Kultur

Schönheit und Schock | 26.03.2004 00:00 | Michael Braun

Ich rieche die Pferde in Polen

Der slowenische Dichter Tomaz Salamun ist Provokateur, Blasphemiker, Maskenspieler

Ist er ein "Scheusal" oder ein "Genie", gleicht er eher einem "Seeräuber", einem "Monstrum" oder doch mehr dem asketischen "hl. Franziskus"? Tomaz Salamun, der produktivste Störenfried und wortmächtigste Häretiker in der slowenischen Gegenwartsliteratur, hat viele widersprüchliche Selbstbeschreibungen parat. Es hat sehr lange gedauert, bis man hierzulande von dem ausdauerndsten Rebellen der südosteuropäischen Literaturszene Notiz genommen hat. Erst mit 30-jähriger Verspätung kann man jetzt die ketzerische Wort-Kunst des Autors Salamun kennen lernen, dank des großen Übersetzers Peter Urban und dank des Entdeckermuts der Wiener "Edition Korrespondenzen".

Der erste Versuch, die Dichtkunst des in Ljubljana lebenden Tomaz Salamun den Deutschen nahe zu bringen, war 1972 nicht sonderlich erfolgreich verlaufen. Seit seinem poetischen Debüt im Jahr 1966, als er sich mit seinen spektakulären Aktionen in der kleinen Avantgarde-Szene seines Landes um jede Karrierechance brachte, hat Salamun viele Provokations-Gesten, Häretiker-Rollen und Protestmuster durchgespielt: den spöttischen Herausforderer der Macht, den Avantgardisten-Schreihals, den Russenschreck, den Zertrümmerer der Tradition. Und er hat alle diese Haltungen mit großer Unerschrockenheit bis in die letzte ästhetische Konsequenz ausprobiert. Das trug ihm 1964, als der damals 23-jährige Redakteur einer Literaturzeitschrift mal wieder gegen die Doktrinen der jugoslawischen Kulturpolitik aufbegehrt hatte, eine Gefängnisstrafe von zwölf Jahren ein. Der internationale Protest gegen die titoistische Willkürjustiz bewirkte die Freilassung des Dichters nach fünf Tagen Haft. Seither ist S?alamun eine Ikone der südosteuropäischen Avantgarde, auch wenn sein Ketzer-Ruhm in Slowenien allmählich zu verblassen scheint, wie der Autor selbst in einem Gespräch mit der Zürcher Kritikerin Ilma Rakusa selbstironisch eingeräumt hat.

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Was er allerdings 1966 in seinem lyrischen Erstling Poker vorlegte, ist auch heute noch dazu geeignet, die altehrwürdig-harmonisierenden Vorstellungen von Lyrik zum Einsturz zu bringen. Da ist der grimmige Fanfarenstoß des Avantgardisten, der mit der ungebärdigen Aufladung des eigenen "Ich" jedwede Ansprüche eines Kollektivs verscheucht. Salamun folgt ähnlichen Initiationsriten wie die Avantgardebewegungen Westeuropas: Die Phantasie verhängt den Ausnahmezustand, die funktionale Vernunft wird außer Kraft gesetzt und die Sinne erklären ihre Autonomie. Alles, was sich den Phantasmagorien des "Ich" in den Weg stellt, wird mit kühnen Metaphern und überraschenden Bildeinfällen beiseite geschoben. Nicht nur die Ideologien des einheimischen und des importierten Kommunismus, sondern auch jede Form von Bedächtigkeit oder Verhaltenheit werden vom Assoziationsstrom mit fort gerissen. Es geht ziemlich lautstark zu in diesen frühen Gedichten, der Dichter zeigt sich verknüpfungssüchtig und rauschbereit.

An Gerüchen und rauschhaften Augenblicken der Vergangenheit entzündet sich die Poesie: ich rieche die pferde in polen, in elblag ruinen / ich rieche das wasser, das blut, die riesigen bretter auf den gestellen / in der tatra verschwindet jürgen, mit fackeln und hunden haben sie / ihn herausgeholt als er schon nicht mehr atmete / fresken im campo santo, jeden tag lade ich acht tonnen ab / die straßen manhattans rieche ich, dampf spritzt, mit dem kopf / krache ich gegen taxidächer/... mimikry rieche ich, ich rieche monterey ... So regiert in den frühen Gedichten ein Sturm-und-Drang-"Ich", das vor Vitalität und Übermut zu bersten scheint. In langen Reihungen und Wiederholungen und mit langem Atem durchstreift der Dichter sein Terrain, und es entstehen schöne Rhapsodien, die einmal an Helmut Heissenbüttels listige "Textbücher" und dann wieder an die großen Litaneien der Beat Poets erinnern. Bei jeder Gelegenheit suchen Salamuns frühe Verse die Verbindung von Schönheit und Schock, den rüden Zusammenprall von hohem Ton und schriller Dissonanz: ich rieche die concordance des temps, / ich schmuggle afghanistan / wettlauf zwischen kassierer und fatima, ich rieche die hure auf / den schultern der soldaten /... ich rieche schlauheit und verbrechen / ich rieche transgression, ich rieche, schlafe.

