Kultur

Kino | 20.08.2009 16:05 | Matthias Dell

Der Star im Kunstfigurenkabinett

"Horst Schlämmer - Isch kandidiere" ist ein wechselhafter Film, der vor allem vor der Bundestagswahl fertig werden musste. Am besten sieht darin naturgemäß aus: Horst Schlämmer

Horst Schlämmer ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Wahlkampf dümpelt vor sich hin, das Duell zwischen Merkel und Steinmeier scheint so sehr eins zu sein, wie das zwischen Usain Bolt und Tyson Gay über 100 Meter eines war, und da kommen die Plakate für die "HSP", die "Horst-Schlämmer-Partei", auf denen "Isch kandidiere" steht, dem Wähler/Zuschauer gerade recht: die PR für den Horst-Schlämmer-Film tarnt sich als Wahlwerbung.

Man liegt nicht falsch, wenn man sagt, dass diese PR wichtiger ist als das, wofür sie gemacht wird. Der Film Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist nur ein Medium, um einen Witz, der gerade erzählt werden muss, zu erzählen. Überspitzt gesagt gibt es ihn nur, damit es die Wahlwerbeplakate dafür geben kann. Das ist durchaus ein politischer Anspruch, hinter den der Film als Film freilich immer wieder zurückfällt. Vielleicht muss man es so sagen: Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist nicht politisch, die Werbekampagne dazu schon.

Man merkt dem Film (Regie: Angelo Colagrossi) an, dass er mit heißer Nadel gestrickt ist, dass er sich eine Geschichte hat einfallen lassen müssen, die um bereits existierende "Horst Schlämmer trifft..."-Schnipsel und eigens gedrehte herum organisiert wurde. Die Geschichte geht so: Der ewig gebeutelte Angestellte, der die Welt verstanden hat ("Die kochen alle nur mit Wasser"), beschließt selbst Bundeskanzler werden zu wollen ("Das kann ich auch"). So erleben wir Schlämmer erstmals bei der Arbeit, wenn der gesichtslose Chefredakteur des fiktiven Grevenbroicher Tagblatts, dessen Stellvertreter Schlämmer sein soll, die interessanten Termine für sich reklamiert: ein politisches Interview, eine erotische Lesung mit Alexandra Kamp. Schlämmer darf die Termine schießlich doch wahrnehmen, weil er dem Chef schlechtes Essen überlassen musste. Das ist Klamauk (und davon gibt es in dem Film auch noch ein wenig mehr).

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Schlechtes Kabarett sind die Szenen, in denen offensichtlich Zeitgemäßes parodiert wird: in denen also Alexandra Kamp, die sich in den "Machtmenschen" Schlämmer verliebt, ihre und seine Karriere durch das Passepartout von Carla Bruni und Nicolas Sarkozy sieht. Oder wenn Schlämmer auf der Suche nach einer Toilette in einem Casting im Stil von DSDS landet, das dazu dient eine Dieter-Bohlen-Persiflage loszuwerden. Besser sind dagegen die Parodien des Berliner Betriebs, mit denen Kerkeling selbst das politische Setting seines Films etabliert: Er macht Ulla Schmidt nach oder Ronald Pofalla, wie sie einem Fernsehstudio zugeschaltet die immer gleichen drei Sätze sagen, in denen es überdies nur um das eigene "Ich" geht. Das wirkt manchmal ein wenig pauschal, obwohl die sprachlichen und habituellen Imitationen gut getroffen sind.

Seine Höhepunkte hat der Film immer dann, wenn Horst Schlämmer Horst Schlämmer ist (es gibt auch Szenen, in denen Horst Schlämmer diesen Horst Schlämmer spielt wie eine Rolle, wenn er in seiner Stammkneipe sitzt und geknickt ist). Kerkelings Stärke besteht in der Interaktion mit dem so genannten gewöhnlichen Leben oder auch Prominenten. Bei der stellvertretenden Grevenbroicher Bürgermeisterin Ursula Kwasny (CDU), die erschreckend naiv vom Haushaltsdefizit erzählt und nicht einmal ein 16-Millionen-Euro-Minus und ein 8-Millionen-Euro-Minus zusammen rechnen kann ("22 Millionen"), wird deutlich, wie gefährlich verführerisch der scheinbar tumbe Schlämmer sein kann: Er stellt generelle Fragen, die jedem anderen "Journalisten" zu schlicht wären ("Was mangelt Deutschland?"), und löst, weil er so kumpelhaft und schlicht herüberkommt, bei eher unerfahrenem Personal wie Frau Kwasny heillose Verwirrung aus.

Den routinierten Vertretern des politischen Betriebs kann das freilich nicht passieren: Jürgen Rüttgers gibt sich gut gelaunt und väterlich, wohl wissend, dass er nur gewinnen kann, wenn er sich so normal wie möglich verhält in Anwesenheit Schlämmers. Gesine Lötzsch von der Linkspartei hält sich an ihren politischen Inhalten fest, die angesichts von Schlämmers Unernst ein wenig fehl am Platze wirken. Der FDP-Politiker Otto Fricke disqualifiziert sich dagegen, weil er etwas zu jovial, einverstanden und witzig sein will, wogegen sich Schlämmer umstandslos verwehrt - Rückschlüsse auf die FDP lässt das aber wohl eher nicht zu.

