Kultur

Oxford | 14.05.2009 18:10 | Alison Flood, The Guardian

Nobelpreisträger unter Verdacht

Derek Walcott soll vor 20 Jahren eine Studentin sexuell belästigt haben. Die Vorwürfe tauchen kurz vor seiner Wahl zum Poetik-Professor in Oxford auf. Eine Kampagne?

Derek Walcott hat seine Kanditatur für die Poetik-Professur in Oxford zurückgezogen, nachdem der Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen ihn erhoben wurde. 100 Oxforder Wissenschaftler hatten Photokopien aus einem Buch zugesandt bekommen, in dem ausführlich über den 1982 von einer Harvard Studentin gegen den Nobelpreisträger aus Trinidad erhobenen Vorwurf der sexuellen Belästigung berichtet wird. Die Studentin behauptete, Walcott habe zu ihr gesagt: „Stell Dir vor, ich würde mit dir schlafen. Was würde ich machen? Würdest du mit mir schlafen, wenn ich dich darum bitte?“ Sie habe ihn abgewiesen und daraufhin in seinem Kurs eine Drei bekommen.

Walcott war neben Ruth Padel und dem indischen Dichter Krishna Mehrotra einer der drei Kandidaten für den einflussreichsten und prestigeträchtigsten Job, den ein Lyriker nach dem Amt des Hofdichters in Großbritannien erhalten kann. Er wurde von Leuten unterstützt, deren Namen in der Welt der Literatur Gewicht haben, wie dem Booker-Gewinner Alan Hollinghurst, Graham Robb, Marina Warner, der Dichterin Jenny Joseph und der Professorin Hermione Lee, und galt eigentlich als Favorit auf den Posten. Am 16. Mai dürfen alle Oxford-Absolventen den Poetik-Professor wählen.

Doch der Nobelpreisträger verkündete am Dienstag seinen Rücktritt von der Kandidatur und beklagte sich über die „niederträchtigen Methoden“ und die „schäbige und entwürdigenden Rufmordkampagne“: „Ich habe meine Kandidatur für die Poetik-Professur an der University of Oxford zurückgezogen. Ich bin enttäuscht darüber, welch niederträchtigen Methoden im Vorfeld der Wahl angewandt wurden und ich will nicht an einer Wahl teilnehmen, wenn ich denjenigen, die mich unterstützen, dadurch Unannehmlichkeiten bereite“, sagte er gegenüber dem Evening Standard. „Ich habe bereits eine ganze Fülle von Verpflichtungen und während ich mich über meine Nominierung zunächst sehr gefreut habe, wurde das Ganze immer mehr zu einer schäbigen und entwürdigenden Rufmordkampagne. Ich möchte mit der Sache nichts mehr zu tun haben.“

Eine Kampagne?

Professor Lee, Walcotts prominenteste Unterstützerin in Oxford, bestätigte den Rückzug des Dichters. „Oxford verliert damit die Gelegenheit, während der kommenden fünf Jahre Vorlesungen von einem der weltweit größten Lyriker zu hören, einem Nobelpreisträger und Ehrendoktor der University of Oxford, der überdies auf den Lehrplänen der Universität steht“, sagte sie. Ihrer Meinung nach machten die Briefe den Eindruck „einer konzertierten anonymen Kampagne“ und sie empfahl Ruth Padel, „wenn die K ampagne nicht von ihr angestoßen wurde“, solle sie sich doch „öffentlich von ihr distanzieren“.

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Padel, die von der Hofdichterin Carol Ann Duffy, Victoria Glendinning und AC Grayling unterstützt wird, und die sich nun große Chancen auf den Posten ausrechnen kann, ließ sich das nicht zweimal sagen. „Wir haben bei unserer Bewerbung interessante Fragen aufgeworfen: Was vermag die Poesie in einer Universität? Alle drei Kandidaten haben etwas anderes zu bieten, und darum sollte es gehen“, sagte sie, bevor sie Walcotts Rückzug als „schrecklich“ bezeichnete und sagte, sie wünsche, er würde nicht zurücktreten. „Das ist wirklich traurig. Er ist ein ausgezeichneter Lyriker und ich bewundere seine Arbeit wirklich sehr.“

„Es war eine moralische Kampagne, die auf eine unmoralische Weise betrieben wurde und nun schreckliche Folgen hat“, sagte der Oxforder Dozent für englische Literatur Peter D. McDonald, der zusammen mit Amit Chaudhuri und Tariq Ali für die Nominierung von Mehortra stimmte. „Die Leute, die hinter der Kampagne stecken, müssen sich darüber klar werden, was sie getan haben.“

Walcott sagte, Padel sei eine „talentierte Lyrikerin“ und wäre eine „großartige“ Wahl für die Poetik-Professur. Er freue sich darauf, im Fall ihrer Wahl ihren Vorlesungen zuzuhören oder diese nachzulesen. „Zu den Vorfällen von vor 20 Jahren habe ich mich in der Öffentlichkeit nie geäußert und werde dies auch weiterhin so halten.“
Ein Sprecher der Oxford University sagte: „Wir sind enttäuscht darüber, dass einer der Kandidaten für die diesjährige Poetik-Professur zu einem so späten Zeitpunkt aus dem Wettbewerb ausgestiegen ist. Wir hoffen dennoch, dass sich am 16. Mai viele Wähler an der Entscheidung zwischen den zwei verbleibenden Kandidaten, Arvind Mehrotra und Ruth Pedel beteiligen werden.“

Übersetzung: Holger Hutt
 
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Kommentare
Reinard schrieb am 14.05.2009 um 18:31
Niveau und Relevanz sind jetzt wohl auf dem Tiefpunkt? Der Freitag als Augsteins BILD... Lest Philip Roth, da habt Ihr mehr davon!
Michael Angele schrieb am 15.05.2009 um 12:14
Das ist es doch: der Fall erinnert eher an den "Menschlichen Makel" von Philip Roth oder an J.M. Coetzees "Schande" und weniger an die BILD-Zeitung.
Herr Augstein hat mit diesem Artikel im übrigen nichts zu tun.


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