Noch ist der Vorhang geschlossen, der Saal hell erleuchtet, da betritt ein junges Paar die schmucklose Vorbühne, er (Fabian Hinrichs) mit einer Gitarre bestückt, sie (Annika Kuhl) mit einem Tambourin. In Kleidung, Frisur und Habitus sind sie direkt den frühen Siebzigern entsprungen. Noch ist nicht ausgemacht, ob es sich um Sonny Cher oder Cindy und Bert handelt, um Kunst oder Kitsch, da stimmen sie Bob Dylans Blowin' in the wind an. Ein Indianer tritt hinzu (Bernhard Schütz), dann ein Uniformierter (Michael Klobe). Misstrauisch beäugen sie einander, endlich wiegen sich alle gemeinsam im Takt. Eine Nonsens-Version von American Pie sorgt für ironische Zwischentöne, und die letzte Zeile von Angie lässt erste Befürchtungen aufkommen: "Niemand kann sagen, wir hätten es nicht versucht."
Leitmotivisch sind in dieser zehnminütigen Ouvertüre zu dem dreistündigen Abend die Figuren und Konflikte der Legende vom Glück ohne Ende, wie das Buch von Ulrich Plenzdorf, der Legende von Paul und Paula, wie der Film von Heiner Carow, von Paul + Paula, wie es in der Volksbühne heißt, versammelt. Denn auch wenn es in der DDR spielt, war und ist es weniger ein Stück über den "Osten" als vielmehr über eine Generation - jene Generation, deren paradoxes Lebensgefühl aus einem unbedingten Individualismus die Utopie einer Gesellschaft gebar, die allen real existierenden überlegen war, weil sie von der absurden Hoffnung geprägt war, dass selbst bei einem linientreuen und uniformierten Karrieristen wie Paul Hopfen und Malz nicht verloren ist.
"Hippies" nannte man diese Naiven, deren Naivität nicht Dummheit, sondern einer Überzeugung entsprang. Und weil gemeinsamer Nenner nicht eine Ideologie, sondern die Musik war, waren sie im Westen ebenso wie im Osten anzutreffen. Der RIAS war schließlich hüben wie drüben zu hören.
Als ein solches "Hippie"-Paar präsentiert das Vorspiel Paul und Paula, die Glücksucher; im Indianer lässt sich "meine Person" erkennen, die Nachbarin, die im Buch die Legende von Paul und Paula erzählt. Und im Uniformierten begegnet der ganze Rest, die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, der Staat. Und solange der Vorhang geschlossen, das Licht angeschaltet bleibt, bleibt die Utopie lebendig. Im Leben wie im Theater.
Kaum öffnet sich der Vorhang, setzt Ernüchterung ein. Ein sommerlicher Kleingarten in der Einflugschneise, im Hintergrund blinkt der Fernsehturm am Alex (Bühne Bert Neumann). Die ersten Takte von Donovans Hey Atlantis erklingen vom Band. Ist dies der legendäre Ort der Wunscherfüllung? Man trifft sich zum abendlichen Grillen. Alt sind sie geworden, die aus der Gegend rund um den Ostbahnhof stammen und jede freie Minute hier draußen verbringen. Aber für das Grillfleisch will sich so recht niemand erwärmen: "BSE".
Mit diesen ersten Bild- und Tonfetzen etabliert die Inszenierung eine Zeitform, in der Gegenwart und Vergangenheit ununterscheidbar zusammenfallen, die keinen Verlauf und keine Veränderung kennt und deshalb auch keine Trennung zwischen Vor- und Nachwendezeit, zwischen DDR und FNL. Der Trott ist ohnehin derselbe.
Saft (Gerd Preusche) war damals der Erste hier. Ein älterer, sympathischer Mann, der als Reifenhändler manche Mark auf die Seite bringen und sich einen Bungalow bauen konnte. Gern hätte er ihn mit Paula geteilt. Aber dann hat sie sich doch für ihr Glück und für Paul entschieden. Und so ist halt eine Andere Frau Saft geworden (Hildegard Alex). Nach und nach sind sie ihm aus der Singerstraße gefolgt: der Lockenkopf Collie (Bodo Krämer), Paulas Ex, die schöne Ines (Karin Ugowski), Pauls Frau, die jetzt mit einem Tanzlehrer (Winfried Wagner) zusammenlebt, und all die anderen aus den alten Zeiten.
"Von uns Alten ist keiner mehr am Leben", sagt Saft. Und gemeinsam rollen die "Untoten" die Legende von Paul und Paula auf. Die sind jung, laufen sich zufällig über den Weg und verlieben sich unsterblich ineinander. Aus ihrer ersten gemeinsamen Nacht macht die Inszenierung ein im höchsten Maße poetisches Moment. Die Szene in gedämpftes Licht getaucht, versammeln sich die Freunde und Nachbarn und sehen dem jungen Glück neidlos zu. All together now singt Paul McCartney. Diesmal sorgt der Professor (Ulrich Voß) für Ernüchterung: "Die sind alle tot."
Dabei hatte er Paula nachdrücklich gewarnt. Eine dritte Schwangerschaft würde sie nicht überleben. Aber wenn sie Paul doch so sehr liebt? Außerdem ist doch ihr Junge gestorben, als er aus dem Kino auf die Straße und direkt in ein Taxi gelaufen ist. Im Kino gab's einen Indianerfilm.
Der Indianer heißt Berni. Haußmann hat Plenzdorf beim Wort genommen, und aus der objektivierenden Erzählerfigur "meine Person" ist der radikal subjektive Blick eines ziemlich groß und ziemlich wild geratenen Kindes geworden. Wie ein Berserker tobt es durch die Inszenierung, weil sein Erfahrungshunger und Wissensdurst unstillbar sind und es hautnah dabei sein will.
Durch die Veränderung der Zeit und des "Ichs" der Erzählung gelingt der Inszenierung der unsentimentale Blick zurück auf das, was aus der alten Legende vom Glück ohne Ende geworden ist - unsentimental zwar, aber durchaus melancholisch, vor allem aber ohne allzu großen Zorn. Denn Haußmann weiß, dass er in der Unterhaltungsbranche tätig ist. Und so sorgt manch stiller Scherz und manch offene Anspielung dafür, dass auch der Teil des Publikums, dem die Vorlage nicht bekannt ist, auf seine Kosten kommt.
Der Einzige, der garantiert nicht auf seine Kosten kommt, ist Bernie. Denn dem Kind ist es unmöglich, das Treiben der Erwachsenen, das er für ein aufregendes Abenteuer hält, als Scheiß-Spiel zu durchschauen. Bis zum Schluss jedenfalls. Bis Paula tot und der nächste Grillabend in der Einflugschneise angesetzt ist. Die letzten Takte von Hey Atlantis ertönen vom Band, da beschließt Berni, das Reservat zu verlassen und in die "große weite Welt" zu ziehen. Im vollen Ornat eines Häuptlings klettert er auf das Dach. Von dort oben kann er sie immerhin erahnen. Und niemand kann sagen, er hätte es nicht wenigstens versucht.