Manchester United gegen den FC Barcelona. Ein Traumfinale für Romantiker. Zwei große Vereine mit einer Tradition der Kunstfertigkeit und des Stils – doch die Werte, die die beiden Clubs darüber hinaus verkörpern, könnten gegensätzlicher nicht sein. Auf der einen Seite des Rasens des Stadio Olimpico wird heute mit Barca „mes que un club“ – mehr als ein Club – stehen. mes que un club, mehr als ein Club: das behauptet die katalanische Institution, deren Trikots das Unicef-Logo ziert und die sich im Besitz der 163.000 Vereinsmitglieder befindet, von sich selbst. Auf der anderen Seite wird sich die Mannschaft des berühmten, geschichts- und traditionsreichen Vereines Manchester United aufstellen. Deren Spieler werden das Emblem der sich im Besitz der Familie Glazer befindlichen Firma AIG und damit das ultimative Symbol für fahrlässige finanzielle Spekulationen auf der Brust tragen.
Der Gegensatz scheint riesig. Hier das unverkäufliche Barca, dessen Präsident sich der Wahl durch die Fans stellen muss, dort United, das gegen den Wunsch der Fans und des eigenen Vorstandes von der Familie Glazer übernommen wurde, die dem Verein eine Schuldenlast von rund 700 Millionen Euro aufgeladen und über Umwege eine Firma im Niedrigsteuer-US-Staat Nevada zum Besitzer der „roten Teufel“ gemacht hat.
Wirklich so tugendhaft?
„Ich halte unser Modell für das beste, für England kann es ein Beispiel sein“, meint Barcelonas Vizepräsident Alfons Godall. „Wir sind frei. Wir sind nicht von Herrn Abramowitsch abhängig. Wir wollen erfolgreich sein, aber eben auch für etwas stehen, soziale Werte verkörpern. Ich bin mir sicher, dass die Fans von Manchester United, Liverpool, Chelsea und Arsenal gerne in unserer Situation wären. Doch sie haben den Punkt überschritten, an dem sie umkehren können. Sie sind Kunden, keine Mitglieder.“
Während der englische unternehmerische Ansatz zunehmend unter Druck gerät, mehren sich die Stimmen, die murren, dass auch Barca nicht der reine Ausbund an Tugend sei. So wird behauptet, die Wahl sei erst auf Unicef gefallen, nachdem die Suche nach einem kommerziellen Sponsor gescheitert sei. Godall weist dies zurück: Der Verein habe von dem Online-Glücksspielbetreiber Bwin, der auch Real Madrid und Mailand sponsort, ein Angebot über 19 Millionen Euro erhalten, dieses aber zu Gunsten Unicefs abgelehnt.
Geliebte Katalanen
Unicef bezeichnete das Engagement Barcelonas bei der Unterzeichnung des Fünfjahresvertrages, dessen Wert man bei 12 Millionen Euro ansiedelt, als „unbezahlbare Spende“. Zudem gibt der FC Barcelona jährlich 1,5 Millionen Euro für Unicef-Hilfsprojekte, die sich insbesondere der Bekämpfung von Hunger, Armut und, vornehmlich in Afrika, von HIV/Aids widmen. Es ist also nicht ganz leicht, Barca zu kritisieren. Godall indes leugnet nicht, dass mit der Unicef-Partnerschaft auch der Marke Barca gut gedient ist: „Die Allianz mit Unicef bedeutet für uns, dass wir mit Fug und Recht behaupten können, mehr als ein Verein zu sein. Und wir haben den Eindruck, dass immer mehr Menschen auf der ganzen Welt Barcelona lieben.“
Verteidiger des englischen Systems werden argumentieren, der Club befinde sich zwar im Besitz von Milliardären, stehe aber gleichzeitig europaweit an vorderster Stelle bei der Entwicklung von sozialen Projekten. Die meisten kümmern sich um aus der Gesellschaft ausgeschlossene Jugendliche, die in den Armenvierteln rund um das Stadion leben. (Darüber, dass diese Jugendlichen auch aus den Stadien ausgeschlossen bleiben, weil sie die hohen Ticketpreise nicht bezahlen können, redet allerdings niemand.) United hat mit seiner Sozialarbeit in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt, und auch sie können auf viele Jahre der Zusammenarbeit mit Unicef zurückblicken.
Aus England kommt auch der Hinweis, dass sich Barca sein soziales Engagement auch mehr leisten kann. Der 2,7 Milliarden Pfund schwere Dreijahres-Vertrag über die Fernsehrechte für die Spiele der Premier-League wird relativ gleichmäßig auf alle 20 Clubs der Liga verteilt, während die spanischen Spitzenclubs im Gegensatz dazu ihre Fernsehrechte individuell verkaufen. Das bedeutet, dass Barcelona und Real Madrid wesentlich mehr Geld erhalten als alle anderen Mannschaften der spanischen Liga. Während ManU in England nur das 1,7-Fache von dem kriegt, was der letztplazierte Verein West Bromwich Albion bekommt, schätzt man die Einnahmen Barcas in Spanien auf das 14-Fache dessen, was das Team am spanischen Tabellenende erhält.
„Das Barcelona-Modell hat auch eine Kehrseite“, behauptet ein Sprecher von ManU. „Wenn man keinen Trikot-Sponsor hat, muss man das Geld an anderer Stelle reinkriegen und sie machen das durch den Verkauf ihrer Fernsehrechte. Wir sind dazu verpflichtet, unsere Fernsehrechte gemeinsam zu verkaufen. Sonst ginge dies zu Lasten von Clubs wie Wigan, Hull und Bolton und würde die Premier League ernsthaft schwächen.“
Godall gibt zu, dass Barcelonas Stärke – ihr Umsatz im vergangenen Jahr war mit 270 Millionen höher als der von United mit 257 Millionen – von diesem individuellen Verkauf der Fernsehrechte abhängt, rechtfertigt dies aber mit der relativen Größe von Barca und Real. Der FC Barcelona ist ganz auf Vermarktung ausgerichtet – auch wenn es keinen Trikot-Sponsor gibt, arbeitet man mit 26 offiziellen Sponsoren und Ausrüstern wie Nike, Estrella-Bier und dem Bankhaus La Caixa zusammen. „Wir führen ein Geschäft“, sagt Godall, „denn Fußball ist ein mediales Geschäft. Unser Ziel besteht aber darin, einen Club zu führen, der sich auch gesellschaftlich engagiert.“
Ohnmacht und Macht der Fans
Eines der Rätsel des modernen englischen Fußballs besteht darin, dass die Spitzenclubs immer noch Identitätssstifter sind, obwohl sie inzwischen profitorientiert ausgerichtet und im Besitz einzelner, privater Geschäftsleute sind. Die Auswirkungen der Übernahme durch die Familie Glazer lassen sich in den Büchern der Red Football Shareholder Limited ablesen, jenes Glazer-Unternehmens, in dessen Besitz ManU steht und das wiederum Eigentum eines anderen Unternehmens mit Sitz in Nevada ist.
Uniteds Rekordumsatz nach dem Gewinn der englischen Meisterschaft und des Europa-Pokals verwandelte sich in einen 42,7 Millionen-Pfund-Verlust. Allein 69 Millionen für die Tilgung der Zinsen mussten aufgebracht werden, um die Kredite zu bedienen, die die Glazers aufnehmen mussten, um den Club überhaupt erst zu kaufen. Drei Jahre nach dieser Übernahme sind die 559 Millionen Schulden aufgrund gestiegener Kosten und höherer an Hedgefonds zu zahlender Zinsen auf 700 Millionen angewachsen.
Beim FC Barcelona kratzt man sich immer noch verwundert am Kopf und fragt sich, wie derartige Deals zugelassen werden konnten. In Spanien könnte so etwas nicht passieren. Wenn die Fans das Gefühl haben, dass der Club schlecht geführt wird, können sie den Vorstand abwählen. Trotz der Gemeinsamkeiten mit United in Sachen Tradition, Spielstärke und Erfolg bleibt ein wesentlicher Unterschied bestehen: Der Verein gehört den Fans und ist wirklich und wahrhaftig unverkäuflich.
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Erst einmal: Gratulation zu diesem interessanten Artikel. Was mich gleich zu der Frage veranlasst: Warum nicht mehr Sport im Freitag? Wie dieser Artikel beweist, muss guter Sport-Journalismus alles andere als trivial sein, sondern kann sogar gesellschaftskritische Themen behandeln. Zudem: Ohne die Bedeutung von Kunst herunter- bzw. die des Sports unnötig hochreden zu wollen, aber unbestritten sollte sein, dass Sport gesellschaftlich einen größeren Zuspruch findet und womöglich hat als so manches Theaterstück. Verdient also der Sport nicht eine größere Beachtung als Spiegelbild des realen Lebens? Lassen sich in ihm nicht Irrungen und Wirrungen der Gesellschaft, und wie im genannten Artikel der Wirtschaftswelt, ablesen. Könnten über den Sport nicht auch gesellschaftlich wünschbare Tendenzen in die Gesellschaft injiziert werden, wie etwa mehr Toleranz? Meiner Meinung nach verdient der Freitag und die deutsche publizistische Landhschaft mehr solcher kritischen Sport-Artikel.
Zu dem Artikel selbst: Ganz so schwarz/weiß kann man das nicht sehen. Barca ist nicht so vom Fanwillen geführt oder basisdemokratisch, wie vom Autor unterstellt. Klubpräsident Joan Laporta hält sich sturr im Amt, trotz eines negativen Vertrauensvotums. Zudem regieren im Klubvorstand reiche Personen, die durchaus durch Finanzgeschäfte an Geld und Macht gekommen sein könnten, wie es die ManU-Eigner Glazer sind. Teure Spieler und komplizierte Trasnfergeschäfte gibt es auch bei Barca. Unicef-Trikotwerbung ist lobenswert, wird aber sicherlich als Marketingsausgabe in internen Geschäftsberichten angegeben. Ein wirkliches Beispiel für eine kleine Fußballgemeinschaft ist Atletic Bilbao, die aus Tradition auf heimische, also baskische Spieler setzen und ebenfalls mit werbefreier Brust auflaufen. Keine teuren Stars, gar keine Werbung. Mehr Dorfklub, als Fußball-Großkonzern. |
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Zudem ist Barca wenn schon auch nur ein Vorzeigeclub, der den Verbänden gut zu Gesicht steht und dessen Image gerne mal die allgemeine Bösheit des Geschäfts verschleiert.
Nicht umsonst hat man Barca etwas nachgeholfen, ins Finale zu kommen. Nicht auszudenken die Kommentare bei einem Finale ManU gegen Chelsea: "Bad Club, Bad Club"? |
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