Kultur

Kommentar | 03.09.2009 05:00 | Michael Angele

Wer hat geil Krebs?

Mutig ist, über seinen Krebs zu schreiben. Es nicht zu tun, wäre fast schon Übermut. Ein Kommentar über die neue Bekenntnisliteratur

Vielleicht hat es auch mit Auschwitz zu tun. Damit, dass das Ungeheure aus unseren Köpfen verschwindet. Vielleicht war es ja vor noch nicht allzu langer Zeit so: Da schlägt bei jemandem, der immer schon gerne geschrieben hat und über eine gewisse exhibitionistische Neigung verfügt, das Schicksal zu. Es wird Krebs diagnostiziert. Er denkt sich, Mist, warum muss es ausgerechnet mich treffen, es ist so ungerecht, und er hadert, flucht und weint und nimmt den Stift zur Hand. Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn.

Es gibt dieses Dagegen nicht mehr, es gibt keine Transzendenz mehr, die einem die eigene Endlichkeit vor Augen führte und die Nichtigkeit lehrte, und also wird in die Tasten gehauen und es entstehen so erfolgreiche Bücher wie das von Christoph Schlingensief oder Spiegel-Titel wie der aktuelle. „Gestern wollte ich wieder sterben – Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs“ steht da in großen Lettern auf dem Umschlag, im Heft dann ein 13-seitiger Vorabdruck, der, darauf kann man wetten, als Buch (Das Leben ist der Ernstfall) ebenfalls ein Bestseller werden wird.

Nun ist es nicht so, dass dieser gern gelesene Exhibitionismus mit offenem Mantel und schmierigem Grinsen daherkommt – Leinemann verheimlicht die Schwächen, Zweifel und Nöte, die ihn seit der Entdeckung eines Zungengrund-Karzinoms heimsuchen, nicht. Verständlicherweise tut er nichts anderes, als sie zu beschreiben, aber der eine Zweifel, der fehlt: Ob man die Chose wirklich öffentlich machen musste. Ähnlich ist der Fall Schlingensief gelagert. „Ach Mann, ist das eine Kacke, so eine unendliche Kacke“, ist zurecht fast schon zum geflügelten Wort geworden, und wenn man neben ihm stünde, würde man ihn in den Arm nehmen. Aber man steht nicht neben ihm, man liest ein „Tagebuch“, das ein Fremder geschrieben hat.

„Ich war mal eine verbale Sau, aber ich bin es nicht mehr“, sagt (die, so weit bekannt, gesunde) Charlotte Roche ebenfalls im aktuellen Spiegel, ein geradezu postmodernes Geständnis. Man darf gespannt sein, wovon der angekündigte Nachfolger von Feuchtgebiete handelt. Vielleicht von der Bild-Zeitung, die sie abgrundtief hasst, weil der Erfolg des Blatts auf „Fragen wie ‚Wer ist gestorben?‘, ‚Wer hat geil Krebs?‘“ basiere.

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Wer hat geil Krebs? – Fragen auf diesem Niveau mögen das Wesen der Bekenntnisliteratur unserer Tage verfehlen, und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden. Es mag eine Leistung sein, das Publikum über seine Krankheit so zu unterrichten, dass es sich nicht langweilt, aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht? Das Problem, man könnte es die Anerkennungsfalle nennen, ist: Verzicht wird nicht belohnt. Wer beschließt, ein Buch nicht zu schreiben, weil ihn die Scham durchdringt, muss schon darauf hoffen, dass Gott anstelle des Marktes und des Publikums tritt und er auch wirklich, wie geschrieben steht, alles sieht.

Zum Glück gibt es Alternativen. Unser Vorschlag: Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen (Merke: es könnte das letzte Werk sein!). Kunst über Krankheit zu machen, das heißt doch, blöd- und tiefsinnig zugleich zu sein, heißt, ihr ein Schnippchen schlagen. Es gibt Vorbilder, zum Beispiel die berühmten Gedichte des krebskranken, 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. „Dialog“ heißt eines: „Gut schaust du aus!“ – „Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.“

 

 
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Kommentare
schlingensief schrieb am 03.09.2009 um 20:54
So siehts also aus... bekenntnisliteratur. was wollen sie von mir hören? dass ich schreibe : "ich hoffe, dass herr angele auch mal krebs bekommt, damit er so einen scheißkommentar nicht mehr schreiben muß ?" oder soll ich sagen: hier will einer über sein alkoholproblem hinwegtäuschen? so einen dreck schreibt jetzt also der freitag? boulevarddreck a la kämmerling in der FAZ ? sollen wir wirklich unsere schnauze halten? vor einer woche bittet mich noch die freitagsspitze, ich solle doch bitte bei der rückzugsforderung der deutschen bundeswehr aus afghanistan unterschreiben. da war ich noch in den flitterwochen. und nun bekomme ich so einen dreckskommentar zu lesen? habe ich jetzt freitagskrebs? sie haben doch nicht mehr alle tassen im schrank oder besser ausgedrücktm, ihr habt gewaltig den arsch auf. dachte immer der freitag si noch lesbar, aber nun kommt: krebs, leiden, sterben = Boulevard ! wieviele leute haben krebs und sehnen sich danach, dass sie mal nachlesen können, was das eigentlich ist, was da los ist... und nicht in diesen horror-foren mit allem horrorschnickschnack, den man sich vorstellen kann. sie können gerne mal 20 sonderausgaben mit all den zusendungen von krebskranken, verwandten, priestern, ärzten, usw.... als freitags-sonderdruck rausbringen. die briefe liegen hier. menschen, die nicht mehr wissen was sie tun sollen. die keinem gott im weissen kittel ihre frage stellen wollen, weil sie angst haben, anschließend blöd behandelt zu werden..,.. weiss herr angele eigentlich was man als krebskranker für eine unglaubliche angst hat? hat er da überhaupt eine minimale ahnung von dem was er da schreibt. sollen wir alle ganz ehrenhaft schweigen, damit wir diese schreienden gsundheitsbilder im tv nicht stören: supermodelle, kräftige haare, weiß zähne, adoniskörper, dazu noch erfolgreiche börsenkurse und alles ist okay... und wir kranken sind zu laut? wie bitte ? ich kenne mittlerweile über tausende von leuten, die angst haben, zu ihrem krebs, zu ihrer verzweiflung, zu ihrer depression, fragen zu stellen.
wir schreiben mittlerweile unter www.geschockte -patienten.de . nicht um uns den neuesten darmkrebs auszumalen, sondern um uns selber zu fragen: bist du noch autonom? was war eigentlich diese autonomie bevor du den krebs oder ALS oder MS bekommen hast. und herr angele kennt das alles nicht. er ist kerngesund. er findet es ehrenhaft und anständig wenn wir schweigen... wenn wir keine fragen stellen, auch wenn wir hoffen mal jemanden außerhalb des krankenhaus zu treffen, der so eine chemo schonmal durchgemacht hat. was sie da mit dem SPIEGEL zu rupfen haben ist mir scheißegal. mir geht es um jeden einzelnen, der angst hat fragen zu stellen, seine ängste zu formulieren, sie zu transformieren, seine autonomie zu suchen...
auich wenn er sich in ihrem pseudo-engagierten kreis nichts mehr zu suchen hat. es sei denn, dass sich gleich am eingang als gescheiterter leidenspatron zu erkennen gibt. aber da haben sie sich sehr verrechnet !

ich habe doch selber während der Extremphasen nach literatur und aufzeichnungen gesucht ! nach notizen von jemandem, der diese frage nach gott, nach dem arzt, nach dem vorgang der behandlung , usw... möglichst sachlich mitteilt.
von susan sonntags selbstbetrugsliteratur, um zu zeigen, dass sie ganz distanziert darüber schreiben kann, obwohl sie sich da schon in die hose geschissen hat vor angst.(ich habe sie zumindest kennengelernt und am ende hat sie wie verzweifelt gefleht,... sie hat alles mitgemacht....) da hat also die akademische methode nichts gebracht. warum nicht also mal direkt nachfragen. warum geben sie ihr minibudget nicht endlich mal dafür aus, dass sie kranke besuchen, dass sie fragen zur gesundheitsreform stellen. mal was zur einsamkeit fragen. bei dem, der seinen job verloren hat, keine familie besitzt und kaum freunde hatte und dann auch noch gegen weiße flecken im körper als völlig verstummte todesboten zu kämpfen hat... was sagt der über ihre politikartikel, was sagt der über so einen scheiß kommentar wie dem von herrn angele ? was denkt der über ihre scheißarrogant? mein text entstand ohne literaturanspruch, ohne verleger im nacken ! ich habe nachts , wenn die angst kam, alles in dieses band gesprochen. dann die erste arbeit dazu im gorkitheater, zum glück ohne so freitags-boulevard-deppen wie sie, die leiden und sterben zum boulevard erklären... - ach lass doch, sagen meien freunde... nicht mal ignorieren würde ich dieses freitags-mini-blatt! nein, nein, sage ich ! ganz im gegenteil ! der faz-artikeldreck war der anfang für so obrigkeitshörige idioten wie dieser kommentarschreiber, der nun hofft eventuell zum vorstellungsgespräch bei der faz eingeladen zu werden ! wenn er sich da mal nicht getäuscht hat. die faz hat sich mittlerweile für diesen scheißartikel von herrn kämmerling bei mir und einem teil der anderen krebskranken entschuldigt! na bitte, geht doch.... jedenfalls habe ich dann noch DIE KIRCHE DER ANGST bei der ruhrtriennale und MEA CULPA an der wiener burg gemacht. alles künstlerische, sprich bild-/textbearbeitungen der fortschreitenden geschichte. und nun? nun bin ich verheiratet und seit einer woche wieder zuhause in berlin. mir geht es eigentlich sehr gut. ich habe zugenommen, meine haare sind mittlerweile lockiger geworden, meine entzündungen auf der haut sind verschwunden, im gesicht, am bein und und die abfallenden fußnägel sind wieder gut. Und gestern war ich wieder zur kontrolle in der röhre... und was soll ich ihnen in ihrem arroganten alkoholeifer sagen?: "Meine verbliebene lunge, rechte seite, ist wieder voller metastasen." und was nun herr angele. ? schnauze halten. "größe zeigen und schnauze halten !" wie sie sagen? ich denke gar nicht daran ! ich werde bis zum letzten moment davon erzählen, was sie sich nicht vorstellen können. und wenn ich sie damit nerve, dann legen sie mein buch oder meine texte einfach zur seit. saufen sie sich die sache abends gemütlich in den schlaf. denken sie es wäre ostersonntag und alle sind bereits in den himmel oder ins nirvana oder die hölle gefahren. es ist superruhig... die natur duftet... und sie sitzen ganz alleine an ihrem schreibtisch und wissen auch nicht was das zu bedeuten hat. Einfach schön ruhig bleiben, kann ich ihnen nur raten. zum glück ist keiner mehr da, der ihren scheiß anhören kann. und das haben sie sich doch insgeheim schon immer mal gewünscht ! Na bitte, geht doch !christoph schlingensief
merdeister schrieb am 03.09.2009 um 21:42
Ehrlich gesagt, fehlen mir die Worte nach Ihrem Kommentar Herr Schlingensief.
Deswegen nur:

Zustimmung.
Titta schrieb am 03.09.2009 um 23:12
@merdeister

Wieso? Bzw. Zustimmung zu was?
merdeister schrieb am 04.09.2009 um 08:02
Wieso? Weil ich seine Wut nachvollziehen kann (soweit möglich).
Zustimmung zu was? Zu seiner Abneigung gegen den Text.
paula schrieb am 04.09.2009 um 11:42
Lieber Christoph Schlingensief

Danke für Ihre Entgegnung,die mir aus dem Herzen spricht. Danke, dass Sie hier wie auch anderswo, gerade auch zum Umgang mit Krebs so leidenschaftlich sind, für die Betroffenen, Angehörigen, Arzt oder seriösen Schreibern, aber auch Schreiberlinge konfrontieren ....
Vor allem wünsche ich Ihnen weiterhin viel Kraft und erfolgreiche Therapie(n) und vor allem viel Glück!
herzlichst Paula
Michael Angele schrieb am 04.09.2009 um 14:37
Lieber Herr Schlingensief,
ich habe Sie nicht persönlich beleidigt und möchte Sie bitten, das in Zukunft mir gegenüber auch nicht mehr zu tun.
Weder wollte ich Sie mit Ihrer Krankheit angreifen, noch die Leiden von Krebskranken verharmlosen. Es ist einzig so, dass ich bei der Lektüre Ihres Buchs sowohl eine Großartigkeit als auch einen - für mich - schwer erträglichen Exhibitionismus empfunden habe, beides liegt halt eng zusammen, auch wenn Sie das naturgemäß anders sehen werden.
Dennoch frage ich mich, ob Ihnen in keiner stillen Stunde Zweifel an Ihren Schreiben gekommen sind, zumal sich ein zwiespältiger Eindruck ja nicht nur bei mir einstellt hat (den Text von Richard Kämmerlings aus der "FAZ" kannte ich bei der Abfassung meines Artikels übrigens nicht, Ihr Kommentar hier hat mich erst darauf hingewiesen). Aber Ihre stillen Zweifel oder Nicht-Zweifel gehen mich eigentlich nichts an, nur Ihr Buch: das ist öffentlich.
Im Übrigen geht es in dem Artikel ja nur am Rand um Ihr Buch, wirklich abgestoßen haben mich der "Spiegel"-Titel und leider auch die Seiten, die ich im Heft dann von dem mir eigentlich gerne gelesenen Jürgen Leinemann verdauen musste.

Freundliche Grüße
Michael Angele
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 14:48
was ich jetzt, herr Angele, nicht verstehe, das ist, warum Sie, wenn es denn eigentlich um den Spiegel-artikel ging, Schlingensiefs buch in Ihrem artikel 'untergemuddelt' haben. - im übrigen würde ich das mit dem - für Sie - nur schwer erträglichen exihibitionismus gern besser verstehen. alldieweil: Ihren ärger, Ihr unbehagen oder was sonst das unerträgliche sein mag so zu publizieren, wie Sie's taten, hat ja auch was exhibitionistisches; und - wie zu lesen - für andere wiederum nur schwer erträgliches.
Magda schrieb am 04.09.2009 um 14:57
"Im Übrigen geht es in dem Artikel ja nur am Rand um Ihr Buch, wirklich abgestoßen haben mich der "Spiegel"-Titel und leider auch die Seiten, die ich im Heft dann von dem mir eigentlich gerne gelesenen Jürgen Leinemann verdauen musste."

Dann hätte ich nicht so persönlich Leute runtergegriffelt, wie Sie es gemacht haben, Herr Angele.
Michael Angele schrieb am 05.09.2009 um 16:28
@Rahab

Liebe(r) Rahab,

Sie würden gerne besser verstehen, was ich unter schwer erträglichem Exhibitionismus verstehe. Vielleicht so: Vor vielen Jahren erschien ein Buch des Soziologen Richard Sennett mit dem deutschen Titel "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Von der Tyrannei der Intimität". Diese Tyrannei, oder wie man dann auch sagte, dieser Terror der Intimität ist es, der mich umtreibt.
Mit Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit zu gehen, ist so selbstverständlich geworden, dass sich viele Menschen offenkundig daran gar nicht mehr stören und auch nicht erkennen können, was daran störend sein soll. Im Gegenteil, das Ausbleiben privater Informationen wird in den entsprechenden Kontexten als schwerer Defekt begriffen. Schauen Sie sich eine beliebige Sendung von Beckmann-Kerner-etc. an.
Oder lesen Sie eben den "Spiegel"-Artikel von Herrn Leinemann, in dem man zum Beispiel detailliert darüber informiert wird, wie Herr L. seit Jahren zusammen mit seiner Frau nach einer letzten Ruhestätte für sich sucht.
Viele Leser wird eine solche Passage in einem "Spiegel"-Artikel nicht peinlich berühren. Mich schon, und andere auch. Für die Scham oder deren Ausbleiben gibt es psychologische Deutungsmuster, aber man kann auch kommunikationstheoretische Fragen stellen. Tastend und sehr abstrakt gesprochen: Ich glaube, dass unsere postindustrielle Gesellschaft schon so sehr von Arbeit auf Kommunikation umgestellt hat, dass der Kommunikationsverzicht ("Schweigen") primär nicht als Entlastung empfunden wird, sondern als Störung. Folgerichtig werden Appelle an den Verzicht als Zumutung wahrgenommen. Dies gilt verstärkt für die öffentliche Intimkommunikation, und besonders da, wo über schwere Krankheiten kommuniziert wird. Wer hier das öffentliche Reden in Zweifel zieht, und darunter subsumiere ich das Bücher- und das Artikelschreiben, dem wird unterstellt, er attackiere die Integrität des Redners selbst.
Das ist Unsinn, aber der Grund dafür ist leicht ersichtlich: Das öffentliche Reden schließt eben tatsächlich Rede und Person des Redners kurz. Der idealtypische Satz dafür lautet: "Ich, Jürgen Leinemann bekenne, dass ich Krebs habe".
Wer wie ich in den Massenmedien arbeitet, wird das Rad der Geschichte bestimmt nicht in eine andere Richtung drehen, aber es darf doch daran erinnert werden, dass es Gesellschaftsformen gibt, denen eine solche Form des Sprechens völlig fremd ist. Ob die Individuen darin weniger angemessen mit ihren Freuden und Leiden umgehen, möchte ich zumindest in Frage stellen, und mich zugleich entschuldigen für diese viel zu lange, abstrakte und Sie womöglich nicht besonders befriedigende Antwort.
Michael Angele
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 17:15
Michael Angele,

welchen Gesellschaftsformen ist eine solche Form des Sprechens völlig fremd?
Rahab schrieb am 05.09.2009 um 17:29
lieber herr Angele,

nun muß ich erst mal ein bißchen lesen - ist schon ne weile her, dass dich das buch bei mir ins regal gestellt und gelesen habe -, um rauszufinden, ob Sie von Richard Sennetts buch mehr aufgenommen haben als den in der tat sehr griffigen titel. das kann etwas dauern.
einstweilen können Sie mir ja erklären, wie ich das
"...mich zugleich entschuldigen für diese viel zu lange, abstrakte und Sie womöglich nicht besonders befriedigende Antwort" zu verstehen habe.
Rahab schrieb am 05.09.2009 um 17:51
ach, noch eins, herr Angele,
wenn ich jetzt extra den Spiegel lesen und Kerner gucken muß, um zu verstehen was Sie sagen wollten (inklusive Ausschwitz?), dann bin ich erst mal ratlos. natürlich frage ich mich sofort, ob das an mir liegt; den Spiegel lese ich schon (mittlerweile) lange nicht mehr und Kerner...? ist das nen kleiner dicker oder nen langer dünner? als rebsorte ist mir Kerner noch bekannt, aber darüber hinaus? ...keine ahnung...muß ich das kennen?... könnte also an mir liegen. oder aber daran, dass Sie nur für leute schreiben, welche Spiegel&Kerner-positiv sind? oder an was sonst?
Titta schrieb am 05.09.2009 um 20:30
Für mich ist nun zumindest etwas klarer geworden, was der Hintergrund, der tiefere Anlaß für den Kommentar von Herr Angele gewesen ist. Vielleicht gibt es darüber dann ja noch mal einen Artikel.

Zitat von Streifzug:"Jede einzelne wie auch immer geartete "Äußerung" eines einzelnen Menschen zu seiner persönlichen Situation ist mir "wichtiger" als eine wie auch immer geartete "Äußerung" anderer über diesen Menschen oder seine Situation." So weit, so richtig.

Aber wenn man nun die öffentliche Berichterstattung nimmt. Gut, man muß sich diese ganzen Boulevardsendungen von Brisant bis Kerner nicht ansehen, aber trotzdem werden dadurch Grenzen gesamtgesellschaftlich verschoben. Wenn da reihenweise solche Bekenntnisgeschichten dargeboten und entsprechend durchgekaut werden, verliert damit die einzelne Geschichte letztendlich nicht an Gewicht und an Wert, weil sie Teil einer großen Gefühls- und Empfindungsbeliebigkeit, ja einer Maschinerie, wird?
Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein.
merdeister schrieb am 05.09.2009 um 20:57
"Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein."

Aber käme Schweigen und Schreiben dann nicht auf das Selbe hinaus?
Titta schrieb am 06.09.2009 um 03:40
Leben gibt es nur in seiner Widersprüchlichkeit.
luggi schrieb am 06.09.2009 um 11:41
"Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt".

