebenso verlor ein Handlungskommis, der im Comptoir saß, den Arm. Noch mehrere Bürger sind teils verwundet, teils getötet.
(...)
29. Heute ging ich vor den Mosczynskischen Garten und sah zum erstenmal in meinem Leben ein Schlachtfeld. Erst heute hatte man angefangen aufzuräumen, und zwar wurden, wie ich bemerkte, zuerst die gebliebenen Franzosen nackt ausgezogen und in große Gruben zu 20, 30 verscharrt. Hier hatten die russischen Jäger unter dem wütenden Feuer der französischen Kanonen gestürmt, das Feld war daher überdeckt mit Russen, zum Teil auf die schrecklichste Weise verstümmelt und zerrissen. - So z. B. sah ich einen, dem gerade die Hälfte des Kopfes weggerissen, ein scheußlicher Anblick - Pferde - Menschen - daneben Gewehre - Säbel - gesprengte Pulverwagen - Tschakos - Patronentaschen -, alles in wilder Unordnung durcheinander geworfen -. Auf manchem unverstümmelten Gesicht sah man noch die Wut, den Grimm des Kampfs - einer hatte gerade in die Patronentasche gegriffen, um frisch zu laden. und so hatte ihn der Tod getroffen. - Ein russischer Offizier, ein herrlicher, schöner Jüngling (höchstens 23 Jahr) hielt noch den Säbel über dem Kopf geschwungen in der rechten Hand und war so zum Tode erstarrt. - Eine Kanonenkugel hatte ihn gerade auf der Brust am linken Arm getroffen, diesen weggerissen und die Brust zerschmettert - sein Tod war leicht! - Mir schien es, als bewege sich etwas im Grase in geringer Entfernung; ich teilte es meinem Begleiter, dem Advokaten Cunradi, mit, wir gingen darauf zu, und siehe da, ein Russe, dem beide Füße auf das jämmerlichste zerschossen waren, so daß alles von geronnenem Blute klebte, saß ganz gemütlich aufrecht und zehrte von einem Stück Kommißbrot. So lag der Mensch seit dem 26. August nachmittags und war der starken Verwundung ungeachtet frisch und munter. Er zeigte uns seine leere Feldflasche, und Cunradi eilte, sie mit Wasser zu füllen,...


Dagegen sind doch die Videoschnipsel im Internet nix.

Ciao
Wolfram
eykiway schrieb am 23.10.2011 um 19:05
Ein Bild ein Film sagt mehr als Tausend worte.
Der Gehängte auf dem Marktplatz diente zur abschreckung des Volkes sehet her ,"schön die Fresse halten und unten bleiben sonst hängen wir euch hoch am Galgen auf,auf das euch die Raben zerhacken."
Wolfram Heinrich schrieb am 23.10.2011 um 20:44
@eykiway
Der Gehängte auf dem Marktplatz diente zur abschreckung des Volkes sehet her ,"schön die Fresse halten und unten bleiben sonst hängen wir euch hoch am Galgen auf,auf das euch die Raben zerhacken."

Ach was, Abschreckung. Als im Elisabethanischen England Taschendiebe gehängt wurden und viel Volk zusammenkam, war dies ein Fest für die Taschendiebe. Und: Die Leute sind doch nicht zur Abschreckung befohlen worden, sie kamen gerne, sich das Spektakel anzuschauen.

Ciao
Wolfram
eykiway schrieb am 23.10.2011 um 22:06
Hey Wolfram wie ist deine Frau so im Bett och die einen sagen so die anderen so.
grins spass beiseite wir waren beide nicht dabei
denke einigen wir uns 50zig 50zig 50 waren sadisten die geil waren und 50zig die Angst bekammen
Wolfram Heinrich schrieb am 24.10.2011 um 03:12
@eykiway
denke einigen wir uns 50zig 50zig 50 waren sadisten die geil waren und 50zig die Angst bekammen

Wenn ich von den Hinrichtungen eingeschüchtert bin, dann nehme ich die Tatsache der Hinrichtungen zur Kenntnis und zittere, aber ich stelle mich doch nicht auf den Marktplatz und schau mir das Spektakel an. Das mache ich doch nur, wenn dergleichen Schauspiel mein Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigt.

Ciao
Wolfram
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Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Dreizehn hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

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