Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

01.04.2011 | 15:41

„Verschwinden eines Milieus“: das Ende der Frankfurter Rundschau

Die Frankfurter Rundschau ist seit Jahren in der Krise, politisch aber auch wirtschaftlich. Doch was Alfred Neven DuMont nun als neuen Rettungsversuch ankündigt, ist in Wahrheit nichts anderes als das Ende eines traditionsreichen Blattes: Die überregionalen Teile der FR kommen künftig aus der Hauptstadt, wo bereits eine Redaktionsgemeinschaft mit der Berliner Zeitung besteht. Fast die Hälfte der Redaktion in Frankfurt wird vorsorglich gekündigt, es sollen zwar auch neuen Jobs geschaffen werden, aber unter dem Strich fallen 44 der noch 190 Stellen weg. In der gemeinsamen Chefredaktion von Berliner Zeitung und FR, wird die bisherige Doppelspitze der Rundschau eher unter ferner liefen laufen: Rouven Schellenberger wird die digitalen Veröffentlichungen leiten, Joachim Frank Chefkorrespondent.

Das, was die Frankfurter Rundschau in Ton und Meinung auszeichnet“, hat Neven DuMont, der 2006 die Mehrheit an der FR und 2009 die Berliner Zeitung übernommen hatte, nun erklärt, bleibe „auch unter diesen Bedingungen erhalten“. So recht wird das niemand mehr glauben, schließlich waren Ton und Meinung der FR ja bereits in den wandelvollen letzten Jahren deutlichen Veränderungen unterworfen. Das hat einerseits mit der schon länger beschrieenen Krise des Printjournalismus zu tun, auf welche die Verlage mal so, mal so zu reagieren suchten. Das hat andererseits aber auch, wie es Michael Hanfeld in der Frankfurter Allgemeinen formuliert, mit dem „Verschwinden eines Milieus“ zu tun.

Deshalb geht hier nicht bloß „eine Stück Zeitungsgeschichte“ zu Ende (dpa), in der Krise der FR dokumentiert sich vielmehr noch ein gesellschaftliches Ausglühen, der Abschied von Restbeständen einer Epoche. Man neigt sogar dazu, einmal dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz recht zu geben, der sagt, die Rundschau sei ein Spiegel des Zeitgeistes der sechziger und siebziger Jahre gewesen. Nicht zu links, aber eben keineswegs rechts. Gewerkschaftlich. Die FR verkörperte wenn nicht die Sozialdemokratie in Gänze so doch einen Teil von ihr. Durch sie sprach die SPD, die an ihr lange Zeit die Mehrheit besaß. In ihr konnte man die Basis erkennen, nicht bloß auf den Leserbriefspalten. Und weil beides, die alte SPD und das Milieu, in dem sie verankert war, schon lange nicht mehr sind, wurde aus der Frankfurter Rundschau erst ein ganz normales Blatt und nun eine Regionalzeitung in einem bundesweit agierenden Verlagshaus, das zwischen Kölner Stadtanzeiger, Mitteldeutscher, Zeitung, Berliner Kurier und Hamburger Morgenpost alles mögliche hat nur kein Gesicht.

Wie andere Zeitungshäuser, schreibt Neven DuMont „in eigener Sache“ den Lesern der nun zur Hülle herabgesunkenen Frankfurter Rundschau, sei man „nicht mehr in der Lage, kostspielige andere Objekte mitzutragen, die nachhaltig verlustträchtig sind“. Bei der FR waren es 2009 trotz aller Einsparungen 24,5 Millionen Euro, im vergangenen Jahr sollen es knapp 20 Millionen gewesen sein. Die Auflage sank kontinuierlich. Die Titelseite der Ausgabe von heute erzählt die ganze bittere Wahrheit, dort steht: „Die Zeit ist abgelaufen.“

 

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 01.04.2011 um 16:29
Dem Freitag als neugegründete liberale Genossenschaft kann sowas nicht passieren. Eine wirklich kluge Entscheidung von JA.
ebertus schrieb am 01.04.2011 um 16:45
Im Ernst? 500 Euro pro Anteil?

