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In der Debatte über ein Bedingungsloses Grundeinkommen gibt es viele Hoffnungen, manches Unwissen, große Vorurteile. Allein die schiere Zahl der Konzepte, die sich zum größten Teil solidarisch nennen, dies aber zu einem ebenso großen Teil keineswegs sind, macht es schwer, über das Grundeinkommen zu sprechen. Das Reden findet zudem auf ganz unterschiedlichen Ebenen statt: Es gibt Netzwerke von Experten, die aus dem Stegreif Modelle der Finanzierung vorrechnen können; es gibt Künstler, denen die lebensweltliche Botschaft der Idee attraktiv erscheint; es gib Parteien, in denen das Grundeinkommen zur Folie sozialpolitischer Konflikte geworden ist. Und es gibt Menschen, die sich von einem „Bürgergeld“ nichts weiter versprechen als die Verbesserung ihres unmittelbaren materiellen Daseins.
(die Anhörung zum Anschauen)
Das ist der Hintergrund, vor dem am Montag im Bundestag die öffentlichen Anhörung der Grundeinkommens-Petition von Susanne Wiest über eine vergleichsweise große Bühne ging: Die Zahl der Interessierten war so groß, dass für den Tagesordnungspunkt des Ausschusses der Anhörungssaal 3.101 bei weitem nicht genügend Platz bot – der Termin wurde gleich in mehrere Nebenräume übertragen und im Internet sowieso. Dass es sich, wie immer man zum Grundeinkommen steht, um eine besondere Veranstaltung handelt, ließ schon ein Publikum erahnen, das sonst eher selten auf den parlamentarischen Fluren anzutreffen ist. Ja, es wurde sogar geklatscht und am Ende sogar gesungen, was das offiziöse Selbstverständnis demokratischer Bürokratie auf eine Weise durchbrach, die man in gutem Sinne irritierend nennen kann.
Eine Fachdiskussion auf der Höhe der wissenschaftlichen Debatte über das Bedingungslose Grundeinkommen wurde im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus nicht geboten. Mancher hat das enttäuscht zur Kenntnis genommen, man hätte es aber auch nicht erwarten dürfen. Die Petition war zehn Wörter lang, sie begehrte, „das bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen“. In der Begründung wird sich nur vage über ein Modell geäußert. Was die Wahl-Greifswalderin Susanne Wiest und ihre 52.973 Unterstützer allerdings geschafft haben: Eine Debatte in die parlamentarische Öffentlichkeit zu holen. Und einen Punkt kenntlich zu machen, um den es über alle Gegen-argumente und Fürsprachen hinweg geht: Die Menschen würden doch ökonomisch denken, hat der CDU-Abgeordnete Siegfried Kauder der Petentin am Montag vorgehalten und dabei auf die Frage der fehlenden Arbeitsanreize abgestellt. Worauf Hermann E. Ott von den Grünen mit dem Hinweis antwortete: Die Frage des Bedingungslosen Grundeinkommens ist eine des Menschenbildes.
Parteipolitische Linien
Die parteipolitische Linie im Petitionsausschuss verlief deutlich zwischen Union und FDP auf der einen sowie SPD, Grünen und Linken auf der anderen Seite. Wobei damit nichts darüber gesagt ist, was die drei Oppositionsparteien vom Grundeinkommen halten. Im Ausschuss sitzen dezidierte Verfechter diverser Modelle, der Grüne Wolfgang Strengmann-Kuhn etwa, dessen Nähe zur Petentin angesichts des freundschaftlichen „Du“ unübersehbar war. Linken-Vize Katja Kipping hatte sich eigens für diese Sitzung in den Ausschuss begeben und dort bekannt, eine „glühende Verfechterin“ des Grundeinkommens zu sein. In beiden Parteien hat die Grundeinkommens-Debatte längst die Ebene erreicht, wo es um Beschlussmehrheiten auf Bundesebene geht: bei den Grünen stehen ganze Landesverbände hinter der Forderung nach Einführung, die Partei hat sich in Nürnberg mit etwa 60 zu 40 dagegen ausgesprochen. Bei den Linken ist das Grundeinkommen als Option in einer Nachbemerkung zu den Eckpunkten fixiert – und nach dem Konvent in Hannover waren Beobachter ziemlich sicher, dass die Idee zumindest als Diskussionsziel auch im neuen Programm stehen wird. Aus der SPD, in der schon vor ein paar Jahren einmal eine Arbeitsgruppe zum Thema gegründet worden war, kam dieser Tage die Nachricht, die Sozialdemokraten aus Rhein-Erft hätten sich als erster von 350 Kreisverbänden auf einem Parteitag für das Grundeinkommen ausgesprochen.
Darum ging es im Bundestag am Montag aber nicht. Die freundlichen rot-rot-grünen Worte gegenüber der Petentin bezogen sich weniger auf die parteipolitischen Logiken, sondern vielmehr auf zwei andere Motive: einerseits die Frage der „lebendigen Demokratie“, für welche die Petition von Wiest, die eine der größten ihrer Art war, für Aufmerksamkeit sorgte und die nicht gerade junge Grundeinkommen-Diskussion über das Spezialistentum hinaus reanimierte. Und andererseits, weil eine Weiterentwicklung von sozialen Sicherungssystemen hier „über die Grenzen“ des Bestehenden hinaus zumindest gedacht wird.
Visionäre Eigenschaften
Es gibt Varianten und Modelle, in denen der Aspekt der „Vereinfachung“ der Sicherungssysteme oder das neoliberale Motiv, die Transferkosten zu senken, im Vordergrund steht. Und solche, die auch in ihrer Begründung viel weiter gehen, die menschenrechtlich argumentieren oder mit der freien Entfaltung des Einzelnen, kurzum: die nicht zuletzt über die Höhe des genannten Betrags „visionäre“ Eigenschaften haben.
