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Der Freitag: Material, das sind 166 Minuten Dokumentaraufnahmen, entstanden um 1989. Nicht die Niederlage des anderen deutschen Staates DDR wird gezeigt, vielmehr eine Welt, in der erstarrte gesellschaftliche Strukturen aufbrechen.
Thomas Heise: Es geht um eine Art Umgraben. Interessant ist, was wie geschieht. Wie das Verhältnis von Bühne und Zuschauerraum sich entwickelt und verändert. Es gibt einen Polizisten, der mit seinen Gegnern ins Gespräch kommen will, einen Mann von der Straße, der die Angriffe der Polizei stoppen will, beiden hören die jeweils Angesprochenen nicht zu. Es gibt einen Regisseur und einen Bühnenbildner, es geht um oben und unten, die in Bewegung geraten sind. Es gibt einen Funktionär, der wie ein Funktionär von oben das Volk zu überreden versucht, unten und ruhig zu bleiben. Doch das Volk lässt sich nicht mehr bescheißen. „Es muss jetzt von unten nach oben gehen und jeder muss gefragt werden“, sagt ein Wärter im Gefängnis. Darum geht es, den aufscheinenden, kurzen Moment der Chance auf Änderung.
Thomas Heise – die Filmografie in Bildern
Der Film fährt den Zuschauer vom Geschehen in Ost-Berlin in ein DDR-Gefängnis. Man ist lange bei den Gefangenen und ihren Geschichten.
Hans Wintgen fragte mich, ob ich mit meiner Kamera und ihm nach Brandenburg fahren würde. Er hatte eine Verbindung dorthin. Es war die Nacht vom 7. zum 8. Dezember 1989. In Brandenburg hatte es Unruhen gegeben. In getrennten Räumen warteten Personal und gewählte Sprecher der Gefangenen auf das Fernsehen. Die VHS-Kamera wurde als das Fernsehen wahrgenommen. Die Aufforderung war: Jeder tritt vor die Kamera und sagt, was er zu sagen hat. Es ist das erste Mal, dass Personal und Gefangene sich öffentlich vor der Kamera äußern. Ein utopischer Vorgang, Wachpersonal und Gefangene denken gemeinsam über ihr Leben und ein besseres Gefängnis nach.
Welche Dinge auf einmal zur Sprache kommen! Da wirkt die öffentliche und politische Sprache in Deutschland heute tot. Wäre es zuviel zu sagen, Material sei Ausdruck einer Utopie?
Vielleicht ist es zuviel, aber dieses Zuviel ist einer der wesentlichen Antriebe, diesen Film herzustellen.
Material steht in Zusammenhang mit Filmen von Ihnen, die Spuren deutscher Geschichte ins Heute legen und verfolgen. Zum Beispiel Eisenzeit.
Eisenzeit erzählt von Eisenhüttenstadt, gebaut als Stalinstadt, als ideale Stadt für 25.000 Einwohner. Das erste dort gebaute Haus war das Theater. Junge Leute haben diese Stadt gebaut. Für ihre Kinder, die nächste Generation, war kein Platz, eigenes zu tun. Die Steine waren unverrückbar.
Man sieht einen Vater, der seinen Sohn in eine ganz bestimmte Rolle pressen will und dabei zu einem schweinischen Vater wird. War das besonders ausgeprägt in der DDR, dass andere als die von den Älteren vorgesehenen Biografien nicht zugelassen waren?
Andere als vorgesehene Biografien sind auch anderswo eher nicht zugelassen und müssen erkämpft werden, das ist nicht DDR-spezifisch. Ein Vater erzählt in Eisenzeit, dass er in der BRD Leute für die DDR rekrutierte. Auch in Betrieben forschte: Was wird dort gedacht? Als ein Bruder kurz vor dem Mauerbau in den Westen geht, verliert er diese für ihn privat lukrative Arbeit. Dann wurde die Mauer gebaut, um solche Fluchten zu verhindern. Der Vater versucht nun an seinem Sohn, 1961 geboren, zu beweisen, dass er trotz des familiären Makels ein guter DDR-Bürger ist, er versucht, sich mit Hilfe seines Sohnes, seinen Vorgesetzten gegenüber zu rehabilitieren. Er will wieder nach oben, auf den lukrativen Posten. Der Versuch misslingt. Der Sohn will die ihm zugedachte Rolle nicht spielen. Er will, als er zu denken beginnt, seine Texte selber schreiben. Die Folge ist purer Terror des Vaters. Der Vater gibt diesen für ihn verlorenen Sohn schließlich auf, beteiligt sich daran, ihn wegzusperren in ein Heim und versucht es noch einmal. Mit seinem inzwischen geborenen zweiten Sohn. Dessen planmäßig in der Schule begonnene Offizierskarriere endet durch die Verhaftung des älteren Bruders, dessen Haft und schließlich seinen Freikauf in die Bundesrepublik. „Keine Macht für Niemand“ hatte er an eine Autobahnbrücke geschrieben. Dem jüngeren Bruder bleibt nur das einfache Soldat-auf-Zeit-Sein, bis zum Ende der DDR. Dem letzten Aufgebot des Vaters, der dringenden Aufforderung zum gezielten Eintritt in „die Partei“, folgt er, erwachsen geworden, nicht.