Darf da sehr bescheiden auf meine diesbezüglichen Reflektionen vor einigen Wochen hinweisen:

www.freitag.de/community/blogs/ebertus/freitag-taz-und-junge-welt
Jakob Augstein schrieb am 02.04.2011 um 14:23
Lieber Streifzug, ich sehe den feinen Spott, will aber ganz ernst darauf antworten. Denn die richtigen Eigentusmverhältnisse können eine wichtige Bedingung für die Unabhängigkeit eines Blattes sein. "Richtig" bedeutet, dass die Renditeorientierung nicht im Vordergrund steht. Genossenschaften (taz) und Mitarbeiterbeteiligungen (Spiegel) sind toll. Ich glaube, dass die Nachteile, die solche Modelle haben, durch ihre Vorteile mehr als aufgewogen werden. Das war immer meine Haltung. Nur - wer trägt die Verluste, wenn welche entstehen? Solange der Freitag Verluste macht - und das macht er wird sich die Begeisterung der Mitarbeiter und möglicher Genossen in Grenzen halten, denke ich ...

Wenn wir eines Tages Gewinne machen und das Blatt so stabilisiert haben, dass es um die Frage der künftigen Unabhängigkeit gehen kann, kann das ganz anders aussehen.

Dauert noch ein bisschen. :)
Streifzug schrieb am 11.04.2011 um 12:31
Lieber JA,

ich bemerke die Antwort auf meinen "Vorschlag" vom 1. April leider erst jetzt.

Ist es so? Der anfängliche Verlust bei einer wohldurchdachten Unternehmung ist eine Investition in die Zukunft. Risiko-Kapital, falsch, Utopie-Förderung :)
Streifzug schrieb am 11.04.2011 um 13:57
... meiner Meinung nach sind mehr Personen bei solchen Projekten "risikobereit", als man anfänglich glaubt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.04.2011 um 14:02
Utopie-Förderung ist gut... das meine ich ernst, ohne Ironie. :)
koslowski schrieb am 01.04.2011 um 16:36
Nach 30, 35 Jahren habe ich Ende der 90er und Mitte der Nuller Jahre erst die SPD (als Mitglied) und dann die FR (als Abonnent) verlassen. Beide waren Teil meiner politischen Identität - irgendwie links. Der Untergang der alten FR scheint nun besiegelt, der der SPD als Volkspartei wohl auch. Schade, sehr schade!
ebertus schrieb am 01.04.2011 um 16:37
Guter Beitrag, der nicht nur auf das schrumpfende Anzeigengeschäft, ansonsten auf die Konkurrenz des Internet abhebt.

Das Milieu, gerade in Verbindung mit der "nach wie vor", der "ohne wenn und aber" und weiterhin Agenda-Partei, mit dem substantiellen Verlust an Mitgliedern und Wählern, dieses wegbrechende Milieu mag in der FR ein erstes Opfer gefunden haben.

Aber den anderen, ehemals (links)liberalen Medien geht es nicht viel besser. Und die immer wieder kolportierten Geschichten aus der SZ werden sich trotz (oder gerade wegen) der investorengesteuerten Übernahme über kurz oder lang ähnlich darstellen bzw. realisieren.

Der offene oder auch subtil vermittelte, alternativlose Sachzwang ist ebenfalls nicht zu vergessen. Auch wenn die Sprache nicht so hölzern daher kommt, so wird doch in allen großen Blättern ähnlich bis identisch räsoniert, die Bilder gleichen sich, sind zumindest ähnlich bei Inhalt und transportierter Aussage und es gibt sichtbare Kooperationen. Die Zeit und der (Berliner) Tagesspiegel fallen mir da immer wieder auf.