Und hierin liegt womöglich die eigentliche Macht der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens: Sie ist nicht zu diskutieren, ohne dass zentrale gesellschaftspolitische Auffassungen auf den Seziertisch kommen. Welche Rolle messen wir der Erwerbsarbeit bei, welche spielt anderes Tätigsein, wie wird gesellschaftlicher Reichtum produziert und wie wird er verteilt, welchen Spielraum freier Entfaltung gestattet sich ein Gemeinwesen, welche materielle Basis gesteht sie allen ohne Einschränkung und Bedingung zu, wie funktionieren die ideologischen Scheuklappen in der Debatte, wo liegen die Systemgrenzen. Und so weiter.
Das wird inzwischen auch von Bundestagsparteien anerkannt. Nicht von allen freilich. Hinter dem Hinweis auf die „problematischen Auswirkungen auf die Arbeitsanreize“, den ein schlecht vorbereiteter Arbeitsstaatssekretär im Petitionsausschuss repetierte, versteckt sich dagegen jene Haltung, die vor allem Angst vor Veränderung hat. Man kann Ralf Brauksiepe nicht einmal vorwerfen, er besorge hier in erster Linie und bewusst das Geschäft irgendwelcher an der kapitalistischen Verwertung von Menschen interessierter Lobbygruppen. Der CDU-Mann stand am Montag eher für eine Logik der Beharrung, für einen Apparat, der notfalls zur Ausrede greift, eine „völlige Umstrukturierung“ sei falsch, weil sich das „bestehende System auch in der Krise bewahrt“ hätte. Dabei redet seine Partei, wenn es um Kürzungen im Sozialsystem geht, genau davon: von seiner Krise.
Schlecht vorbereitet
Was die Sache mit den Arbeitsanreizen angeht: sie sollte selbstverständlich diskutiert werden. Aber weder Brauksiepe oder der Unionsabgeordnete Paul Lehrieder noch der FDP-Abgeordnete Stephan Thomae scheinen sich vor der Sitzung des Ausschusses einmal die Mühe gemacht zu haben, den Stand der Debatte überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, die eine oder andere Studie durchzublättern oder wenigstens einen Referenten damit zu beauftragen. Man hätte dafür bloß einmal in die Zeitung schauen müssen Denn gerade eben sorgt die Expertise des Linzer Volkswirtschaftlers Friedrich Schneider für Streit.
Die Studie wurde im Auftrag des Unternehmers Götz Werner erstellt und wird nicht nur auf freitag.de eifrig debattiert. Sie hat den grundlegenden Mangel, von einem Befürworter eines Grundeinkommens bezahlt worden zu sein, was den Verdacht nährt, dies schlage auf die Interpretation der Ergebnisse durch. Sie hat zudem den methodischen Mangel, dass unklar bleibt, auf welches Grundeinkommensmodell sich Fragen und Antworten überhaupt beziehen. Schließlich macht es einen elementaren Unterschied, ob man nach der „Stütze plus“ des früheren CDU-Ministerpräsidenten Dieter Althaus (400 Euro nach Abzug der Krankenversicherungspauschale) setzt oder dem Werner-Modell (1.000 Euro) gefragt wird.
Und doch sind die Ergebnisse vor allem mit Blick auf die Frage interessant, wer denn in Grundeinkommenszeiten „die ganze Arbeit“ erledigt: 44 Prozent der von Schneider und seinen Kollegen Befragten glauben, dass nach Einführung gleich viel oder mehr gearbeitet würde – 45 Prozent meinen, das Arbeitsangebot würde insgesamt zurückgehen. 72 Prozent aller Erwerbstätigen wollen der Schneider-Studie zufolge ihr Arbeitsangebot nicht verändern. Selbstständige und abhängig Beschäftigte würden ihre wöchentliche Stundenzahl um 4,6 beziehungsweise 4,2 Stunden verringern. Und vor allem unter Beschäftigten in Sektoren, in denen die Arbeit anstrengend und meist schlecht bezahlt sind, ist die Zahl derer besonders groß, die ihr Arbeitsangebot reduzieren oder völlig einstellen würden.
Reich der Notwendigkeit
Der Grüne Wolfgang Strengmann-Kuhn, selbst als Ökonom an Universitäten tätig, zuletzt als Lehrstuhlvertreter einer Professur für Labour Economics, sieht mit den Ergebnissen die alte Mär der „großen Faulheit“ am Ende. Bei einem Grundeinkommen würde sich jede Art von Tätigkeit lohnen, weil sie sozial abgesichert ist – und das wirke sich über Eigeninitiative, Existenzgründungen, Innovationen dann auch volkswirtschaftlich positiv aus. Im Gegensatz dazu glaubt der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Finanzministerium, Clemens Fuest, dass gerade gering bezahlte und anstrengende, unangenehme Jobs dann nicht mehr erledigt würden.
Bleibt die Frage, ob das ein Argument gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen ist. Oder nicht vielmehr eines für einen Mindestlohn, der diesen Namen auch verdient. Dass es neben dem Reich der Freiheit immer auch eines der Notwendigkeit geben wird, bestreitet niemand. Es kommt aber darauf an, wie diese Arbeit verteilt, organisiert und belohnt wird. Wenn es ein „realpolitisches“ Ergebnis der Debatte über das Grundeinkommen sein würde, dass sich hier etwas bewegt, wäre doch ein Schritt gemacht.
Startseitenfoto: Christopher Dombres / Flickr
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"Im Gegensatz dazu glaubt der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Finanzministerium, Clemens Fuest, dass gerade gering bezahlte und anstrengende, unangenehme Jobs dann nicht mehr erledigt würden."
