Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das Magazin Neon tatsächlich erwachsen geworden wäre. Aber nein: Nido, die neueste so genannte Line Extension des Stern traut seinen Lesern ebenfalls nicht mehr zu, als ihr Leben den Neon-Sinn-Kategorien „Sehen“, „Fühlen“, „Wissen“ und „Kaufen“ unterzuordnen, auch wenn sie bei Nido abstraktere Namen tragen. Nämlich „Gesellschaft“, „Psychologie“, „Reise & Kochen“, „Wirtschaft & Geld“ sowie „Mode & Produkte“.
Neon- wie Nido-Chefredakteur Timm Klotzek spricht vom „Lebensgefühljournalismus“, gemeint ist jedoch Lebenshilfejournalismus: Wie räumen wir den Kühlschrank richtig ein? Welche Versicherung passt zu uns? Sollen wir lieber ein Haus kaufen oder eines mieten? Wie steht es mit dem Sex nach der Geburt des Kindes? Das sind die Fragen, die die Nido-Familie beschäftigen. Sollen.
Laut Cover ist diese Familie durchweg blond, unter expliziten „Erwachsenenthemen“ versteht sie Sätze wie „Was, die kleine Dingsbums ist schon wieder krank? Unglaublich.“ Und die Zimmer ihrer Kinder gibt sie nur zu gerne als Werbeplattform her. Als familiäre Standardausstattung gelten ihr „Brio, Bugaboo, Petit Bateau: Manche Marken findet man in jeder Familie“. Die eigene Betroffenheit – im Journalismus üblicherweise eine Ausnahmesituation – scheint eines der ausschlaggebenden Veröffentlichungskriterien, die Rhetorik wird beherrscht von allen denkbaren Formen der ersten Person Plural.
Dieser Einschluss ist freilich ein Ausschluss: Von sozial schwachen Familien will man bei Nido nichts wissen (außer natürlich sie leben in Afrika und haben total viel Gemeinsinn). Das verschreckte wohl die Zielgruppe, die sichtlich gerne bestätigt bekommt, dass man mit Kühlschrank, Versicherung und Sex bereits genug zu tun hat. „Wir sind uns sicher: Man kann beides haben – Kinder und einen offenen Blick auf die Welt. Wir sind eine Familie. Aber wir sind nicht gaga“, heißt es im Editorial.
Wir sind uns nach der Lektüre von Nido ehrlich gesagt nicht mehr so sicher: Die sind vielleicht nicht gaga, aber ein offener Blick auf die Welt sieht anders aus. Andererseits: Die Verwechslung von Ich und Welt ist nicht erst seit Neon notorisch – und so muss man Nido besser dankbar sein, dass sie die nicht älter, sondern Eltern gewordenen Leser weiterhin mit schönen Geschichten von individualpsychologischer Relevanz beschäftigt. Nicht auszudenken, wenn die plötzlich alle die echte Welt entdeckten und feststellen müssten, dass diese im Gegensatz zum eigenen Bewusstsein nicht von Brio, Bugaboo und Petit Bateau ausgestattet wurde.
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Für meinen Geschmack ein wenig zu dünn diese Kritik. Ich kann nachvollziehen, dass die Nido-Probleme recht oberflächlich und konsumorientiert wirken (ich kenne zwar Nido nicht, dafür aber Neon). Auch dass das ständige Ich-Bezogene der Texte nervt, wie bei Neon. Aber ein bisschen fundierter hätte es schon sein dürfen oder?
