Kultur

US-Spin-Doktor | 21.03.2009 08:00 | Susanne Goldenberg, The Guardian

Obama muss enttäuschen

Der Spin-Doktor Stanley Greenberg hat die Größen dieser Welt beraten, aber einer wie Obama ist ihm noch nie begegnet. Dennoch blickt er skeptisch in dessen Zukunft.

Im Konferenzzimmer von Stanley Greenbergs Büro gleich neben dem Washingtoner Hauptbahnhof, einen kurzen Fußweg vom Capitol entfernt, steht ein beinahe lebensgroßer Obama aus Pappe. Selbst in diesem Zimmer voller Erinnerungsstücke, die Greenberg im Laufe seines Lebens als Wahlkampfmanager gesammelt hat, sticht Obama durch seine Größe heraus und erhebt sich über die an den Wänden hängenden Wahlplakate und signierten Fotografien internationaler Spitzenpolitiker.

Auch Bill Clinton, Nelson Mandela und Tony Blair gehören zu Greenbergs Trophäensammlung. Sie alle lächelten in die Kamera, legten ihm den Arm auf die Schulter und sagten später, Greenberg habe wesentlichen Anteil an ihrem Aufstieg an die Spitze gehabt. Seit er Bill Clinton 1992 zum ersten Mal zur Wahl verholfen hat, gilt er als einer der wichtigsten Meinungsforscher und Politstrategen der USA.

Auch wenn Greenberg die großen Ideen entwickelte, mit deren Hilfe Clinton und Blair ihre Wahlkämpfe gewinnen konnten – „Ich habe die entscheidenden Themen gesetzt, die sie an die Macht gebracht haben“, sagt er – und über reichlich politische Erfahrung verfügt, will er noch nie einen Politiker wie Obama getroffen haben. „Seine Energie und sein Engagement machen den Unterschied. Dieser Wahlkampf unterschied sich komplett von allen vorhergehenden durch die Art, wie die Menschen sich beteiligten und sich selbst einbrachten, die Art wie quasi die gesamte Zivilgesellschaft sich auf die Seite der Demokraten schlug. Obama hat sich das meisterhaft zunutze gemacht, war aber auch ein Produkt des Ganzen.“

Die Krise hat die Bedeutung von Obamas Projekt noch vergrößert

Der zweite Aspekt, der Obama von allen anderen politischen Spitzenkräften unterscheidet, für die Greenberg bislang gearbeitet hat, ist das Ausmaß der ökonomischen Krise, das er gleich zu Beginn seiner Regierungszeit zu bewältigen hat. Droht die Krise Obamas revolutionären Politikansatz zu überschatten? Greenberg wiegelt ab: „Die Krise hat die Bedeutung von Obamas Projekt noch vergrößert. Bei Obama wurde mir klar, dass das Projekt wächst, je größer das Ausmaß der Krise ist.“

Das Bemerkenswerte an Greenberg besteht darin, dass er sich als Demograph und Politikberater stets zu Kandidaten hingezogen fühlte, die für einen politischen Wechsel standen, für Wandel und Veränderung eintraten. Er half mit, die zentralen Ideen der Wahlkämpfe von Bill Clinton, Tony Blair, Ehud Barak und Nelson Mandela zu kreieren und bediente sich modernster Umfragetechniken um herauszufinden, ob diese Ideen in der Öffentlichkeit auch gut ankommen.

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„Alle meine Kandidaten standen für einen politischen Wechsel. Sie alle traten nicht nur an, um eine amtierende Regierung abzulösen, sondern standen auch für eine neue politische Kultur. Sie alle hatten das nötige Selbstbewusstsein. Die Leute wählten sie, weil sie ihnen zutrauten, etwas zu verändern. Bei diesen Wahlen ging es wirklich um etwas.“ Clinton und Blair machten sich daran, ihre Parteien und Länder zu modernisieren. Mandela wollte Südafrika von der Apartheid in einen Zustand der Versöhnung überführen. Barak wollte den Einfluss der orthodoxen Parteien auf die israelische Politik einschränken und Friedensverhandlungen mit Syrien und den Palästinensern beginnen. Aber jedes Mal wurden die Hoffnungen der Anhänger auf wirklichen Wandel enttäuscht. Wird dies auch bei Obama der Fall sein?