Na und, dann ist das eben so. Und zwar solange bis sie endlich gut bezahlt werden. Und das wird dann ganz schnell passieren. Außerdem sollte man das BGE mit einer 10% Transaktionssteuer den Finanzhaien mit in Rechnung stellen, dann ist das alles wunderbar finanzierbar. |
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schrieb am
10.11.2010 um 07:37
@B.V.
...dass gerade gering bezahlte und anstrengende, unangenehme Jobs dann nicht mehr erledigt würden." Na und, dann ist das eben so. Und zwar solange bis sie endlich gut bezahlt werden. Und das wird dann ganz schnell passieren. ------------------------------------------------------------------------ Glaube ich nicht. Der Schwarzarbeitssektor wird dann noch größer! |
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Offtopic, aber: Was hat es eigentlich mit dem "Startseitenfoto" auf sich, dessen Quelle in letzter Zeit immer genannt wird, das aber nicht zu sehen ist??
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Beim Startseitenfoto handelt es sich um das Foto, das auf der Startseite angezeigt wird, solang ein Blog dort steht. Das Foto selbst wird nicht in den Blog geschraubt, dient ergo nur als Frontschmankerl. Fotocredit muss natürlich trotzdem sein.
Liebe Grüße, JJK |
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"Im Gegensatz dazu glaubt der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Finanzministerium, Clemens Fuest, dass gerade gering bezahlte und anstrengende, unangenehme Jobs dann nicht mehr erledigt würden"
Das verweist doch zunächst mal darauf, dass die Ausführung dieser Tätigkeiten keine ausreichende gesellschaftliche Wertschätzung erfahren, oder? Wenn die Gesellschaft bereit ist, diese Arbeiten entsprechend lukrativ zu bezahlen, werden sie auch gemacht. Man kann aber von niemandem mehr verlangen sie zu machen, ohne attraktive Bezahlung. Ein BGE hätte zumindest den Vorteil, bei unzumutbaren Forderungen NEIN sagen zu können. Also müssen wir uns alle selbst an die Nase fassen und fragen, warum es vielleicht an Wertschätzung fehlt. Ein Grund gegen das BGE dürfte das kaum sein. Es mahnt uns viel mehr darüber nachzudenken und die nächsten Folgeschritte an Änderungen in die Wege zu leiten. Wer mein das BGE sei die finale Lösung, der irrt. Es ist bestenfalls der allererste Schritt. |
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>>Und hierin liegt womöglich die eigentliche Macht der Idee eines >>Bedingungslosen Grundeinkommens: Sie ist nicht zu diskutieren, ohne >>dass zentrale gesellschaftspolitische Auffassungen auf den Seziertisch >>kommen.
Das halte ich in der Tat für einen großen Verdienst der Petiton und ihrer Vertreterin. Daneben hat sie in der Anhörung eine erfrischende Beharrlichkeit an den Tag gelegt. Eine Vorführung der liberalen, repräsentativen Demokratie und ihrer abgehobenen Entfernung von den "einfachen" Bürgern. Es passt in diesen Rahmen die Forderung nach mehr Bürgerbeteiligung und direkter Demokratie wieder auf den Tisch zu bringen. Vielleicht ist wirklich die kommunale Ebene ein erstes Experimentierfeld für Modellprojekte und auch für mehr direkte Demokratie. |
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>>Und hierin liegt womöglich die eigentliche Macht der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens: Sie ist nicht zu diskutieren, ohne dass zentrale gesellschaftspolitische Auffassungen auf den Seziertisch kommen. <<
Noch mal ein Versuch dazu: Die Hälfte unserer Arbeitskraft ist Gesellschaftseigentum, ihre Ergebnisse werden gesellschaftlich verteilt. Die andere Hälfte der AK kann weiterhin an Privatkäufer verscherbelt werden. Ein Zwang, dies zu tun, entfällt durch die gesellschaftliche Hälfte.* Wenn schon alle so süchtig nach Kapitalismus sind, dass ständig seine Rettung diskutiert werden muss, so machen wir eben halbe/halbe, dann hat jede/r was. OK? - *das gölte dann auch für Politiker: Die Hälfte ihrer Aktivität gehört dem Volk, ihre andere Hälfte können sie weiterhin an Lobbyisten verkloppen... |
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schrieb am
14.11.2010 um 01:35
@claudia
für politiker gilt das doch schon, oder? ach ne, heutzutage verkloppen sie sich ja ganz und unteilbar an wirtschaftsinteressen. also da wäre dein vorschlag eigentlich ganz gut. sich reformen des sozialstaats zu enthalten und eventuell auf den großen umsturz zu warten dauert mir dann doch zu lange. in der dafür erforderlichen geduld und passiven menschenliebe müsste ich mich vielleicht noch etwas üben. Im übrigen kann ich mich nur Tiefendenker anschließen: das bGe ist sicher keine Lösung aller Probleme, aber vielleicht eine ganz gute Basis sie anzugehen. |
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schrieb am
14.11.2010 um 06:48
>>eventuell auf den großen umsturz zu warten dauert mir dann doch zu lange.<<
