Kultur

Geschlechter | 02.11.2001 00:00 | Im Gespräch

Abschieben auf die "Gender-Tussies"?

Heike Kahlert zu Sinn und Unsinn spezialisierter Gender-Studiengänge

Heike Kahlert hat 1996 im Auftrag der hochschulübergreifenden "Gemeinsamen Kommission Frauenstudien/Frauenforschung" eine Studie zum Stand der Frauen- und Geschlechterforschung in der Lehre in Hamburg durchgeführt und von 1998 bis Mitte 2000 in einer hochschulübergreifenden Arbeitsgruppe zur Konzeption des Studiengangs Gender Studies mitgearbeitet.

FREITAG: Hamburg wagt mit dem Wintersemester 2001/02 den Einstieg in einen Studiengang "Gender Studies". Fühlen Sie sich bestätigt?
HEIKE KAHLERT: Ich empfinde die Institutionalisierung nicht nur in Hamburg, sondern auch anderswo als ambivalent. Diese Studiengänge haben etwas sehr Spannendes und sind sicher nötig, die Problematik aber liegt darin, dass mit der Institutionalisierung die Geschlechterfrage von den Einzelfächern abgezogen wird. Selbst wenn es "Mathematik und Gender" oder "Betriebswissenschaft und Gender" heißt, werden Gender Studies doch als etwas Eigenständiges wahrgenommen. Das erfahre ich im Gespräch besonders mit männlichen Kollegen aus den Natur- und Technikwissenschaften, aber sogar auch aus der Soziologie, wo die "Queer Professur" eingerichtet werden soll. Die sagen: die Frauen haben da jetzt ihr eigenes Fach - was hat das mit uns noch zu tun?

Welchen Impuls für Ihr Fach Soziologie hätten Sie sich gewünscht?
Wenn man über Impulse für das Fach redet, muss man über die eigene Hochschule hinausgucken. Meine Intention ist, dass die Soziologie in angemessener Art und Weise Genderfragen ins Fach integriert, dass z.B. eine Modernisierungstheorie selbstverständlich auch fragt, welche Impulse gibt das Geschlechterverhältnis für den Wandel im Modernisierungsprozess? Diejenigen, die "Gender" als wissenschaftlichen Begriff zu etablieren versuchen, haben immer gesagt, wir wollen eine Querschnitts-Sicht, wir wollen als Perspektive in den Fächern vertreten sein. Das passiert aber nicht. Nehmen Sie die Forschung zur sozialen Ungleichheit, da wird heute noch gesagt, sie sei mit dem Begriff der "Klasse" zu beschreiben oder vielleicht mit dem der "ethnischen Zugehörigkeit", "Geschlecht" aber ist nur eine randständige Kategorie der Forschung zur Sozialstruktur. Ich wünsche mir, dass es ein Zusammendenken gibt.

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Ihrer Meinung nach erlaubt das Hamburger Modell, die kritischen Fragen an die eigene Theorie auf die "Gender-Tussi" abzuschieben?
Ja. Die Fächer nehmen die neugewonnenen Ressourcen entgegen, delegieren die inhaltliche Entwicklung aber an den Studiengang. Man hätte Gender Studies in den einzelnen Fächern auch als jeweils festen Bestandteil der Studienordnung etablieren können.
Die Lehre in den neu geschaffenen Professuren soll zu 50 Prozent den "Gender Studies" gewidmet sein, das verpflichtet doch zumindest die Professorin, von ihrem Fach aus in Richtung Geschlechterfragen und umgekehrt zu denken. Es kommt darauf an, wie die neuen Professuren im institutionellen Gesamtgefüge wahrgenommen werden. Welchen Status erhält die Professorin in ihrem Institut? Die C3-Professuren sind zunächst Stellen auf Zeit, solche werden immer niedriger eingeschätzt als Dauerstellen. Zudem besteht die Gefahr, dass die neue Professorin nicht wirklich integriert wird. Wenn sie einen Teil ihrer Lehrverpflichtung den "Gender Studies" widmen muss, dann kann das wahrgenommen werden, als würde dem Fach Kapazität abgezogen.

Was ist das Hamburger Profil?
Das Profil muss in den nächsten Jahren durch die Besetzung der Stellen weiterentwickelt werden. Was im Moment heraussticht, ist, dass es darin auch Queer Studies gibt, die mit einer eigenen Stelle etabliert werden. Ich glaube aber, dass es insgesamt zu kurz greift, das zum einzigen Profil zu machen. Und noch mal als Kritik: es ist sehr unglücklich gelaufen, dass eine Entscheidung gefällt wurde, in welchen Fächern die zehn "Sonderprofessuren" eingerichtet wurden, ohne dass man vorher eine dezidierte Profilentwicklung des Studiengangs gemacht hat. Man hätte ja auch sagen können: Wir wollen diese und jene Schwerpunkte, und die statten wir jetzt mit Stellen aus. Dieser Weg ist nicht gegangen worden.

Das Gespräch führte Birgitta M. Schulte

 
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