Das ist die Glaubensmaxime von Schlingensief. Und so lange er daran glaubt wird er sich daran halten und seinen Exhibitionismus fortsetzen. Die These ist inhaltlich Schwachsinn; aber daraus den Versuch zu unternehmen, Kunst zu "produzieren", bleibt bei seinen aktuellen Projekten Scharlatanerie. Da schau her liebes Volk, ich Dr. Schlingensief (der Titel ist von seiner floppenden Kummerkastenpage) habe die Lösung aller Gebrechen. Zeige deine Wunde....s.o. Nichts ist. Niente. Nitschewo. Die Natur ist dein Herr und Meister und die Natur richtet. Der Mensch ist kein Kunstwerk sondern Bestandteil der Natur. Schlingensief's These, zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Das ganze als Kunst zu verkaufen ist schon dreist; gut, wem es gefällt, dass er veralbert wird. Solange es nicht subventioniert wird und die Umwelt bleibt in Ordnung, bitteschön.

Was veranstaltet Herr Schlingensief? Ist das ganze der verspätete Ersatz für die fehlenden 2 Runden mit Kreuz als Kind in Altötting? Verzeiht er seinem Vater nicht, dass er ihn bereits nach einer Runde Fürbitte (Krankheit seiner Mutter) aus dem Kreisverkehr zog? Zieht er jetzt zu Kreuze wegen seiner schweren Krankheit und will einer imaginären Person zeigen: Siehe was ich dir widme, eine prächtige Kirche, Musik, Menschen. Was willst du mehr? Bitte erlöse mich doch jetzt von dem Übel. These gescheitert, Glaube gescheitert. Kann er nicht einfach Ruhe geben? Soll er noch weiter das scheitern seiner Thesen testen?

Schlingensief - anfangs als kommender Starregisseur gefeiert, viele Regiearbeiten gemacht, von denen einige gute Kritiken bekamen, wegen des Ausbleibens guter künstlerischer Einfälle in das Fach der Provokation gewechselt und jetzt als Scharlatan mit seiner Krankheit umgehend.

Kunst kommt von Können. Das verwenden künstlerischer Ausdrucksformen ist noch lange keine Kunst. Wäre ja auch blöd, weil, dann wäre der Einkaufszettel von z.B. Thomas Mann an seine Ehegattin Kunst?.
chrisamar schrieb am 13.09.2009 um 10:28
Lieber Christoph,
Deine Haltung und Dein Umgang mit dem Leben & dem Sterben finde ich großartig. Du bist ein Vorbild für uns alle.
Du bist auch der Beweis, dass Krebskranke Menschen sehr wohl arbeiten können und großartiges leisten. Das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit ist das Thema in der Kunst und im Leben.
Und dieser Herausforderung bist Du gewachsen.

Scheiss Metastasen. „Ach Mann, ist das eine Kacke, so eine unendliche Kacke“,

Nur die Liebe läßt uns Dinge ertragen, die gar nicht zu ertragen sind.

Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit und viele Grüße an Dich und Deine Frau
paul fada schrieb am 03.09.2009 um 22:37
auf der titelseite, ein derart verbloedeter und ekelhafter kommentar, und Sie, herr angele, finden einen ja durchaus passenden einstieg. der koennte zynischer und ueberfluessiger nicht sein und auch nicht billiger. die referenz ist entweder genauso sinn- und wertlos wie der restliche dreck oder aber, und davon ist doch bezueglich ihrer obskuren motivation wohl auszugehen, boesartig. sie und die redaktion sollten sich schaemen.
Titta schrieb am 03.09.2009 um 23:03
Krankheit ist aber auch kein Argument zum Rechthaben.
Titta schrieb am 03.09.2009 um 22:52
Ich finde, Sie spinnen beide, Herr Angele wie Herr Schlingensief.

Herr Schlingensief war bestimmt nie in der Situation, einen Arzt finden zu müssen, dessen Medikamentenbudget noch nicht überzogen war, und daß sein Krebs fortschreitet, nur weil er nicht genug Knete hat (und ich rede hier von Beträgen von 500 € für die monatliche Tablettendosis). Und neben aller literarischen Krankheitsverarbeitung hat sonst wohl auch kaum ein Erkrankter die Möglichkeit, seine Krankheit zu vermarkten. Was als Anmerkung durchaus noch gestattet sein darf.

Außerdem bedarf es auch wohl nicht erst einer eignen Erkrankung, um schreiende Gesundheitsbilder im tv, supermodelle, kräftige haare, weiß zähne, adoniskörper, dazu noch erfolgreiche börsenkurse störend zu finden. Wer erst durch eine Krankheit über derlei zu reflektieren anfängt, was hat der, bitteschön, bis dahin eigentlich in der Birne gehabt?

Wieso Herr Angele, nur weil er wohl noch nicht an Krebs erkrankt ist, die beschriebenen menschlichen Ängste nicht erlebt haben soll, ist mir auch nicht schlüssig. Nur Krebskranke haben eine Ahnung von den wahren menschlichen Ängsten? Das kann es ja wohl auch nicht sein.

Mir geht, wie Herrn Angele, eine gewisse Art von Betroffenheitsliteratur auch auf die Nerven. Aber wäre hier nicht wirklich Schweigen angebracht, wie Herr Angele es auch von Verfassern fordert.

Was mich richtig anstinkt, ist dieses Gegen-den-Krebs-Ankämpfen-Gehabe, das quasi jedem Erkrankten aufgeschwätzt und von ihm als Haltung verlangt wird. So ein Blödsinn.
Wer Krebs hat, hat Krebs. Da gibt es nichts zu kämpfen. Entweder ist der Krebs so früh entdeckt worden und so wenig aggressiv, daß man eine Heilungschance hat, oder eben nicht.
Der Mensch kann nix tun, allenfalls marginal, er ist seiner Erkrankung ausgeliefert. Und genau das ist das, was so schwer auszuhalten und zu ertragen ist. Das ist das, was in die heutige Zeit nicht mehr zu passen scheint. Der Mensch ist nicht Herr seiner selbst. Aber das ist er immer schon. Ob mit oder ohne Krebs.
Nur manchen fällt das eben erst durch ihre Krankheit auf.
Mehr gibt's da nicht zu sagen.
Auch nicht im soundsovielten Betroffenenbuch.
Und gleichzeitig ist es für jeden Betroffenen doch einzigartig.
Michael Angele schrieb am 04.09.2009 um 14:25
Liebe Tita,

danke für den Kommentar. Nur: Warum soll ich schweigen, wenn mir vom Titel des "Spiegel" die Headline "Gestern wollte ich wieder sterben. Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs" entgegenschlägt?
Ich finde das widerwärtig, aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass andere das wohl nicht so empfinden.
Michael Angele schrieb am 04.09.2009 um 14:26
Mann: Titta natürlich
Titta schrieb am 04.09.2009 um 15:32
Lieber Michael Angele,

in der Sache finde ich Ihre Kritik durchaus berechtigt. Nur weil jemand schwerkrank ist und schreibt bzw. künstlerisch tätig ist, muß ja trotzdem noch eine Kritik über diese Tätigkeit und die Qualität derselben möglich sein.
Ich hätte nur, abgesehen vom Inhaltlichen, eine etwas gemäßigtere Herangehensweise an das Thema für angemessener gehalten. Auschwitz finde ich zB etwas hochgehängt zu Anfang, und zur gewünschten Scham hat socanalytica bereits Entsprechendes geschrieben.

Die Reaktion von Herrn Schlingensief mit den ganzen persönlichen Angriffen hat mich abgestoßen, zumal ja, wie Sie richtig anmerken, er gar nicht im Focus stand. Zu einem angemessenen Umgang mit einer Krankheit gehört für mich auch, daß ich den Erkrankten wirklich ernst nehme und ihn nicht nur einfach bedauere, ihn gleichsam auf die Mitleidsebene abschiebe. Einem Gesunden würde man derlei ehrabschneidende Äußerungen, wie Herr Schlingensief sie getätigt hat, niemals so durchgehen lassen. Einem Erkrankten offensichtlich schon. Was sagt das aber über das Verhältnis zum Kranken? Zum eignen Umgang mit Krankheit und Sterben?

Mich hat seinerzeit schon sehr genervt, wie die neue CD von Herbert Grönemeyer nach dem Tod seiner Frau beworben wurde. Musik zu schreiben/künstlerisch tätig zu sein, um mit einer existenziellen Lebenssituation fertig zu werden, schön, wem diese Möglichkeit gegeben ist. Damit dann aber einen Werbefeldzug zu starten. Widerlich!

Ich denke, Teil Ihrer Motivation war, diese Widerwärtigkeiten, das kühl kalkulierte Geschäft mit Krankheit/Tod zu benennen. Dafür bin ich Ihnen dankbar. Das mußte wirklich einmal gesagt werden. Ich kenne auch genügend Betroffene, die sich ganz bewußt von dieser Art Literatur fernhalten.

In Erwartung weiterer streitbarer Artikel
Titta
Leila schrieb am 04.09.2009 um 00:07
Christoph, Herr Angele ist ein beknackter Penner, der nicht mehr mitkriegt was er schreibt. Wie kommt der Mann dazu seine emotionale Gestörtheit hier so laut rauszubrüllen? Ich produziere keine Texte, würde ich es aber tun und hätte ich aus dieser Position ein solch durchschlagendes Erlebnis wie Christoph, dann würde ich auch alles versuchen und 'das Beste' draus zu machen. Alles verstehen wollen, sich mit allen austauschen wollen und selber rumchecken was gehen könnte. Was soll daran verkehrt sein? Wir wollen keinen Heldentod sterben, weder ich - ohen Krebs - noch will das - so sieht es ganz aus- Chrisoph Schlingensief. Und das stört sie auch nicht, nein, das ist Ihnen scheißegal Herr Angele. Sie suchen nämlich nur nach einem Thema, das man 'machen' kann und da haben sie aus ihrer kalten hohlen Birne nicht mehr warmes rausziehen können als den christoph, weil soviel haben sie irgendwie aufgeschnappt. Der will noch was, und sie schon lange nichts mehr! Sie können glauben, dass das was SIe da geschrieben haben am gestrigen Tag hat eine ganz schlechte Genese!
Titta schrieb am 04.09.2009 um 01:29
Ich weiß noch, wie ein Krebskranker, dessen Gesicht durch seine Krankheit so zerstört war, daß ich es hier nicht näher beschreiben möchte, sich über Herrn Schlingensiefs Kettensägenmassaker, das damals gerade herauskam, sich, sagen wir mal, mehr als gewundert hat.
Aber die Empfindlichkeiten sind halt zu unterschiedlichen Zeiten sehr unterschiedlich.
Der Freitag schrieb am 04.09.2009 um 12:15
Liebe Leser,

es ist klar, dass Herr Angeles Artikel durchaus streitbar ist, einige Menschen sich durch ihn auf den Schlips getreten fühlen, trotzdem möchten wir sie bitten, die Nettiquette in einem ausreichenden Maß zu wahren - auch oder eben weil es sich um so ein emotionales, schwieriges Thema handelt.

Ihr Community-Team
Magda schrieb am 04.09.2009 um 17:03
"Auf den Schlips getreten"

Ist auch ein bisschen flapsig.
socanalytica schrieb am 04.09.2009 um 12:17
Transzendenz und Scham vs. Schreiben über Krebs?
Man soll sich überlegen, ob persönliche Erfahrungen von öffentlichem Interesse und einer Qualität sind, dass sie publiziert werden sollen. Die Entscheidung bedarf nicht notwendig eines im spirituellen Sinn transzendentalen Bezugs.
Die Darstellung der Auseinandersetzung mit einer existentiellen Situation kann - jenseits von Voyeurismus - für andere aufschlussreich sein, evtl. auch ermutigend uns bestärkend. Sie kann Möglichkeiten eines schwierigen Zurechtkommens zeigen.
Für den Schreibenden kann sie Teil der Situatonsbewältigung sein. Wenn man mit einer Situation dieser Art konfrontiert ist, stellt sich die Frage, was überhaupt noch sinnvoll ist zu tun. Entscheidet sich jemand für Darstellung, kann das Element eines für ihn und andere "produktiven Umgangs" sein. Es können auch Rückzug, Isolation, Verstummen als - schlechtere - Alternativen auftreten.
Transzendenz oder den Vergleichsmaßstab eines "Dagegen" braucht jemand bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung nicht, um auf Endlichkeit und Nichtigkeit zu kommen - das tritt ihm ziemlich massiv gegenüber.
Ob die Relativierung des Werts des individuellen Lebens gegenüber einem kryptisch bleibenden "Größerem" einem Kranken mehr hilft als die realistische Ausschöpfung der ihm noch verbleibenden Möglichkeiten (von denen eine das Schreiben sein kann), mag er selbst entscheiden - postulieren kann man es nicht.
Was sind die Gründe für die den potentiellen - und sich dann nicht als solchen realisierenden - Autor durchdringende "Scham"? Dass er sich zu wichtig nimmt gegenüber dem "Größeren"? Er ist hier das Subjekt, er ist krank, er stirbt - das wird durch den Bezug auf ein "Größeres" nicht von ihm genommen. Er nimmt sich an diesem Punkt zu Recht wichtig - auch wenn ein Nicht-Fertigwerden mit dem Wichtignehmen das Sterben erschweren kann.
Qualitätsansprüche sollten die Autoren haben. Wenn es gelingt, "es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen", ist es erfreulich, aber ausschlaggebend ist das da nicht mehr - es geht nicht mehr um Kunst, sondern um Sterben.
Der Gegenstand dieser Bücher ist ein allgemeiner und sollte deshalb von allgemeinem Interesse sein: Krankheit und Sterben.
Magda schrieb am 04.09.2009 um 14:52
"Es gibt Vorbilder, zum Beispiel die berühmten Gedichte des krebskranken, 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. „Dialog“ heißt eines: „Gut schaust du aus!“ – „Danke! Werds meinem Krebs weitersagen. Wird ihn ärgern.“"

Tja, so ist eben der Gernhardt. Der ist diskret auch dabei und das belästigt die Leute nicht. Ich nehme an, dass Ihnen das deshalb gefällt - Herr Angele - dieser freundliche ironische Abstand. Da hat man Ruhe und kann lächeln.

Schlingensief hat sich immer den Leuten im radikalen Sinne "aufgehalst" und ist sich dabei treu geblieben. Ich verstehe diesen weiten Anlauf da überhaupt nicht. Es gehört durchaus zu seiner Lebensart und seinem Kunstverständnis, wie er jetzt damit umgeht.

Über Leinemann will ich nichts sagen.
Die Charlotte Roche da noch reinzufriemeln, hat was Gemeines.

Gemein fand ich persönlich vor einiger Zeit ein Buch, das Werner Schneyder über seine krebskranke Frau und ihren Tod gemacht hat. Einfach, weil es nur bedingt seine Geschichte war.

Und das mit Auschwitz hätte ich mir jetzt auch verkniffen - das ist in dem Zusammenhang - nicht einleuchtend.
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 15:00
danke Magda! das mit Ausschwitz, das lag mir auch noch auf der seele (oder wo das blanke unverständnis, bestenfalls, sonst so zu liegen pflegt). und dass das ungeheure aus unseren köpfen verschwinde ... damit geht's mir grad wie manchmal mit einem urteil im namen des volkes ...
vielleicht läßt sich das als umwandlung von betroffenheit in befindlichkeitsstudie benennen, was herr Angele da versucht hat. keine ahnung. für mich, ganz persönlich, sieht es nach einer schweren havarie im zwischenmenschlichen bereich aus. vulgo feigheit (auch das mein ganz persönlicher sprachgebrauch).
Magda schrieb am 04.09.2009 um 15:56
"für mich, ganz persönlich, sieht es nach einer schweren havarie im zwischenmenschlichen bereich aus. vulgo feigheit (auch das mein ganz persönlicher sprachgebrauch)."

Ja seltsam, eine reine Abwehr-Geschichte. Von daher scheint es mir symptomatisch für die Gesellschaft. Außerdem, wie gesagt, es ist mir zu sehr heiße Nadel. Zu schnell zusammengeschrieben.

Gruß an Dich
Michael Angele schrieb am 05.09.2009 um 16:57
Liebe Magda,

ich würde das mit Auschwitz nicht mehr schreiben. Ich habe mir etwas dabei gedacht, aber es kommt ganz offensichtlich falsch rüber. Tut mir Leid, wirklich.
Und ich habe das Gedicht "Dialog" gewählt, weil es in nuce vieles enthält, was ich an Gernhardts "K"-Gedichten großartig finde. Aber nicht alles. Sie werden wissen, dass viele seiner Gedichte zum Krebs überhaupt nicht ironisch sind, oder kaum noch wahrnehmbar, einen letzten spielerischen Funken quasi enthalten. Der aber macht die Differenz. Also ich finde das ganz groß, aber es ist natürlich nur eine Möglichkeit des Umgangs mit dem Thema.
Schlingensief ist tatsächlich eine andere Möglichkeit, die ich persönlich eben grenzwertig finde. Sie haben ja Recht, sein Buch liegt in der Linie seines Kunstverständnisses, dieses sich den Leuten "aufhalsen", wie Sie schön schreiben, dieses Aufschreien, dieser einzige neu-expressionistische Schrei."Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" klingt schon großartig, aber für mich liegt in diesem Titel (seines Oratoriums) die ganze Ambivalenz dieses Kunstverständnisses.
All das erinnert mich ein wenig an Stefan George und seinen Kreis, an große Kunst und große Geste, aber auch an das Sektenartige daran, wer nicht mit uns ist, ist unser Feind etc. etc.
eifelpony schrieb am 04.09.2009 um 17:41
"Kunst über Krankheit zu machen, das heißt doch, blöd- und tiefsinnig zugleich zu sein, heißt, ihr ein Schnippchen schlagen." Und so macht es Schlingensief in seinem Buch, wie ich finde:„Ach Mann, ist das eine Kacke, so eine unendliche Kacke“.
eifelpony schrieb am 04.09.2009 um 18:14
ich meine also, Schlingensiefs Tagebuchaufzeichungen sind Literatur also Kunst - ohne jedes Kalkül. Indes - in die "Kirche der Angst" bin ich seinerzeit nicht gegangen, weil ich nicht rundum abstreiten könnte, mein Antrieb könnte auch irgend ein hässlicher boulevardiger Voyeurismus sein.
luggi schrieb am 04.09.2009 um 18:30
Go raw now.......und das Thema ist gegessen.
pkaras schrieb am 05.09.2009 um 01:06
Herr Anger hätte diesen Artikel nicht geschrieben, wenn er Krebs hätte.
Will sagen, er hat nicht die geringste Ahnung, von dem was er schreibt.
Unter dem Oberbegriff Bekenntnisliteratur den Spiegelartikel, das Schlingensief-Buch und dieses langweilige Pornogedudel 'Feuchtgebiete' zusammen zu fassen, zeigt, dass er sich nicht im geringsten mit den Absichten der Autoren auseinandergesetzt hat.

Die Redaktion darf sich nicht wundern, wenn auf solch einen dummen Artikel solche Reaktionen folgen.

Auch auf mich haben die Schilderungen von Menschen, die vom Tod gezeichnet sind, selbstverständlich was abstossendes, wenn sie über Ihre Krankheiten berichten. Aber wie käme ich dazu, der ich nicht den Tod in mir habe, sie deshalb zu tadeln? Mir bleibt nur eines übrig, ich muss es ertragen, evtl in irgendeiner Weise, wenn überhaupt möglich, Trost spenden.
Auch die Vermutung, da steckt ein kommerzieller Gedanke dahinter, ungeheuerlich.

Mich erinnert der Artikel an eine Erzählung von Tabori: 2 Kritiker unterhalten sich während sie im Restaurant speisen über eine Inszenierung über Ausschwitz. Es wird kritisiert und gemäkelt, mit Fachbegriffen um sich geworfen und das Ganze ziemlich von oben herab.
Zu keinem Zeitpunkt fragen sie sich, was den Regisseur dazu getrieben hat, dieses Stück auf die Bühne zu bringen.
Genauso beim Autor dieses sehr ärgerlichen Artikels. Das was ihn am meisten beschäftigt, wieso deren Chose die Betroffenen meinen öffentlich zu machen zu wollen oder zu müssen.
Dann noch der Hinweis auf ein Vorbild, Du kriegst die Motten.

Ich finde auch Hungernde in der 3. Welt oder allgemein jene, die der Tod im Würgegriff hat, sollten sich nicht so exibitionistisch in der Öffentlichkeit geben (Hände ausstrecken Richtung Kamera, verzweifelte Gesichter, Schreie etc), sondern es mehr mit sich austragen, im Stillen. Hat auch etwas mehr von Grösse.
Michael Jäger schrieb am 05.09.2009 um 01:46
Nein, "ungeheuerlich" ist hier gar nichts.

Und wenn Sie wirklich glauben, Sie hätten nicht den Tod in sich, dann irren Sie schwer.

Aber wahr ist, daß die Hungernden in der 3. Welt noch wichtiger sind als Schlingensiefs Krebskrankheit. Es gibt jeden Tag 26.000 Hungertote auf diesem Planeten, wie mir scheint wesentlich und eindeutig durch das Verschulden der 1. Welt, d.h. durch uns.

