Kultur

Im Kino | 31.01.2003 00:00 | Gerhard Midding

Etikettenschwindel

»Catch me if you can« von Steven Spielberg zeigt einen talentierten Betrüger und seinen fürsorglichen Verfolger

Wer von uns wäre schon in der Lage, die Herkunft beispielsweise eines Champagners zu erraten, wenn auf der Flasche das Etikett fehlt? Markennamen entlasten uns, ersparen uns die Prüfung. Sie sollen Vertrauen einflößen und uns in Gewissheit wiegen, dass unser Geld gut angelegt ist; treuhänderisch, das würden wir allzu gern glauben, wachen die Firmenlogos über die Güte des Produktes.

Als wir Frank jr. (Leonardo DiCaprio) zum ersten Mal sehen, entfernt er bei einer Feier zu Ehren seines Vaters (Christopher Walken) das Etikett von einer Flasche. Durch den ganzen Film wird sich dies Motiv ziehen, eine verspielte Zwangshandlung, die Steven Spielberg als Spur ausgelegt hat zum Charakter seines Helden. Aber er lässt in der Schwebe, ob der halbwüchsige Frank nun fasziniert ist von den Versprechen, die die Etiketten den Konsumenten geben - oder ob er sie bereits entlarvt hat und seine Umgebung auf die Probe stellen will. Aber vielleicht durchschaut er sogar die tapferen, augenzwinkernden Lebenslügen seines Vaters, der das Selbstbild von Unternehmungsgeist und Erfolg immer schwerer wird aufrecht erhalten können?

Catch me if you can beruht auf den gleichnamigen Lebenserinnerungen des pfiffigen Hochstaplers und Scheckfälschers Frank W. Abagnale jr., der, noch bevor er volljährig wurde, in den sechziger Jahren mehrere Dollarmillionen erschwindelte, indem er sich als Pilot ausgab und nebenher als Arzt und Anwalt praktizierte. Das Etikett, mit dem er sich Zutritt verschaffte zur Welt der Erwachsenen und des Luxus, war eine schneidige Pilotenuniform von Pan Am. Der gute Name, mit dem er bezahlte, war seinerzeit »the most trusted name in the sky«. Spielbergs Film versetzt uns zurück in eine vertrauensseligere Zeit, als Amerika nach der Rückgewinnung bürgerlicher Gewissheiten nun von Mobilität und Weltläufigkeit träumte; eine Zeit, in der Piloten auf der Straße Autogramme geben mussten und der Anblick ihrer Uniform die Herzen der strengsten Bankkassierinnen öffnete. Die Wiedersehensfreude, die einem der Anblick des Pan-Am-Logos über der Skyline von New York bereitet, ist nicht nur ein Emblem der Sehnsucht nach unschuldigeren Zeiten, sondern gemahnt auch daran, dass wir gewiss ebenfalls auf Abignales Ettikenschwindel hereingefallen wären.

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Dabei entlarvt Spielbergs diskreter Ausstattungsfilm, der die Epoche weder vulgärer Nostalgie noch Spott preisgibt, die Gutgläubigkeit der Zeitgenossen mit eher beiläufigem satirischen Furor. Die Komplizenschaft, die er herstellt, ist letztlich keine schadenfrohe, sie beruht vielmehr auf dem Vergnügen, zuzusehen, wie ein Talent sich entfaltet. Dass einem amerikanischen Teenager alles möglich ist, er sich die Welt aneignen kann kraft halbwüchsiger Phantasie und Findigkeit, ist eine Botschaft, mit der Hollywood seit Spielbergs frühen Filmen seinem Zielpublikum schmeichelt. Hier erhält sie jedoch eine melancholische Variante. Abagnale ist keiner, der dazugehört. DiCaprio verleiht ihm zwar das, was ein früherer Spielberg-Held einmal panache nannte: eine gewinnende Art, eine verdiente Souveränität. Aber insgeheim steht diese amerikanische Erfolgsgeschichte im Zeichen des Verlustes. Ihre Wendungen motiviert Jeff Nathansons Drehbuch regelmäßig mit der enttäuschten Hoffnung Franks, seine Familie würde nach der Scheidung der Eltern wieder zusammenfinden. Soziale Mobilität und Luxus besitzen einen nur flüchtigen Reiz für ihn. Das Mädchen, in das er sich zwischenzeitlich verliebt, ist keine glamouröse Trophäe, sondern verkörpert seine Sehnsucht nach Normalität und Geborgenheit. Spielberg ist mit diesem Film sein vielleicht schönster, gewiss sein wehmütigster Familienfilm gelungen.

Eine Tragikomödie der Erlösung: die Banken, in denen sein Held seine kunstvoll gefälschten Schecks einlöst, hat Kameramann Janusz Kaminski wie Kathedralen ausgeleuchtet. Mit den Jahren wird der einzige Fixpunkt in Abagnales notwendig flüchtiger Existenz sein erbitterster Verfolger, der FBI-Agent Carl Hanratty (Tom Hanks), dem er bis zum Ende jeweils um Haaresbreite entwischt. Eine innige Zugehörigkeit legt das Drehbuch hier an, die weit über die genretypische Abhängigkeit zwischen Jäger und Gejagtem hinausgeht und sogar die Konvention des gegenseitigen Respekts überschreitet: ein exklusives Ringen um Vertrauen. Hanks spielt den Fälschungsspezialisten des FBI als fürsorglichen Verfolger. Die Figur ist eine lässliche Erfindung des Drehbuches, zusammengesetzt aus zahlreichen realen Vorbildern. Das Dilemma, dass selbst noch die spektakulärste Biographie ungefügig wirken kann angesichts der dramaturgischen Anforderungen eines Films, löst Nathansons Buch in seiner motivisch sorgsamen Strukturierung auf. Noch die Leichtfüßigkeit, das offenbart sich schon im einfallsreichen Vorspann, wo die Geschichte als Animationssequenz entfaltet wird, ist in diesem Film überaus präzise choreografiert.

 
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