Es gibt in Material eine Saalschlacht in einem Kino. Ist das die Stau-Premiere?
Ja, die erste öffentliche Vorführung des Films am 3. Oktober 1992 für Protagonisten und Gäste. Es war keine Saalschlacht. Autonome griffen das Kino mit Steinen und Tränengas unter dem Vorwand an, dort fände eine faschistische Veranstaltung statt. Den Film kannten sie nicht. Sie folgten ihrem Glauben, etwas zu wissen.
Stau zeigt ein frühes Stadium heutiger Zustände, nämlich sehr junge Rechte. Die Methode, diese Menschen lange reden, ausreden zu lassen, ist umstritten.
Es geht um Kinder und Eltern in einer sich verändernden Gesellschaft. Und wenn das Eltern-Kinder-Verhältnis wie das Gesellschaftsgeschehen sich darin äußert, dass Jugendliche sich in eben dieser Weise umtun, dann ist das zunächst mal zur Kenntnis zu nehmen. Interessant ist, wie sie sich verhalten, wenn man versucht, ins Gespräch zu kommen…
…wodurch es zu erhellenden Szenen kommt. Wie bei dem Zwiegespräch am Kyffhäuser: Ein Junge und ein Mädchen diskutieren ihre Ansichten, und das ist weniger ein Austausch unter Nazis als ein typisches Gespräch in dem Alter.
Das ist die Szene, die man auf der Leinwand während des Überfalls auf das Kino 188 in Halle sieht.
Über die Bilder nähert man sich in Ihren Filmen Menschen und Wirklichkeiten langsam an. Lauter Kennenlernsituationen. Dem Publikum ist anheim gestellt, Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen. Ist das von Brecht beeinflusst?
„Alles, was Menschen in Bewegung setzt, muss durch ihren Kopf hindurch. Aber wie das geschieht, hängt sehr von den Umständen ab.“ Das ist ein Satz von Friedrich Engels aus dem Film Barluschke. Kennenlernsituation beschreibt es gut. Es sind Formen, Methoden, die aus dieser Tradition kommen. Vermengt mit anderen Sachen; so verschiedenen Leuten wie Heiner Müller, Fritz Marquardt, Heiner Carow, eine Zeit lang Thomas Harlan. Es hat mich immer interessiert, Denken in Bewegung zu halten, offen für Widersprüche zu sein. Ich selber gehöre in keinen Kreis, zumindest meinem Empfinden nach. Ich habe mich in unterschiedlichen, einander nicht berührenden Kreisen gleichzeitig und meist an den Rändern bewegt. In den Zentren bin ich zu kurzem, manchmal intensivem Besuch. Den Wechsel zwischen Distanz und Nähe versuche ich in Film zu übersetzen. Das ist mir wichtig: verschiedene Positionen und Denkhaltungen zu ermöglichen, abzuverlangen, zu bewegen.
Der Begriff „Material“ ist Ausdruck einer Distanz. Durch den Film ziehen sich Aufnahmen mit dem Theaterregisseur Fritz Marquardt. Sind auch die reines Material oder ist für einmal Nähe ausgedrückt?
Es gibt Dinge, die ich nicht als Material verwenden kann oder noch nicht. Die Bilder von Marquardt – wie er stumm vor dem Modell von Germania Tod in Berlin sitzt oder sich in einer Krisensitzung zerreißt, weil er sich nicht mehr sicher ist, ob er die Inszenierung schafft – mussten lange liegen, ehe ich sie nutzen konnte. Das dann zu tun ändert nichts am Respekt. Fritz ist einer meiner Lehrer. Auch wenn ich das lange nicht wahrhaben wollte.
Woody Allen sagt, mit dem Drehuch sei für ihn der Film fertig: Wie er ihn aufschreibt, bekomme er ihn nie hin. Godard sagt, ein Film entstünde beim Drehen.
Es geht mir darum, den Film beim Machen zu entdecken. Das Einzige, was du machen kannst, ist deiner Intuition zu folgen und etwas sich entwickeln zu lassen.
Entgeht einem dadurch nicht etwas?
Das kommt vor, aber ich bin ja nicht auf der Jagd. Dass einem etwas entgeht, sagt nicht, dass es notwendig gewesen wäre.