In unseren Debatten positionieren wir uns zu sehr gegeneinander. Ich habe das schon beim Streit um BWs "Rassismus" gedacht. Wenn Menschen, die sich im Grunde recht nahe stehen, so sehr aneinandergeraten, liegt die Frage doch eigentlich nahe, ob es nicht ein und dieselbe Konfusion sein könnte, durch die sie im Streit andereinander gekettet sind. Konkret bei Schliegensief und den anderen, die so agieren wie er, frage ich mich, ob sie nicht im Grunde genauso nach "Gott" schreien, wie es vor Jahrhunderten Menschen in ihrer Situation ganz selbstverständlich und anerkanntermaßen tun durften. Und notabene, das war ja gut so. Eine Gesellschaft muß nicht nur Lebensmittel, sondern auch "Todesmittel" zur Verfügung stellen stellen. Wenn sie es nicht mehr kann oder womöglich niemals können wollte, verdient sie schon allein deshalb die Revolution. Was soll jemand wie Schlingensief da anderes tun, als statt an "Gott" an die anderen Menschen - wenn er als Privilegierter die Möglichkeit hat - seinen Schrei zu adressieren? Und da "Gott" jedenfalls nicht im Orionnebel haust, sondern, wenn überhaupt irgendwo, dann im Menschen, tut er sogar genau das Richtige. Nur daß er in der gegenwärtigen "Seinsverlassenheit vielleicht weiter nichts als Frust dafür erntet.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 13:14
@Michal Jäger

"In unseren Debatten positionieren wir uns zu sehr gegeneinander. ... Wenn Menschen, die sich im Grunde recht nahe stehen, so sehr aneinandergeraten, liegt die Frage doch eigentlich nahe, ob es nicht ein und dieselbe Konfusion sein könnte, durch die sie im Streit andereinander gekettet sind."

Ich empfinde es als wohltuend, daß du versuchst, in dieser Diskussion das Gemeinsame der Positionen zu suchen/finden. Das Thema Krankheit und Tod ist ja nun wirklich nicht zum Rechthaben da. Eigentlich geht es doch um unseren Umgang mit der eigenen Endlichkeit und den Grenzen, die das Leben der eigenen Selbstverwirklichung setzt. (Schlingensief oder seine Vermarkter sprechen hier von der Freiheitsberaubung durch die Krankheit, wenn ich das richtig in Erinnerung behalten habe.)

"Eine Gesellschaft muß nicht nur Lebensmittel, sondern auch "Todesmittel" zur Verfügung stellen stellen. Wenn sie es nicht mehr kann oder womöglich niemals können wollte, verdient sie schon allein deshalb die Revolution."

Hiermit sind die Grenzen unserer Gesellschaft angesprochen/aufgezeigt. Krankheit, Siechtum, ja vielleicht die Endlichkeit des Lebens überhaupt, scheint mit den heutigen Lebensentwürfen nicht mehr wirklich in Einklang zu bringen zu sein. Lebenswertes Leben - was ist das eigentlich? Eines ohne Schmerzen, ohne Leid? Wie klein wird der Mensch eigentlich in solchen Lebensentwürfen/-vorstellungen gemacht.
Wer alles in das Diesseits packen muß, wird zwangsläufig scheitern. Wer auf eine transzendente Möglichkeit und Dimension verweist, wird großteils belächelt.
Vielleicht wird genau deshalb die Diskussion hier auch so hart geführt.

Danke Michael, mit dir machen auch die schweren Themen Spaß.
pkaras schrieb am 07.09.2009 um 14:04
@Jäger:
Ich denke nicht, dass ich nicht den Tod in mir habe, nur bin ich von ihm noch nicht gezeichnet. Und wenn ich aus meinem Bekanntenkreis erfahre, dass jemand an Krebs erkrankt ist, dann frage ich mich, warum er oder sie und nicht ich. Das bringen Sie sehr gut auf den Punkt, man richtet sich da an 'Gott', auch wenn ich mich nicht als gläubigen Menschen bezeichnen würde.
Ich habe eher bei Herrn Angele den Eindruck, dass er meint, mit dem Tod nichts zu tun zu haben. Daran erkennbar, dass er Schlingensief, den Spiegelautor und Roche in einen Topf wirft und indirekt Schlingensief und den Spiegelautor kommerzielle Absichten unterstellt, denn die stehen bei Fr. Roche meiner Meinung nach an vordester Stelle und somit zusätzlich seine ignorante Haltung gegenüber den Verzweifelten demonstriert.
Wie Sie auch treffend beschreiben, wenn 'Gott' existiert, dann in uns Menschen, so ist die Veröffentlichung von solchen Texten richtig.
Sie betrachten das zwar für den Betroffenen als vergebliche Mühe, wo ich Ihnen auch z. T. Recht geben muss, nur in einer Zeit wo ewige Jugend propagiert wird, halte ich solche Texte für durchaus sinnvoll, weil sie vielmehr mit der Realität zu tun haben als die Verleugnung von Vergänglichkeit.
Die 3. Welt hat mit diesem Thema direkt nichts zu tun. Ich habe mich aus Wut über den Artikel dazu verleiten lassen, den Vorwurf des Exibitionismus anhand der Bilder von Verzweifelten aus der 3. Welt, die uns über die Medien bekannt sind, ad absurdum führen zu wollen.
wolke schrieb am 05.09.2009 um 02:11
Das, was sich Herr Angele gegenüber Christoph Schlingensief wie auch Jürgen Leinemann erlaubt hat, empfinde ich als vollkommen sinnlose niederträchtige Aggression. Ich habe mich den ganzen Tag so sehr darüber aufgeregt, dass ich mich nun zum ersten Mal anmelde, um das hier loszuwerden:
Herr Angele, was war Ihre Intention? Was wollten Sie dem Publikum eigentlich sagen? Dass Sie auf die Reflexionen und Auseinandersetzungen Todkranker mit sich selbst, dem Leben und dem Tod verzichten können? Sie wollen, dass sich Kranke lieber schämen und schweigen? Oder dass sie "hohe" Kunst produzieren oder blöd- und tiefsinnig zugleich sind, damit Sie, Herr Angele, sich amüsieren können? Vielleicht haben Sie (noch) nicht verstanden, dass unser ganzes Leben von Anfang bis zum Ende Kommunikation ist und nicht (nur) Amüsement. Und dass der drohende Verlust weiter auf herkömmliche Art kommunizieren zu können ungeahnte Ängste und Kräfte in Menschen auslöst, deren Wucht den ein oder anderen, der den Sinn von Kommunikation und Verbindung nicht erfassen kann, verschreckt und abstößt. Von den mutigen großartigen Menschen, die sich im Moment größter Verzweiflung nicht vor Schreck und Scham verstecken, sondern mit ihrer Zustandsbeschreibung, ihren Fragen und wichtigen Gedanken an die Öffentlichkeit, also Kranke wie Gesunde wenden, verlangen Sie, Herr Angele, dass sie nicht das Amüsement derer, die sich nicht mit den Fragen nach Leben, Krankheit und Tod befassen wollen, stören. Diese tapferen Menschen sollen sich Ihrer Meinung nach schämen und schweigen?! Damit Sie, Herr Angele, nicht gestört werden? Bei was werden Sie denn gestört? In Ihrem Wohlbefinden und in Ihrer ästhetischen Balance? In Ihrem NichtmitderKlarheitderGedankenvonTodkrankenAuseinandersetzenWollen? Deshalb sollen die anderen schweigen?

Christoph, ich umarme Dich und wünsche Dir und Deiner Frau die beste Zeit, die es gibt auf Erden! Meine guten Wünsche gehen auch an Herrn Leinemann und seine Familie! Ich danke allen, die mich an ihrem Leben und ihrer Erkenntnis teilnehmen lassen!
Herrn Angele wünsche ich, dass er erkennt.
weinsztein schrieb am 05.09.2009 um 05:45
Michael Angele, Sie wollen den Spiegel verprügeln und treffen Schlingensief, Leinemann, viele krebskranke oder anders erkrankte Menschen.
Schlingensief wehrt sich. Das adelt quasi Ihren merkwürdig irritierenden Beitrag (hat der aber nicht verdient).
Beim Lesen Ihres Artikels wurde mir heiß & übel. Und ich empfand: er hätte besser mal die Fresse halten sollen.
Ich ahne, dass Sie sich fürchten vor schlimmen Krankheiten. Ich auch. Aber die kommen einfach so, sie überfallen einen - und dann ist sie jäh da, diese Krankheit, die Sie an kaum noch anderes denken lässt; die Sie schier verzweifeln lässt.
Schlingensief wurde krank und schrieb ein Buch darüber, verzweifelt.
Ihnen und Christoph Schlingensief wünsche ich rasche Genesung.
luggi schrieb am 05.09.2009 um 07:07
Lieber Herr Angele, Sie teilen mit mir die Abneigung zu dieser neuen Form des um sich greifenden Exhibitionismus. Die öffentlich gemachte Wehleidigkeit von Herrn Schlingensief ist nur ein Teil des ganzen Rummels. Die überzogene Reaktion von Herrn Schlingensief beweist, dass er seinen Krebs und dessen Ursache noch nicht verarbeitet hat.
Ich habe mir mal den angeführten Link von schlingensief angeschaut.
www.geschockte-patienten.org/weblog/?cat=12
Der gleiche Text wie im Kommentar und daneben (natürlich ohne kommerzielle Gedanken) Werbung für sein Buch. Apropos Herrn Schlingensiefs Buch zu seinem Krebs: Hat er das Buch geschrieben um den Krebs zu verarbeiten oder zu vermarkten? Der nachfolgende Link spricht Bände.
www.schlingensief.com/projekt.php?id=b001
Ich brauche keine wie auch immer geartete Beschreibungen von Krebserkrankungen. In meinem Umfeld gab es genügend Menschen mit Krebs. Mein Nachbar mit chronischen Schmerzen wg. Darmkrebs, hat sich an einem Neujahrsmorgen stranguliert; mein Onkel, Gehirntumor, nach mehreren Operationen gestorben; mein Bettnachbar im Krankenhaus, ein junger Kerl, zu Ostern eingeliefert wg. Krebs im Knie, Schnelloperation (Oberschenkelamputation) mit anschließender Chemotherapie, Metastasenbildung, nach kurzer Zeit gestorben; meine Kollegin, Ende 50, kurz vor der Rente, Lungenkrebs, Chemotherapie, kurzes Aufblühen, Metastasen, gestorben.

Wenn es zur Therapie gehört und wenn Erfolge in Aussicht stehen, dann bitte, schreibt, schlagt, sprecht mit Diktiergeräten, denkt nach usw. oder macht garnichts. Aber behaltet es für Euch und Eure Fans. Und um nicht einseitig auf schlingensief und das Thema Krebs einzudreschen. Ich bin dafür: Bäume für Feuchtgebiete, aber nicht in Buchform. Gilt auch für andere "schriftstellerische Ergüsse".
merdeister schrieb am 05.09.2009 um 10:52
"Die überzogene Reaktion von Herrn Schlingensief beweist, dass er seinen Krebs und dessen Ursache noch nicht verarbeitet hat."
Ist das frech?

"Ich bin dafür: Bäume für Feuchtgebiete, aber nicht in Buchform. Gilt auch für andere "schriftstellerische Ergüsse""
Ist das Zensur?
Titta schrieb am 05.09.2009 um 11:57
Nee.
Magda schrieb am 05.09.2009 um 11:57
"Die öffentlich gemachte Wehleidigkeit von Herrn Schlingensief ist nur ein Teil des ganzen Rummels. Die überzogene Reaktion von Herrn Schlingensief beweist, dass er seinen Krebs und dessen Ursache noch nicht verarbeitet hat."

Aha, ein outgesourcter Therapeut, der die Ursachen von Herrn Schlingensiefs Krebs kennt. Und das sagen Sie ihm nicht? Oder kostet das was, wenn man Sie fragt?

"Ich brauche keine wie auch immer geartete Beschreibungen von Krebserkrankungen. In meinem Umfeld gab es genügend Menschen mit Krebs. Mein Nachbar mit chronischen Schmerzen wg. Darmkrebs, hat sich an einem Neujahrsmorgen stranguliert; mein Onkel, Gehirntumor, nach mehreren Operationen gestorben; mein Bettnachbar im Krankenhaus, ein junger Kerl, zu Ostern eingeliefert wg. Krebs im Knie, Schnelloperation (Oberschenkelamputation) mit anschließender Chemotherapie, Metastasenbildung, nach kurzer Zeit gestorben; meine Kollegin, Ende 50, kurz vor der Rente, Lungenkrebs, Chemotherapie, kurzes Aufblühen, Metastasen, gestorben."

Tja, was macht man bloß, wenn einem sowas bisher entgangen ist und man selbst auch. Wollen Sie nicht doch auch was schreiben? Haben Sie das bessere "treatment" und sind deshalb so merkwürdig verdrossen? Ärgern Sie sich mal nichts an. Sie kennen ja die Ursachen von Krebs.
luggi schrieb am 05.09.2009 um 13:10
Das Thema Tumorursachen allgemein und speziell gehört meiner Meinung nach nicht zum Thema diese Kulturartikels. Deshalb möchte ich es hier nicht ausweiten. Wenn Interesse an einer Diskussion besteht würde ich einen Blog "bloggen".

Kurze Antwort zu den Fragen. Schlingensief kennt die Ursache für sein Bronchialkarzinom. Und wer die Ursache für ein Bronchialkarzinom nicht kennt, kann im Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch) nachlesen. "Für die Entstehung bedeutsam sind (inhalative) exogene Noxen, z.B. Tabakrauch, Karzinogene u. Radionukleide...".
Schlingensief behauptet, er sei Nichtraucher, aber das ist er erst seit kurzer Zeit, zu kurz, um eine Lunge zu gesunden. Es ist nicht das Schicksal sondern seine vorangegangene Qualmerei. Heiner Müller ist damit besser umgegangen.
Ich bin auch kein Therapeut. Die beste Therapeutin ist die Natur. Außerdem ist es mir bei Strafe verboten in dieser Richtung tätig zu werden.
Und jetzt ohne Schmus, bei Schlingensief fehlt ein Lungenlappen. Nach seiner Aussage wurden bei der letzten Untersuchung in der Restlunge Metastasen festgestellt. Ich brauche nur 1 und 1 zusammen zu rechnen und es erübrigt sich die Frage nach einer Therapie. Aus weiterer Rücksicht möchte ich hier beenden.

P.S. Einige Bemerkungen zur Themenbezogenheit.
Ich war bis 95 starker Raucher und habe meine Abhängigkeit immer rechtfertigen müssen; nach Anblick von Fotos einiger Teerlungen brauchte ich nur wenige Tage, um mit dem rauchen aufzuhören. Med. Wissen erlangt durch Pharmareferentenausbildung und Literaturstudium zu Fragen der Ernährung und betroffen durch benignes (gutartig) Fibrom.
luggi schrieb am 05.09.2009 um 13:37
@ merdeister.....wegen der Zensur

Ist mir gerade eingefallen, muss ich loswerden und bitte vorher alle females um Entschuldigung.

Die Zensur wird primär durch die Kaufentscheidung getätigt. Sehe ich mir die Bücherregale an, voll von "Feuchtgebieten", dann kommt die Zensur des Recyclings. Wird das Buch einfach nur Kartonage, Packpapier oder kommt es als Hygieneartikel, und damit schließt sich der Kreislauf, zu den eigentlichen Feuchtgebieten. (Sorry liebe Frauen)
Magda schrieb am 05.09.2009 um 14:38
"Schlingensief kennt die Ursache für sein Bronchialkarzinom. Und wer die Ursache für ein Bronchialkarzinom nicht kennt, kann im Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch) nachlesen. "Für die Entstehung bedeutsam sind (inhalative) exogene Noxen, z.B. Tabakrauch, Karzinogene u. Radionukleide...".

Ja, gut und schön. Es gibt Leute, die rauchen und kriegen sowas nicht. Und ich kenne auch eine Person, die hat nie geraucht und hat auch einen Lungenkrebs. Mir gefällt dieser anschuldigende Ton irgendwie nicht. Es oszilliert bei Ihnen zwischen: Selbst Schuld oder auch: Warum soll es anderen besser gehen. Ist mir ein bisschen unheimlich.
luggi schrieb am 06.09.2009 um 08:22
@ Magda

Ich wiederhole mich, bis 1995 war ich starker Raucher. Und genau die gleiche Argumentation wie Ihre, "Es gibt Leute, die rauchen und kriegen sowas nicht. Und ich kenne auch eine Person, die hat nie geraucht und hat auch einen Lungenkrebs." habe ich schon vor Jahrzehnten zur Rechtfertigung meiner Abhängigkeit oder besser Sucht benutzt. Und auch andere Argumentationen sind mir geläufig. Räucherware hält sich länger, mit der Tabaksteuer finanzieren wir den Staat, weil wir früher abkratzen belasten wir nicht die Rentenkasse....
Liebe Magda, alles nur dumme Ausreden.
Magda schrieb am 05.09.2009 um 12:29
Na und bei Perlentaucher ist auch schon verlinkt. Wer hängt sich jetzt wo dran?
Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:32
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Link dahin, Magda. Aber ich mach mich auch so auf den Weg.
Michael Angele schrieb am 05.09.2009 um 17:36
Liebe Magda (und alle Mitleser hier),

ich finde es in der Tat etwas problematisch, dass der Perlentaucher ausdrücklich auf den Kommentar von Schlingensief verlinkt. Es steht da:

"Einen wütenden und lesenswerten Kommentar schreibt Christoph Schlingensief zu einer Polemik des Freitag-Redakteurs Michael Angele gegen die "neue Bekenntnisliteratur" Krebskranker, die über ihre Erfahrungen sch(r)eiben".

Ich möchte festhalten, dass dieser Kommentar von Schlingensief mir unterstellt, ich hätte ein Alkoholproblem. Damit gehen andere zum Rechtsanwalt. Ich werde es bestimmt nicht tun, dennoch möchte ich betonen: meine Polemik hat ein öffentliches Werk von Christoph Schlingensief zum Gegenstand, das ist dann doch ein Unterschied, finde ich.
Magda schrieb am 05.09.2009 um 17:52
Magda schrieb am 05.09.2009 um 17:57
"meine Polemik hat ein öffentliches Werk von Christoph Schlingensief zum Gegenstand, das ist dann doch ein Unterschied, finde ich."

D'accord. Und die Sache mit dem Alkoholproblem hat mich auch gewundert und gestört.
Andererseits schreiben Sie , Schlingensief sei nicht Ihr Gegenstand. Sie ordnen ihn aber ziemlich oberflächlich in die Bekenntnisliteratur ein.
Das stört mich.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 18:24
Und wenn man jetzt noch den Aspekt hinzunimmt, daß Zuschreibungen immer mehr über den Beschreibenden aussagen als über den Beschriebenen selbst, wird das ganze noch unerquicklicher. Einerseits.

Und andererseits muß ich immer noch über die Frage von Streifzug nachdenken, ob nicht jeder ein Recht auf Blödsinn hat. Ja. Sicherlich.
Aber wo und was sind die Grenzen für diesen Blödsinn?
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 09:48
der alkoholismus-verdacht verdankt sich - neben dem journalistenberuf - wohl vor allem dem geröteten bild von herrn angeln. das ist aber ein trugschluss
Columbus schrieb am 05.09.2009 um 14:04
Wir, noch Kerngesunde im Kranken
-Vom Mut der Offenbarung

Ja, es ist ein nirgendwo kodifiziertes, aber überall kultiviertes Privileg des Künstlers und mittlerweile auch einer breiteren Gruppe von Medienschaffenden und Prominenten aller Art, -um eine Wertung derer intellektueller,emotionaler oder prominenter Potentiale soll es mir hier nicht gehen-, keine Tabus, keine Schweigegebote und keine formalen Zwänge dulden zu müssen. Egal ob es um dieses Thema geht oder um Sex, Drogen, Verbrechen aller Art, je nach Vorstellungskraft, und um die Dinge, die mir Kraft meiner eigenen, mangelhaften Fantasie gerade nicht einfallen.

Im Gegensatz zur großen Mehrzahl derer, die kein Medium, keine große Öffentlichkeit, keine geneigten, verschreckten, abgestoßenen oder einfach neugierigen Zuhörer finden, denen wegen fehlender Kunst, fehlender Fertigkeit, fehlenden Geldes, fehlender Kraft und fehlender Umgebung, gerade nicht zugehört wird, nicht aufmerksam, ja, nicht einmal unaufmerksam, liegt hier eine Chance.

