Kultur : Mugezi in der Clangrube

Den ugandischen Autor Moses Isegawa quält die Frage, warum in der Politik immer Monster auf Monster folgt

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Ein Epos gilt als eine große Sache, als Summe eines gereiften Autors, der über die Jahre angeeignete Fertigkeiten in ein voluminöses Projekt investiert. Häufig führt dies zu einer Abfolge der Generationen, wechselhaften, aufregenden Lebenswegen, die gerne vor einem weitgespannten Zeitpanorama entfaltet werden. Ein Epos besitzt einen erhöhten Aufmerksamkeitswert, und so manch ein Autor hat diesen Umstand genutzt, um mit Aplomb auf dem literarischen Markt zu erscheinen. Warum auch nicht. Thomas Mann hat es damit überraschenderweise bis zum Nobelpreis gebracht, und so hat es ihm der ugandische Autor Moses Isegawa mit der Abessinischen Chronik nachgetan.

Dieses Debüt eines jüngeren Autors ist pure Ambition und Ausdruck eines immensen Mitteilungsbedürfnisses. Isegawa will die Geschichte Ugandas von den Clan-Strukturen, wie sie das Land bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch dominierten, bis zur Emigration der Hauptfigur in die Niederlande während der siebziger Jahre erzählen, und er macht es durchaus gut. Ihm fehlt zwar das Bewusstsein für literarische Formfragen, er begeht leichte Fehler, wenn er einfache Informationen, die einmal mitzuteilen ausreicht, innerhalb weniger Seiten wiederholt, und manch eine Nebenfigur tritt nach langer Abwesenheit nur mäßig motiviert wieder auf. Doch wenn die zuweilen ungewollt unordentliche Erzählökonomie hingenommen wird, ist die Abessinische Chronik ein lesenswerter Roman, der viele Vorzüge des literarischen Realismus ausspielt.

Isegawas Roman verfolgt das Leben einer rhizomatischen Familie, mit Haupt- und zahlreichen Nebenfiguren, über einen Zeitraum von etwa drei Jahrzehnten, mit dem Schwerpunkt auf der Herrschaftszeit Amins und dem Bürgerkrieg, der am Ende seiner Regentschaft ausbrach. In dieser Zeit wird Isegawas Held Mugezi erwachsen. Sein Großvater, einst ein bedeutender Führer seines Clans, kommt in den letzten Tagen des Diktators erbärmlich ums Leben, seine Familie wird durcheinandergewirbelt, Muzegi schlägt sich, ein wenig pikarisch, ein bisschen nach Art eines Entwicklungsromans durchs Leben.

Mugezis Schicksal liegt dem Autor besonders am Herzen. Er durchläuft einen Isegawa vergleichbaren Lebensweg. Er wächst in einem Familienclan auf, besucht ein Priesterseminar, erlebt die gewalttätigen politischen Katastrophen und emigriert schließlich. Mit der Figur Muzegis hat Isegawa aber auch ein Problem geschaffen. Der älteste Sohn unter dreizehn Kindern wächst unter einer abscheulichen Mutter und einem absenten, mit seinen Nebenfrauen beschäftigen Vater auf. Die Familie spiegelt getreu das unerfreuliche politische Leben und Mugezi fragt sich, ob es nicht schön sein könnte, selber ein kleiner Idi Amin zu sein und aus diesem gesamte Lebenselend gewaltsam und autokratisch auszubrechen. Isegawa möchte verstehen, wie so etwas wie Idi Amin, der Bürgerkrieg, Bösartigkeit und Gewalt gedeihen, und gleichzeitig hasst er all das aus dem Grunde seiner Seele. Für die Figur des Mugezi gibt es keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Er soll das Schicksal seines Landes verständlich machen und er soll seine Integrität und Autarkie bewahren. Er soll Idi Amin und einen netten Menschen vorstellen, dessen Lebensfreundlichkeit selbst unter miserablen Umständen intakt bleibt.

In der Abessinischen Chronik wird dieser Zwiespalt nicht aufgelöst, aber er hat den Autor so weit beschäftigt, dass er darüber ein neues Buch geschrieben hat. In Die Schlangengrube geht er sein Problem bescheidener und gleichzeitig plausibler an. Die Herrschaft Idi Amins beschäftigt Isegawa weiter, denn hier liegt für ihn der Schlüssel zum Verständnis seines Landes. Er will herausfinden, warum nur Gewalt auf Gewalt, ein Monster dem anderen folgt, und dies auch noch den Beziehungen, in denen die mehr oder weniger an der Macht partizipierenden Figuren stecken, entspricht.

Bat Katanga ist ein Nachfahre von Joseph Fouché, jenes legendären Polizeiministers Napoleons, der als Urbild des modernen, machtbewussten Technokraten dient. Katanga ist weniger perfekt als das große Vorbild, aber dennoch ein Organisator, der seinen Apparat, das Verkehrsministerium, perfekt beherrscht. Letztlich wird er zwischen den Kabalen der Generäle aufgerieben, eingesperrt und gefoltert, aber er überlebt Amins Regime. Isegawas zweiter Roman spielt in der großen Politik und beschert einen guten Einblick in die Rangeleien intriganter Egomanen. Der Wettbewerb, wer dabei fieser und korrupter vorgeht, wird letztlich nur vorübergehend entschieden, denn das System ist instabil und kann nicht anders als in absehbarer Zeit kollabieren. Einige Kotzbrocken überleben, andere nicht, neue ersetzen die dahingegangenen. Es ist nicht so, dass es hoffnungsfrohe Ausblicke und Lichtstreifen gäbe, aber einiges, woraus etwas anderes hätte entstehen können, bleibt auf der Strecke. Isegawa situiert diese Regungen vor allem in den Frauenfiguren. Victoria etwa kommt aus miserablen Verhältnissen. Sie ist eine schöne Frau, die von einem General aufgenommen und dann als Spitzelin gegen Bat Katanga eingesetzt wird. Sie verliebt sich in ihn, gerät zwischen die Fronten und geht an ihrer Liebe zugrunde.

Isegawas Figurenkonzeption ist oft schematisch. Das bessere, freundliche Lebensprinzip findet sich immer auf Seiten der Opfer; das Gute ist naiv und chancenlos; dass mitunter auch Aliens auf der Strecke bleiben, ist Teil des Machtspiels. Selbst die kleinen Amins werden nicht zu Menschen, wenn ihre Familien, ihre Frauen, unter den Ränkespielen leiden, sondern erhöhen den Einsatz. Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, dass die Täter eindimensional bleiben, allzu oft bestätigt die Realität das Klischee, und die Forderung, psychische Feinheiten aus groben Klötzen herauszuholen, kann getrost dem ortsansässigen Psychiater vorbehalten bleiben. Doch die schlichte Dichotomie von Täter und Opfer, Mann und Frau, ist ein konzeptioneller Mangel, der das Lesevergnügen schmälert.

Isegawas Romane sind phantasievoll und mit viel Kolorit geschrieben. Uganda ist ein vergessenes Land. Mehr als gelegentlich eine kleine Meldung ist es nicht wert. Die Romane von Moses Isegawa erzählen auch von der Arroganz, die in dieser Nachlässigkeit liegt.

Moses Isegawa: Abessinische Chronik. Roman. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. Blessing-Verlag, München 2000, 606 S., 23,45 E. TB: Goldmann-Verlag, München 2001, 12,50 EUR


Moses Isegawa: Die Schlangengrube. Roman. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. Blessing-Verlag, München 2002, 318 Seiten, 21,90 EUR