Eine Zeitung machen. Beweisen, dass das möglich ist. Ein paar Wochen durchhalten: Es waren bescheidene Ziele, mit denen all die Spontis, Hausbesetzer, Ökos, AKW-Gegner, Frauen-, Schwulen- und Friedensbewegte ihr „Projekt“ begannen. Und doch hatten sie Großes vor. Sie wollten nicht nur die Zeitung neu erfinden, sondern auch das Zusammenarbeiten und -leben. „Projekt“ bedeutete: Basisdemokratie, Eigenverantwortlichkeit, Solidarität. Oder auch: Chaos, Streit, Überforderung. Dass daraus einmal 30 Jahre werden würden, hätte keiner zu hoffen gewagt – auch wenn die Tageszeitung (Taz) von heute mit den Ursprüngen nicht mehr viel zu tun hat. Was könnte „alternative Gegenöffentlichkeit“ denn noch sein, wenn das, was einmal alternativ war, zum Kernbestand der Gesellschaft gehört und jeder Blogger stündlich seine eigene Gegenöffentlichkeit feiert?
Damals war das anders. Aus der Erfahrung der Terrorismus-Hysterie im „Deutschen Herbst“ 1977, als die Medien sich freiwilliger Selbstzensur unterwarfen, wuchs die Sehnsucht nach einem linken Publikationsorgan, das auch solche Nachrichten verbreitete, die in den „bürgerlichen Medien“ unterdrückt oder verfälscht wurden. „Objektivität, nein danke“, lautete die Parole, weil doch Objektivität nur die bestehenden Verhältnisse zementierte. Die Trennung von Kommentar und Nachricht wurde großzügig aufgehoben; Betroffene schrieben in eigener Sache und mit schäumend subjektiver Ungerechtigkeit. Wer nachts an einer Hausbesetzung teilnahm, berichtete am nächsten Tag darüber und hatte auf jeden Fall Recht, denn er war ja dabei. Solche Texte nervten gewaltig, prägten aber die Taz, der es nur mühsam gelang, sich von all den „Inis“ und Stadtteilgrüppchen zu emanzipieren. Heute feiert der Betroffenheitsjournalismus eine seltsame Wiederauferstehung in Internetforen. Neue technische Möglichkeiten veredeln die Illusion des Authentischen aber nicht unbedingt zu neuer Wahrhaftigkeit.
Macher und Leser der Taz mussten lernen, dass eine Zeitung etwas anderes ist als eine politische Bewegung. Diesen Lernprozess nannten sie „Professionalisierung“, und wie alles, war auch dies umstritten. In einer Zeitung gilt es, verschiedene Positionen und Interessengebiete nebeneinander auszuhalten und miteinander in Beziehung zu setzen. Auch das unterscheidet sie vom Internet. Eine Zeitung verlangt Bündelung und Konzentration, Toleranz und Offenheit – nicht unbedingt verbreitete Tugenden. Doch mit der Entdeckung der Tageszeitung als ihrem Medium überwand die westdeutsche Linke in den achtziger Jahren den so verheerenden K-Gruppen-Kleingeist der Siebziger. Indem sie gesprächsfähig wurde, wurde sie gesellschaftsfähig und entdeckte, dass Gegenöffentlichkeit auch bedeutet, Teil der Öffentlichkeit zu sein. Mit den Grünen (und der Taz) etablierte sich ein alternatives Bürgertum, das die Republik nachhaltig verändert hat.
Die größte Errungenschaft der Taz ist die Einführung von Ironie im Journalismus – auch wenn das heute allzu oft zur krampfigen Witzigkeitsbemühung auf der Titelseite führt. Dass das Politische ästhetisch zu behandeln ist, dass Lesen und Aufklärung mit Lust und Laune zu tun haben, bleibt dennoch ein Markenzeichen der Taz. Von der Respektlosigkeit gegenüber den Mächtigen, der Gabe, mit bösem Witz auf die täglichen Weltübel zu reagieren und sich der eigenen Unterhaltsamkeit nicht zu schämen, profitieren auch diejenigen, die sie niemals lesen würden.
Jörg Magenau, Jg. 1961, war in den neunziger Jahren sowohl für die Tageszeitung als auch für den Freitag tätig. 1995 wurde der damalige Literaturredakteur des Freitag mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet. Seit 1999 schreibt Magenau für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2007 erschien im Carl-Hanser-Verlag sein Buch Die taz. Eine Zeitung als Lebensform.
Vom 17.-19.04.200 findet im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" der Jubiläums-Tazkongress Tu was! - Utopie und Freiheit statt: am 17. gibt es eine Eröffnungs-Gala mit einer Rede von Daniel Cohn-Bendit, und am 18./19. wird zwei Tage lang in 80 Veranstaltungen diskutiert, unter anderem dabei: Wolfgang Schäuble, Saskia Sassen und Heinz Bude
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Leider ein sehr unkritischer Artikel, dem es wie bei so vielen Artikeln in letzter Zeit, wieder einmal an Tiefgang fehlt.
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Ich wünsche der Taz weiterhin viel Erfolg und bin schon ganz gespannt auf das neue Layout inclusive SonnTaz. Auch ich musste erst lernen, die taz richtig zu lesen und zu verstehen. Und nach 10 Jahren Taz-Anhängerschaft würde mir definitiv etwas fehlen, gäbe es diese Zeitung nicht mehr. Allein schon der Ironie wegen.