„Immer dann, wenn die Stärke der einzelnen Schwingungen die Schmerzgrenze überschreitet, stelle ich fest, dass es sich um meinen Herzschlag handelt und erwache. Ein riesiges Dunkel vor Augen.“ Ist dieser Text gegen Ende von Material Ausdruck einer totalen Fremdheit gegenüber heutigem Deutschland?
Das ist der Schluss von Schweigendes Dorf. Einem aus Dokumenten und Textpassagen montierten Material von 1984, das ein Dokumentarfilm werden sollte, aber als das nicht möglich war, ein Theaterstück wurde. Es geht um einen KZ-Zug mit 6.000 gefangenen Frauen, der im April 1945 auf einem schmalen Streifen Deutschlands zwischen Ost- und Westfront nach Norden fährt, in einem Mecklenburger Dorf hält, drei Tage dort steht und dann verschwindet. Zwei Jahre später wird im Dorf ein Massengrab entdeckt. Niemand will davon gewusst haben. Es gibt eine Erzählung von Willi Bredel und ein Fragment von Anna Seghers dazu. Beide scheitern mit der Beschreibung des unerhörten Vorgangs. Ich habe in Archiven recherchiert, Gespräche und Interviews geführt. Die Geschichte beginnt im Dorf und endet unter der Erde, in einem heutigen Endlager für radioaktiven Abfall, das einmal unterirdisches Außenlager des KZ Neuengamme gewesen ist. Ausgangspunkt einer Lagerevakuierung, jetzt nachgenutzt. Die formale Struktur von Schweigendes Dorf ähnelt der von Material. Ein Haufen mit Löchern. Ich kann nicht erklären, wie der Traum ins Schweigende Dorf gelangte, und kann mir Material nicht ohne ihn vorstellen. Es ist ein Traum, den ich wieder und wieder geträumt habe als Kind. Er geht wohl auf eine sowjetische Science-Fiction-Geschichte zurück, in der ein Hund und ein Mann unsterblich über das Ende des Universums und allem danach hinaus taub und stumm leben, die Augen immer geöffnet, immer wach. Der Traum ist nicht das Ende von Schweigendes Dorf, der Schluss ist aus einem Wörterbuch und die Begriffserklärung des Wortes Erinnern, dem Erinnye, die Rachegöttin folgt, dann das Wort Erkalten. In Material folgt das Lied vom Rehlein, gesungen von Fritz Marquardt.
Die Stelle erinnert an den Prolog von Kinder. Wie die Zeit vergeht: eine Kamerafahrt entlang einer Raffinerie in Ostdeutschland. Das Industriegebiet scheint unendlich, es ist nichts erkennbar, was diesen Ort von anderen unterscheidbar macht. Im Film gibt es überhaupt nur eine Ortsangabe. Heißt das, diese Bilder sind zugleich dokumentarisch und metaphorisch, zeigen ein kapitalistisches Europa der Zukunft?
Die Landschaft nach dem Menschen. Zu Beginn der Neunziger fuhr ich mit den Protagonisten von Stau am Gelände der Leuna-Werke vorbei. Wir drehten aus dem Zugfenster heraus: eine rostige Ruinenlandschaft mit Geschichte. „Zyklon B Herstellung, das haut rein“, sagt einer. Jetzt steht dort eine der modernsten Raffinerien Europas, in der stellt man das Kerosin für den Flughafen Leipzig her; der hat auch militärische Aufgaben, womit die politischen Dimensionen dessen klar sind, was dort passiert. Fährt man an diesen nicht enden wollenden weißen Tanks vorbei, sieht man auf einem der Tanks in riesigen Lettern das Wort TOTAL. Das ist nicht nur ein Firmenname. Das ist ein Programm. Ich sehe, dass da eine Kraft wirkt, die den Menschen abschafft. In diesen Landschafte kann man dabei zusehen, wie man abgeschafft wird.
Das Gespräch führte Michael Girke
Wozu denn über diese Leute einen Film heißt eine Dokumentation Thomas Heises von 1980, nach einem Ausspruch seines Professors an der Potsdamer Filmhochschule. Heise wollte zwei Kleinkriminelle porträtieren; dem Rauswurf an der Hochschule kam er wenig später zuvor. Wozu denn über diese Leute einen Film, mag sich denken, wer das Personal von Heises Filmen anschaut: die Neonazis in Stau (1992) und Neustadt (1999), den Spion Barluschke (1997), die Dorfgemeinschaft in Vaterland (2002). Um deutsche Geschichte zu erzählen, lautet die Antwort. Dennoch ist der 1955 in Ost-Berlin geborene Heise eine Randerscheinung: Material läuft derzeit nur in Berlin (Verleih ist arsenal-berlin.de), auf VHS ist Barluschke erhältlich, auf DVD Kinder. Wie die Zeit vergeht (siehe Seite 28)
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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