Die Beharrungskräfte sind groß

„Jede große Führungsfigur enttäuscht“, sagt Greenberg. Auf jede Wahl folgt Frustration und Betrug, wie er in seinem aktuellen Buch Dispatches From the War Room ausführt. Greenberg erinnert sich an seine ehemaligen politischen Kampfgefährten: „Sie alle waren stark, sie alle fanden den richtigen Zeitpunkt, um mit ihrem Projekt an die Öffentlichkeit zu gehen, aber sie alle scheiterten nach ihrem Wahlerfolg daran, diese Projekte auch durchzuführen. Es gibt sehr große strukturelle und institutionelle Kräfte, die Veränderungen im Wege stehen. Es war immer so, dass gleich nach der Wahl der Finanzminister oder jemand anderes sich hingestellt hat und sagte 'Die Versprechungen, die Sie gemacht haben, sind ja schön und gut, aber lassen Sie uns jetzt den Realitäten ins Auge blicken ...'. Und schon war es um die Versprechungen geschehen.“

Obama hat allerdings den Vorteil, dass die Erwartungen an ihn durch die Krise gedämpft wurden. Die Amerikaner verstehen nun besser, dass die Möglichkeiten des Präsidenten begrenzt sind. „Ich denke, dass er nun viel mehr Zeit hat. Den Leuten ist klar geworden, dass es Jahre dauern wird, bevor er in der Lage sein wird, die Dinge voranzubringen.“

Dies sind die Erfahrungen, die Greenberg im Laufe seiner Jahre an der politischen Front in den USA und im Ausland gesammelt hat. Clinton konnte seine Wirtschaftspläne nicht durch den Kongress bringen und war dann hauptsächlich damit beschäftigt, die Neuverschuldung in die Höhe zu treiben. Blair wartete zu lange mit der Reform der Schulen und des staatlichen Gesundheitswesens, und er knüpfte sein Schicksal nach dem elften September dann zu sehr an dasjenige von George W. Bush.

Als Blair für den Irakkrieg warb, flippte Greenberg aus

Greenberg war immer sehr zurückhaltend, Politiker in außen- und sicherheitspolitischen Fragen zu beraten, aber über Blairs Unterstützung des Irakkrieges und Bushs Israel-Politik war er so enttäuscht, dass er vor dem Fernseher anfing, laut zu schreien. Die Enttäuschung über Blair vergrößerte sich nun zusehends. Dieser wollte sich einfach nicht wahrhaben, dass er in Bezug auf den Irak Fehler gemacht hatte. Während des Wahlkampfes im Jahr 2005 erfolgte der schmerzhafte Bruch. Greenberg wurde durch seinen Erzrivalen, den Irakkriegsbefürworter Mark Penn ersetzt. „Das war ein ganz schöner Schlag in die Magengrube. Meine Ausgrenzung zog sich über sechs Monate hin. Nie gab es einen entscheidenden Augenblick ... Ich habe mit Tony Blair vorher nie darüber gesprochen. Sie dachten wohl, sie hätten mich schon gefeuert, taten es aber einfach nicht.“

Anders als sein Rivale Penn scheint Greenberg sich weniger um die demografischen Vorhersagen zu kümmern als um die größeren Fragen wie beispielsweise, worin ein „gemeinsames Projekt“ besteht. In seinem Buch geht er der Frage nach, wie mehr soziale Gleichheit und Vertrauen in die Politik geschaffen werden könnte. Dieses Anliegen lässt ihn ihm Internet-Zeitalter etwas unzeitgemäß erscheinen. Mit seiner sanften, manchmal etwas professoralen Art zu sprechen, will er nicht so recht in das popkulturelle Bild eines Beraters passen. Und obwohl ihn manche verraten oder enttäuscht haben, hegt Greenberg insgeheim immer noch gewisse Sympathien für seine früheren Arbeitgeber. „Vielleicht müssen sie enttäuschen“, sagt er. „Aber sie tun, was sie können.“

 

