Kultur

LAUE GLUTEN | 08.09.2000 00:00 | Kerstin Hensel

Nachts traten Rehe aus dem Wald

Zur »Jahrhundertwiederentdeckung« des Romans »Die Glut« von Sándor Márai

Vielleicht spricht es ja immer für ein Buch, dass es von jedem Menschen ganz unterschiedlich gelesen werden kann. Der Roman Die Glut des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai (1900 bis 1989) kam mir mit einer Welle des feuilletonistischen Superlativeuphorismus auf den Tisch: es wird, wie heute üblich, als eine Jahrhundertwiederentdeckung gefeiert, als erstrangig, Highlight und Meisterwerk, und damit die Vermarktungsmaschine richtig rattert, wird die anstehende Verfilmung mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle gepriesen. Den Autor stellt die Kritik in die Höhe von Joseph Roth, Robert Musil und Arthur Schnitzler; und die stilistische und kompositorische Meisterschaft Marais, die hunderttausende von Lesern zu fesseln und in einhellige Begeisterung zu versetzen weiß, raunt im Hintergrund mir zu: wer das nicht kapiert, kann nicht lesen!

Ich habe Die Glut gelesen und stehe, wie so oft, wenn ich den »Pressespiegel« vorgehalten bekomme, vor einem Rätsel. Kaum etwas, was die hochlobende Kritik dem Leser offeriert, trifft für mein Leseverständnis zu.

Der Roman, 1942 in Budapest erstmals erschienen, handelt zur Zeit des untergehenden k.u.k.-Reiches. In einem ungarischen Jagdschloss lebt seit über 70 Jahren Henrik, der Sohn eines Gardeoffiziers. Eines Tages bekommt er die Nachricht, dass sein engster Freund aus Jugendtagen, Konrad, ihn besuchen wird. Auf Konrad hat Henrik seit 41 Jahren gewartet, denn damals war etwas Geheimnisvolles geschehen: nach einem Jagdausflug war Konrad überstürzt in die Tropen abgereist. Die beiden alten Herren treffen sich nun im heruntergekommenen Schloss ihrer Jugendzeit und erklären einander in einer einzigen Nacht, was wohl damals vorgefallen war. Dabei kommen sie auf scheinbar bizarre Ereignisse und Verwicklungen zu sprechen, bei denen auch Krisztina, Henriks junge schöne Frau, eine Rolle spielte und in den Männern späte Eifersucht entfachte.

Fürwahr: das ist ein Romanstoff von weltliterarischem Format. Ein Stoff, an dem man das Jahrhundert hätte atmen lassen können. Leider aber spüre ich bei Sándor Márai so gut wie nichts von jener bedrückend-mächtigen, süßbitteren Epoche des k.u.k.-Reiches, von der Joseph Roth und Arthur Schnitzler in ihren tragisch-komischen Weisen so großartig zu erzählen vermochten. Das Talent Marais hingegen konnte mich nicht überzeugen.

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Der Roman ist nur selten erzählt, sondern Handlungen und Vorgänge werden ständig behauptet. Der zuckrige, aber humorlose Stil verhindert jede wirkliche Figurengestaltung, und die Unmenge Klischees (Wien, Monarchie, Kaiser, süßer Wein, Gewitter, Goulasch, Walzer) haben mich nichts als verärgert. Da, wo nicht erzählt wird, wird erklärt, und das geschieht fast immer. Psychologisierende Belehrungen finden sich auf jeder Seite, eingebettet in stilistisch sehr fragwürdige Bilder. So schreibt Marai beispielsweise über den alten General Henrik und seine noch ältere Amme Nini, die mit ihm im Schloss lebt: »Ihrer beider Leben wälzte sich gemeinsam vorwärts, im langsamen holpernden Rhythmus sehr alter Menschen.« Auch die häufigen Vergleiche, die manche poetisch nennen wollen, finde ich nur kitschig und verblasen. Drei Beispiele von vielen: »Es war ein großer hundertjähriger Ofen, aus dem die Wärme strömte wie die Gutmütigkeit aus einem dicken, trägen Menschen, der seinen Egoismus mit einer wohlfeilen Tat mildern möchte.« - »Nachts traten Rehe und Hirsche aus dem Wald, blieben im Schnee im Mondlicht stehen und beobachteten die beleuchteten Fenster mit schiefgelegtem Kopf und mit ernsten Tieraugen, die wundersam blau schimmerten, während sie der Musik lauschten, die aus dem Schloss sickerte...« - »Das Haus schloss die Stille ein wie einen wegen seines Glaubens verfolgten Häftling, der benommen, bärtig und zerlumpt im Kellerverlies schmachtet, auf schimmeligem verrottetem Stroh...« Wenn der Erzähler die Geschichte der Knabenfreundschaft zwischen Henrik und Konrad vorstellt, geschieht das in gestelzten Sätzen wie »So lebten sie im blendenden Lichtflimmern der Jugend...«; oder, geht es um Männerbünde, heißt es pathetisch und ohne jegliche Ironie: »Doch hinter den Frauen, den Rollen, dem Gesellschaftsleben schwebte ein Gefühl, das stärker war als alles andere. Ein Gefühl, das nur die Männer kennen: Freundschaft ist sein Name.« Durch den ganzen Roman, der zwar das Kranke und Morbide der Gesellschaft aufzugreifen versucht, dringt der blasse, alles aussprechende Ton des wissenden Märchenonkels, des Erzählers, und gibt zu erkennen, dass Marai wohl eher Publizist als Romanautor ist. Wenn die beiden alten Männer nach 41 Jahren endlich aufeinandertreffen, lässt Marai sie über Dutzende von Seiten Allgemeinplätze aufsagen, die von Freundschaft, Rache, Treue, Töten und raunendem Schicksal handeln. Das ist weder komisch noch spannend, sondern einfach ungekonnt. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass Offiziere und Generäle einander derartige Psychoreferate zum besten geben, glaube ich, dass weder Roth noch Schnitzler ihr Jahrhundert in so unvollkommener Weise behandelt hätten. Die Glut als Roman war für mich also eine Enttäuschung. Aber vielleicht rettet mich ja der Film, und ich kann mich wieder mit allen der gnadenlosen Faszination hingeben.

Sándor Márai: Die Glut. Roman. Piper Verlag, München 1999, 223 S., 24,- DM

 
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