Mir auch. Und ich habe in meinen bis jetzt 61 Lebensjahren die Erfahrung gemacht, dass eine Hoffnung auf "Parallelwelten der Volkswirtschaft“ immer wieder zu Enttäuschungen führt. Die Hoffnung, eine allgemeine Steuererhöhung werde eine Grundbedarfsdeckung an Gebrauchswerten generieren könnte eine weitere herbe Enttäuschung hervorbringen. Vor allem, wenn die Propaganda gleichzeitig fordert, nicht darüber nachzudenken, sondern einfach mal das Zuckerl zu nehmen. Sollten wir nicht wieder lernen, im Kreislauf von Produzieren/Konsumieren zu denken und dass Geld ein Tauschäquivalent für Arbeitsergebnisse ist und nicht aus sich selbst heraus entsteht? Und dass Gebrauchswert nicht gleich Tauschwert ist? Können wir dann nicht eher eine realistische Volkseinkommensdiskussion führen, ohne die Parallelwelt: "Steuerfinanziertes, lobbystaatsverwaltetes 'Volkseinkommen' ohne jede infragestellung des veralteten Wirtschaftssystems"? --- >>Und hierin liegt womöglich die eigentliche Macht der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens: Sie ist nicht zu diskutieren, ohne dass zentrale gesellschaftspolitische Auffassungen auf den Seziertisch kommen. << Warum habt Ihr soviel Angst vor dem "Seziertisch", mabli? Euer Credo ist: "Nehmt das Zuckerl und denkt nicht drüber nach." Dass die Armutsverwaltung zu aufwändig wird, wenn die Armen immer mehr werden und man besser eine Pauschalisierung der Sozialhilfe erwägen sollte, liegt systemimmanent nahe. Auch die schon diskutierte Niederschlagung von Armutsaufständen würde sich letztlich profitschmälernd auswirken. Das kann ich alles logisch nachvollziehen. Wichtig ist ja nur, dass der Lobbystaat das alles im Griff behält und er nicht hinterfragt wird, nicht wahr? Und dass die menschliche Arbeitskraft auf ewig das Privateigentum des Käufers bleibe und einem ideologisch überhöhten Marktextremismus nicht entzogen werden darf. Bzw. dass man darüber mal am St. Nimmerleinstag nachdenken kann. Mir ist die Propaganda mit den Plattitüden, dass "die Arbeit ausgeht" dem "Arbeitsethos" und der ewigen Fahrradwerkstatt, die niemals fragt, wo die Fahrräder herkommen, allzu oberflächlich. Die Fahrradwekstatt wird durch Wartungsroboter abgelöst, und wieder mal wird "die Arbeit ausgehen" und die BGE-Steuer, wie auch immer die gestaltet werden soll, erhöht werden müssen. Und die ständigen Hinweise: "Jetzt mal Augen zu und durch: BGE irgendwie. Nachdenken könnt Ihr vielleicht später mal": Die machen das Ganze erst richtig verdächtig. Wer es ehrlich meint, weicht vor Grundsatzdiskussionen nicht zurück. Und nimmt zur Kenntnis, dass es an aktuellen Notlösungen Unterschiedliche geben kann, die man erst mal unvoreingenommen anschauen sollte und dann entscheiden. |
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schrieb am
14.11.2010 um 13:38
Es tut mir leid,aber ich muss Dir wieder widersprechen. Auch wenn ich mit meinen 27 Jahren nicht halb so viel Lebenserfahrung wie Du aufweisen kann, nehme ich mal in Anspruch meine andere Sicht der Dinge nochmal versuchsweise darzustellen.
Ich möchte mal mit zwei Thesen beginnen: 1. These: Wenn wir der zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche etwas entgegensetzen wollen, ist die nahe liegendste und Erfolg versprechendste Möglichkeit die ursprüngliche Idee einer sozialen Marktwirtschaft wieder stark zu machen gegen marktradikale und neoliberale Theorien und Politiken 2.These. Daniel Häni aus der Schweiz, Mitbegründer der dortigen Initiative fürs Grundeinkommen, hat deutlich gemacht, dass es bei einem Grundeinkommen nicht um eine aus der Not geborene und möglichst schnell politisch zu implementierende Maßnahme handelt, sondern um einen Kulturimpuls, der allein schon durch seine Existenz als Idee einer möglichen zukünftigen Gesellschaft das Handeln der Menschen beinflussen kann. Er hat beklagt, dass die Diskussion in Deutschland zu sehr in die Richtung geht, dass wir das Grundeinkommen am Besten jetzt sofort umsetzen müssten. >>Warum habt Ihr soviel Angst vor dem "Seziertisch", >>mabli? Das ist glaube ich ein Missverständnis. Die Befürworter eines Grundeinkommens wollen ja gerade, dass gesellschaftspolitische Grundannahmen auf den Seziertisch kommen. Eine davon ist: „Nur wer etwas leistet (Erwerbsarbeit), hat das Recht auf ein Einkommen“ >>Mir ist die Propaganda mit den Plattitüden, dass "die >>Arbeit ausgeht" dem "Arbeitsethos" und der ewigen >>Fahrradwerkstatt, die niemals fragt, wo die Fahrräder >>herkommen, allzu oberflächlich. Die Fahrradwerkstatt, von der ich in Zusammenhang mit der Commons-debatte gesprochen habe, ist ja eben keine privatwirtschaftliche Unternehmung sondern ein Common. Von daher steht bei ihr auch nicht die Profitsteigerung und damit der Druck zu Rationalisierung und Effizienssteigerung im Vordergrund. Hier sei ein kleiner Exkurs erlaubt: Der hohe Grad an Automatisierung in der Industrie, d.h. der Maschinenarbeit, die den Arbeiter vielerorts vom Produzenten zum Überwacher des Produktionsprozesses macht, macht auch eine Wiederaneignung der Arbeit und des Produktes als sinnstiftenden Beitrag zur Persönlichkeits- und Identitätsbildung unmöglich. Ich beziehe mich hierbei auf die Studien von Andre Gorz zur „Kritik der ökonomischen Vernunft“ Zurück zur Fahradwerkstatt: Hier findet eben nicht in erster Linie eine Mehrwertgenerierung statt. Dass sich das Projekt dennoch wirtschaftlich irgendwie tragen muss und inwieweit hier überhaupt noch Steuern generiert werden könnten, ist die eigentlich Krux. Mit den Plattitüden ist das so eine Sache. Mir erscheint manchmal die dogmatische Berufung auf die Grundannahmen der Marxschen Theorie trotzdem die Geschichte Marx in einigen zentralen Punkten doch schon widerlegt hat, vielmehr als eine Plattitüde als der Versuch jetzt pragmatisch Änderungen anzugehen. |