Ob die Prätention, eine ganze große Öffentlichkeit zu beschäftigen, das Zeichen so groß zu machen, dass kaum jemand daran vorbei sehen, hören, reden oder fühlen kann, letzlich trägt, liegt in der Art der Stellvertretung. D.h., ob man in der Öffentlichkeit diese Stellvertreterschaft überhaupt spürt und annehmen kann, ob Betroffene und Angeredete dies wahrnehmen.- Das zählt, und wenn es nur für einen einzigen der Stummen zählt.

Diese Stellvertetung wird manchmal von dem kranken, aber einer Öffentlichkeit mächtigen, Betroffenen grundsätzlich abgelehnt. - Sein Schrei, sein Reden und sein Schreiben, mag als eine völlig egoistische und einzig für ihn sinnvolle Tat erscheinen, weil es eben seine, ihm gegebenen oder von ihm erworbenen Möglichkeiten sind, sein Umgang mit der Krankheit, sein Verhalten, vom Tode umfangen, vielleicht schon angepackt und fest ergriffen. - Aber selbst dann änderte es nichts an der Legitimität einer solchen Entäußerung, denn sie ist möglich und ganz subjektiv notwendig.

Sie steht in einem harten und klaren Kontrast zur vielfachen und mehrheitlichen Realität der Krebskranken in unserer Zivilisation. Die schreiben nicht, die schreien nicht, die spielen nicht Theater, höchstens einmal heimlich. Tränen fließen genau so selten öffentlich, wie die ungeregelte Freude und das hemmungsloses Glück frei hinaus gelassen werden können, weil sie unausgesprochen nicht zum sozial akzeptierten Muster passen. - Jedenfalls in der je hier, bei uns, vorgefundenen und eingerichteten Öffentlichkeit nicht!

Warum? - Weil die Kranken und Sterbenden, ihre möglichen Adressaten in der allgemeinen alltäglichen Welt weitgehend schonen. Das habe sie gelernt. Das ist ein schlechtes, unausgesprochenes Fait à complit: „Mein Krebs gehört mir, weil ihr eigentlich nichts Genaues wissen wollt von meiner Angst, meiner Wut, meiner Verzweiflung, ich mir aber selbst sogar unsinnig anmutende Freude, unsinnig wirkende Lust verkneife, nur um damit nicht aufzufallen.“ Mühen oder Aufmerksamkeit zu beanspruchen gilt heute, außerhalb medialer oder ökonomischer Zusammenhänge, nicht als Dienstleistung gefasst, schon als Übermaß, als Zumutung. - Materiell ist Vieles, -sicher immer noch nicht genug, und an anderen Orten der Welt,fast gar nichts-, geregelt und vorhanden. Aber ideell herrscht, mitten im Leben, trotz des ständigen Umgeben-seins von Anderen, ein Leere, ein Nichts.

Das ist beim behandelnden Arzt häufig so. Die Schwelle zu überschreiten bleibt meist beim Kranken. "Können Sie mir helfen, jetzt und in den Stunden, Tagen und Wochen meines Leidens und möglichen Sterbens?“ Meist lautet die professionelle Frage: „Was kann ich für Sie tun?“, und die schon lange weitgehend akzeptierte, ach so soziale Antwort lautet: „Es geht schon. Machen Sie sich keine Mühe. Ich komme klar. Andere warten schon. - Der Nächste bitte!“ - Statt sich anzuziehen, stoßen sich die Pole ab.

Viele Betroffene drehen sich, angesichts dieser Verhältnisse, im Wortsinne stumm zur Wand. Das ist dann der einsame Ort an dem nur noch das Selbstgespräch und der Eigentrost helfen, sofern die eigene "Festung" das überhaupt noch hergibt. So ist auch Vieles in Organisationen und Institutionen, sogar in der „heiligen Familie“ und ihren Resten genau so strukturiert.

Es ist nicht nur beim Arzt so, sondern ganz allgemein folgen Angehörige, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, sogar Seelsorger und all´ jene übrigen „Spezialisten“ für alle menschlichen Probleme einer stummen Vorgabe.
Die unausgesprochene Forderung von dort, täglich, alltäglich, ein eingebildetes Common sense - Wissen: „Leide und sterbe wenigstens schön“, „Sterbe ohne allzu viele Umstände“, „Sterbe ohne allzu viele ehrliche Antworten und Fragen an deine Umgebung und begnüge dich, denn die vielen Anderen machen es auch so.“

Damit möchte ich sagen, ausgerechnet beim Krank-sein und bei der Möglichkeit daran einzugehen, haben wir uns im allgemeinen Alltag, um eine fast klinische Reinheit und Härte bemüht. Haben uns mit einer weiße Wand des freundlichen, positiven, sozial angepassten Antwortens und Fragens. „Geht es Ihnen gut? Es geht. Danke!“, arrangiert. Denn mit dem Tabu „Nein, mir geht es nicht gut!“, aber auch, „Gerade jetzt ist in mir so viel Zorn, Spott, Hohn, Ironie, Witz, Lust und Gier“, kommen wir Gesunde im Alltag schlecht zurecht. -„Geh´ doch zum Arzt, zum Therapeuten, zum Pfarrer, such´dir einen Profi für eine der allgemeinsten, gemeinsten und geheimsten Menschlichkeiten, geh´ uns nicht auf den Nerv und wenn, dann wenigstens mit hohem ästhetischem Anspruch.“

Daran krankt die Einrede, die schon davon ausgeht, dass es ihrem Schreiber, auch schlecht oder gut gegangen ist, er zumindest von den Möglichkeiten dazu genügend Lebenskenntnisse besitzt und er davon nichts mitteilen wollte, weil er, wie Alle, gelernt hat, nichts mitzuteilen. Das ist das geheime Wüten in der Gegenrede, der versteckte Zorn an den Zuständen.

Da kann uns, trotz aller Hindernisse, vielleicht auch der Mensch Christoph Schlingensief , mein Namensvetter, helfen. Denn das Ertragen von Lasten liegt im Aussprechen ohne Aussicht auf einen Erfolg, nicht im Schweigen gegen die hoch errichtete, weiße Wand. Vielleicht macht das Gesunden und Kranken mehr Mut, sich gegenseitig Menschliches abzuverlangen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:02
Lieber Christoph Leusch,

Sie reden häufig von "wir", wenn Sie aus Ihrer persönlichen Sicht heraus gesellschaftliche Zustände beschreiben.
Sie reden von "vielen Betroffenen" und "allgemein folgenden Angehörigen" etc.
Diese Verallgemeinerungen führen aber, meiner persönlichen Meinung nach, nicht weiter. Sie dienen doch wohl vor allem dazu, Ihrer persönlichen Sicht der Dinge einen allgemeingültigen Anstrich zu verleihen.

Ihren Darstellungen möchte ich einige persönliche Anmerkungen, Erfahrungen meinerseits entgegenstellen.

Neben den bereits ausführlich dargestellten Zustandsbeschreibungen sind Krankheiten auch Zeiten des Innehaltens und des Nachdenkens, Weichenstellungen des Lebens. Eine Krankheit ist neben all dem Belastenden auch eine Chance. (Wer das zynisch findet, redet lediglich dem Tod schon vor dessen Eintritt nach dem Mund.)
Krankheiten sind Erntezeit. Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft. Menschen können sich aufgrund von zusammen durchlebten Krankheitserfahrungen näher kommen als durch gemeinsam erlebte Glücksmomente.

Klagen über klinische Härte, fehlendes Mitgefühl etc. hilft kein bißchen, dadurch wird höchtens der (Leidens)Druck erhöht. Die Welt, die Verhältnisse kann man nur besser machen, nicht besser reden.
Mitgefühl kann man nicht einfordern, vielleicht nicht einmal erwarten. Aber man kann es geben, sofern man es hat.

LG
Titta
tetenal schrieb am 09.09.2009 um 22:15
"Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen und schreiben kann. Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich bei diesem Thema was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, mit einer leisen Kritik, nicht umgekehrt."

Das ist der beste Beitrag hier, Herr Leusch, vieln Dank dafür.

Mir kommen viele Diskussionsbeiträge hier unwirklich und manchmal extrem arrogant vor. In anderen Fällen sag ich mir, ich hab nicht studiert, und kann nicht mitreden, aber ich muss bei diesem Thema garantiert nicht erst ins Bücherregal greifen, um bei Sennett nachzuschlagen und Gernhardt interpretiern und und.... Dann sagt da jemand, der Autor Angele muss ja nicht Krebs gehabt haben um die Ängste durchzuleben. Ja, das ist so wie wenn man bei uns sagt "ich weiß genau was Hunger ist". Wenn das das Ergebnis von der ganzen Bildung ist, also das nahe liegende, das ernste, das leiden nicht mehr direkt verstehen zu können, dann ist was ganz andres krank in unserer Gesellschaft.
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 14:27
Ein sehr wichtiges und tief gehendes Thema. Leider komme ich aus Zeitmangel nur dazu, in knappen Stichworten Stellung zu nehmen.

Zitat: "Er denkt sich, Mist, warum muss es ausgerechnet mich treffen, es ist so ungerecht, und er hadert, flucht und weint und nimmt den Stift zur Hand."

Jeder, wirklich jeder Mensch hat das Recht sich in der Art und Weise mitzuteilen, die ihm eigen ist.

Zitat: "Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn."

Der einzelne Mensch mit all seinen Eigenarten und Fehlern ist das Größte und Wichtigste. Weder Gott noch Kirche noch Vaterland, noch Markt, noch irgendetwas stehen darüber.

Der einzelne Mensch kann für sich selber entscheiden einen wie auch immer gearteten "Gott" über sich zu stellen, aber kein anderer Mensch ist dazu berechtigt, einen anderen einzelnen Menschen unter irgendeinen "Gott" zu stellen.

Dazu zählen auch die unzähligen Kisten, die dazu dienen Menschen zu gruppieren und zu sortieren:

Zitat:
-Bekenntnisliteratur
-Auschwitz
-Transzendenz
-Endlichkeit
-Nichtigkeit
-Exhibitionismus
-Chose
-Fremder
-Anerkennungsfalle
-Scham
-Gott
-Marktes
-Publikums


Zitat: "Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen."

Wird Kunst als ein ausschließender Begriff definiert oder ist das, was jeder einzelne Mensch macht Kunst. Beuys: "Jeder Mensch ist ein Künstler".

Jede einzelne wie auch immer geartete "Äußerung" eines einzelnen Menschen zu seiner persönlichen Situation ist mir "wichtiger" als eine wie auch immer geartete "Äußerung" anderer über diesen Menschen oder seine Situation.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 15:24
"Jeder Mensch ist ein Künstler".

Richtig, aber zB ein Pornofilm deshalb noch lange kein Kunst.
Magda schrieb am 05.09.2009 um 16:35
"Jeder Mensch ist ein Künstler". "Richtig, aber zB ein Pornofilm deshalb noch lange kein Kunst."

Kann aber, kommt draufan.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 17:11
Titel?
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 17:17
Titta, Eselporno :)
Maro schrieb am 05.09.2009 um 14:45
Der Artikel "Wer hat geil Krebs" verkörpert selbst genau jene
Form den Exhibitionismus, den er den an Krebs erkrankten Autoren und Künstlern
unterstellt.
Wie kann man allen ernstes gleich im ersten Absatz das Unvergleichbare heranziehen um medial über den Wert des Leides anderer zu urteilen?
Dieser Vergleich ist gleichermaßen dilettantisch wie unmoralisch, weil anmaßend.Allein dafür wäre schon eine öffentlich Entschuldigung unumgänglich.

Daneben verblasst für mich schon beinahe die krude Fehleinschätzung des Werkes und Auftretens von Cristoph Schlingensief im Verlauf des Artikels.
Hätte sich der Autor auch nur annähernd damit beschäftigt, wäre ihm aufgegangen, dass die ganzen privaten Emotionen und Schicksalsschläge auch vor der Krebserkrankung bei ihm schon Thema gewesen (vergl. "Die Piloten").

Was hier mit plakativen Vergleichen und die Verwendung ansprechender Schrift und Form verpackt wird, lässt sich inhaltlich in einem einfachen Satz zusammenfassen: "Ich kenne Herrn Schlingensief nicht und mit seiner Krankheit soll er mich und alle anderen deshalb gefälligst in Ruhe lassen."
Die Essenz des Artikels ist demnach alles andere als gehaltvoll.

Ich kenne Herrn Schlingensief ebenfalls nicht persönlich, habe mich aber im Gegensatz zum Autor immerhin mit seinem Werk ein wenig beschäftigt. Deshalb komme ich auch zu dem Schluss, dass das was die öffentliche Person Christoph Schlingensief in Bezug auf seine Krebserkrankung schreibt und künstlerisch verarbeitet, einfach nur konsequent, stringent und verdammt mutig ist.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 15:27
Naja, Ihr Kommentar ist auch nicht gerade arm zB an Projektionen.
Magda schrieb am 05.09.2009 um 16:28
"Ich kenne Herrn Schlingensief ebenfalls nicht persönlich, habe mich aber im Gegensatz zum Autor immerhin mit seinem Werk ein wenig beschäftigt. Deshalb komme ich auch zu dem Schluss, dass das was die öffentliche Person Christoph Schlingensief in Bezug auf seine Krebserkrankung schreibt und künstlerisch verarbeitet, einfach nur konsequent, stringent und verdammt mutig ist."

Sehe ich auch so. Und finde auch die Art, wie Angele mit ihm als Künstler umgeht, ziemlich daneben, von allem anderen mal abgesehen.
Tata schrieb am 05.10.2009 um 01:31
Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wen das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Ein tragisches Beispiel ist für mich Michael Jackson, dem man sein Bestehen auf einer gewissen Privatsphäre zur Last legte und alles Mögliche andichtete. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem.
Tata schrieb am 05.10.2009 um 01:33
Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wen das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Ein tragisches Beispiel ist für mich Michael Jackson, dem man sein Bestehen auf einer gewissen Privatsphäre zur Last legte und alles Mögliche andichtete. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem.
Der Artikel war zwar provokant, benennt aber ein wichtiges Thema. Die Reaktion von Herrn Schlingensief fand ich zu scharf. Ich wünsche ihm aber natürlich alles Gute.
Tata schrieb am 05.10.2009 um 01:45
Ich finde, man kann über den Aspekt des Mutes schon diskutieren. Krebs ist in erster Linie ein sehr, sehr schwerer Schicksalsschlag. Eine schuldlose Erkrankung, die zu Recht Mitleid und Entsetzen hervorruft. Wirklichen Mut hingegen erfordert ein Bericht über die eigene Aidserkrankung (weil leider noch moralisch bewertet) oder den Psychatrieaufenthalt - da sind die Leute nämlich höchst peinlich berührt, wenn das jemanden im eigenen Freundeskreis betrifft.
Natürlich soll sich jeder Künstler öffentlich äußern dürfen, wie er will. Aber diese Verschiebung des öffentlichen Raums zum Privaten hat halt auch zur Folge, dass plötzlich alles privat sein muss. Man sieht es in den USA, wo Politik machen die eigene Familie vermarkten bedeutet. Die öffentliche Person, die heute ihr Privatleben nicht offensiv thematisiert, hat de facto ein Problem, wie für mich das tragische Beispiel von Michael Jackson belegt.
Melanie Petersen schrieb am 05.09.2009 um 15:50
Was ist denn das für ein Umgangston?! Lesen Sie sich Ihre Kommentare und Artikel auch mal durch, bevor Sie sie abschicken? Erschreckend.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:06
Ihr "Sie" ist jetzt allerdings auch eine ungemessene Verallgemeinerung, bei allem Verständnis für Ihre Kritik.
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 16:27
Melanie Petersen,

in einer Diskussion mit Betroffenen über so eine Thematik ist eine knallharte, ungeschminkte Sprache meiner Meinung nach zulässig wenn nicht gar notwendig.

Wem das zu viel ist für den gibt es reichlich leichtere Kost.
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 22:03
streifi, alte säge,
dass du dir das tacheles nicht verbieten lassen willst, verwundert mich nicht. aber daraus gleich den freibrief der notwendigkeit abzuleiten, geht dann doch zu weit. mir zumindest. meine zustimmung hat melanie petersen.
Titta schrieb am 07.09.2009 um 22:29
M.Dell

Na, in Zukunft können wir Sie dann ja auch, Delli, alte Beule nennen;-)
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 23:34
war ein versuch, ein bisschen die schärfe rauszunehmen. wollte niemandem zu nahe treten.
Matthias Dell schrieb am 07.09.2009 um 23:34
war ein versuch, ein bisschen die schärfe rauszunehmen. sollte aber nicht zu kumpelhaft rüberkommen.
Titta schrieb am 07.09.2009 um 23:48
Mir sind Sie, falls es denn so wäre, auch nicht zu nahe getreten. Und sägen können ja hier einige ganz gut. Solange es lieb gemeint war, finde ich alte Säge sogar ganz nett. Deshalb ja auch mein ;-)
Matthias Dell schrieb am 08.09.2009 um 09:50
säge war nie anders als fern der wortbedeutung gemeint.
Matthias Dell schrieb am 08.09.2009 um 15:39
eher so im sinne von: "altes haus"
Streifzug schrieb am 08.09.2009 um 16:05
Für solche Gelegenheiten brauchen wir wohl einen Kommentar-Raum 18+

Ich persönlich bin zwar eh immer sehr zurückhaltend mit meinen Äußerungen, aber warum nicht mal bei bestimmten Themen ganz ungeschminkt knallhart zur Sache kommen.

Wem es zu viel wird der kann ja wieder in die Krabbelgruppe gehen Softball spielen ;)
Matthias Dell schrieb am 08.09.2009 um 17:19
zwecks 18+: ich sehe kein zeichen von erwachsensein darin, so genanntes tacheles zu reden. ein gespräch soll doch immer auch eine brücke seine und keine belagerung
Matthias Dell schrieb am 08.09.2009 um 17:20
zwecks 18+: ich sehe kein zeichen von erwachsensein darin, so genanntes tacheles zu reden. ein gespräch soll doch immer auch eine brücke sein und keine belagerung
Streifzug schrieb am 08.09.2009 um 17:37
Brücke? Ach was, bei 18+ geht es nicht um Bückenbau sondern um verbale Massaker ;)
M1xP1yne schrieb am 08.09.2009 um 19:14
Eben, was ist schon gegen ein kleines bisschen Eskalation einzuwenden;- )

Mein Problem allerdings ist, und hier stimme ich mit Titta, Frau Petersen und den Herren Jäger und Dell überein, ist, das ein solcher Ton, wie er u.a. hier angeschlagen wurde, der Diskussion abträglich ist. An und für sich ist Provokation, sowie die Verwendung einer klaren, ehrlichen, manchmal auch verletztenden Sprache sicher eine gute Sachen, und einer DIskussion dienlich. Aber sobald es nicht mehr um die Diskussion an sich, sondern um die persönliche Beleidigung des Kontrahenten geht, ist irgendwas schief gelaufen. Denn dies ist der Tod jeder Diskussion und der Auftakt zu einer meist sehr langen Reihe von unnötigen Schähungen und eventuell persönlichen Feindschaften.
Deshalb verstehe ich, wenn Streifzug hart in der Sache bleiben möchte (Auch wenn Du m.E. bei manchen Sachen, z.B. alles was JA betrifft, inzwischen manchmal die Grenze überschreitest, Streizug ;- )
Allerdings gilt das Einhalten der Grenzen hier leider nur für wenige, die oben genannten explizit ausgeschlossen.
Zudem, und das ist der zweite Punkt, der mich bei vielen hier stört, können viele von denen, die hier so freudig austeilen und z.T. wie tollwütige HUnde auf Herrn Angele rumbeißen, nicht annähernd so viel einstecken können, wie sie austeilen (Gilt nicht für Dich, Streifzug, DU hast zweifelsohne Nehmerqualitäten ;- ).

Einen Schönen Abend ansonsten,

Max

P.S.

Herr Angele, ich kann Ihrem Artikel zwar nicht vollständig zustimmen, was ich hier allerdings nicht weiter erörtern möchte, aber er hat diese Art von Kommentierung nicht verdient, von den unzähligen beleidigenden Kommentaren mal ganz abgesehen. Schließen Sie und die Freitagsredaktion bitte nicht auf die gesamte Community. Das wäre nicht nur unfair, sondern würde die sowieso schon existierende Spaltung noch vertiefen.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:23
Ich muß jetzt hier doch noch mal ein paar persönliche Äußerungen loswerden.

Ich finde die Arroganz der Gesunden, wie sie auch hier in den Kommentaren zT zum Ausdruck kommt, nahezu unerträglich.
Der Kranke ist krank, aber doch nicht nur ein bedauerungswürdiges Wesen, das vor jeder kritischen Äußerung generell in Schutz genommen werden müßte. Das Leben ist doch mit der schlechten Diagnose nicht zu Ende. Da kommt noch was, und zwar eine ganze Menge. Und vor allen Dingen ist das nicht so negativ und schwarz, wie viele hier anscheinend meinen.
Kranke machen Erfahrungen, die sie den Gesunden voraus haben, erleben vielleicht sogar eine Gefühlstiefe, wie sie Gesunden nicht zugänglich ist.

