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Für Marie" hatte Jürgen Flimm seinen bewegenden Nachruf auf Marie Zimmermann im Programmheft der Ruhrtriennale überschrieben. Ein letzter Gruß an seine designierte Nachfolgerin, die noch vor Dienstantritt überraschend aus dem Leben geschieden war. So wurde die aktuelle Ruhrtriennale zu einer des Übergangs, bevor 2009 der Opernregisseur Willy Decker die Geschicke auf den Bühnen der Industrieruinen bestimmt.

"Aus der Fremde" lautete das Motto des Programms und diese Fremde lag zumeist in nächster Nähe: Im eigenen Land, in der eigenen Straße, vor der eigenen Haustür, ja sogar im eigenen Körper. Besonders fremd ist dem ab- und aufgeklärten Mitteleuropäer trotz aller Hoffnungen inzwischen gerade die Utopie. Louis Paul Boons Roman Vergessene Straße schildert, wie eine Straße versehentlich zugemauert wird und die Bewohner in der entstandenen Enklave die Utopie einer gerechten Gesellschaft zu verwirklichen versuchen. Johan Simons richtete die Geschichte zur Parabel mit maskenhaften Schwellköpfen auf einer Arenabühne zu. Doch so heftig um Gemeinwohl und Eigennutz, um Armut und ein menschenwürdiges Leben gestritten wurde - es fehlte dem Abend an dramaturgischer Stringenz und Unmittelbarkeit. Ein Manko, das in ähnlicher Weise Ivo van Hofes Filmdramatisierung von Viscontis Rocco und seine Brüder aufwies. Auch hier hatte man sich für eine (Box)Arena entschieden und so die Zuschauer in die direkte Auseinandersetzung gezwungen. Der Exodus einer süditalienischen Familie, die im Norden Arbeit sucht, aber vor allem mit der Erosion ihrer Werte konfrontiert wird, blieb jedoch seltsam leblos. Weder schnell geschnittene Szenen, noch effektvolle Geräuschuntermalung oder räumliche Nähe halfen über das zentrale Problem hinweg: Über der Inszenierung lag der Mehltau der Beiläufigkeit und lähmte die inneritalienische Migrationsgeschichte.

So gab es zu denken, dass Unmittelbarkeit ausgerechnet ein liturgisch grundierter Abend wie Christoph Schingensiefs Kunst-Theaterabend Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir erzeugte. Selten wurde die fluxusinduzierte Durchlässigkeit zwischen Kunst und Leben so radikal und ergreifend ausgeschritten wie hier. Schlingensief machte sein Krebsleiden zum Thema, zeigte Röntgenbilder und Filmaufnahmen aus dem Krankenhaus, spielte seine Selbstmordgedanken als O-Ton ein: eine verzweifelt-wütende Theodizee des leidenden Individuums aus dem Geist des Fluxus. Zugleich wurde die Aktion in der zum Kirchenraum umgestalteten Duisburger Gebläsehalle mit Wagner- und Beuys-Zitaten ("Die Wunde, die nie sich schließen will"/ "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt") sowie liturgischen Verweisen ins Kunstreligiöse überhöht. Prozessionen, Fürbitten, Predigten rauschten durch den Raum, bis schließlich Schlingensief in einem Abendmahl seinen geschundenen Künstlerkörper als Opfer für die Sünden der Menschen darbrachte. Der Happening-Gedanke einer aufgehobenen Trennung zwischen Künstler und Betrachter trat dabei in Dialog mit aktuellen Debatten im Theater um Performatives und Authentizität. Schlingensief radikalisierte diesen Diskurs, indem er zugleich die Frage nach dem Zusammenhang von Leiden und Kunst stellt. In dieser Empathie lag bei allem Spielerischen oder Kitschigen ein schockhaftes Moment, das sich abhob von allen anderen Produktionen dieser Ruhrtriennale.

Seltsam deplatziert wirkte dagegen eine Produktion wie Furcht und Zittern, die sich dem Thema Pädophilie im Singspielformat widmete. Der Abend von Händl Klaus und dem Komponisten Lars Wittershagen blieb beim Versuch, sich weniger mit Opfern und Tätern als vielmehr den gesellschaftlichen Wechselwirkungen von Kontrolle, Sicherheit und Überwachung zu beschäftigen, im ästhetisch Unverbindlichen stecken. So kann die gemischte Bilanz dieser Ruhrtriennale nur lauten: verstörend unmittelbar oder distanzierend beiläufig. Dazwischen ist nichts.

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