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schrieb am
15.11.2010 um 05:56
@mabli:
Vielleicht kommen wir der Sache näher :-) >>Eine davon ist: „Nur wer etwas leistet (Erwerbsarbeit), hat das Recht auf ein Einkommen“<< Das ist gar nicht relevant, denn wenn jeder Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten Anteil hätte und dafür entsprechend seiner Bedürfnisse versorgt wäre, dann hätten wir das Problem ja nicht... Fakt ist, dass Arbeit immer weniger Einkommen bringt und eine Minimalreproduktion der Arbeitskraft immer mehr durch Transferaufwendungen ("Lohnaufstockung") subventioniert werden soll. Eine einfache Umkehr dieser Auffassung führt zur Vorstellung eines Geld/Geld-Kreislaufes, der Arbeitsergebnisse endgültig ersetzen könne. Das wird dann so gesagt: >>Wie hoch unser Grundeinkommen sein wird, hängt davon ab, wieviel wir in den Gemeinschaftstopf einzuzahlen bereit sind.<< (Kopie von: www.freitag.de/community/blogs/freiheitsliebender/das-bge-und-ein-wuerdevolles-leben---ein-interview?searchterm=Grundeinkommen ) Damit wird der "Produzieren/Konsumieren"-Kreislauf endgültig aus dem Bewusstsein verdrängt. Man glaubt, das Tauschäquivalent für eine Sache sei die Sache selber. Ich meine, hier auch den Grund für das Scheitern der "Sozialstaats"-Modelle ausmachen zu können: Die Richtung bestimmt immer, wer über die Produktionsmittel verfügt. Der hat auch die Hand auf dem Geldsack. Deswegen rede ich lieber über a) Arbeitskraft und b)Arbeitsergebnisse als über Geld, denn das hat eine nachfolgende Funktion. Und dass es natürlich immer wieder in volkswirtschaftliche Abstürze führen muss, wenn a) inflationiert und b) verknappt wird. Mein Vorschlag, mal über die Teilentprivatisierung der bislang von Käufern vollständig privatisierten Arbeitskraft und deren Ergebnissen zu reden ist ein Vorschlag zu einer BGE-Diskussion, die ich für redlicher halten würde. --- Zur Fahrradwerkstatt: Wenn es global nur noch, sagen wir drei Firmen gibt, unter deren Herrschaft Fahrräder hergestellt werden, dann werden die eventuell in Zuge ihrer Kundenjagd sagen: "5 Jahre Wartung in einer unserer automatischen Wartungsstationen im Kaufpreis inbegriffen!!" Der Konkurrent wird sagen: "Bei uns 6 Jahre!!!" Dann geht wieder mal eine Rechnung, die man ohne den Wirt gemacht hat, nicht auf. Die Erfahrung zeigt, dass Konzepte, die sich am Privatbesitz der Produktionsmittel vorbeimogeln wollten, immer wieder mal abstürzten. --- >>Der hohe Grad an Automatisierung in der Industrie, d.h. der Maschinenarbeit, die den Arbeiter vielerorts vom Produzenten zum Überwacher des Produktionsprozesses macht, macht auch eine Wiederaneignung der Arbeit und des Produktes als sinnstiftenden Beitrag zur Persönlichkeits- und Identitätsbildung unmöglich.<< Das die Arbeiten, die kontinuierlich zunehmend von Maschinen ausgeführt werden können, eine "sinnstiftende Funktion" hätten, ist ein Irrtum. Die Ausführung manueller Tätigkeiten in der Industrie war und nichts Anderes als Gelderwerb zwecks Bestreiten des materiellen Lebensunterhaltes. Eine Identität als Fliessbandarbeiter haben die Arbeiter selber nie für sich reklamiert. Die Persönlichkeitsbildung ist eher dadurch behindert, dass auch die freie Zeit privatkommerziellen Zielen untergeordnet ist. In 35 Jahren Industriearbeit habe ich davon genug mitbekommen, um mir ein Urteil erlauben zu können. Ich hatte immer wieder Kontakt mit Produktionsarbeiter/innen als Gewerkschafterin und BR-Mitglied, und sie wussten, dass sie mir nicht die Märchen erzählen mussten, die man "oben" hören will. "Überwacher des Produktionsprozesses" ist kein Abstieg. Solches zu behaupten ist, mit Verlaub, ideologischer Schwurbel. Nur werden viel weniger Überwacher gebraucht als Handlanger, wenn man auf einer alten Regelarbeitszeit beharrt und die eher ausweitet, z.B. mit Heraufsetzung des Rentenalters. Wir könnten mit der heutigen Technik mit einer Lebensarbeitszeit von ca. 45 000 Stunden alles produzieren, was wir brauchen. Dabei ist schon eingeplant, dass nicht automatisierbare Bereiche durch die Industrieautomatisierung entlastet werden müssen. Das Problem ist nicht die Veränderung von Arbeitsinhalten dadurch, dass programmgesteuerte Maschinen die stupiden und z. T. körperlich belastenden Arbeiten tun können. Es ist eine Frage der Teilhabe, die von Besitzern der Produktionsmittel verweigert wird. Der Irrtum wurde auch schon im 19. Jahrhundert von "Maschinenstürmern" begangen. Nicht, dass Maschinen dem Menschen Last abnehmen können, ist das Problem. Sondern dass sie den falschen Leuten gehören, die damit Schindluder treiben... Wenn wir uns damit auseinander setzen, dann könnten wir eine realistische Basis für die Einkommensdiskussion (die ja letztlich eine Daseinsvorsorgediskussion sein sollte) finden. |
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schrieb am
15.11.2010 um 19:46
>>@mabli:
Vielleicht kommen wir der Sache näher :-) << Ich hoffe doch zumindest etwas. >>>>Eine davon ist: „Nur wer etwas leistet (Erwerbsarbeit), hat das Recht auf ein Einkommen“<< Das ist gar nicht relevant, denn wenn jeder Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten Anteil hätte und dafür entsprechend seiner Bedürfnisse versorgt wäre, dann hätten wir das Problem ja nicht... << Nur das Problem an der Gerechtigkeitsdefintion von Marx ist ihre praktische Umsetzung. So symphatisch sie mir ist, ich kann mir nur schwerlich vorstellen wie sie in einer Gruppe, die größer als, sagen wir, 80 Menschen, umgesetzt werden kann. Jeder Einzelne ist für sich selbst verantwortlich innerhalb der Gemeinschaft und es gibt keine formalen Kriterien zur Verteilung von Gütern bzw. zur Beurteilung de Beitrages zur Gemeinschaft. >>Eine einfache Umkehr dieser Auffassung führt zur Vorstellung eines Geld/Geld-Kreislaufes, << Was meinst Du genau mit Geld/Geld Kreislauf? Das Arbeiten dann überflüssig wird? Man Geld bekommt und Geld ausgibt ohne etwas zur gesellschaftlich notwendigen Arbeit beizutragen? >>Mein Vorschlag, mal über die Teilentprivatisierung der bislang von Käufern vollständig privatisierten Arbeitskraft und deren Ergebnissen zu reden ist ein Vorschlag zu einer BGE-Diskussion, die ich für redlicher halten würde. << Was Marx ja am Marktsystem kritisiert ist, dass Arbeiter niemals in der Situation sind einen freien Vertrag zu schließen, im Sinne der negativen Freiheit (der Freiheit als Rechtsperson, die bei der Freiheit des anderen endet). Weil ja die Arbeiter auf das Geld angewiesen sind, um zu überleben, müssen sie den Vertrag gezwungenermaßen eingehen. Wenn man nun die Bedingungen unter denen die Arbeiter, Angestellten usw. am Markt ihre Arbeitskraft verkaufen so veränderte, dass sie den Vertrag aus freien Stücken eingehen könnten, wozu brauchten wir dann noch eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel? Vor allem hinsichtlich der Problematik, die eine solche Vergesellschaftung in der jüngeren Geschichte mit sich gebracht hat. >>"Überwacher des Produktionsprozesses" ist kein Abstieg. Solches zu behaupten ist, mit Verlaub, ideologischer Schwurbel. << Das ist sicher kein Abstieg, es ist wie Du sagst aber nur eine kleine Minderheit von qualifizierten Fachkräften und ein großer Teil der Hilfs- oder heutzutage Leiharbeiter, die heute gebraucht werden. Abstieg ist es insofern als sowohl die qualifizierte Fachkraft als auch der einfache Hilfsarbeiter nur noch Rädchen in einer großen Maschinerie sind. Darüber können auch mögliche Gestaltungsfreiräume innerhalb des Produktionsprozesses nicht hinwegtäuschen. Und das würde sich auch bei einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht ändern. Da die Arbeiter nur noch das Anhängsel der automatisierten Maschinerie sind. |
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schrieb am
16.11.2010 um 10:05
>>Nur das Problem an der Gerechtigkeitsdefintion von Marx ist ihre praktische Umsetzung.<<
Die „Gerechtigkeitsdefinition“ von Marx kenne ich nicht. Wahrscheinlich ist damit der Bischof gemeint und nicht der im 19. Jahrhundert lebende Philosoph, der das Ganze mehr analytisch als ethisch betrachtete? >>Was meinst Du genau mit Geld/Geld Kreislauf?<< Genau das, was ich oben zitiert hatte: >>Wie hoch unser Grundeinkommen sein wird, hängt davon ab, wieviel wir in den Gemeinschaftstopf einzuzahlen bereit sind.<< Man zahlt Geld, das man von irgendwoher haben sollte, in einen „Topf“ und bekommt aus diesem Topf wieder etwas zurück. Der Kreislauf von „Einzahlung“ und „Auszahlung“ ist ein reiner Geldkreislauf. >>Wenn man nun die Bedingungen unter denen die Arbeiter, Angestellten usw. am Markt ihre Arbeitskraft verkaufen so veränderte, dass sie den Vertrag aus freien Stücken eingehen könnten,…<< Wenn das auf einem Kreislauf von „Einzahlung/Auszahlung“ beruht, dann muss das Eingezahlte irgendwo her kommen. Die Sache hängt davon ab, dass genug für ein hinreichendes BGE eingezahlt werden kann. Das muss, nicht kann, sondern muss verdient werden. Wenn ich Käufer von Arbeitskraft wäre, z. B. als Besitzer der Fahrradfabrik, dann würde ich sagen: „Liebe Leute, ihr arbeitet hier zu meinen Bedingungen und nicht zu Euren. Wenn ihr nicht spurt lasse ich meine Fahrräder in China fertigen und ihr könnt euch euern BGE-Geldtopf endgültig in die Haare schmieren.“. Das ist bekannte Besitzerlogik. Solche Abläufe müssen auf den Seziertisch, bevor wir BGE-Modelle entwerfen. Schöne Wünsche haben nämlich noch nie etwas gebracht ausser Enttäuschungen. --- >>Das ist sicher kein Abstieg, es ist wie Du sagst aber nur eine kleine Minderheit von qualifizierten Fachkräften und ein großer Teil der Hilfs- oder heutzutage Leiharbeiter*, die heute gebraucht werden.