Das Beste an Horst Schlämmer – Isch kandidiere ist der Protagonist. Horst Schlämmer, wie Hape Kerkeling ihn bis hin zur Schnappatmung ausdifferenziert, ist selbst eine Art Kino, weshalb es mitunter komisch wirkt, wenn dieser Schlämmer Handlungen in einem Film absolviert, in dem er eine Rolle spielt. Der Charakter Schlämmer erzählt viel mehr als alle Geschichten, die man sich dazu ausdenken kann. Zumal Hape Kerkeling seinen ungenierten, feigen, gönnerhaften Kleinbürger derart liebevoll und detailliert ausstattet – vielleicht ist allein die Art, wie er stolz den Kopf reckt und ungelenk die Brille gerade rückt, wie er strampelnd läuft oder "Rezension" statt "Rezession" sagt, diesen äußerst wechselhaften Film wert.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Siggi schrieb am 21.08.2009 um 23:52
Kann es sein , dass der Kamerad Camembert Schlämmer die Wiedergeburt der

" stolzen Würde der Beschränkheit "

darstellt, und deswegen von allen Printmedien-Eignern so übermäßig geliebt und gepusht wird ?

Achtung: Wirtschaft
Vermutlich werden wir noch erleben, dass der karrierebegabte, fromme Pilger mit der verhinderten Durchlaucht im Verbund und einer Neuauflage des Balthasar Gracian im Wissensbestand jeglicher Vernunft, gemildert durch Mitgefühl, den Garaus macht.

Aber ist wieder, wie viele andere Karrieristen, im Geschäft. Man schreibt und redet über ihn. Er ist wider . Eine pensionierte Rampensau (so hatten viele gedacht).
Siggi schrieb am 22.08.2009 um 00:00
" Die stolze Würde der Beschränkheit" ist ein Zitat von Thomas Mann aus < die Buddenbrooks >.

Niemand war ein so tiefer Denker und so ein scharfer (intuitiver) Wahrnehmer und Beobachter seiner Zeit,
außer ihm.

Nicht auf meinem Mist gewachsen also.
Siggi schrieb am 22.08.2009 um 00:40
Es ist wohl an der Zeit, den sogenannten Linken den Ernst der Lage seit 1789 und ihre immer wiederkehrenden Fehler ernsthaft zu erklären:

Dabei steht es schon in der Bibel: "Fasse es, wer es fassen kann". Und es meint (auch damals war es schon ohne Statistik bekannt;Der Autor der vg. Zeilen übernahm die Verantwortung insbesondere für die Dummen und die Einfältigen und gewann dadurch einen Kontinent für sich).

Die Gauss`sche (Normal)Verteilung oder auch Glockenkurve zeigt eine Masse von dement bis höchstbegabten Menschen auf, deren Intelligenz oder deren Gegenteil sich immer wieder - und zwar prozentual gleichbleibend-neu gebiert.

Die Bekämpfung der Hoch-und Höchstbegabungen erfolgt heute und hier mittels Ritalin und der eingedeutschten Version von Prozac.

In der Politik geschieht nichts zufällig.
Auch in den sogenannten "Failed States " nicht.
klara schrieb am 25.08.2009 um 09:56
Wahrscheinlich klinge ich jetzt wie eine Spaßbremse (meinetwegen), aber ganz unabhängig von der "Qualität" des Films finde ich die völlig kritiklose, "lustige" Dauertrinkerei des Horst Schlämmer geschmacklos und, pardon, jugendgefährdend. Locker und so ist ja immer gut und schön, aber da hört für mich echt der Spaß auf. Der Film ist ab 0 Jahren freigegeben, so dass auch ja alle Kinder mitbekommen, wie selbstverständlich und lustig ständige Trinkerei ist, von morgens bis abends, dass es ohne gar nicht geht. Auch eine Botschaft...

Offenbar hat es für andere witzige Einfälle dann doch nicht über 90 Minuten gereicht. Ohnehin trägt der Film nicht über die Zeit, wiederholt seine Gags, teilweise geschmacklos unter der Gürtellinie, teilweise "ganz lustig". Unterhaltung, die wenig Sorgfalt erkennen lässt (z. B. wird der Erzählstrang des "Beulenmonsters" nicht konsequent verfolgt oder aufgelöst, oder irre ich?), sich mit Klischees begnügt, wie es halt zu diesem Genre gehört. Billig gemacht für billige Lacher. All das politisch-kritische, was da reingeheimnist wird, halte ich für QUatsch: Da will einer, der einiges Comedian-Talent hat, Geld verdienen, es ist Wahlkampf, also macht er, was er kann.
Ob's klappt? Als ich im Kino war, waren wir fast die einzigen...


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