Kultur

Eingeschrieben | 23.07.2009 17:34 | Ralf Hanselle

Die Geschichte der blinden Flecke

Eine Fotoausstellung in Berlin reflektiert 20 Jahre Postsozialismus in Osteuropa und Zentralasien

Wer nicht sichtbar ist, existiert auch nicht. Filme, Fotos, Videos sind zum Nachweis unseres Daseins in einer bilderdominierten Welt geworden. Der Umkehrschluss lautet: Wer nicht mehr existiert, wird unsichtbar gemacht. Das war bekanntermaßen bildpolitische Praxis in Sowjetunion unter Stalin, in den dreißiger und vierziger Jahren sind Menschen im Wortsinn von den Bildflächen verschwunden. Ihre Konterfeis wurden aus Fotos retuschiert, ihre Gesichter von Airbrush-Nebeln überdeckt. Eine Art Voodoo-Kult: Wer immer verhaftet oder „verschwunden“ war, der sollte im Bildgedächtnis keine Spuren hinterlassen. Am Ende wurden selbst private Fotoalben geschändet.

Von dieser Zeit ist bis heute kaum mehr geblieben als ein fotografischer Nullpunkt, eine Narbe in Bildern. Der 1962 in Minsk geborene Konzeptkünstler Igor Savchenko hat sich mit diesem Thema intensiv auseinandergesetzt. In einer Anfang der neunziger Jahre entstandenen Fotoserie hat er private Aufnahmen aus alten sowjetischen Archiven zusammengestellt. Diesen Aufnahmen ist er mit Farben und Tusche zu Leibe gerückt ist. Wann immer Menschen auf diesen Fotografien zu sehen waren, hat Savchenko ihre Gesichter übermalt. Auf diese Weise verlängert sich der alte Spuk in die neue Zeit.

In Ost und West haben Savchenkos Bilder Eindruck gemacht. In den neunziger Jahren waren sie auf zahlreichen Biennalen von Houston bis nach Göteborg zu sehen. Heute dagegen erscheinen seine Mahnungen an die Zeit der großen – realen wie ikonografischen – Säuberungen längst vergessen; es hat sie, wenn man so will, das gleiche Schicksal ereilt wie die Menschen, die auf ihnen unsichtbar gemacht worden sind. Allenfalls zu Jubiläen tauchen Savchenkos Bilder auf, eben weil sie an die Narben der Geschichte gemahnen. Kunst als Illustration einer Gedenkultur.

20 Jahre Mauerfall bilden solch einen historischen Rahmen, in dem ein geschichtspolitisches Interesse Savchenkos Bilder wieder hervorkramt. Oder zumindest das Goethe-Institut, das Kunst aus seinen Arbeitsgebieten versammelt: Gemeinsam mit Foto- und Videoarbeiten von 13 weiteren Künstlern aus verschiedenen Ländern des Gebietes, das einmal Sowjetunion hieß, sind Savchenkos Aufnahmen derzeit in der Ausstellung Bewegte Welt – Erzählte Zeit in der Berliner Akademie der Künste zu sehen. Kuratiert hat Jule Reimer damit eine Schau, die den soziokulturellen Wandel in Osteuropa und Zentralasien dokumentiert. Dieser Übergang ist geprägt von der Wieder­aneignung einst öffentlich gewordener Bilder und von der Rückeroberung des Privaten.

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Um das Verhältnis zwischen Staats- und Privatsphäre, zwischen öffentlicher Darstellung und privatem Schnappschuss geht es in Bewegte Welt – Erzählte Zeit. Da ist etwa die Bildserie Familienalbum der kasachischen Brüder Yerbossyn Meldibekov und Nurbossyn Oris. Sie führt den Wandel des politischen Raums im Kontrast zur Unabänderlichkeit persönlicher Rituale vor Augen. Da ist die Arbeit Opfer der georgischen Fotografin Irina Abzhandadze. Sie versammelt private Porträtaufnahmen von jungen Menschen, die in der Zeit des politischen Umbruchs auf meist ungeklärte Weise ums Leben gekommen sind. So fragt Abzhandadze danach, wie privates Gedenken aussieht, wo es kaum öffentliche Erwähnung gibt. Und da ist die vielteilige Arbeit Covergirl: Wespenakte der Berliner Fotografin Tina Bara, die heute Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ist.

Sie erweitert die Perspektive der Ausstellung um einen ostdeutschen Blick, der den umgekehrten Weg verfolgt: Baras Arbeit handelt davon, was geschieht, wenn private Fotos aus dem Nachtschrank in die Hände eines Überwachungsapparates geraten. Tina Bara hat diese Erfahrung am eigenen Bild gemacht. Belanglose Aktfotos, die sie einst mit Freundinnen an den Stränden der Ostsee aufgenommen hatte, fand sie nach der Wende in einem Archiv der Staatssicherheit wieder.

Dort hatte man die Fotos mit Stempeln markiert und die Blicke der Abgebildeten zuweilen hinter schwarzen Balken verschwinden lassen. Wie bei Savchenko geht es auch hier um die Kraft zur Erinnerung von längst historisch gewordenen Bildern: Wie können sie Gewesenes konservieren, und was passiert mit ihnen, wenn aus konkreter Zeit erinnerte Geschichte geworden ist?

Es sind Fragen wie diese, die die Ausstellung Bewegte Welt – Erzählte Zeit zu einem interessanten Projekt im großen Gedenkjahr 2009 machen. Denn in einer Zeit, in der das Vergangene in großen Teilen nur noch über Bilder gegenwärtig ist, in der nicht stattgefunden hat, was ikonografisch nicht überliefert ist – kann die Dekodierung von Fotografien zu einer Überlebensfrage werden. Denn wer nicht sichtbar ist, überlebt auch nicht. Selbst dann, wenn die Geschichte es eigentlich besser wissen müsste.

 
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