<< Denkfehler, lieber mabli: Wenn ich einen Ist-Zustand beschreibe, dann sage ich damit nicht, dass er gottgegeben und somit alternativlos wäre. Ich weiss wohl, dass uns beigebracht wird, den Istzustand als das Einzig Richtige anzunehmen. Aber man muss sich nicht unbedingt an jedes Dogma halten. Dass Maschinen dem Menschen die Arbeit erleichtern ist nichts Neues. Stellen wir uns mal eine „Brettsäge“ vor. Zwei Arbeiter zersägen mit viel Hauruck und Schweiss Stämme zu Brettern, die an Schreiner geliefert werden. Dann kam eine neue Technik auf: Ein „Mühlrad“ treibt über einen Excenter ein „Gatter“ von Sägeblättern auf und ab. Der Stamm wird mit einer Spannvorrichtung gegen das Sägegatter gedrückt. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Die zwei Arbeiter teilen sich die Arbeit: Jeder überwacht 6 Stunden am Tag die „Sägemühle“. Obwohl sie den 12-Stundentag halbiert haben, verkaufen sie mehr Bretter als mit der alten, schweisstreibenden Sägerei. Das hätten sie wahrscheinlich so gemacht, wenn ihnen die Brettsäge selber gehört hätte und sie aus ihrem Gewinn etwas zurückgelegt hätten, um die neue Technik anzuschaffen. Keiner hätte sich selber rausgeschmissen, nur damit der Andere den heiligen 12-Stunden-Tag einhalten kann. Der Besitzer, der nicht selber sägt, sondern Sägearbeitskraft einkauft, sieht das natürlich völlig anders: Er kann seinen Profit mehr steigern, wenn er nur noch einen Arbeiter für weiterhin 12 Stunden und fürs gleiche Geld einkauft. Und damit komme ich noch mal zu dem Zitat von Susanne Wiest: >>Es gibt also weniger Erwerbsarbeitsplätze und das haben wir auch so gewollt.<< Ich weiss, dass sie damit vor 30 Jahren noch einigen Widerspruch von Gewerkschaftern bekommen hätte. Und heute fällt mir auf, dass das sehr Viele einfach abnicken: „Ja klar, das haben die so gewollt und es steht uns nicht zu, Alternativen dagegen zu stellen.“ Drum kratzen wir halt unsere sauer verdienten Centlein zusammen und schmeissen sie in den BGE-Topf und erleichtern unsere prekäre Lage damit, dass wir vom Eingezahlten etwas wieder zurückbekommen. Das Besitzerdenken: „Verknappung der Arbeitsplätze ist alternativlos, weil wir das eben so wollen“: Das muss dringend auf den Seziertisch. Auch wenn Produktionsmittelbesitzer das nicht so gerne sehen. --- >>Abstieg ist es insofern als sowohl die qualifizierte Fachkraft als auch der einfache Hilfsarbeiter nur noch Rädchen in einer großen Maschinerie sind.<< Auch das ist nicht neu, also kein Abstieg. Sondern ein bisher versäumter Umstieg von einem veralteten Wirtschaftssystem: Über der Arbeit thront der Vorstand und darüber die Börse oder eine Besitzerfamlilie. Dass man "Rädchen in der Maschine" ist und nur Weisungen gehorcht ohne eigenes Wollen: das hat eben sehr viel mit dem Verkauf der Arbeitskraft zu tun, über die der Käufer allein verfügt. Aber die Rückkehr in eine mittelalterliche Handwerkergesellschaft halte ich nicht für die optimale Lösung, auch wenn dort nie "die Arbeit ausging". So wie ich ja schon oben sagte, dass nicht die Machinenstürmerei mit dem Ziel ihrer Vernichtug die Lösung ist, sondern die Nutzung der Maschinen für unsere eigenen Zwecke ohne Fremdbestimmung. In Mondragón (neinnein, keine Fahrradwerkstatt :-) ) geht das ja und den Leuten geht es damit besser als den "Rädchen im Mahlwerk". Als BGE-Zuverdiener aber bleibst Du der arme Tropf, sich an Käufer mit undurchschaubaren Interessen verkäuft. Die Fa. Siemens wird sich von Dir auch als BGE-Zuverdiener nicht sagen lassen wie Energie erzeugt werden soll, zum Beispiel. --- /Interviewzitate von hier: www.freitag.de/community/blogs/freiheitsliebender/das-bge-und-ein-wuerdevolles-leben---ein-interview?searchterm=Grundeinkommen Es geht mir beim Zitieren aus dem Wiest-Interview nicht so sehr darum, dass S. Wiest ein paar dicke Hunde in ihre Antworten einschmuggelt hat. Sondern um die Frage, warum das vor lauter Begeisterung so einfach abgenickt wird. Und weil Du immer wieder auf „Marx“ verweisest: Der Philosoph Karl Marx hätte versagt, wenn er niemand zum Selberdenken anregen konnte. --- * Denkfehler zwei, auch sehr beliebt: >>Hilfs- oder heutzutage Leiharbeiter<< „Leiharbeiter“ sind heute nicht ausschliesslich unqualifizierte Hilfskräfte wie vor 30 Jahren. Arbeitslosigkeit zieht sich durch alle Qualifikationsstufen. Du kannst Dir heute für ein zeitlich begrenztes Projekt einen Diplomchemiker und zwei Laboranten leihen, als Beispiel. |
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schrieb am
16.11.2010 um 18:03
Was ich eigentlich damit sagen wollte war, dass durch die Entwicklung von hochtechnisierten Maschinen eine gewisse Struktur der Arbeit vorgegeben ist. Und ob die Maschinen arbeiten, um den Profit des Kapitalisten oder das Budget einer Genossenschaft zu steigern, ändert nichts an dieser Struktur. Und diese Struktur bedingt, dass Leute keinen anderen bezug mehr zu der Arbeit haben als den eines Broterwerbs. Mit Einschränkungen gilt das auch, denke ich, wenn sie zu der oberen Klasse der hochqualifizierten Fachkräfte gehören.