Btw. Tagesspiegel: Das mit den Aboverlusten kann auch ganz direkt laufen. Ein Berliner Freund, engagierter Beamter und Lehrer, von diversen Sparmaßnahmen bereits genervt, durfte im Tagesspiegel immer wieder mal etwas Provozierendes, Verallgemeinerndes, Negatives über den Beamtenstand lesen. Da kann man natürlich nichts machen,

außer das bereits Jahrzehnte laufende Abo kündigen...
Joachim Petrick schrieb am 01.04.2011 um 17:09
@Tom Strohschneider

Was die Frankfurter Rundschau letzlich "umbringen" wird, ist, das woran auch andere Printmedien zu "krepieren" drohen, ist das Schielen auf Werbe- Einnahmen über das reine Annoncengschäft durch gezinkte Auflagenwachstumsquoten im Momentum, statt sozialpolitischiwie wirtschaftspolitisch argumentativ, redaktionell demokratisch aufgestellt, in die Vollen zu gehen, die eigene Leserschaft als Abonnenten zu hegen und zu pflegen.

Wer die Agenda2010/Hartz IV, angeblich der Not des demografischen Faktors gehorchend, wie die Enteignung von Forderungseigentum(Begriff bei Prof. Paul Kirchhoff) breiter Schichten durchgewunken hat, wie schließlich schlussendlich auch die FR, hat seinen eigenen Zielgruppen als Abonnnten/inne "treffsicher" prekär das monetäre Wasser abgebgraben.

Die alte FR war lange tot, das komisch desolate Zwischending unter dem Label FR zerbricht, Platz schaffend, damit Neues entsteht.

"Es lebe die alte Frankfurter Rudschauf mit Sinn für die soziale, wirtschlaftliche Aufbruchs- wie Gefahrenlage ihrer Leser/innen, Abonnenten/inen"
Knüppel schrieb am 01.04.2011 um 17:11
Knüppel schrieb am 01.04.2011 um 17:52
Achtermann schrieb am 02.04.2011 um 21:17
"Die Frankfurter Rundschau ist eine der führenden überregionalen, unabhängigen Tageszeitungen." Diese Selbstbeschreibung gehört ab jetzt der Vergangenheit an. Eine hessische Regionalzeitung, die die Frankfurter Rundschau wohl werden wird, brauche ich nicht, da ich nicht in dieser Region wohne. Damit wird die FR nicht nur für mich überflüssig. Ich habe die Kämpfe der Zeitung die letzten Jahre verfolgt: die Übernahme durch die SPD, die Annexion durch den Großverleger Neven DuMont. Ich habe die Diskussionen in den FR-Blogs mitgelesen und ob der politischen Entwicklung der FR nicht wenige kündigende Abonnenten resignierend erlebt. Die überregionale Leserschaft, deren Teil ich bin, wird sich nun zwangsläufig zurückziehen müssen. Warum noch 386,53 Euro für ein Jahres-Abo zahlen, wenn der Schwerpunkt der Berichterstattung Frankfurt und Umgebung sein wird.

Doch welche überregionale Tageszeitung ist eine Alternative? Der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung ist rechts gewendet, das politische Ressort scheint ihm zu folgen. Da bleibt eventuell nur noch die FAZ, die jedoch immer gegen den Strich zu lesen wäre und mir außerdem milieufremd ist. Das wäre Trockenkost, die ich mir täglich reinziehen müsste. Auch keine erbauliche Aussicht.
Chryselers schrieb am 04.04.2011 um 00:22
Vielleicht gleich das Original nehmen, die Berliner Zeitung, denn Lokalpolitik aus Berlin ist allemal interessanter als die aus Frankfurt.
Knüppel schrieb am 14.04.2011 um 12:49
"Zukunft der "Frankfurter Rundschau"
Last exit Berlin
Bis zum Sommer läuft die Galgenfrist: Danach kommt die "Frankfurter Rundschau" bis aufs Regionale aus Berlin. Und die Redakteure wissen, wer von ihnen überlebt hat ..."
www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/last-exit-berlin/

"Gute alte bleierne Zeit
FR Bekenntnisse eines gelernten Frankfurters ..."
www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2011%2F04%2F14%2Fa0151&cHash=9d565755dc
Tom Strohschneider
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