Kultur

BILLERBÖSE | 07.04.2000 00:00 | Ingo Arend

Al dente

Eine Tagung über deutsche Schlappschwänze in Tutzing

Jung zu sein, bedarf es wenig und wer jung ist, ist ein König. Braucht sich nämlich nur zu fünft ins Berliner Hotel Adlon zu setzen, den schlechten Dandy zu mimen, bisschen über Markenartikel abzulästern und schon ist'n Buch fertig. Wird sogar gedruckt, gekauft, gefeiert. Wirkt angesichts des auflagenträchtigen Erfolgscoups des Popkulturellen Quintetts Tristesse Royale der Ruf nach "Freiheit für die deutsche Literatur!" nicht einigermassen kokett, den der Schriftsteller Maxim Biller vergangenes Wochenende in der Evangelischen Akademie in Tutzing ausstieß? Reicht heute nicht schon ein halbes Jahr Berlin-Mitte-Erfahrung, um irgendwo ein lustiges kleines Debüt durchzukriegen? Nicht nur der Boom der Erstlinge, die unter dem Generationen-Etikett den Buchmarkt ins Rotieren gebracht haben, ließ Billers rhetorische Frage: "Können die Schriftsteller von heute noch so schreiben, wie sie wollen?" seltsam abseits erscheinen. Es war vor allem das Vokabular seiner Philippika, das Manchen an dem sympathisch streitlustigen Künstler mehr verzweifeln liess als an der Egomanie, mit der er jeden Diskussionsbeitrag im demokratisch-kreisrunden Auditorium der barocken kleinen Geistesrepublik mit Alpenblick am Starnberger See auf sich bezog und allüberall Unterdrückung wähnte.

Nicht, dass die deutsche Gegenwartsliteratur hin und wieder etwas aufregender sein könnte. Aber wird sie spannender wenn alle nur noch billerböse schreiben? Feridun Zaimoglus Geschwätz vom "Innerlichkeitsgeschwätz" übersieht, dass die größten Sensationen die Sensationen des Alltäglichen sind. Und Billers Pseudokriterien "Feindschaft", "Hass" und "Härte", Synonyme für klare, drastische Plots, sind nicht nur irritierend kompatibel mit Boulevard und Schweinemedien. Sein Schrei nach "Wahrheit" und "Moral" und wie er die wachsweiche Mittelmäßigkeit der deutschen Schreiberlinge nach zehn Jahren Kohl-Diktatur geißelt, ist die plus-Variante des erhabenen Botho Strauß. Und erst sein Klippschularistoteles vom "Kampf von Gut und Böse" in einer Literatur von Geschichten mit Anfang, Mitte und Ende! Da lebt nicht nur ein traditionelles, um nicht zu sagen obsoletes Textverständnis wieder auf. Dabei ist die Realität viel komplizierter. Und gehört, wie Rainald Goetz zu Recht feststellte, in der Literatur so gebrochen verarbeitet, wie sie ist.

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Spätestens als Biller so Polaritäten einforderte, hing über der Tagung nicht nur der Schatten von Pop, wie der Wahrhaftigkeitsritter über den unversehens ausgebrochenen Streit zum Generationswechsel in der deutschen Gegenwartsliteratur greinte, sondern immer noch der Schatten des Kalten Krieges. Wie soll man seine wahnhafte Entgleisung gegenüber Joachim Bessing vom Tristesse-Quintett sonst werten, dass der verhasste Pop ein stalinistisches "Terrorregime" etabliert habe, ja eigentlich selbst nichts anderes als "Nazizeugs" sei. Zugegeben: Jungpopper Christian Krachts gebräunte Langeweile erinnerte an den aufs äußerste gespannten Gleichmut, mit dem Lawrence von Arabien in die Schlacht schritt. Aber doch nur von ferne. Fast mehr als der sexistische, selbstbefördernde Theaterdonner von Billers "Schlappschwanzliteratur" bereitete aber der unreflektierte Essentialismus Unbehagen, der sich in Tutzing Bahn verschaffte. Mehr Mut zur radikalen Subjektivität forderte Jungkritiker Georg Diez von der Süddeutschen. Doch wenn Biller vollmundig Moral einfordert, zur Begriffsbestimmung aber nicht mehr zu sagen weiss als "Ich weiß schon, was das ist", rollen schnell die Panzer, wie sich Alban Nikolai Herbst erregte. Wild zu sein, bedarf es noch weniger.

Es blieb den unaufgeregten Plaudereien eines älteren Herrn namens Joseph von Westfalen zu "Für Geld machen wir alles" vorbehalten, zu zeigen, wie man aus der Not des armen Poeten eine Tugend machen kann. So offenherzig wie der vom Feuilleton ungeliebte Vielschreiber das Nähkästchen seiner Textpraxis ausbreitete, hat schon lange keiner mehr Billers neokonservatives Ideal vom autonomen Schriftsteller, der nur für die Ehre schreibt, auseinandergenommen und die Auftragskunst rehabiliert. Natürlich verschleifen sich bei dieser Schreiberei auf Zuruf Themen- und Motivwahl, wie man wieder am Beispiel der neuen Berlinliteratur sehen kann. Nur unfrei ist man dabei aber auch nicht. Zur Zeit soll von Westphalen für eine Gourmet-Zeitschrift einen Spaghettiprüfer beschreiben. Er freut sich schon diebisch darauf, mit einem möglichst literarischen Text das Verwertungsinteresse seiner Auftraggeber zu unterlaufen. So reicht uns die neue deutsche Härte allemal - al dente.

 
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