Kultur

Kopftuchstreit | 09.04.2004 00:00 | Ulrike Baureithel

Das Tuch und sein Stoff

Neue Runde im (nicht nur) Berliner Kopftuchstreit

In den siebziger Jahren konnte es passieren, dass Schüler, die ein Kefije, allgemein Pali-Tuch genannt, trugen, des Unterrichts verwiesen wurden, weil die derart symbolische Zurschaustellung einer politischen Meinung angeblich den Schulfrieden gefährde. So fiel das Baumwolltuch nicht nur unter das allgemeine Vermummungsverbot, sondern es wurde auch zum Zankapfel mit der Schulbürokratie. Das Tuch, dessen politische Konnotationen uns heute eher suspekt erscheinen, weil im pro-palästinensischen der antiisraelische Stoff mit eingewebt ist, ist aus der linken Kultur verschwunden und hat einen ganz neuen Träger gefunden; jetzt schmückt es antisemitische Rechtsradikale und Neonazis.

Selbst wenn ich gerne einräume, dass zwischen dem Pali-Tuch und dem muslimischen Kopftuch, um das eine geradezu alteuropäische Auseinandersetzung entflammt ist, ein gewisser Unterschied besteht, öffnet das Beispiel doch einen weiteren Horizont in der festgefahrenen Kopftuchdebatte. Aus dieser hat sich der Berliner Senat dieser Tage übrigens ganz "neutral" herausgestohlen. Im Gegensatz zu den auf abendländischen Werten und Traditionen pochenden (süddeutschen) Ländern, die dem Kreuz weiterhin seine privilegierte Stellung erhalten wollen, hat sich die SPD/PDS-Koalition mit ihrem Gesetzentwurf gegen das Tragen jeglicher religiöser Symbole (Kopftuch, Kreuz, Kippa) ausgesprochen, zumindest soweit es sich um staatstragende Autoritäten - Lehrerinnen, Polizistinnen, Richterinnen - handelt. Damit bekräftigt sie die strenge Neutralitätspflicht des Staates und entzieht sich der ursprünglich angemahnten Wertediskussion. Die fällt nun an den Schalk Gottes und seine Benimm-Show und in Berlin an die LokalpolitikerInnen von CDU und FDP im Bezirk Spandau, die das "Symbol der Ungleichbehandlung der Frau" überhaupt nicht mehr in den Schulen sehen wollen und dagegen das christliche Abendland als Hort der "Toleranz und Gleichheit" in Anschlag bringen.

ANZEIGE

Nun ja. Immerhin haben die bürgerlichen Revolutionen die feudalen Kleiderordnungen hinweggefegt und Uniformen (Polizisten, Richter...) dagegen gesetzt. Die gesellschaftskritische Jugend hat sich ihrerseits stets einiges einfallen lassen, um den bürgerlichen Staat vestimentär zu provozieren: lange Haare, Jeans und eben auch das Pali-Tuch. Manches davon wurde aufgesogen im Strom der Mode, anderes (siehe Pali-Tuch) wechselte mit dem Träger die Bedeutung. Vielleicht werden wir eines Tages feststellen, dass auch das Kopftuch kein festes Zeichen im Strom der Bedeutungen ist, sondern ein weiteres Stück Abgrenzungstoff innerhalb der Dominanzkultur. Gefährlich ist nicht der "Stoff" als vielmehr die damit einhergehenden Konnotationen: Das gilt fürs Pali-Tuch ebenso wie für das Kopftuch. Nicht das Stück Stoff, sondern rechten und linken Antisemitismus, islamische und christliche Frauendiskriminierung darf eine Gesellschaft, die sich gleich und tolerant nennt, nicht dulden.

'; $jahr = '2004

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG