Dass Disney sein Dschungelbuch alle sieben Jahre neu in die Kinos bringt, leuchtet ein: So wird die jeweils heranwachsende Generation mit diesem Filmerlebnis grundversorgt und darüberhinaus auf die hauseigene Produktlinie geeicht. Filme, die es nicht so weit gebracht haben, integraler Bestandteil von Kindheit zu sein, brauchen für ihre Wiederaufführung ausgefeiltere Begründungen. Die gängigste läuft unter dem Emblem Director's Cut und nährt sich aus der Legende vom genialen Regisseur, der vom Produzenten gezwungen wurde, wichtige, wenn nicht die wichtigsten Szenen aus seinem Film herauszuschneiden. Gerade erreicht uns die Nachricht, dass auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes eine 206-minütige Fassung von Apocalypse now zu sehen sein wird (einst dauerte der Film 153) - Francis Ford Coppola will nicht nur ursprüngliche Szenen wieder eingefügt, sondern den Film komplett neu montiert haben. In wenigen Wochen kommt nach fast dreißig Jahren der Exorcist wieder in die Kinos, ergänzt um allerlei Unheimlichkeiten, und wenn das so weitergeht, wird sich die Filmgemeinde im Jahr 2101 in unversöhnliche Glaubensfraktionen gespalten haben, die ihr Credo auf jeweils andere Fassungen gründen und erbittert um die Exegese einzelner Filmschnipsel kämpfen.
Apropos in die Zukunft schauen: An Stanley Kubrick konnte man anscheinend nicht mehr rechtzeitig herantreten mit der Idee, die einst unmittelbar nach der Premiere von ihm selbst herausgeschnittenen 23 Minuten zum Re-Release von 2001 - Odyssee im Weltraum wieder einzufügen. So muss als Begründung für die Wiederaufführung dieses Werks allein sein Titel herhalten. Was, das hat 1984 bereits gezeigt, solchen Werken nicht unbedingt gut tut, wird ihr vorausschauendes Potential mit dem Wörtlich-Nehmen des angegebenen Datums doch allzu leicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Womit nicht gesagt sein soll, dass Kubricks Blick aus dem Jahr 1968 ins Jahr 2001 heute lächerlich wirkt. Sicher, eine Expedition zum Jupiter scheint unwahrscheinlicher als damals, genauso ein Umsteigebahnhof auf dem Mond wie überhaupt inzwischen die gesamte bemannte Raumfahrt niemandes Phantasie mehr anregt. Aber allein um über diese Wandlungen der kollektiven Phantasie nachzudenken, lohnt sich vielleicht die Wiederbetrachtung der Odyssee im Weltraum.
Auf eigentümliche Weise mystifiziert Kubricks Film das All und banalisiert es zugleich - ein seltsames Zusammenspiel von Überschätzung der Technik und deren Entzauberung, das aus heutiger Sicht sehr viel Sechziger-Jahre-Zeitgeist ausstrahlt. Zwar haben wir immer noch keine Computer, die die menschliche Sprache verstünden, und deshalb auch keine, die neurotisch werden könnten und wegen Bösartigkeit abgeschaltet werden müssten wie der berühmte HAL 9000 - aber welcher PC-Benutzer imaginiert sich nicht täglich sein Arbeitsgerät als Lebewesen, dessen Launen er ausgesetzt sei. Was allerdings in Kubricks Film noch als Warnung vor der Machtübernahme durch Maschinen daherkommt, ist heute zum Alltagswitz geworden. Der Glaube an deren Kapazität mag ungebrochen sein, von ihrer Unfehlbarkeit ist niemand mehr zu überzeugen.
Aber der besondere Spaß des Science Fiction besteht genau darin, das Noch-nicht-Mögliche als beiläufigen Alltag zu zeigen. In dieser Hinsicht sind nicht die endlosen Szenen des im All Schwebens die amüsantesten in 2001, sondern das zwanglose Gespräch zwischen Amerikaner und Russen beim Umsteigen auf der Mondstation: Die Lockerheit und Vertraulichkeit, mit der hier von den nächsten Verabredungen geredet wird ("Ihr müsst unbedingt eure reizende kleine Tochter mitbringen") dürfte 1968 eine wahrlich utopische Vorstellung gewesen sein.
Was Kubricks Film allerdings heraushebt aus der Masse von primitiven Vorstellungen, die den science fiction trotz des Emblems von "Wissenschaftlichkeit" zum Schmuddelgenre haben werden lassen, ist weniger seine Technikkritik als vielmehr jene psychedelisch-mystischen Sequenzen, in denen das All sich sozusagen nach Innen, ins Innerste des Menschen stülpt. Der rätselhafte Schluss, der nur über Bilder ohne Erklärung funktioniert, zeigt letztlich die Zurückgeworfenheit des Menschen auf sich selbst: Das All antwortet uns nicht. Diese Erfahrung ist heute noch aktuell.
Strukturell gleicht die Odyssee darin im übrigen dem vier Jahre später entstandenen Solaris von Andrej Tarkowski, der hier als Ergänzungsprogramm zur Zukunftsforschung der Vergangenheit empfohlen sei. Wo bei Kubrick alles hell und neu erstrahlt, sind bei Tarkowski die Gerätschaften sichtlich abgetragen und benutzt, der Traum von der Eroberung des Weltalls bereits ausgeträumt - kommen von dort doch nur die ureigensten Seelengespenster zurück.