Kultur

Film-Tipp | 15.04.2009 18:00 | Gerhard Midding

Der Himmel über dem Husten

Keine Läuterung, nur Schmerz und Trauer: "Secret Sunshine" revidiert die Gewissheiten des Melodrams und zeichnet die Chronik eines Verwahrlosungsprozesses

Wie die früheren, hierzulande nicht in die Kinos gekommenen Regiearbeiten des koreanischen Schriftstellers Lee Chang-dong beginnt Secret Sunshine mit einer Reise. Regelmäßig eröffnet er seine Filme mit der Ankunft von Zügen oder Bussen. Hier ist es ein Wagen, der auf der Autobahn stecken bleibt. Die Fiktion begreift er als etwas, in das Figuren und Zuschauer gleichermaßen eintreten müssen, ihren Auftakt als einen Punkt, der erst erreicht werden muss.

Tatsächlich hat Shin-ae (Jeon Do-yeon) bereits eine Tragödie hinter sich. Ihr Mann ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Nun zieht sie mit ihrem kleinen Sohn Jun aus Seoul in des Gatten Geburtsstadt Myriang, in die der Verstorbene gern selbst zurückgekehrt wäre. Die Reise ist ein unverlangt angetretenes Vermächtnis; mit diesem Anfang ist dem Film die Suchbewegung vorgegeben, dem Leiden einen Sinn zu geben: Er hält in der Schwebe, ob ihre Bereitschaft, sich offensiv der Erinnerung zu stellen, ein Ausdruck von Mut oder Masochismus ist.

In der Dissonanz des Kleinstadtalltags nistet das Drama

Das Motiv der Ankunft gibt zugleich eine unwiderrufliche Außen-, auch Außenseiter-Perspektive vor auf die Welt, in die der Film sodann seinen Blick versenken wird. Zwar macht der Ort seinem Namen alle Ehre – Myriang bedeutet auf Chinesisch „Geheime Sonne“ –, aber trotz des unablässig schönen Wetters erscheint der Sehnsuchtsort des Mannes seiner Witwe bald bigott und eng. Die Stadt ist so klein, dass rasch jeder Bescheid weiß über die Fremde und ihren Sohn. Eine mulmige Vertrautheit bahnt sich an mit Nachbarn, bei der anfänglicher Argwohn allmählich in Gewöhnung, wenn auch nicht in Akzeptanz umschlägt. Der Automechaniker Jong-chan (Song Kang-ho), der bei Shin-aes Panne eingangs keine große Hilfe ist, wird sie fortan wie ein Schatten begleiten. Er ist einer, der sich durchs Leben schlawinert, seine Haltung der Hinnahme fungiert als ein komischer Kontrapunkt zu ihrer Sinnsuche, als ein burleskes Geleit auf dem Martyrium, das der Ort für sie bereithält. Denn in den Dissonanzen des Kleinstadtalltags nistet ein weiteres Drama: Jun wird entführt und später von dem Erpresser getötet.

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Die Zuflucht, die Shin-ae daraufhin im christlichen Glauben zu finden meint, bleibt befristet. Als sie den Mörder im Gefängnis besuchen und ihm dort vergeben will, erwidert dieser stolz, er habe seinerseits schon zu Gott gefunden. Dieser an überraschenden Wendungen reiche Film verleiht so der Frage nach der Theodizee eine hochmütige Variante, in dem er sie in eine Klage ummünzt: Wie kann Gott es wagen, dem Täter zu vergeben, bevor sie es getan hat? Lee Chang-dong revidiert nachhaltig die Gewissheiten des in Korea beliebtesten Genres, des Melodrams. Der Schmerz ist keine Prüfung, aus der Shin-aes Seele geläutert und gefestigt hervorgeht. Wie in seinem vorangegangenen Film Oasis bieten die gesellschaftlichen Konventionen keinen Halt, sondern werden in Frage gestellt von der anarchischen Kraft der Gefühle. Secret Sunshine gerät in seiner zweiten Hälfte zur schonungslosen Chronik eines Verwahrlosungsprozesses, über den er kein moralisches Urteil fällen mag.

Lee Chang-dongs Bildsprache misstraut entschieden der Transzendenz. Konsequent kehrt sie Shin-aes Seelenzustände nach außen, offenbart ihre Trauer in der Konkretion physischer Reaktionen: eines Hustenanfalls, einer Ohnmacht, eines Menstruationskrampfes. So bleibt die letzte Einstellung nicht dem Himmel vorbehalten, sondern der Erde in ihrem Garten. Es ist kein aussichtsloses Bild.

 
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