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Zu Gründungszeiten der Taz mag eine Gegenöffentlichkeit noch etwas aufregendes und neues gewesen sein. Heute weiß vor lauter Gegenöffentlichkeiten niemand mehr, wer oder was die Hauptöffentlichkeit ist. Und die viel gelobte Ironie der Taz ist typischer westdeutscher linker Humor, mehr Breitschwert als Florett, voller interner langweiliger Kalauer und abgestandener Slogans. Auf eine wirklich ironische Bemerkung folgen zehn schlechte. Da erinnert man sich voller Grauen an Harald Schmidt und seinen immer schneller werdenden Abstieg in die Tiefen des Stammtisches.
Ist die Taz nötig oder würde sie fehlen? Schon, und sei es nur, damit ein beleidigter polnischer Politiker oder ein armseliger bayrischer Fußballtrainer sie verklagen kann. Bedauerlich bleibt die geschmeidige Anpassung an die tägliche Nachrichtenlage. Es genügt nicht das, was die anderen machen zu kritisieren und zu behaupten man selbst sei da völlig verschieden. Überhaupt nervt an der Taz der ständig wie eine Fahne vor sich hergetragene Anspruch des Gutmenschentums. Wenn bei einer Demonstration ein Papierkorb von einem Polizisten getreten wird, dann erfährt man dessen Lebensgeschichte in einem ausführlichen Dreiteiler. Trotzdem: weiter so, denn schließlich: worüber sollte man sich sonst aufregen, wenn nicht über die Taz? |
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Ich surf die taz täglich an, aber nur zu und wegen den Cartoons von TOM. Bis auf ganz vereinzelte Artikel finde ich die taz uninteressant.
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30 Jahre "taz". Glückwunsch! Und?
Ich glaube im Jahre 2002/2003 entschloß ich mich dieses Blatt zu abonnieren. Warum eigentlich? Nun der Irak-Krieg drohte und die deutsche Mainstream-Medien stimmten ein in den Chor der Bellizisten. Unerträglich diese kreischenden , schrillen Stimmen . Doch da war noch eine Stimme vernehmbar, nicht laut, nachdenklich, informativ, aufklärend. Andreas Zumach. Auch sonst war die "taz" zur damaligen Zeit für mich " verdaulicher als Jahre zuvor" geworden. Das abschreckende, linke Besserwissertum schien sich gemäßigt zu haben und war für mich jetzt lesbar. Aber das schien nur so. Denn ich überlegte mir nun wirklich, warum ich jetzt die "taz" lesen konnte, wollte. Am Anfang kam ich zur keinem Ergebnis, doch die Zeit überzeugte mich, belehrte mich, diese Zeitung hatte sich so verändert, dass sie mich nicht mehr aufregte, mir nichts mehr zu sagen hatte, sondern noch hinter meiner linksliberalen Einstellung/Auffassung zurückblieb, ich mir links erschien und sich in den neoliberalen Schreibstil einordnete. Koch, Bollmann, Füller und Konsorten. Ab dem Zeitpunkt war Schluß mit diesem Blatt. Unerträglich wurde diese "taz". Von dem neuen bunten Blatt will ich erst gar nicht reden. Doch hatte ich eine andere Zeitung, eine, die ich genießen konnte, die, obwohl nicht mmer meiner Meinung, mir Informationen, Meinungen anbot,die sonst nirgendwo in der deutschen Presselandschaft zu finden waren. Und dieses auf hohem Niveau. Dafür noch heute DANK! Traurig stimmt mich allerdings als Linksliberalen, dass nun beide Zeitungen nicht mehr ihren eigentlichen Ansprüchen gerecht werden. Vielleicht entspricht diese Entwicklung der heutigen Zeit, akzeptabel darf diese nicht genannt werden. |
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Wenn die taz jetzt noch ihren Communitybereich etwas ausbaut, dann wäre die Verwandtschaft zum Freitag recht deutlich zu erkennen. Nahe genug an der Küste segelt sie ja schon. Die taz ging/geht den Weg der Grünen, "Tina" eben, um es mit Pierre Bourdieu zu sagen.
Der ökonomische, betriebswirtschaftliche Sachzwang ist das Maß der Dinge, ob mit Investor im Hintergrund oder via andere, denkbare Eigentumsverteilungen. Ja warum, so fragt man sich - wohl nicht nur meine Wenigkeit - wird der mediale Mainstream immer ausgeprägter, immer weniger unterscheidbar und jederzeit im Rahmen der maximal anzudenkenden Leitplanken. Gesellschaftspolitik als mathematisch-physikalisches Naturgesetz, so darf man Alternativlosigkeit heute definieren; diese Kunde schallt aus allen Kanälen. OK, in der überwiegenden Zahl der wenigen, anspruchsvoll sich gebenden Medien sind auch schon mal fragende, gar kritische Texte zu finden. Sonst wären auch "wir" z.B. nicht hier und denken wohl nicht sofort an die natürlich auch implizit gegebene Funktion des Feigenblattes. Information und Meinung, gern auch etwas "um die Ecke" ist heute im Wesentlichen beinahe nur noch in relativ privaten Blogs als "non profit" Variante zu finden. Das Internet macht eine "Zeitung" heute im Gegensatz zur taz-Gründung wesentlich einfacher, im Verhältnis beinahe kostenlos, wenn der Blog, die Zeitung von persönlicher Initiative getragen wird. Abspringen vom Hamsterrad, das stetig zunehmende akademische Proletariat hätte da neue Horizonte, gar Aufgaben, wenigstens eine gewisse Motivation. Die Gegenseite rüstet da zumindest schon auf, technisch und über den rechtlich enger werdenden Rahmen von Verantwortlichkeit. Schäuble's "Gefährder" sind bereits unter uns... |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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