Und umgekehrt kann ein Kranker, wenn er über seine Krankheit in was für einer Form auch immer reflektiert, auch einfach nur großen Blödsinn von sich geben.

Genau in diesem breiten Spannungsbogen ist Krankheit ein Teil des Lebens.
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 16:30
Titta,

ich kann auch als Gesunder einfach nur großen Blödsinn von mir geben ;)

Hat nicht jeder ein Recht auf Blödsinn? (Ernst gemeinte Frage)
Magda schrieb am 05.09.2009 um 16:32
"Und umgekehrt kann ein Kranker, wenn er über seine Krankheit in was für einer Form auch immer reflektiert, auch einfach nur großen Blödsinn von sich geben."

Das ist sicherlich richtig und von daher kann man die Hervorbringung auch kritisieren, aber das tut Angele ja nicht, er wirft alles in einen Topf und meint: Bekenntnisliteratur - igitt.

Ob Schlingensief oder Roche, alles schlimm, schlimm.
Rainer Kühn schrieb am 05.09.2009 um 16:47
Angemerkt: In der Literaturwissenschaft gibt es den Biographismus, der die Texte auf das herunterschraubt, was sowohl deren Autoren als im Umfeld Beteiligte zum geschriebenen Text, zur beschriebenen Sache gesagt haben. Dann ist das keine Textwissenschaft (der Text ist sogar unwichtig), sondern brisante, expolsive Biographieschreibung. Ein Text ist eben anders und anderes als außertextliche Statements zur selben Sache. Und durcheinander geht hier Text & Bedeutung mit Person & Motivation. Buchkritiken messen sich an der eigenen Lektüre des Buches. Normalerweise.
Streifzug schrieb am 05.09.2009 um 17:12
Rainer Kühn,

das hört sich interessant an. Würdest du es mir Laien bitte einmal in einfachere Sprache übersetzen?
Joernschlund schrieb am 05.09.2009 um 18:54
Ich denke der Herr Angele ist ein Bisschen Dumm- jene Dummheit die von den vielen Journalisten ausgeht wenn sie über etwas schreiben wovon sie keine Ahnung haben- vor allem wenn es um Gefühle geht! Alles Kitsch! Das darf nicht sein! Und weiter unter dem Mott: gelobt sei was hart macht. Und gerade KUNST hilft.
Joern Schlund
merdeister schrieb am 05.09.2009 um 23:46
Ach Nein, dumm ist hier keiner, nicht mal ein bisschen. Und ich glaube, das ist auch nicht das Wort, welches Sie suchen.
Rahab schrieb am 06.09.2009 um 08:49
vielleicht meint Joernschlund 'dumm' als 'lebens-dumm'- im gegensatz zu 'lebens-klug'?
Magda schrieb am 06.09.2009 um 11:07
Ein bisschen hart vielleicht aber das Wort, das man hier vielleicht anwenden kann ist "gefühlsblöde", wobei ich nicht behaupten will, dass dies eine generell Einordnung ist.
Manchmal ist man gefühlsblöde im Bezug auf bestimmte Phänomene.
Titta schrieb am 06.09.2009 um 16:22
"gefühlsblöde"

Es gibt keine blöden Gefühle. Ebensowenig wie es eine Art gibt, Gefühle blöde aufzunehmen.
Gefühle sind so wie sie sind. Sie sind nicht beurteilbar.

Das "gefühlsblöde" kommt doch wohl vielmehr dadurch zustande, daß der eine Mensch die Gefühle des anderen Menschen nicht verstehen, nicht nachvollziehen kann. Und aus diesem Unvermögen, diesem Unverständnis resultiert dann die Be/Verurteilung, der andere sei irgendwie "gefühlsblöde".

Was notwendig ist, sich in seiner Unterschiedlichkeit der Empfindungen zu akzeptieren, und falls möglich, anzunehmen.

Wie schwer das ist, zeigt die Diskussion hier.
Rahab schrieb am 07.09.2009 um 10:14
"blöde" so wie ich es kenne findert sich beispielsweise in der geschichte, wie es kam, dass wezi frauen (schwestern) Jakob heirateten. da steht (im Jubuläen-buch), Leas augen seien "blöde" gewesen. in der übersetzung in der nachfolge von septuaginta/vulagata usw. steht dann, ihre augen seien ohne glanz gewesen.
also: blöde bedeutet, was an den augen zu haben. auf neu-deutsch vielleicht, 'nen knick in der optik(?)
übrigens, da ich mich ja mehr mit den rabbinischen traditionen beschäftige: Rachel fand ihre schwester Lea überhaupt nicht blöde!
marsborn schrieb am 05.09.2009 um 20:18
Sorry Herr Schlingensief, aber ich finde Michael Angeles Text mehr als berechtigt. Er kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln. Dieser verzweifelte Exhibitionismus, der mir als Rezipient eben keine andere Wahl lässt als eben solidarische "Betroffenheit" oder eben das Ganze zu ignorieren erscheint mit weder als notwendig noch als irgendwie für irgendwen hilfreich. Diese emotionale Erpressung (so empfinde ich es) geschieht auf der falschen Ebene und führt nirgendwo hin. Wenn Sie jetzt sagen würden "Ja eben, dann sehen Sie mal, wie es einem Krebskranken geht", dann würde ich entgegnen: Aha, ja klar - und nun? Angele hat deshalb recht damit, diesen Aspekt anzusprechen. Diese Art von privater Katastrophenberichterstattung ist natürlich legitim, aber ihre Vermaktung mit Skepsis zu betrachten, ist mehr als angebracht.
Titta schrieb am 05.09.2009 um 21:54
"Dieser verzweifelte Exhibitionismus, der mir als Rezipient eben keine andere Wahl lässt als eben solidarische "Betroffenheit" oder eben das Ganze zu ignorieren erscheint mit weder als notwendig noch als irgendwie für irgendwen hilfreich."

Und wie sich diese so 'erzwungene' solidarische Betroffenheit dann auswirkt, ist ja an einigen Reaktionen hier deutlich zu sehen.
Baobab schrieb am 05.09.2009 um 21:29
So viele Blogeinträge zu diesem Thema, kaum zu glauben! Nur noch eins dazu: Große Kunst ist Schlingensiefs Krebsbuch meiner Ansicht nach nicht, muss es aber auch nicht sein. Im Falle des Falles, dann nämlich, wenn man selbst von dieser Krankheit betroffen ist, dann will man solche Bücher lesen. Man will dann einen Austausch mit anderen "Betroffenen", die über blöde Durchhalteparolen der Nichtkranken hinausgehen. Und wenn man so wie ich dann noch auf wenigstens ein bisschen Qualität des Lesestoffs aus ist, den ja Betroffenenliteratur eher selten hat, dann braucht man auch Bücher wie Schlingensiefs Krebstagebuch. Einige Sätze habe ich mir herausgeschrieben, weil sie für mich wichtiges aussagten, mir eine Hilfe waren im Chaos der Zeit, wenn man feststellt, dass man sterblich ist - und dass nicht "irgendwann" sondern sehr bald. Das meiner Meinung nach beste Buch über ein Leben mit und Sterben an Krebs (sorry Herr Schlingensief) ist von Werner Schneyder und heißt einfach nur "Krebs. Eine Nacherzählung". Und da ich mit dem Thema noch immer nicht fertig bin, werde ich auch weiter "solche" Bücher lesen, auch wenn ich früher schon bei der Bezeichnung Betroffenenliteratur vor Ekel ganz lange Zähne bekommen habe. So kanns halt gehen!
Magda schrieb am 06.09.2009 um 11:09
"ist von Werner Schneyder und heißt einfach nur "Krebs. Eine Nacherzählung"."

Das finde ich nun merkwürdigerweise ganz daneben, das Buch. Exhibitionismus auf Kosten anderer. Viel schlimmer.
merdeister schrieb am 05.09.2009 um 22:44
Krebs. Angst. Beide sind fast untrennbar miteinander verbunden. Und so wie jeder anders mit seiner Angst umgeht, blickt jeder anders auf Literatur, die Krebs zum Thema hat.
Daraus erklärt sich meiner Meinung nach auch der raue Ton, der hier gerade am Anfang angeschlagen wurde.
Meist versuche ich mit Angst rational umzugehen, das angstbesetzte Thema in kleine Teile zu zerlegen, die ich handhaben kann. Ein Bronchialkarzinom sieht dann zum Beispiel so aus:
Crepes
Kleine Zellen, alle irgenwie blau-lila und nicht schön. Sie haben sich verändert, in ihrem Fundament ihrer DNA (unserer DNA!) und wachsen nun einfach immer weiter. Sie sind atypisch aber nicht furchteinflößend.

Berichte von Betroffenen zeigen den Schrecken u.U. in ihrer ganzen Pracht (die Bilder spare ich mir jetzt). Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen.
merdeister schrieb am 05.09.2009 um 22:48
Oh, das ist aber groß...
Kommt von hier:http://de.wikipedia.org/wiki/Bronchialkarzinom

Interessant fand ich, die Aussage, Herr Schlingensief wäre Raucher gewesen und erklärt nun, er sei Nichtraucher. Dabei geht es mir nicht um Schuld oder Verantwortung (je nach Gusto), sondern um die Motivation von Herrn Schlingensief, vor allem sich selbst gegenüber.
ABER ich habe keinen richtigen Beleg für diese Aussage gefunden.
luggi schrieb am 06.09.2009 um 08:10
Notwendige Berichtigung - das Thema ist zu ernst.

Um Bilder von einem Bronchialkarzinom zu finden gibt es mehr Quellen als de.wikipedia. Was ich aber heimtückisch (ob mit Vorsatz oder aus Unwissenheit) an deinem Kommentar finde ist folgender Umstand. Das von dir verwendete Foto zeigt nicht wie von dir unterstellt ein kleines Karzinom sondern ein kleinzelliges Karzinom im mikroskopischen Präparat. Das Bild darüber zeigt die makroskopische Ansicht eines Bronchialkarzinoms. Und dieses Bild und andere sind furchteinflößend. Die Tumorzellen des kleinzelligen Bronchialcancer sind nicht von sich aus blau oder lila. Sie sind eingefärbt damit z.B. der Pathologe bei einer Tumoroperation sicher sein kann, dass der Chirurg beim abschneiden von Organmaterial ohne Färbung der Zellen im gesunden Gewebe angekommen ist. Im Prinzip beim kleinzelligen Bronchialkarzinom nicht anwendbar, weil dieser Krebs als inoperabel gilt.

Deinen letzten Satz "Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen." wird bei mir unter der Rubrik Zynismus ohne Adjektiv einsortiert.

Abschließend: "richtiger Beleg" Herr Schlingensief als Raucher. Vielleicht hilft dieser Link:
www.bz-berlin.de/archiv/schlingensief-sucht-den-schuldigen-fuer-seinen-krebs-article320967.html
merdeister schrieb am 06.09.2009 um 11:01
"Um Bilder von einem Bronchialkarzinom zu finden gibt es mehr Quellen als de.wikipedia."
Wikipedia ist schnell und die Urheberrechte sind klar (?) und für die Aussage meines Kommentars ist es nicht wichtig die Histologie des richtigen Tumors zu finden.

"Das von dir verwendete Foto zeigt nicht wie von dir unterstellt ein kleines Karzinom"
Wo habe ich das geschrieben?

"Das Bild darüber zeigt die makroskopische Ansicht eines Bronchialkarzinoms."
-"Berichte von Betroffenen zeigen den Schrecken u.U. in ihrer ganzen Pracht (die Bilder spare ich mir jetzt)."-
Wenn Du Dir die ganze Pracht selber ansiehst, weiß ich auch nicht.

"Die Tumorzellen des kleinzelligen Bronchialcancer sind nicht von sich aus blau oder lila. Sie sind eingefärbt damit z.B. der Pathologe bei einer Tumoroperation sicher sein kann, dass der Chirurg beim abschneiden von Organmaterial ohne Färbung der Zellen im gesunden Gewebe angekommen ist."
Das ist doch unwichtig, wenn man sich mit dem beschäftigt hat, was ich sage. Außerdem ist es nicht ganz richtig. Der Chirurg markiert u.U. den Rand einen Gewebestückes, damit der Pathologe (der die Zellen blau macht) beurteilen kann, ob dieser Tumorfrei ist.

"Deinen letzten Satz "Die kleinen Zellen darin zu finden, bleibt jedem selbst überlassen." wird bei mir unter der Rubrik Zynismus ohne Adjektiv einsortiert."
Dann hast Du ihn nicht richtig verstanden, darauf deutet allerdings auch schon meine "heimtücke" hin.

Den Bericht, den Du verlinkst kannte ich schon "Das Rauchen hat er übrigens schon vor Jahren aufgegeben. " war mir aber nicht Aussagekräftig genug. Trotzdem Danke.

Du hättest auch noch auf ein Komma hinweisen können, welches da zuviel im Text steht.

Wo das geklärt ist, können wir aber gerne über Angst sprechen, denn darum geht es hier Meiner Ansicht nach unter anderem.
Eisvogel schrieb am 06.09.2009 um 01:03
Wie unbedarft darf Journalismus heute sein?

"Wer wie ich in den Massenmedien arbeitet..." - dieser Satz offenbart das ganze Dilemma, Herr Angele: Wer so einen Satz schreibt, und vor allem: wer so einen Artikel schreibt, bedarf

journalistischer
sprachlicher
literarischer
und vor allem
menschlicher Schulung.

Wie viel Zeit bekommen Sie für einen Artikel, einen Kommentar, Herr Angele? Und: Wer liest Ihre Artikel gegen?

Ihr "Kommentar" verkörpert sinnbildlich diesen gallopierenden Absturz des Journalismus. Ich weiss ja nichts, kann ja nichts, aber google mich locker durch meinen journalistischen Alltag?

Sie werfen Autoren "Schwer erträglichen Exhibitionismus" vor?

"Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn." Sie schreiben einen derartigen Satz und realisieren nicht, dass vielleicht Sie selber gemeint sind?

„Es mag eine Leistung sein, das Publikum über seine Krankheit so zu unterrichten, dass es sich nicht langweilt, aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?“

Wahre Grösse = stilles Leid???? Hallo, auf welchem Planeten leben Sie, Herr Angele? In welchem Zeitalter? Was ist das für eine Zeitung, die einen derartigen Kommentar zulässt? (Kommentar? Glosse? Literatur- oder Gesellschaftskritik?)

Es gibt dieses Dagegen nicht mehr, es gibt keine Transzendenz mehr, die einem die eigene Endlichkeit vor Augen führte und die Nichtigkeit lehrte, und also wird in die Tasten gehauen und es entstehen so.....

Nein, es gibt dieses Dagegen nicht mehr und keine Transzendenz, die einem Journalisten die eigene Nichtigkeit vor Augen führte, und also hat er ein bisschen gegoogelt, der Journi, und dann in die Tasten gehauen und es entstand ein unsäglicher Artikel...

Es tut mir leid, Herr Angele, wenn ich Ihnen derart an den Karren fahre. Aber es ist tatsächlich derart unsäglich, was Sie geschrieben haben. So unsäglich, wie Vieles in vielen Medien. Jeden Tag und ständig. Man kann nicht immer reagieren. Aber manchmal muss es sein.

Warum meine Gegenrede jetzt und hier so lautstark daherkommt: Ich habe meinen Mann verloren. Einen grossen und grossartigen Jazzmusiker und noch grösseren Menschen. Sein Leiden hat er still erduldet. Er hat nicht gehadert, nicht gejammert und schon gar nicht geschrieen. Er liess die Ärzte machen. Liess sich voll pumpen mit dem ganzen Gift. Und auch ich habe nicht geschrieen. Und ja, einige Freunde sagten mir später, es sei beeindruckend, wie er dies alles ertragen habe. Wie würdevoll.... Ganz nach Ihrem Geschmack: Würdevoll! Und still!!!

Mann spricht nicht über seine Angst, Mann jammert nicht, nicht über seinen Schmerz, nicht über sein Leid.... Zurück bleibt eine entsetzliche Leere, zurückt bleibt die Angst, nicht wirklich teilgehabt zu haben, nicht verstanden zu haben, nichts verstanden zu haben, vom Leid, von diesem Schmerz, von diesem Wahnsinn.

Schlingensiefs Buch hat mir etwas zurückgegeben. Schlingensiefs Worte haben diese Leere gefüllt. Sein ungefilterter Schrei, seine fieberhaften Fragen, sein Hadern und Suchen... Etwas, von dieser Kommunikation über Schmerz, Leid und Angst. Es war für mich die Möglichkeit, etwas nach zu vollziehen, an etwas teilzuhaben, an dem ich nicht teilhaben konnte. Oh nein, ich verwechsle das nicht, mit dem, was mein Mann gesagt hätte, nicht mit dem, was er wirklich gedacht, gefühlt, gelitten hat... Trotzdem, es war wie ein erlösender.... Akt, wie ein erlösender Traum. Es war, es IST Sprache für Unaussprechliches. Es ist das, was gute Literatur ausmacht.

Gute Literatur ist keine Wichsvorlage für müde und ausgelaugte Literaturkritiker. Gute Literatur ist ganz unakademisch Brücke zwischen Kulturen und Welten.
Titta schrieb am 06.09.2009 um 04:02
@Eisvogel

Sie machen es aber, bei allem Mitgefühl für Ihre persönliche Situation, wenn, dann auch nicht so großartig anders als Herr Angele.
Sie überhäufen ihn mit Unflat und nun soll er dazu Stellung beziehen, gegenüber einer Trauernden.

Zu den Beurteilungskriterien hinsichtlich Schlingensiefs Werk bzw. Angeles Kommentar, hier hat marsborn bereits folgendes, wie ich finde, Treffendes geschrieben:
"Er (Angele) kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln. Dieser verzweifelte Exhibitionismus, der mir als Rezipient eben keine andere Wahl lässt als eben solidarische "Betroffenheit" oder eben das Ganze zu ignorieren erscheint mit weder als notwendig noch als irgendwie für irgendwen hilfreich."
Columbus schrieb am 06.09.2009 um 02:06
ad Titta schrieb am 05.09.2009 um 16:02

Liebe Titta, ich denke zu wissen, wovon ich schreibe. Wenn Sie das "wir" stört, ich habe davon gar nicht so viel in meinem Text, dann streichen Sie es und schreiben Sie sich in Gedanken hin, was Ihnen dort besser passt. Die Dialoge und Sätze sind alle authentisch. Das Verhalten nicht einmal, sondern oft und konsequent beobachtet. Ich kann es halt nicht besser beschreiben.

Ich finde allerdings nicht, dass in der Krankheit, vor allem bei diesen Krankheiten um die es hier geht, eine
"Ernte" eingefahren wird, dafür ist Alles zu nahe am Schnitter. Ich glaube auch nicht, dass ein Kranker sich und der Umwelt etwas beweisen muss, z.B. "Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft." - Wirklich? Glauben Sie das, hilft das Ihnen, hilft das den Anderen? - Nun, dann ist es für Sie bestimmt gut.

Meine Erfahrungen sagen mir, ein wenig auch mein Wissen, dass darin, in dem beweisen und "bewähren" ein großer Irrtum liegt und Herr Schlingensief, aber auch viele andere Künstler genau dagegen anrennen. Sie können stellvertretend andeuten, wie wenig ein Mensch gezwungen ist, in einer solchen Lebenssituation Beweise vorzubringen. Sie werben für eine größere Freiheit in einem Zustand der faktisch und sachlich zunächst Enge, Einschränkung, weniger Bewegungsfreiheit und oftmals auch geistige Mattheit, Dumpfheit, Niedergeschlagenheit mit sich bringt, neben all´ dem Schmerz.

Wen es durch diese öffentlichen Bekenntnisse gelänge, einige von den überall aufgstellten Spiel- und Verfahrensregeln, wie "Kranke" zu sein haben und wie "wir" mit schwer Kranken, mit zum Tode Kranken, umgehen, zu lockern, dann wäre schon etwas erreicht.

Es gilt, so finde ich, in allen diesen Fällen eine Art "Beweislastumkehr". Erst wenn die Kranken häufiger spontan sagen, "so habt ihr mir gut getan und ich muss mich dafür nicht ständig bedanken", weil es wieder selbstverständlicher Umgang unter Menschen geworden ist, dann wäre ich ein wenig zufriedener.