Wenn die beiden Sägewerksarbeiter die Firma ihr Eigen nennen könnten, entstände sicher schnell das Problem der Verwaltung und es ist darüber hinaus nicht gesagt, dass kollektive Akteure das Gewinnstreben per se ablehnen. Das Problem des Leiharbeitsystems ist meiner Erfahrung nach, dass für Firmen, die Fachkräfte suchen meistens nicht die Mitarbeiter mit der entsprechenden Arbeitserfahrung zu Verfügung stehen und die anderen werden dann von Pontius zu Pilatus geschickt und schieben ziemlich schnell Frust bzw das ganze artet schnell zu einer psychischen Belastung aus. Mit Gerechtigkeitsdefintion von Marx meinte ich übrigens nur den von Dir zitierten Satz: "Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen" in Abgrenzung zu der Leistungsethik "Jedem das Seine" bzw. "Jedem, das was er verdient". Also da können wir den Bischof von Bayern oder München oder von wo auch immer ruhig außen vor lassen. Auch der olle Kalle Marx hat in seiner Theorie gewisse normative Grundannahman gemacht. Das zu bestreiten wäre unredlich. Wer Karl Marx als reinen Analytiker liest und die politischen Implikationen seiner Theorie außen vor lässt, was man natürlich machen kann, betreibt dann eben eine sehr selektive Lektüre. |
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schrieb am
16.11.2010 um 18:13
Es ist natürlich richtig, dass das Verschwinden der Arbeit keine unhinterfragbare Tatsache ist. Du weist ja auch immer auf den Kreislauf von Konsumtion und Produktion hin. Ich bin nun kein Fachmann in Volkswirtschaft, aber es bleibt doch eine offene Frage wie man eine besser verteilte oder sogar mehr Arbeit finanziert, genauso wie es eine Frage bleibt wovon man das bedingungslose Grundeinkommen bezahlen könnte. Mehr Einkommen gleich mehr Konsum gleich mehr oder besser bezahlte Arbeit klingt zwar ganz schön, doch werde ich das Gefühl nicht los, dass da auch ein Haken dran ist. Das Geld was jetzt die Profitrate ausmacht wurde ja eben auch nicht immer investiert und wenn investiert, dann oft in Rationalisierungsmaßnahmen.
Und das Zitat von Susanne Wiest verstehe ich so: Es gibt weniger Arbeit durch technischen Fortschritt. Das ist etwas wworüber wir nicht verzweifeln sollten, sondern wir sollten uns bewußt machen, dass wir unsere Eltern und Großeltern durch unsere Arbeit dazu beigetragen haben und deswegen jetzt auch den Anspruch haben von dem gesellschaftlichen Reichtum zu profitieren. |
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schrieb am
25.11.2010 um 12:04
>>aber es bleibt doch eine offene Frage wie man eine besser verteilte oder sogar mehr Arbeit finanziert,...<<
und eben diese Frage würde ich gerne mal wieder "vom Kopf auf die Beine stellen". "Wenn ich Kartoffelsalat machen will, dann muss ich Kartoffeln kaufen, also finanzieren." "Wenn ich arbeiten will, dann muss ich Arbeit kaufen, also finanzieren." Der erste Satz ist belegbar. Der Zweite nicht. Die Arbeit ist es, die Kartoffeln, Wein, Kühlschränke, medizinische Behandlungen, Musik oder Häuser bereitstellt. Und wenn das mit Arbeit geschaffen wurde, dann kann es genutzt werden. Nun ist nicht einzusehen, dass die Einen sich in einer Arbeit krankstressen sollen, während die Anderen verzweifelt irgendwelchen Hungerlohnjobs nachlaufen müssen bzw. gezwungen werden, falls sie auf Tarifentgelt bestehen wollen. Das sollte der Ausgangspunkt für Einkommensdiskussionen sein. Einkommen ist das Tauschäquivalent für unsere Arbeitsergebnisse, die wir auch nutzen wollen, wenn wir sie schon erstellen. Die Mühe zu ihrer Erstellung wird weniger und kann verteilt werden sodass niemand unter der Last zusammenbricht. Im Gegenteil wird bei realistischer Verteilung immer für jedes Individuum mehr Zeit und Energie für anderes übrigbleiben. Was uns bislang daran hindert, ist ein hoffnunglos veraltetes Wirtschaftssystem, dessen Agonie uns zu viel Lebenskraft raubt. Die Lösung liegt meiner Ansicht nach nicht darin, aus dem Kadaver, der über unsere Produktionsmittel ausbreitet liegt, Geld zu extrahieren in der Hoffnung damit unsere akuten Einkommensprobleme zu bewältigen. |
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Das die Arbeit, zumindest die harte körperliche und gefährliche verschwindet, ist doch unproblematisch. Die Frage, die die Gesellschaft sich stellen sollte ist eher die, wie Unternehmen mit technologisch hoch produktiven Fertigungsanlagen dazu gebracht werden, ihren sozialen Nutzen zu behalten, wenn sie keine Arbeitsplätze mehr schaffen und / oder kaum noch steuern zahlen.
Der Niedergang der Arbeit ist immer wieder eingetreten, betraf einzelne Branchen (z.B. Kohlebergbau) und konnte z.T. durch andere Branchen (Umschulung) aufgefangen werden, z.T. hat er die Sockelarbeitslosigkeit erhöht. Was tun, wenn in vielleicht absehbarer Zukunft alle / die meisten Branchen davon betroffen sind und sich dieser Niedergang nicht mehr auffangen lässt? |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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