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Warum das öffentlich inszenierte Sterben so viel Empörung auslöst

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Vorgestern Florida, gestern Hamburg, heute das britische Harrogate: Das öffentliche Sterben kommt ins Haus. An den Tod auf dem Schlachtfeld, per Sattelit ins heimische Wohnzimmer geschickt, haben wir uns gewöhnt; konfrontiert werden wir nun immer öfter mit den Fernsehbildern Sterbender von einer privaten Bettstatt. Spätestens seit dem Tod von Terri Schiavo nehmen wir bis in den letzen Winkel des globalen Dorfes am Drama angeblich verhinderter und schließlich erfolgreicher Lebensfluchten teil. Die Wachkoma-Patientin Schiavo wird als entrückte Madonna in Erinnerung bleiben; Bettina Schardt als eine alte, einsame Frau, die bei dem selbst ernannten Sterbehelfer Roger Kusch Ansprache suchte und vor laufender Kamera den Tod fand; und nun der ehemalige Informatikprofessor Craig Ewert als erster Kandidat, dessen Sterben und Tod in einem britischen Sender ausgestrahlt wurde.

Angekündigt hatte der Chef der Zürcher Sterbbehilfe-Zentrale Dignitas, Ludwig Minelli, schon vor Jahresfrist, "Tatsachen schaffen" zu wollen, um zum Beispiel den deutschen Gesetzgeber zu zwingen, Sterbehilfe zu legalisieren. Bislang reisen Sterbewillige in die Schweiz, um sich bei der Selbsttötung helfen zu lassen.

Nun konnten britische Zuschauer im Nischenkanal Sky Real Lives erstmals nicht nur die Vorbereitungen, sondern auch den Vollzug eines "assistierten Selbstmordes" verfolgen. Sie sahen, wie der an ALS, einer allmählichen und tödlich verlaufenden Muskellähmung erkrankte Ewert mit den Zähnen den Kippschalter seines Beatmungsgerätes ausschaltet, unter den Klängen von Beethovens Neunter durch einen Strohhalm den Giftmix aufnimmt und wie ihm schließlich die Augen zufallen. Die Hilflosigkeit des Patienten, der seine Glieder nicht mehr bewegen und nur maschinell unterstützt atmen konnte, steht in eigenartigem Kontrast zu der inszenierten Befreiungstat, in der sich der "letzte Wille" über eine vorgeblich würdelose Gesetzgebung zu manifestieren scheint.

Interessanterweise fand das Spektakel, das sich bereits im September 2006 ereignet hatte und von dem Dokumentarfilmer und Oscar-Preisträger John Zaritsky festgehalten worden war, erst jetzt den Weg in die Öffentlichkeit. Schlugen die Wogen auf der Insel schon hoch und bis hinein ins Parlament, wo sie Premier Gordon Brown ins Trudeln brachten, überschlugen sie sich auf dem alteuropäischen Festland, vor allem in Deutschland, wo derzeit über Patientenautonomie und Sterbehilfe gestritten wird.

Einig weiß sich die veröffentlichte Meinung in der Ablehnung des "Todes-TV", das mit einem verfehlten, "plattem Realismus" glaubt, Sterben und Entseelung einfangen zu können. Von "Pietätlosigkeit", "Sensationsgier" und einer "verwerflichen Inszenierung" ist die Rede - und verfehlt damit die Absicht des Filmers, der, wie der Suizident Ewert, nur belehren zu wollen beteuert.

Hätte Zaritsky lediglich ein Buch über das Thema Sterbehilfe geschrieben, wäre ihm vielleicht sogar Lob zuteil geworden. Es sind jedoch, ganz ähnlich wie im Fall Kusch, die Bilder vom Sterben, die den Skandal auslösen. Nicht nur, weil die Gesellschaft dieses Thema ohnehin verdrängt, sondern weil diese Bilder, so banal sie auch sein mögen, von existenziellen Abhängigkeiten erzählen.

Die Vormoderne wusste auf ihren Hinrichtungsstätten oder im Anatomischen Theater den Schrecken mit der Belehrung zu verbinden, und in gewisser Hinsicht knüpfen die heutigen Bildmedien an diese Tradition an. Nun gilt der Schrecken dem Autonomieverlust des bürgerlichen Menschen, dem nur bleibt, sein eigener Henker zu werden. Vom Mit-Leiden, das Lessing auf dem Theater dem Bürger abgefordert hat, will der Mit-Mensch im realen Leben nichts wissen. Die Vorstellung, am Lebensende nur in ein Kameraauge zu schauen, ist für ihn wie für Vergils Äneas von "erkältendem Schauder".

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