Was bedeutet es denn, wenn in einem Heft für Eltern keine sozial schwachen Familien vorkommen? Warum soll ein Heft über die Menschen schreiben, die es nicht lesen? Hat das zwangsläufig etwas mit Beschränktheit zu tun? Oder vielleicht eher mit sich verhärtenden sozialen Grenzen in unserer Gesellschaft? Und wer ist Schuld an diesen Grenzen? Die wohlhabenden Eltern, die ihre Kinder nicht mit Kindern aus sozial schwachen Familien auf die gleiche Schule schicken wollen? Oder unser Kinderbetreuungs-, Bildungs- und Schulsystem, das Ungleichheit von klein auf fördert? Das sind Fragen, die man erörtern muss und es reicht meiner Meinung nach nicht aus, immer nur die Grenzen zwischen arm und reich zu verhärten. Weder durch übertrieben softe Lifestyle-Eltern-Magazine, die alles durch die rosarote Brille betrachten. Noch durch Kritiken im Freitag, die nichts besseres zu tun haben, als die Nase über die angeblich besser gestellten Eltern zu rümpfen. Wenn diese Gesellschaft es nicht lernt, wieder an einem Strang zu ziehen, kommt sie nie vorwärts. |
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Als Kinderlose kann ich Nido vielleicht nicht ganz beurteilen, aber ein erstes Durchblättern fiel in meiner Wahrnehmung ähnlich aus. Denn als junge Frau mit Kindern irgendwann in der Zukunft und namhaften Autoren im Heft, sollte ich als Zielgruppe zumindest geteast werden
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Allenthalben wurde das "großzügige Layout" gelobt. Du liebe Güte: Tortengrafiken zur Reisetätigkeit! Das ganze Editorial Design sieht aus wie der Stern in den 80ern, die Bildsprache ist uneinheitlich bis hin zur Unentschlossenheit, die Textschrift ist fürs Auge eine Zumutung und das Cover zeigt zwei Neon-Leser, die sich ein Kind gemietet haben.
Inhaltlich spärlich bis vollkommen überflüssig. Ich frage mich ernsthaft, um dieser selbstreferenzielle Quatsch tatsächlich außerhalb vom Prenzlauer Berg gelesen wird. (Ich wohne seit fast 10 Jahren in Neukölln, das gern mal unter den "Problemkiezen" subsumiert wird. Das war eine ruhige Gegend, bis eine Horde von überbehütenden Frühgebährenden da eingefallen ist und seit dem die Gehwege mit Doppelkinderwagen zustellt, sich in Cafés Bionade bestellt und ansonsten seine Befindlichkeiten ziemlich öffentlich pflegt. Das gipfelt in der Umbenennung der Gegend in "Kreuzkölln". Man hätte die Gefahr schon sehen müssen, als die ganzen hippen Menschen am Landwehrkanal einen Brückenkopf gebildet haben, um von der Falckensteinstraße überzusetzen und die schöne Ecke in Grund und Boden zu wohnen. Und da lobt man dann noch die "Gentrifizierung.") Liebe Nidos, bitte räumen Sie dieses Heft auf und unterlassen Sie diese Weltverbesserung-mit-Caffè-Latte-Attitüde. Danke. |
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Ich kann natürlich auch nichts dazu sagen, vor allem, weil ich eigentlich überhaupt keine Magazine lese. Beim Spiegel habe ich mir aber dann doch mal die Fotostrecke mit Ausschnitten aus dem Heft durchgeblätter und bin hängengeblieben bei: "Gut aufgefangen - "Eine der schlimmsten Vorstellungen: beide Eltern sterben". Wenn ich mir die Modell-Familie auf den Photographien anschaue, bin ich mir nicht mehr so sicher was für deren Kind(er) das schlimmste wäre ...
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Das ist so ein Text, wofür ich den Freitag liebe - und bete oder wasauchimmer man politisch korrekterweise in so einem Fall tut, dass er überleben möge.
Nido ist Zeitgeist. Zeitgeist heißt Bogaboo (was immer das ist: ich habe vier Kinder und nichts davon, aber Brio immerhin kenne ich: hübsch, Holz, teuer). Zeitgeist ist nicht von vornherein schlecht, auch wenn schon das Wort Vergänglichkeit suggeriert. Der Bauchnabel erweitert sich auf das, was aus dem Mutterbauch heraus kommt. Es gibt immer weniger Kinder, aber immer mehr Getue darum. Und jetzt schaun wir doch mal, wie dieses "Magazin" sich so macht. Denn eines ist klar: Zeitgeist ist veränderbar! Und jeder macht ihn mit... |
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NIDO ist grausam. Ich habe das erste Heft gelesen, gehöre als 26-jähriger Vater eines 1 1/2 Jahre alten Sohnes wohl auch irgendwie zur Zielgruppe. Doch da schaue ich mir ja lieber einen IKEA-Katalog an, da muss ich wenigstens nicht noch die lange Mode-Bildstrecke überblättern.
Dieses Heft ist wohl definitiv nur für Eltern aus dem Prenzlauer Berg, mit vorzugsweise privater Kita, die nebenbei noch ein paar Anregungen suchen ihren lieben Kleinen noch mehr Designerklamotten (welche Eltern kaufen für ihre Kinder Hosen für über 100 EUR?) zu erwerben. Wer soll das Lesen? So viel Styler-Eltern kann es doch gar nicht geben? |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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