Ich las dazu den sehr hilfreichen Verweis von Herrn "Merdeister", der die hier verhandelte Diskussion erdet, in dem er sich mit dem klinischen "Betriebsablauf", der sich in Wahrheit nicht nur in Kliniken, sondern auch an Arbeitsplätzen und in der Familie eingebürgert hat, pragmatisch beschäftigt. Sein Einschätzung, dass in diesem Falle die privatesten Dinge hochpolitisch sind, teile ich vollauf.

Aber noch einmal zum Thema:

Tatsächlich gibt es in dieser Frage nur einen kleinen Freiraum, journalistisch zu beurteilen, ob die Selbstaussagen und Kunstprodukte von Prominenten, in diesem Falle die eines umstrittenen, wie ich aber finde, ehrlichen Regisseurs und Ideenproduzenten, für diese Art Bekenntnis authentisch, nützlich, kunstvoll, glaubwürdig oder hilfreich sind. Mich störte nur der Anspruch, den "wir", ich schreibe das jetzt ganz bewusst, doch bei viel banaleren Dingen, aber auch bei vergleichbar schweren Themen nur ganz selten so streng anlegen. Ein Künstler oder Intellektueller ist in der Situation keineswegs besser, weiser, klüger und überzeugender. Er hat nur einen kleinen Vorteil, nein, deren zwei, er kann und will sich ausdrücken und mitteilen, und er hat die größere Öffentlichkeit dazu. Das Mitteilen ist aber, genau wie das Hinhören oder das genaue Lesen, das entscheidende Problem vor jeder Hilfe. - Das ist mein Verständnis in dieser Frage, nämlich ob die stellvertretende Öffentlichkeit und Offenheit Christoph Schlingensiefs, die Jürgen Leinemanns oder die eines Werner Schneyder, der über das Leiden seiner Frau schreibt, ob die Berichte und Kunstproduktionen, für mich sind es z.B. die einer Maxi Wander, mich so stärken, mich nicht einfach weg zu drehen, wenn es darauf ankommt. Sowohl dann, wenn ein Leiden, eine Krankheit mich trifft, als auch, wenn wieder einmal die feige Chance besteht, aus lauter Unbehagen an einer Kultur des Vorbeiredens und Darüberredens, den kleinen Schritt, das Angebot, nicht zu machen.

Frau Wander hatte dafür gut Sätze, z.B. diesen:

"Ich mag die vernünftigen Alten nicht, und am meisten erschreckt mich die sogenannte Vernunft bei den Jungen, sie ist nichts anderes als mangelnde Lebhaftigkeit und Phantasie, mangelnder Lebensmut."

Ob aus einem Bekenntnis "Kunst" wird, bleibt dem Zufall überlassen, dem man in einer seltsamen Volte höchstens ein wenig auf die Sprünge helfen kann, in dem man sich anstrengt ohne direkte Absicht. Eine Vorbedingung, wie es Herr Angele hingegen vorschlägt, kann es aber in dieser Angelegenheit unmöglich sein!

Grüße
Christoph Leusch
Titta schrieb am 06.09.2009 um 04:44
Lieber Christoph Leusch,

Sie schreiben: "Ich glaube auch nicht, dass ein Kranker sich und der Umwelt etwas beweisen muss, z.B. "Das, was der betroffene Mensch sich bis dahin an Beziehungen und Weltdeutungsmustern aufgebaut hat, muß sich nun bewähren, wird nun auf seine Tragfähigkeit hin überprüft.""

Ich weiß nicht, ob Sie mich da richtig verstanden haben bzw. ob ich mich da genügend verständlich machen konnte. Es geht nicht darum, daß der Kranke sich was beweisen muß. Ersetzen Sie das >muß< einfach durch >wird<, dann wird es vielleicht verständlicher. In der Krankheit zeigt sich einfach, ob das Beziehungsgefüge, in dem er sich befindet, das er sich aufgebaut hat in seinem bisherigen Leben, ihn nun durch diese Zeit trägt oder nicht. Ob da Menschen sind, die ihm beistehen, oder die sich abwenden. Ob er mit diesen Menschen reden kann, oder ob das Nichtredenkönnen, das schon immer bestand, nun offensichtlich wird. Ob es einen Glauben, eine Lebenseinstellung gibt, die sich in dieser existenziellen Lebenssituation bewährt, die sinnstiftend wirken kann.

"...ob die Berichte und Kunstproduktionen, für mich sind es z.B. die einer Maxi Wander, mich so stärken, mich nicht einfach weg zu drehen, wenn es darauf ankommt. Sowohl dann, wenn ein Leiden, eine Krankheit mich trifft, als auch, wenn wieder einmal die feige Chance besteht, aus lauter Unbehagen an einer Kultur des Vorbeiredens und Darüberredens, den kleinen Schritt, das Angebot, nicht zu machen."

Ich finde ihre Motivation, ihr Bestreben wirklich sehr ehrenwert. Allerdings ist das menschliche Gefühl, sich abwenden zu wollen, genauso wichtig und richtig und darf ebenso wenig mißachtet werden. (Auch wenn ich es als gesellschaftliches Phänomen genauso kritisiere wie Sie.) Ich erlebe immer wieder Menschen, die sich
dieser Gefühle schämen, sie verdrängen, und sich dann zB als Angehörige völlig überfordern. Weil sie glauben, zur Liebe gehörten solche Gefühle nicht.

Und was bei der ganzen Situation vielleicht auch nicht aus dem Blick geraten sollte, ist die Tatsache, daß es für manche Menschen noch Bedrückenderes gibt als die Angst vor dem Tod bzw. der Tod eines lieben Menschen.

Es grüßt sie herzlich
Titta
Schimmelweiß schrieb am 06.09.2009 um 05:14
Liebe gedankenstarke Gemeinde,
das war/ ist doch ein wunderbarer von prallem Leben nur so sprühender Disput, eine subjektive Objektivierung von Feinem. Meistenteils uneingeschränkt zustimmen kann ich nur Angele, Titta, luggi, marsborn. Die FREITAGliche „Nettiquette“ hat nur einer nicht beachtet: der Marketing-Boulevardier Master Schlingensief. Er hat sich hier mal niedlich offenbart in Diktion, speziell Wortewahl, Welt- & Selbstverkenntnis, Präzision, toller Unterstellungsmanier, lehrbeispielhafter Patho-Paranoia. Ton macht Mugge. Gedankens Blässe. Sowie: „Wer heute (hier) nicht krank ist, ist krank“, heißt es so schön wie trefflich. Wer sich gesund meint, hat sie nicht alle – umgekehrt gefolgert.

Angele hat den Nerv vieler getroffen (kenne mehr als einige, nicht unbedingt FREITAG-Leser oder Sterbens/ Todes-Tabuierer) und wider eine (merkwürdige) Political Correctness (der Ahnungslosen) gelöcket, die Schlingensief plötzlich hintergründig einfordert, früher jedoch eifrig zerspellte. DE MORTUIS NIHIL NISI BENE? Wieso eigentlich? Sogar bei noch vor sich hin Sterbenden schon anzuwenden? Meister Sch. hat sicherlich Verdienste, der Anti-Rassismus-Container in Wien, diese und jene Theater-u.a.-Idee, offensiver Versuchs-Anarchismus im Gesellschaftlichen wie Kulturellen. Vieles ist aber vielleicht, nein: gewiss, grober Nonsens, extreme Kultur-Niveau-Absenkung wie (á la Meese) haarsträubende Scharlatanerie, eine hocheitle Selbstausstellung, die einen zum Brechreiz verleitet, - in der Hinsicht ist der Beuys-Spruch ein Fluch. Könnte es nicht auch sein, dass er schon lange seinen Zenit überschritten hat, sich selbst wiederkäut, von Ideenklau bei sich und anderen existiert, vor Längerem aufhören hätte sollen, zumindest mal auf eine Dauer abseits Besinnung und Konzentration pflegen? Schier unerträglich sein Auto-Splatter-Movie samt eigener familiärer Kirchensekte, seine ostentative Heulerei: „Warum gerade ich?“ (eine Anmaßung sondergleichen). Schnell noch mal alles Material zusammenklauben, drollige Aufnahmen aus der Kindheit, ja nix vergessen, weil ICH doch SO WICHTIG bin. Wie schrieb Droste zu Biermann sinngemäß: Er stand politisch immer in der Nähe einer Kamera.

Wenn es seinen Gott gibt, der hohe Naive flüchtet, immer spätestens: wenn es hart wird, ins Gläubische, dann hat ER ihn mit dem Krebs beschenkt, auf dass er demnächst ausruhe, punktum. Soll er prämortal froh sein, nicht noch mehr Unsinn in die Welt zu schmeißen, der ruiniert den Ruf vollends. Ein Theater in Afrika (Mankell-Anschmiss inklusive) wird sofort den Hunger und AIDS wegspielen, bestimmt. Aber nur, wenn Schlingensief-Stücke die Bühne beweihen. Von „Scham“ wie Angele würde ich nicht reden im Sch.-Falle, eher von Würde, er könnte zu lernen versuchen, in Würde zu sterben, das tun doch die Allermeisten, so oder so (Lektüre, Blogs über Krankheiten im WWW sind das eine, befreundete, bekannte, verwandte Partner eventuell Besseres). Er hat sich genug ausgetragen. Spätestens jetzt aber wurde es peinlich, der Kindskopf wird flugs und ungewollt erwachsen – und muss alsdann sogleich aus dem Leben weichen, Pech das. Und wir, die wir nicht rechtzeitig auf den Bäumen sind, sollen sein Siechtum empathisch mit Zeit undoder Geld bezahlen (die Assistentenschar des Guru will anbei versorgt sein). Denn darum geht es zuletzt. Und darum, dass die Welt, das Universum, abrupt innehalten soll, alles Leben enden möge (nicht, natürlich, für die postmortalen Adlaten), weil ein gewisser Christoph Schlingensief das Zeitliche segnet.

So wie er offensiv inbrünstig in die Gesellschaft hinein wirkte, sollte er doch gelassener einen solchen wie den Angele-Kommentar ertragen können. Leider fehlt beiden Überwinder-Humor, A. wie Sch., die unheilige, lakonische Wut des A. akzeptiere ich gern. Na gut, alles eine Frage des Geschmacks (einer/ eine hat ihn – oder nicht): Für meinen wäre es schön (das „ALLES MUSS RAUS“ ist erledigt), ginge Meister Sch., wenn es ultimatiert, wie ein Indianer in den Wald, setzte sich hinter einen Busch und stürbe friedlichschiedlich, in Afrika am besten, da ist es warm – und ohne jegliche Medien, bitte. Wie er sich jetzt gebärdet, wird er seine Gebeine wahrscheinlich wie einst Lenin in ein Mausoleum per Vorvertrag „transformieren“ wollen, inmitten der „Körperwelten“ wären sie zu uneinzigartig. Nee auch, dabei hatte ich den Herrn Sch. einst mit der Erststimme demokratisch gewählt, lang ist’s her, der APPD gehörte übrigens die Zweitstimme, deren eines Motto: „Arbeit ist Scheiße“. In diesem Sinne: Ruhe sanft, C. S. Nichts für ungut. Oder doch.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 09:53
@ Schimmelweiß
Jawoll, mein Herr,
fast schon macciavellistisch Ihr Kommentar, ich pfeife anerkennend! Da fällt mir nur noch das Lied von Hans Albers ein:

" Jawoll, meine Herr'n, so hab'n wir es gern,
denn von heut' an gehört uns die Welt.
Jawoll, meine Herr'n, die Sorgen sind fern,
wir tun, was uns gefällt.
Und wer uns stört, ist eh' er's noch begreift,
längst von uns schon eingeseift.
Jawoll meine Herr'n, darauf könn'n sie schwör'n,
Jawoll, Jawoll, Jawoll! "

Hoffe, wir treffen uns mal beim Stammtisch,
es grüßt
Kovalcek
Magda schrieb am 06.09.2009 um 11:53
Also wenn es nun einen Wettbewerb um die größeren und kunstloseren Bosheiten gibt, dann haben Sie natürlich gewonnen, Herr Schimmelweiß. Bei sowas kann ich nur sagen: Volle Deckung, der pinkelt auf Gräber, die noch gar nicht gefüllt sind.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 13:02
Hallo LeserInnen,

ich hätte nicht gedacht, dass der Artikel von Angele an Flachheit, Vorurteilen, Berührungsängsten und Projektionen noch zu toppen ist.

Was schimmelweiß und auch Kovalcek hier von sich geben, entsetzt mich und zeugt von unsensiblem und rücksichtslosen Denken.

Mein Mitgefühl geht an die an Krebs oder sonstwie Erkrankten, die in einer solchen wie unserer Industriegesellschaft - wie auch alle anderen Randgruppen oder von der "perfekten, erfolgreichen, scheinbar gesunden" Norm Abweichenden -
auf ein Abstellgleis bugsiert werden.

Vor Leuten wie Argelen, schimmelweiss oder Kovalske
und anderen, hüte und schütze sich wer kann.

Überzeugend und nachvollziehbar finde ich hingegen die Kommentare von Columbus, socanalytica und merdeister, um nur diese zu nennen.

Die vielen Reaktionen auf den dreisten Artikel zeigen, dass die meisten Leute Verständnis dafür aufbringen, wenn Menschen in schwierigen Lebenssituationen sich nach außen, an andere Menschen wenden.

Jemand, Entschuldigung, dass ich jetzt den Namen nicht parat hab, schrieb hier auch sinngemäß, wohin solle man sich auch sonst wenden, da Gott wohl nur in einem selber oder den Mitmenschen zu finden sei...

Liebe Grüße,
Feli
Titta schrieb am 06.09.2009 um 16:45
Interessant finde ich hier wieder einmal die unterschiedliche Aufnahme und Bewertung von Äußerungen.
Herr Schlingensief wird ausfallend und persönlich, was aber augenscheinlich anders gesehen und aufgenommen wird, als wenn ein vermeintlich Gesunder dies tut. Dabei könnte man doch auch dem Gesunden konstatieren, schön, er hat endlich mal ehrlich alles rausgelassen, was ihn innerlich so bewegt.
Rahab schrieb am 06.09.2009 um 09:31
hab mir noch mal den anfang durchgelesen. und dachte mir dann so vor mich hin: wenn das so sein sollte, dass im unglück und in todesangst die scham und/oder das größere vom schreiben (=veröffentlichen?) abhält, abhalten sollte, dann gehörte eigentlich das buch Hiob/Job aus zumindest der christlichen bibel rausgeschmissen. oder zumindest all das, was Job so sagt, schreit, klagt und so weiter. die freunde vielleicht auch, vielleicht reichte es auch, wenn nur einer stehenbliebe. und am ende bliebe dann nur gott der herr (adonai), der wortgewaltig fragt: wo warst du denn, als ich all das schuf?
luggi schrieb am 06.09.2009 um 10:16
Nein, ich möchte das nicht kommentieren. Wieso hat so nur dieses Kommentarfenster geöffnet? Aber jetzt klicke ich auf OK.
Magda schrieb am 06.09.2009 um 11:15
Ach liebe Rahab, das war jetzt richtig gut.
paladin0505 schrieb am 06.09.2009 um 12:28
Wenn ich die ganzen langen Kommentare und den Haupttext richtig verstehe, haben die meisten Leute einfach Angst vor dem, was Herr Schliengensief und Co. von sich geben.
Ein todkranker Mensch hat alles recht der Welt, sein Leiden zu lindern und wenn ihm das mit dem hier so böse kritisierten "Exhibitionismus" am besten gelingt, soll er das tun. Ich denke, wir haben kein Recht, das zu kritisieren, nur weil uns das Lesen des Textes "peinlich berührt". Das liegt nämlich nur daran, das wir uns mit unserer Sterblichkeit konfrontiert sehen, mit der wir uns nicht früh genug beschäftigen können. Was soll so ein Kommentar bewirken???? Lest einfach nicht, wenn es euch nicht gefällt und lasst die Kranken ihr Leben meistern wie sie es wollen. Aber greift sie nicht mit solchen Kommentaren an...Wirkliche Grösse würde der Schreiber des Artikels zeigen, wenn er sich für seine Worte entschuldigen würde anstatt sich angegriffen zu fühlen, wenn ihn ein Betroffener härter anspricht. Die Menschen schauen den Tod ins Auge und argumentieren dementsprechend hart....
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 12:31
Es sind diese Zusammenhänge. Hier im Artikel lese ich Worte und Sätze wie:

"Auschwitz

Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn.

Wer beschließt, ein Buch nicht zu schreiben, weil ihn die Scham durchdringt

Wenn die eigene Krankheit schon öffentlich gemacht werden muss, dann bitte mit dem Anspruch, es nicht unter dem Rang von Kunst zu machen"


Ein wenig weiter in derFreitag im Artikel Die Logik des Stammtisches steht:

"Transposition von Tatsachen und Gedanken"

Karl Korn, ein bekannter Journalist auch im Nachkriegsdeutschland, würdigte Veit Harlans Film "Jud Süß" im "Reich" wegen seiner "historischen Objektivität".

Zwei Sätze dieser Besprechung sind bedenkenswert.

"Der Elende weiß nicht stolz zu sterben. Für nichts vermag kein Mensch anständig zu sterben."

Der wahre Mensch stirbt also mit Anstand, für etwas, Führer, Volk, Vaterland, ohne zu wimmern, ohne "Betroffenheit". Wer nicht stolz zu sterben versteht, der braucht auch nicht das Recht auf einen individuellen Tod. Man kann ihn vernichten wie Müll. Am Ende steht für Elende, die nicht stolz sterben können: Auschwitz.

Um es ganz deutlich zu sagen: Ich unterstelle Michael Angele keine rassistischen Fantasien. Es geht mir um Transposition von Gedanken.

Ich fühle mich bis jetzt von keiner "Bekenntnisliteratur" oder anderen "exhibitionistischen Neigungen" belästigt. Keiner zwingt mich, sie zu lesen oder entsprechende Sendungen zu sehen.

Diese Art der "Kunst" mag für viele nicht der Weg zu einer "perfekten Welt" sein, aber solange es sie und das Recht auf sie gibt, ist der Weg in eine Katastrophe obiger Art erschwert.

Erst, wenn es wieder ruhig wird in unserem "Vaterland" und die Aufforderung nach einem stolzen, ruhigen Tod für etwas, was größer ist als man selber ertönt, erst dann werde ich unruhig.
marsborn schrieb am 06.09.2009 um 13:26
Bitte zu bedenken: a) Wenn einem die Meinung des anderen nicht passt, mit der "Auschwitzkeule" zu winken, ist das Ende jeden sinnvollen Gesprächs. b) Krebskranke müssen sterben. Alle anderen aber auch. Der Tod vergibt keine Privilegien.
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 13:36
Liebe Mitleser und -streiter,

ich möchte noch eine Sache klarstellen. Ich finde den Titel zu meinem Artikel unglücklich gewählt. Der Artikel ist zuerst im Druck erschienen und wurde dann für online mit einer neuen, kurzen Headline versehen (also der Headline "Wer hat geil Krebs?"). Ich war mir mit dem Chefredakteur einig, dass sie sofort geändert werden muss. Das ist leider nicht geschehen und keiner bösen Absicht geschuldet, sondern dem Trubel des Redaktionsalltags. Zuvörderst ich selbst habe dann versäumt, für Vollzug zu sorgen. Später schien es mir zu spät, es hätte feige ausgesehen, so dachte ich, und nun steht er da, und macht mich gar nicht glücklich.
Michael Angele
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 13:46
@marsborn,

1. Auschwitz steht im Artikel, ganz zu Anfang.

2. Vorsicht, der Spruch mit der "Auschwitzkeule" ist die typische Schutzbehauptung Rechter, um nicht mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden und sie unter Tabu zu stellen. Wenn du ihn hier so zusammenhanglos anführst, dann sagt er mehr über dich als über meinen Kommentar.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 13:50
@ Streifzug: ich finde die Transposition des Auschwitz-Gedankens grenzwertig.

@ marsborn: Ihr Hinweis, dass jedes sinnvolle Gespräch zum Tode verurteilt ist, sobald einer der Gesprächpartner mit der "Auschwitz-Keule" winkt, ist aus meiner Sicht Gold wert.

Nur hätte ich das gerne früher gewusst, dann hätte ich mir nämlich gleich sparen können, den geilen Artikel zu lesen.
Wenn ich mich richtig erinnere, kam das Wort "Auschwitz" gleich in der ersten Zeile des Artikels von Michael Angele vor...

Woher wissen Sie so genau, dass der Tod keine Privilegien vergibt?
Sitzen Sie ganz nah an der Quelle?
Als Marsgeborener? Toll!
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 14:09
@Harry Kovalcek,

ich finde den Artikel und einige Kommentare grenzwertig.
marsborn schrieb am 06.09.2009 um 15:18
@streifzug: jaja, genau das meine ich. wenn einem die auffassung eines anderen nicht gefällt, spielt man den oberaufseher und verteilt aus der einbildeten eigenhöhe schlagetot-noten a la "aufpassen, so etwas sagen nur rechte". wer pech hat, ist gleich ein fascho, weil er/sie streifzugs werteskala nicht teilt. ach was bin ich dieser ewig kindischen besserwisserei müde...
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 14:07
Auschwitz am Anfang, Auschwitz am Ende. Ohjee.