Die poetische "Transgression", die Überschreitung poetischer Geschmacks- und Tabu-Grenzen ist eine Lieblingsbeschäftigung Salamuns. Das gelingt in den ganz frühen Gedichten noch besser als dann Anfang der siebziger Jahre, als Salamun zu einer seiner ausgedehnten USA-Reisen aufbricht und in San Francisco und New York die Nachfahren der Beat Poets entdeckt. Frucht dieser Begegnung sind weit ausschwingende Erzählpoeme, in denen Salamun den rhapsodischen Ton und die kolloquiale Gestik von Autoren wie Lawrence Ferlinghetti oder Anselm Hollo adoptiert hat. In diesen Gedichten, von denen einige Exempel in dem Auswahlband Vier Fragen der Melancholie zu finden sind, klingt Salamun wie ein genuin amerikanischer Dichter. Und diese sympathetische Fortführung amerikanischer Motive und Tonlagen mag wohl mit dafür verantwortlich sein, dass sein Stern in den USA mittlerweile weitaus heller strahlt als in seiner slowenischen Heimat.

Die schockhafte Konfrontation des slowenischen Fremden mit New York wird im lässigen Alltags-Slang reportiert ("Das erste Mal, als ich nach New York City kam, / hatte ich Angst wie ein Hund."), und Salamun zitiert umgehend den Gestus des long poem. In seinen intensiveren Gedichten vergewissert er sich seiner stärksten Stilmittel: Einer emphatischen Zeile, dem zaghaften Ansatz eines hohen Tons wird umgehend ein kühler Sarkasmus entgegen gehalten. Wenn einmal religiöse Töne angeschlagen, Motive des Göttlichen oder des Erhabenen aufgerufen werden, werden sie sofort mit lapidaren oder ironischen Zeilen konterkariert. Das Reizwort "Gott" wird hier buchstäblich ausgenüchtert. Oder es kommt zu verwirrend blasphemischen Szenen: Christus ist mein Sexualobjekt, deshalb / bin ich ethisch unproblematisch. Ich treibe / ihn auf die Wiese. Weide ihn, wie ein Hirtenjunge. / Ich putze ihm die Läuse und Drüsen. Ob wir beide / uns abspülen sollen unter dem Baum?

Es ist indes erstaunlich, wie frisch und frech und unverbraucht die Stimme des Dichters Tomaz Salamun noch nach 35 Jahren lyrischer Praxis klingt, wie originell und erfindungsreich seine Bildfügungen selbst in den strapaziertesten Genres wie dem Liebesgedicht sind. Den politischen Erregungen der letzten Jahrzehnte kehrte er stets demonstrativ den Rücken zu. Mit dem überhitzten Nationalismus, der sich in Slowenien nach dem Zerfall Jugoslawiens epidemisch ausbreitete, will er nichts zu tun haben. Da vertraut der zur Zeit durch Berlin und andere europäische Kapitalen vagabundierende Salamun doch lieber den Mehrdeutigkeiten des poetischen Worts. Auch wenn er mitunter die poetische Sphäre heftig begrübelt und ihre Legitimität schroff in Frage stellt: Ich fahre den Menschen in den Mund mit dem Kopf / vorneweg und töte und gebäre sie, / töte und gebäre, denn ich schreibe.

Aber das sind Ausnahmen. Gedichte. Aus dem Slovenischen von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2004, 96 S., 14 EUR

Tomasz Salamun
Vier Fragen der Melancholie
Gedichte. Aus dem Slovenischen von Peter Urban. Zweisprachige Ausgabe.
edition Korrespondenzen
184 Seiten
EUR 22,20
ISBN 3902113-25-1

Tomasz Salamun, geboren 1941 in Zagreb, aufgewachsen in Koper, lebt in Ljubljana. Sein Gedichtband Poker (1966), dem inzwischen mehr als 30 weitere Bände folgten, markiert einen Neubeginn in der slovenischen Lyrik. Seine Gedichte sind in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen: Ein Stengel Petersilie im Smoking (S. Fischer Verlag 1972), Wal (Droschl Verlag 1990).

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