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Kommentare
Juana Martinez schrieb am 21.03.2009 um 13:11
Was für ein irreführender Titel für diesen Artikel !!! Es ist inhaltlich falsch, den Arikel mit "Obama muss enttäuschen" zu überschreiben. In dem Artikel geht es ja gar nicht darum, ob Obama enttäuscht, oder nicht... Außerdem wird dieser Titel Stanley Greenberg nicht gerecht.
Schade, dass in den Medien immer nur zählt, eine reißerische Titelzeile zu bringen, auch wenn sie die Aussage des darunter stehenden Textes ins Gegenteil verkehrt.
derfreitagsmaler schrieb am 21.03.2009 um 14:40
Ich möchte mich diesem Kommentar vorbehaltlos anschließen! Es ist absolut unredlich und unzulässig, die Aussage Greenbergs auf diese irreführende Weise zu entstellen und den Leser bewusst zu täuschen.
Andererseits schrieb am 21.03.2009 um 18:46
Der Titel des Artikels ist doppelt falsch und den beiden Kommentatoren sage ich, ihre Ansicht ist es ebenso. Denn Obama "muss" nicht enttäuschen, sondern er WIRD. Und er tut es bereits. Beispiele gefällig?

Während er von der Schliessung von Guantanamo spricht, wird Baghram mit keiner Silbe erwähnt. Dabei geht es dort noch schrecklicher zu als auf Kuba.

Während er davon spricht, den Armen und Arbeitslosen zu helfen, stopft er die Taschen der Reichen und Mächtigen mit dem Geld der Steuerzahler, bzw. deren Erben, denn das Geld, das er dafür verwendet, hat er ja nicht einmal, er lässt es drucken.

Und während Obama von Truppenabzug im Irak spricht, stockt er die Truppen in Afghanistan um 17.000 Mann auf.

Obama ist ein falscher Fuffziger. Und wenn es den Menschen in den USA dämmert, wen sie sich da aufgehalst haben, wird es längst zu spät sein.
ChristianBerlin schrieb am 22.03.2009 um 11:58
Der Name ist doch völlig austauschbar. Jeder scheint - so besehen - ein falscher Fuffziger zu sein.

Was aber nicht an der Person liegt, sondern am System. Unsere Demokratie ist in Wahrheit eine "Diktatur der Sachzwänge". Greenbergs Erfahrungen, die Susanne Goldenberg hier referiert hat, sind ein eindrucksvoller Beleg. Die Themen der Wahlkämpfe wachsen nicht mehr in Parteiprogrammen von unten nach oben, sie werden von Demoskopen eruiert. Das hat sein Gutes: Man hört in dieser Phase aufs Volk, und findet heraus, wo der Schuh drückt. Was das Volk hören will, wird dann allerdings ohne Rücksicht auf Durchführbarkeit als Wahlversprechen verkündet.

So hat Kohl mit "blühenden Landschaften" Lafontaine aus dem Rennen geschickt und Schröder 1998 mit der Halbierung der Arbeitslosen deren Millionen Stimmen einkassiert - gerade auch von den Langzeitarbeitslosen, die sich noch wundern sollten, durch ihn am Ende nicht in Lohn und Brot, sondern in der Sozialhilfe zu landen. Wobei er sie zweimal mit demselben Versprechen reinlegen konnte, das erste Mal mit der Bitte "Wenn wir das nicht schaffen, wählt uns nicht wieder, denn dann sind wir es nicht wert", das zweite Mal, als er uns seine Bitte wieder vergessen machen wollte, ließ er vorsichtshalber jemand anderen die Halbierung versprechen: Peter Hartz.

Natürlich erlaubt das keinen zwingenden Schluss, dass O. seine Versprechen willkürlich brechen würde. Die Signale, die er außenpolitisch setzt, zeigen insgesamt eine neue Beweglichkeit. Seine Schwachstelle hat Greenberg wohl korrekt benannt: Das Finanzministerium (inkl. Vize und Staatssekretäre) - ein Job den keiner, der was auf sich hält, im Moment so furchtbar gern machen würde, denn der wird der Watschenmann sein, so oder so.


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