Wäre es an dieser Stelle falsch, mal wieder an die Demut zu erinnern?
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 14:13
@GerhardHM,

warum darauf reduzieren und halt machen. Gibt es da eine Denkblockade? Dann hat die "rechte" Tabuisierung ja gewirkt.

Warum die weiterführenden Gedanken unter den Tisch fallen lassen?

Demut? In welcher Weise?
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 15:45
@Streifzug
In jeder Weise!
Der Tod ist die Höchststrafe. Für manchen die ultimative narzistische Verletzung. Kein irgendwie (auch finanziell) nutzbares, handhabbares Thema für Theater, Kino, Fernsehen,... Nicht "die Anderen", sondern:Ich bin sterblich. Und zwar jederzeit. Es ist unser aller(!) Lebensrealität.
Ich fand, vor allem das, was Titta geschrieben hat, stimmig. Ich "übersetze" mir das so: Sich dem Leben anheimgeben, heißt eben auch, sich dem Tod anvertrauen. Und sich gehalten wissen, oder glauben. Es mag jeder selbst herausfinden, welche Aufgabe die schwerere ist.
Dem "richtigen" Leben mag so mancher ausweichen können. Dem richtigen Tod nicht.
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 16:09
@GerhardHM,

jeder hat das Recht seinen eigenen Weg zu finden.

Folgendes habe ich unten bei klara schon mal geschrieben:

Diese "Öffentlichkeit" in all ihren Ausprägungen ist meiner Meinung nach einer der stabilsten Anker einer offenen, freien Gesellschaft. Genau das muss man aushalten. Man ist ja nicht gezwungen, alles zu konsumieren.

Auch Bloggen gehört dazu.

Sobald angefangen wird von einer "höheren" Warte zu selektieren, nach welchen "Gütekriterien" auch immer, verlässt man die offene, freie Gesellschaft und steuert in eine Richtung, deren mögliches Ende schlimmer sein wird als alle vorher kritisierte "Öffentlichkeit".

Somit sind gerade momentan die angeblichen "Qualitätswächter" Feinde offener Strukturen (auch Bloggen), letztlich aber einer offenen und freien Gesellschaft.
Magda schrieb am 06.09.2009 um 16:49
@ GerhardHM- "Der Tod ist die Höchststrafe. Für manchen die ultimative narzistische Verletzung"

Das stimmt. "Ich werde mir doch sehr fehlen", das ist glaube ich von Tucholsky, ders woanders her hat.

Genauso wie:
Ausruf:"Die Todesstrafe ist unmenschlich"
Antwort: "Sag das mal dem lieben Gott"

Gnade uns Gott, wenn es gelänge , Unsterblichkeit zu erkaufen.
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 19:33
@Magda
"Gnade uns Gott, wenn es gelänge, Unsterblichkeit zu erkaufen."
Genau dieser Satz war mir auch durch den Kopf gegangen. Aber die große Gesellschaftskritik, die daran hängt, schien mir hier doch zu weit zu führen. Und wir müssen doch zugeben, daß genau daran gearbeitet wird. Und zwar mit Volldampf. Das längere Leben ist bereits kaufbar. Die Zweiklassenmedizin ist Realität. Der "westliche" Eroberungs-, Erkenntnis-, Besitz- und Beherrschungsdrang bzw. -zwang kennt keinerlei Grenzen. Grenzenlosigkeit als gesellschaftliches Konzept. Ich hielte eine Diskussion dieser kaum noch gebremsten bzw. bremsbaren Entwicklung unter der Überschrift K R E B S für dringend geboten. Wir sollten endlich mal vor unserem menschlichen Tun auf diesem Planeten erschrecken.
Wir haben, übrigens so wie dieser Planet, Grenzen.
Der Tod ist eine sehr hilfreiche! Wir sollten ihn nicht missen wollen.
Die Tibeter bereiten sich jahrelang, vielleicht ein Leben lang auf den Tod vor. Im Tibetischen Totenbuch gibt es ein Kapitel mit der Überschrift "Die tibetische Kunst(!) des Sterbens". Nun stellen Sie sich mal vor, es gäbe eine "deutsche Kunst des Sterbens". Im Augenblick unvorstellbar. Oder?

@Streifzug
Ich glaube, gerade auch als Ossi, ihren Satz von der Öffentlichkeit gut verstehen zu können. Damals war sie praktisch abgeschafft. Nur ist die einmalige, aber eben dann zu späte DDR-Öffentlichkeit der Wendemonate recht schnell wieder verschwunden. Was sich heute Öffentlichkeit nennt, ist m.E. keine. Dieses fein austarierte Gleichgewicht aus politischen und ökonomischen Interessen, Geld und Macht hat mit "meiner" Wendeöffentlichkeit nichts mehr zu tun.
Schlingensief, so scheint mir, ist hier auch nicht zuerst ein sehr kranker Mensch, der seine Todesangst mit allem Recht der Welt herausschreit, sondern in dieser Art von Öffentlichkeit eben ein Markenname. Unter diesem Markennamen war ihm äußerste Provokation immer ein Ziel. Nun gibt es eben Reaktionen darauf. Seine beleidigende Reaktion auf Angeles Artikel halte ich für völlig überzogen. Andererseit auch für sympathisch. Hinter dem Markennamen, dem Regisseur, der jederzeit die Figuren des Spieles kontrolliert hat, alles im Griff hatte, erscheint ein Mensch.

Eine Freundin ist seit zwei Wochen in der Chemotherapie. Noch ist nicht heraus, ob "guter" oder "böser" Knoten. Ich habe ihr deutlich gesagt, daß ich da sein werde. Und gleichzeitig auch Angst davor, wenn es Ernst wird. Aber so ist es. Und ich glaube, ziemlich oft hilft die Theorie überhaupt nicht weiter.
Magda schrieb am 06.09.2009 um 19:51
@ Gerhard HM "Hinter dem Markennamen, dem Regisseur, der jederzeit die Figuren des Spieles kontrolliert hat, alles im Griff hatte, erscheint ein Mensch."

Und Du bist bestimmt auch ein richtiger Mensch. Man muss ja auch mal nett sein so im Getriebe. Gruß Magda
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 20:15
Warum so spöttisch und herablassend, Magda? Wozu ist sowas gut?
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 20:19
Warum so spöttisch und herablassend, Magda? Wozu ist das gut?
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 21:02
@GerhardHM,

"Und ich glaube, ziemlich oft hilft die Theorie überhaupt nicht weiter." - stimmt.

Was ist nun, wenn die Freundin ihre Krankheit dadurch bewältigen will, indem sie ein Buch, "Bekenntnisliteratur", schreibt?
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 23:08
In Wikipedia habe ich gerade nachgelesen:Im Jahr 2006 starben auf dieser Erde 58 Mill. Menschen. 2007 waren es 7,5 Mill. Krebstote. Und jede(r) hatte das Recht, ein Buch zu schreiben. So auch meine Freundin. Falls sie noch Kraft hat und auch einen Verlag findet. Vielleicht schreibt sie ein Gedicht, bespricht ein Band für ihren Sohn? Wer weiß. Der Eine reagiert auf Lebensereignisse so, eine Andere genau entgegengesetzt. Das hat kein Dritter zu erlauben oder nicht. Und mit dem Bewerten, wiewohl absolut gängige (Berufs-)Praxis, sollte man sich besser auch zurückhalten. Ist aber auch eher selten der Fall. Und zu einem erheblichen Teil ja gerade das Brot des Journalismus.
Sätze, wie "Ich bin betroffen,..", "Ich fühle das so...", "Ich sehe es so..." finden sich ja nicht so sehr häufig.
Die Freundin hatte mich übrigens, da sie mich auf diesen Wegen wußte, nach Meditationen gefragt. Neben zwei, drei Adressen habe ich ihr die Atemheilmeditation von Gari Rober und Yeoma gegeben. Hat ihr sehr gut getan, sagt sie. Hat sie damit was bewältigt? Die Krankheit gar?
Magda schrieb am 07.09.2009 um 10:08
"Warum so spöttisch und herablassend, Magda? Wozu ist sowas gut?"

Um Himmelswillen, da habe ich mich wahrscheinlich verbal vertan. Entschuldigung. Das war eine misslungene Zustimmung. Aber jetzt bin ich natürlich verunsichert und drücke mich...nicht aus, sondern verdrücke mich lieber.
Nichts für ungut
GerhardHM schrieb am 07.09.2009 um 11:40
So schnell geht es immer wieder mit den Mißverständnissen. Und wenn eine(r) dann daraus irgendeinen billigen "Vorteil" ziehen will, gibt es gelegentlich kein Halten mehr.
Ich gehöre zu denen, die Verständigung für möglich und geboten halten. Damit stehe ich im krassen Gegensatz zu Schlingensiefs Kommentar zu Angeles verunglücktem Artikel.
Gut also, daß ich gefragt habe. Und gut, daß Sie geantwortet haben.
GerhardHM schrieb am 06.09.2009 um 14:11
Auschwitz am Anfang, Auschwitz am Ende. Ohjee!

Wäre es an dieser Stelle falsch, mal wieder an die Demut zu erinnern?
klara schrieb am 06.09.2009 um 14:50
Ja, der Titel ist ziemlich eklig. Ein Reißer-Titel, gegen die an sich ja nichts zu sagen ist, der aber hier, finde ich, unnötige Geschmacks-Barrikaden einreißt. (Herr Angele, welchen Titel wollten Sie haben, wenn man fragen darf?)Wegen dieses Titels hätte ich den Text fast nicht angeklickt.
Nur ein paar Gedanken möchte ich in den Ring werfen, wenig strukturiert:
Auch ich war befremdet von Leinemanns „Coming Out“. Ich habe im Tagesspiegel angefangen, ein Interview mit ihm zu lesen – und nach einer Spalte damit aufgehört, weil… - weil ich finde, dass mich das irgendwie NICHTS ANGEHT. Ich kenne den Mann doch gar nicht! Wenn es mein Bruder wäre, dann würde ich alles wissen wollen, genau trösten wollen, helfen und reden und mit-leiden. Aber Herr Leinemann ist nicht mein Bruder. Warum will er allen möglichen fremden Menschen davon erzählen? Warum geht auch Herr Schlingensief – in seinem Kommentar – davon aus, dass die Gesellschaft sozusagen ein Recht darauf hätte, über ÖFFENTLICH ihre Leiden in Ich-Form zu reden? Die Betonung liegt auf „öffentlich“. Und Herr Schlingensief argumentiert zum Teil unlogisch, denn die Leiden an Ärzten, Herablassung etc. werden nicht dadurch gemildert, dass öffentlich in allen Details über Geschwüre und Ängste gesprochen wird. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oder anders gefragt: EXISTIERT man nur, wenn man ÖFFENTLICH wahrgenommen wird? DAS ist die eigentlich interessante Frage, finde ich, die hinter dem Befremden von Herrn Angeles Text stehtn könnte.
Ich finde den Kommentar von Herrn Schlingensief sehr lesenswert, packend geradezu. Diese absolute und exhibitionistische Ich-Bezogenheit hat eine große, auch künstlerische Stärke, eine große Faszination. Und zugleich offenbart der Kommentar in meiner Wahrnehmung eine Schwäche, die in vermutlich in jedem Produkt dieser Art künstlerischen Schaffens steht: Der Künstler kann nicht von sich selbst absehen, und schwächt dadurch seine Position, seine Ausdruckskraft, seine Allgemeingültigkeit.
Das hat dann rasch so etwas von „Ich weine, also habe ich Recht.“ Wer stirbt, hat auch immer recht.
Krebs ist eine der Krankheiten, die man wohl am meisten fürchtet. Ich habe mich als Kind sehr davor gefürchtet, wie man sich als Kind vor den furchtbaren Dingen fürchtet (Tod der Mutter, Drogensucht, Krieg etc.). Auch heute noch fürchte ich mich vor Krebs, genauer: Ich habe eine Riesenangst davor. Und ich verstehe das Bedürfnis, darüber zu reden, wenn man betroffen ist. Auch künstlerisch darüber zu reden. Egal ob krank oder nicht: Das Ich als vornehmster Gegenstand schreibender Betrachtung hat lange Tradition im christlichen Abendland, wurde nach dem Mittelalter, wenn ich nicht irre, bis heute währende Mode. Montaigne zum Beispiel, ein Renaissance-Autor, hatte eigentlich keinen anderen Gegenstand als sich selbst, seine Leiden vor allem, sein Altern.
Der Hinweis auf Richard Sennett greift hier fehlt, scheint mir, ohne dass ich das jetzt ausführen möchte. Und auch das Argument, es gehe auch anders, in anderen Gesellschaften, wirkt auf mich nicht schlüssig, obwohl die Frage interessant ist. Meinen Sie damit das Mittelalter, Herr Angele? Als es Kunst fast nur im Kollektiv gab? Namenlos? Das Urheberrecht weit fort in der Zukunft? Weil alles Gott war und diesem diente? Oder meinen Sie asiatische Gesellschaften? Sind sie „menschlicher“, „besser“, „nachhaltiger“? Gibt es überhaupt eine Bewertung?
Und warum sollte man die Exhibitionismen unserer Zeit mit zweierlei Maß messen? Also: Sexpraktiken, Beziehungsdebatten, Ehe-Intima sind in Ordnung als Gegenstand öffentlicher Beschreibung – der Alzheimer des Ehegatten indes und die Krebserkrankung des Herrn Leinemann ist es nicht?
In den 70erJahren gab es diese Art der Bekenntnisliteratur, glaube ich, auf feministischer „Grundlage“. Vielleicht kennt jemand ein unsägliches Buch namens „Märchenprinz“? Es hat sicherlich vielen „geholfen“, oder auch ohne Anführungszeichen: geholfen. Manchmal müssen Sachen gesagt werden, weil sie da sind. Und in der Ich-Form verallgemeinert es sich offenbar leichter, weil eigentlich jeder Ich ist.
Ich finde die Frage interessant, ob es Belästigung ist, über den eigenen Krebst öffentlich zu sprechen. Ich weiß darauf die Antwort nicht, sie kann wohl nur individuell sein: Dem einen hilft es, der andere will nichts davon wissen, der dritte ist indifferent. Darüber Kunst zu machen auf eine Art, die sich eben nicht so hübsch ironisch distanziert wie der Gernhardt, hat auch eine Größe, und der Widerspruch ist nicht auflösbar: Jeder hat Recht. Herr Angele hat Recht. Herr Schlingensief hat Recht. Weil es am Ende nicht die richtige Kategorie ist: Recht haben. „Komm, sing uns mal ein schönes Lied“ – kennt das noch jemand? Degenhardt at it’s best? Das schrammt auch an der Grenze zur Widerwärtigkeit, und ist, finde ich, ein großes Lied eben deswegen.
Ich finde die heftigen Reaktionen interessant, insbesondere, weil Herr Schlingensief, bevor er erkrankte, genau dies offenbar als Hauptziel seiner Kunst anvisierte: Provokation. Heftige Reaktionen. Je heftiger, desto besser. Vielleicht ist es so: Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin gewissermaßen um, muss sich deshalb immer wieder neu erfinden. Die absolute Authentizität gibt ebensowenig – oder nur als tote – wie die Absolution. Wer von der Öffentlichkeit geliebt sein will, muss immer ein anderer sein, denn die Öffentlichkeit ist eine Hure.
Ich nehme an, dass der Text von Herrn Angele schon durch kleine Änderungen in der Haltung weniger polarisiert hätte. Aber dann wäre hier nicht so viel Interessantes gesagt worden…
klara schrieb am 06.09.2009 um 14:57
p.s.der Hinweis auf Hunger in der dritten Welt,und dass man deshalb als Angehöriger der 1. Welt smit seinen kleinen, individuellen, irrelevanten (wenn auch tödlichen) Leiden unser Maul halten, ist ungefähr so unsinnig wie die Aufforderung an ein Kind, den Teller leer zu essen, schließlich hätten doch die armen Afrikanerkinder gar nichts zu essen und wären froh.
Nein!
Hinter einer solchen Aufrechnung von Leid bzw. Relativerung von Leid (leidende Massen gegen leidenden Einzelnen) gegeneinander steckt oft, scheint mir, eine verkappte Menschenverachtung, Verachtung des Individuums. Auch hungernde Kinder in Afrika sind einzelne Menschen, und jedes hat einzelne Schmerzen. Das Sprechen über Erste-Welt-Krebs nimmt hier doch die Relevanz nicht weg! Das hat doch nichts miteinander zu tun.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 15:10
Nachdem ich das alles gelesen habe, könnte ich in Versuchung geraten zu sagen, "gut, dass Herr Angerer die Überschrift des Artikels nicht mehr ändern konnte", denn diese hat maßgeblich zur polemischen Färbung des ganzen Artikels beigetragen.

Er hat damit sozusagen in ein Wespennest gefasst und nun kommen die ganzen Viecher raus und geben hier angeregtes und intelligentes zum Vortrag.

Es sollte aber dennoch nicht außer Acht gelassen werden, dass der Autor sich selber vom Titel "wer hat den geilsten..." distanziert und dass dieser von der online-Redaktion auf die Schnelle zusammengeschustert wurde.
Manchmal bleibt zum Denken eben keine Zeit, und da wird dann mal zackzack ein exhibitionistischer "Köder" ausgelegt, und mal schauen, ob wer anbeisst.

Sind doch ein paar fette Fische als Ausbeute, oder?

Aber muss das wirklich sein, dieses gegenseitige Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen?

Diese Unbeteiligtheit, Gemeinheit und Schadenfreude angesichts tiefsten Leids und größter Schmerzen?

Als meine beste Freundin als Kind eine gescheuert bekam von ihrer Mutter, konnte ich mir das Lachen gerade noch verkneifen.
Warum ein unwiderstehlicher Lachreiz mich erfasste, in dem Moment, wo ich ihr ungläubiges Gesicht sah, weiß ich nicht.
Steckt wohl irgendwo verborgen in mir drin, eine Art sadistischer Distanzierung von meinen lieben Mitmenschen.
Schrecklich.
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 15:12
@klara,

ich habe es oben schon geschrieben:

diese "Öffentlichkeit" in all ihren Ausprägungen ist meiner Meinung nach einer der stabilsten Anker einer offenen, freien Gesellschaft. Genau das muss man aushalten. Man ist ja nicht gezwungen, alles zu konsumieren.

Auch Bloggen gehört dazu.

Sobald angefangen wird von einer "höheren" Warte zu selektieren, nach welchen "Gütekriterien" auch immer, verlässt man die offene, freie Gesellschaft und steuert in eine Richtung, deren mögliches Ende schlimmer sein wird als alle vorher kritisierte "Öffentlichkeit".

Somit sind gerade momentan die angeblichen "Qualitätswächter" Feinde offener Strukturen (auch Bloggen), letztlich aber einer offenen und freien Gesellschaft.

Ach so, ich kenne auch "Der Tod des Märchenprinzen" :)
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 15:34
Liebe Klara,

danke für den langen, differenzierten Beitrag. Kann nur noch kurz antworten (bin etwas erschöpft). Es gibt ja den Titel in der Printausgabe. Er lautet:
"Kommentar (Mein Name) über die neue Bekenntnisliteratur.
Mutig ist, über seinen Krebs zu schreiben - es nicht zu tun, wäre fast schon Übermut".

Mit meinem Hinweis auf die anderen Gesellschaften (und ich meine damit ALLE außer der unseren, "post-modernen", oder wie immer man sie nennen soll) wollte ich nur darauf hinweisen, dass wir uns eben schon so an die Form der Öffentlichkeit gewöhnt haben, die Sie sehr schön beschreiben, dass uns etwas anderes kaum noch vorstellbar scheint.

Und ein Letztes: Ja, der Kommentar von Schlingensief hat zweifellos eine Kraft. Aber es gibt nicht nur den Künstler in seiner unbedingten, großartigen, ich möchte sagen, trans-narzistischen Geste, es gibt auch seine Gefolgschaft, und was diese hier postet, finde ich zum Teil erschreckend, muss ich leider so sagen. Mich fasziniert es aber auch wiederum als Phänomen, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ein Künstler in unserer Zeit noch eine Sekte hervorbringen würde (als "Sekte" hat Max Weber den Kreis um den charismatischen Dichter Stefan George bezeichnet, es ist also streng soziologisch gemeint, bevor man sich hier wieder aufregt :)

Im Übrigen möchte ich ihnen dafür danken, dass Sie auf die SPIEGEL-Titelstory eingegangen sind.
marsborn schrieb am 06.09.2009 um 16:45
Lieber Herr Angele, obwohl ich - siehe oben - diesmal auf Ihrer Seite bin: Gibt es wirklich eine Schlingensief-Sekte? Erstaunlich. (Ich kannte bislang nur seine selig entschlafene Pseudopartei "Chance 2000"...) Haben Sie die Adresse? Denn obwohl Sie in dieser Sache journalistisch absolut Recht haben - kunstmäßig bin ich Schlingensief-Fan. Ich möchte unbedingt beitreten!!
klara schrieb am 06.09.2009 um 21:28
@streifzug: nicht, dass wir einander missverstehen: ich habe nicht den Eindruck (man höre und staune), dass wir beide in diesem fall so weit auseinanderliegen? oder wen meinen Sie mit "von höherer Warte aus selektieren"? Mich? Meinen Beitrag?
Das läge mir fern, glauben Sie mir! Und ich kritisiere "die Öffentlichkeit" auch nicht, sondern beschreibe. Dazu - zu dem, was Sie zu Recht einfordern: das Aushalten - gehört ja auch, das auszuahlten, was man dann eben auslöst, wenn man sich in diese Öffentlichkeit begibt. Herr Schlingensief muss das aushalten, und Herr Angerer muss das aushalten.
Und alle miteinander sollten wir auch ab und an innehalten und schauen, ob wir die Dinge nicht vermischen.
Herr Angerer schreibt über ein Verfahren, über ein VErhalten, pars pro toto - nicht über eine krebskranke Person! Herr Angerer zeigt quasi sein Befremden. Das muss erlaubt sein! Die Reaktion darauf von Herrn SChlingensief erinnert an die REaktion eines Israelis auf Kritik an der Politik SEINES Landes mit dem Hinweis auf den Verfolgtenstatus aller Juden. Der Mechanismus: Kritik ist tabu. Gerade das, was Sie fordern, Streifzug, nämlich das AUshlaten von Meinungen, schließt auch das Aushalten von Reaktionen auf Meinungsäußerung mit ein. Und die Kritik an Israels Politik gegenüber Palästinensern bedeutet eben nicht Antisemitismus. Die Kritik von Herrn Angerer an exhibitionistischer Krankheitsmitteilung - man mag diese Kritik teilen oder nicht - bedeutet eben NICHT Herabsetzung des Leides Krebskranker. Soviel Differenzierung muss sein! Und so viel Vorschuss sollte man dem Redakteur an Vertrauen schon geben. Gerade in einer lebhaften demokratischen Öffentlichkeit, die uns so kostbar sein sollte - unter Anderem aus den von Ihnen genannten Gründen - wie kaum sonst etwas!
klara schrieb am 06.09.2009 um 21:37
3 @streifzug: nicht, dass wir einander missverstehen: ich habe nicht den Eindruck (man höre und staune), dass wir beide in diesem Fall so weit auseinanderliegen? oder wen meinen Sie mit "von höherer Warte aus selektieren"? Mich? Meinen Beitrag?
Das läge mir fern, glauben Sie mir! Und ich kritisiere "die Öffentlichkeit" auch nicht, sondern beschreibe. Dazu - zu dem, was Sie zu Recht einfordern: das Aushalten - gehört ja auch, das auszuhalten, was man dann eben auslöst, wenn man sich in diese Öffentlichkeit begibt. Herr Schlingensief muss das aushalten, und Herr Angerer muss das aushalten.
Und alle miteinander sollten wir auch ab und an innehalten und schauen, dass wir die Dinge nicht vermischen.
Herr Angerer schreibt über ein Verfahren, über ein Verhalten, pars pro toto - nicht über eine krebskranke Person! Herr Angerer zeigt quasi sein Befremden angesichts dieses – postmodernen, zeitgeistgemäßen – Verhaltens. Das muss erlaubt sein! Die Reaktion darauf von Herrn Schlingensief erinnert an die REaktion eines Israelis auf Kritik an der Politik SEINES Landes mit dem Hinweis auf den Verfolgtenstatus aller Juden. Der Mechanismus: Kritik ist tabu. Gerade das, was Sie fordern, Streifzug, nämlich das AUshlaten von Meinungen, schließt auch das Aushalten von Reaktionen auf Meinungsäußerung mit ein. Und die Kritik an Israels Politik gegenüber Palästinensern bedeutet eben nicht Antisemitismus. Die Kritik von Herrn Angerer an exhibitionistischer Krankheitsmitteilung - man mag diese Kritik teilen oder nicht - bedeutet eben NICHT Herabsetzung des Leides Krebskranker. Soviel Differenzierung muss sein! Und so viel Vorschuss sollte man dem Redakteur an Vertrauen schon geben. Gerade in einer lebhaften demokratischen Öffentlichkeit, die uns so kostbar sein sollte - unter Anderem aus den von Ihnen genannten Gründen - wie kaum sonst etwas!
Streifzug schrieb am 07.09.2009 um 13:10
Hallo klara,

es war wohl etwas missverständlich, "von höherer Warte aus selektieren" bezieht sich nicht auf Sie.

Genau dieses "von höherer Warte aus selektieren" kann aber auch verdeutlichen, worum es mir geht. Dort steht ja eben nicht "von höherer Warte aus kritisieren".

Kritik aushalten ist etwas anderes als Selektion aushalten. Darin liegt der wesentliche Unterschied. In vielen Artikeln vertreten momentan bestimmt Kreise die Meinung, es müsse mehr selektiert werden (Blogger, Bekenntnisliteratur ... - Qualitätsjournalismus)

Auch dieser Artikel bewegt sich mit den Kommentaren oft am Rande der Selektion. "Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab." Die Selektion ist hier als Selbstselektion verpackt.

"und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden."

"aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?"

Gerade in diesem Zusammenhang ist Auschwitz eine mehr als kritische, aber vielleicht besonders erhellende Vokabel, die vom Autor auch noch selber ins Spiel gebracht wird. Das habe ich jetzt sehr zurückhaltend ausgedrückt.

Ansonsten verdeutlicht es mein letzter eigenständiger Kommentar weiter untern vielleicht besser:
Selektion - nein, Kritik - ja.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 15:53
@ Streifzug, ganz recht, hier ist einiges grenzwertig, aber deshalb muß man ja nicht gleich in dieselbe Kerbe hauen.

@ Herr Angele, ja erschreckend diese Sekten, Sektierer und Sekttrinker, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen.
Sollte auch mal dringend drüber geschrieben werden!
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 18:16
@marsborn

Vermutlich finden Sie die Adresse der Sekte auf einer der von "luggi" verlinkten Websites. Im übrigen fürchte ich, dass dort anders als bei der "Chance 2000" absolutes Ironieverbot herrscht. Sie (und ich) würden sich also nicht besonders wohl fühlen.
Streifzug schrieb am 06.09.2009 um 17:07
Noch mal in einer anderen Tonlage.

Mir hat der Artikel von Angele nicht gefallen. Manche Kommentare finde ich zum Kotzen. Bestimmte Bücher lese ich nicht, und wenn ich ab und an mal durch die Sendungen schalte, bekomme ich bei diesen Diskussionen, bei denen jeder jedem alles erzählt und vorwirft, geistigen Ausschlag.

Aber

ich werde mich immer dafür einsetzen, dass all das geredet, geschrieben, gesendet, gebloggt, veröffentlicht werden kann und darf.

Egal

ob es von rechten, linken oder religiösen "Wächtern" der Güte, Qualität, Moral ... versucht wird einzuschränken.

Denn

es war nie ein Zuviel an freier Meinungsäußerung, dass in Katastrophen geführt hat, sondern immer ein Zuwenig. Immer wird als Erstes in unterdrückenden Regimen die Freiheit der Meinung beschränkt.

Also

zeigt her eure Wunden, Macken, Marotten, Ängste, Hoffnungen, Befürchtungen, Aggressionen ...

Dies ist eine freie Gesellschaft.
socanalytica schrieb am 06.09.2009 um 17:18
Der "Exhibitionismus"-Vorwurf
- setzt eine Grenze, definiert sie aber nicht. Läßt unklar, wann eine persönliche Äußerung zu einer "exhibitionistischen" wird und warum. Beantwortet nicht, was die Differenz zwischen beiden ist. Reflektiert nicht, was diese Abgrenzung konstituiert, warum es sie gibt, welche Auswirkungen sie hat.
- wehrt etwas ohne explizite Begründung ab, will es separiert halten. Fördert nicht Schweigen als "Entlastung", sondern erlegt es eher auf. Geht zumindest das Risiko ein, gegenüber der "Tyrannei der Intimität" die Intimität nicht zu retten, sondern die damit verbundenen negativen Barrieren aufrecht zu erhalten.
- weist eine negative Bezeichnung zu, begründet die Zuweisung aber nicht; führt keinen Nachweis anhand der Texte.
- lässt die Ursachen für den persönlichen Charakter der Äußerungen unerfasst.
- klärt nicht due Funktion persönlicher Aussagen im Zusammenhang der Erkrankung, sondern verweist auf ein Zuweitgehen, auf einen Verstoß gegen eine Konvention.
- appelliert an diese Konvention, erklärt sie als gültig, präzisiert sie aber nicht und erspart sich Argumente für ihr Gelten-Sollen.
- ist eher erkenntnisverhindernd als erkenntnisfördernd.
thinktankgirl schrieb am 06.09.2009 um 17:34
Ich kaufe den Print-SPIEGEL eigentlich nie und lesen tue ich ihn nur, wenn wohlmeinende Nachbarn ihn mir in meinen Briefkasten statt in das Altpapier stecken. So geschehen gestern mit Nr. 36/ 31.8.09. Ich sah den Aufmacher mit Leinemann auf der Titelseite und ein ganz schwaches Unbehagen regte sich: Schon wieder er. Aber ich konnte es nicht gleich einordnen, es war nur die Erinnerung daran, schon einmal mit seiner Krankheitsgeschichte konfrontiert worden zu sein. Ich las bzw. überflog diese Titelgeschichte aus Voyeurismus. Blätterte weiter und traf auf die Feuchtgebiete. Noch mehr Unbehagen über eine weitere Selbstdarstellung.
Heute finde ich den Artikel von Angele über Leinemann, worin auch über Roche und Schlingensief kurz gesprochen wird - beide sind mir gleich unsympathisch. Schlingensief ist mir durch seine Erkrankung etwas sympathischer geworden, wobei sympathisch vielleicht nicht das richtige Wort ist, er wurde menschlich und endlich, wie wir alle es sind.
Der Roche - ich habe Feuchtgebiete nicht gelesen und sollte deshalb nicht darüber reden, aber ich tue es trotzdem - ist ein Bestseller gelungen, der mit der Schamgrenze spielt; aber es handelt sich meiner Meinung nach nur um eine vermeintliche Überschreitung / Transgression, die den Erwartungen eines bürgerlichen Publikums entspricht: "Ach, Männer sind doch schon erleichtert, wenn sie merken, dass ich gewaschen bin, und mir keine Büsche unter den Armen wachsen."Spiegel, 2009, Nr. 36, S. 114
Beim Lesen der Kommentare zu Angeles Artikel erinnerte mich auch wieder, wann ich zum ersten Mal auf Leinemanns Krankengeschichte gestossen bin. Anfang dieses oder Ende letzten Jahres muss ein ähnlicher Text in der ZEIT erschienen sein. Ich kenne ihn nur vom Hörensagen durch eine Freundin, die damals mir darüber berichtete, wie schlimm es für einen kreativen Menschen sei, durch eine Krankheit aus dem schöpferischen Prozess geworfen zu werden. Da ich nicht besonders feinfühlig bin, antwortete ich, daß der Mann schliesslich nun über 70 sei, dies sei einfach der Lauf der Natur, zu erkranken und zu sterben. Er hätte doch schon ein erfülltes Leben gehabt. Einem jungen oder relativ jungen Menschen, der sozusagen in der Blüte seiner Jahre stirbt,hätte ich jederzeit zugestanden, sich über das böse Schicksal zu beklagen, aber einem Übersiebzigjährigen nicht. Durch die Reaktion dieser Freundin habe ich gelernt, daß es Menschen gibt, deren Geist alterlos ist, der nicht ermüdet und resigniert, nur macht deren Körper leider nicht mehr mit.- Über diese Freundin wollte ich schon bei "Magda Älterwerden weiblich" schreiben. - Ich hatte die Vorstellung, daß der Geist mit dem Körper ermüdet, und an einem gewissen Punkt den Tod willkommen heißt. Nur ist diese Freundin auch schon fast 70 und macht überhaupt nicht den Eindruck, müde zu sein, sie reagierte etwas indigniert auf meinen Einwurf, daß Leinemann über 70 sei, und ich verstand zum ersten Mal, was es für einen kreativen Geist bedeutet, an einem sterblichen Körper gebunden zu sein. Das war mein erster Kontakt mit Leinemanns Geschichte, und es war für mich lehrreich.
Und jetzt traf ich Leinemann auf der Titelseite des Spiegels wieder. Diese Krankengeschichte ist für mich keine Titelseite wert; sie wäre es, wenn es sich um die erste enthüllende Geschichte zu dieser Krankheit handeln würde. Ich hatte schon Lilo Wander gelesen, deren Geschichte mich sehr anrührte, und auch Fritz Zorns "Mars". Oder "Triffst du Buddha unterwegs" von Sheldon Knopp, das sind meine Wegmarken des Krebses. Wenn es die erste Erzählung über AIDS gewesen wäre, o.k., ein Erkenntnisgewinn für alle, aber als xte Krebsgeschichte: Nein. Es bleibt leider der Beigeschmack der exzessiven Bewerbung des Buches.
Und hier schliesse ich mir der Kritik Angeles an.
Nicht das Sprechen oder das Schreiben über persönliches Leid ist unangebracht, sondern nur das marktschreierische Anpreisen dieser Ware. Hier kommt auch ins Spiel, daß der Kranke unangreifbar wird, weil krank. Aber der Durchschnitt regiert doch auch hier: es gibt nette und unsympathische Kranke, wie es nette und unsympathische Homosexuelle, Farbige, Juden (=willkürliche Auswahl an ausgegrenzten Gruppen) etc. gibt. Das persönliche Schicksal adelt nicht jeden, obwohl es gerne so verkauft wird.
Rainer Kühn schrieb am 06.09.2009 um 17:40
Zur Einischt in meine Lektüre
Angele:
"Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn."
"so erfolgreiche Bücher wie das von ..."
"wenn man neben ihm stünde, würde man ihn in den Arm nehmen. Aber man steht nicht neben ihm, man liest ein „Tagebuch“, das ein Fremder geschrieben hat."
"weil der Erfolg des Blatts [BILD] auf „Fragen wie ‚Wer ist gestorben?‘, ‚Wer hat geil Krebs?‘“ basiere."
"Fragen auf diesem Niveau mögen das Wesen der Bekenntnisliteratur unserer Tage verfehlen, und doch kann an ihnen die schlichte Tatsache aufstoßen, dass sie überhaupt geschrieben wurden."
Schlingensief:
"was wollen sie von mir hören?"
"so einen dreck schreibt jetzt also der freitag? boulevarddreck"
paula:
"danke ... danke ... betroffenen ... schreiberlinge ... herzlichst"
Titta:
"Gut, man muß sich diese ganzen Boulevardsendungen von Brisant bis Kerner nicht ansehen, aber trotzdem werden dadurch Grenzen gesamtgesellschaftlich verschoben. Wenn da reihenweise solche Bekenntnisgeschichten dargeboten und entsprechend durchgekaut werden, verliert damit die einzelne Geschichte letztendlich nicht an Gewicht und an Wert, weil sie Teil einer großen Gefühls- und Empfindungsbeliebigkeit, ja einer Maschinerie, wird?
Zugespitzt formuliert, die ersten persönlichen, literarischen Krankheitsschilderungen interessieren noch, irgendwann langweilen sie aber nur noch. Wobei diese Art von Literatur doch eigentlich das Gegenteil erreichen möchte, wenn es eben nicht um die reine Ökonomie geht, wie behauptet. In diesem Zusammenhang könnte dann Schweigen uU wirklich die sinnvollere Variante sein."
marsborn:
"Sorry Herr Schlingensief, aber ich finde Michael Angeles Text mehr als berechtigt. Er kritisiert ja nicht den Krebs oder die Angst derer, die ihn haben, sondern die exhibitionische mediale Vermarktung dieses existenziellen Problems. Ich habe größten Respekt vor Ihrer verzweifelten Lage, aber die "Kirche der Angst" fand ich, als alter Schlingensief-Fan, leider künstlerisch redundant, inhaltlich kindisch und insgesamt eigentlich unerträglich. Ich habe dann, immer noch Schlingensief-Fan, Ihr Buch ebenso ignoriert wie etwa die Ergüsse des Herrn Leinemann. Denn ich finde, ebenso wie man Politik und Kunst nicht miteinander verwechseln darf (sowie die jeweils dazugehörigen verschiedenen Mittel), will man wirksam etwas erreichen, sollte man auch die Bewältigung existenzieller Katastrophen nicht mit ihrer medialen Darstellung verwechseln."
Baobab:
"So viele Blogeinträge zu diesem Thema, kaum zu glauben!"
Schimmelweiß:
"Meistenteils uneingeschränkt zustimmen kann ich nur Angele, Titta, luggi, marsborn. Die FREITAGliche „Nettiquette“ hat nur einer nicht beachtet: der Marketing-Boulevardier Master Schlingensief. ...
Wie schrieb Droste zu Biermann sinngemäß: Er stand politisch immer in der Nähe einer Kamera."
Angele:
"Und ein Letztes: Ja, der Kommentar von Schlingensief hat zweifellos eine Kraft. Aber es gibt nicht nur den Künstler in seiner unbedingten, großartigen, ich möchte sagen, trans-narzistischen Geste, es gibt auch seine Gefolgschaft, und was diese hier postet, finde ich zum Teil erschreckend, muss ich leider so sagen."
Titta schrieb am 06.09.2009 um 18:08
Rainer spricht durch seine Texte! Wunderbar.
Titta schrieb am 06.09.2009 um 17:59
Die Technik spinnt. Ich versuche es jetzt noch einmal so. Wenn mein Kommentar dann doppelt erscheinen sollte, tut mir leid, ich habe alles versucht.

@Felicitas

Sie schreiben: "Aber muss das wirklich sein, dieses gegenseitige Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen?"

Und in einem anderen Kommentar schreiben Sie:"ich hätte nicht gedacht, dass der Artikel von Angele an Flachheit, Vorurteilen, Berührungsängsten und Projektionen noch zu toppen ist. ... Was schimmelweiß und auch Kovalcek hier von sich geben, entsetzt mich und zeugt von unsensiblem und rücksichtslosen Denken. ... Vor Leuten wie Argelen, schimmelweiss oder Kovalske
und anderen, hüte und schütze sich wer kann."

Ich frag mich ja auch, warum das so sein muß, das mit dem Abwerten, Lächerlichmachen und Bloßstellen.

"Als meine beste Freundin als Kind eine gescheuert bekam von ihrer Mutter, konnte ich mir das Lachen gerade noch verkneifen.
Warum ein unwiderstehlicher Lachreiz mich erfasste, in dem Moment, wo ich ihr ungläubiges Gesicht sah, weiß ich nicht.
Steckt wohl irgendwo verborgen in mir drin, eine Art sadistischer Distanzierung von meinen lieben Mitmenschen.
Schrecklich."

Ich kann nun nicht beurteilen, ob der letzte Satz ironisch gemeint war oder nicht.
Falls nicht, möchte ich dazu anmerken:
Der Wunsch zur Distanzierung ist ein notwendiges menschliches Gefühl, das wie alle menschlichen Gefühle einer moralischen Beurteilung entzogen werden sollte.
Das unmotivierte Lachen wie in der geschilderten Situation gilt gemeinhin als Zeichen/Ausdruck einer momentanen emotionalen Überforderung. Es wird gerne verglichen mit ähnlichen Reaktionen aus dem Tierreich. Wenn zB ein Hahn, der von einem anderen Hahn angegriffen wird, sich nicht entscheiden kann zwischen den beiden Impulsen Flucht und Verteidigung, erfolgt eine sogenannte Übersprungshandlung, der angegriffene Hahn fängt an zu picken, auch wenn gar keine Körner auf dem Boden liegen.
Rein vom Impuls-/Reaktionsschemata wird das unmotivierte Lachen ähnlich erklärt. Tut mir leid, wenn diese Erklärung Ihnen nicht genügen sollte, aber nicht jede scheinbar defizitäre menschliche Handlung ist auch eine solche.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.09.2009 um 18:17
Im Gegenteil, Titta, die Erklärung mit der Übersprungshandlung, die das unmotivierte Lachen als Ausdruck einer emotionalen Überforderung deutet, bin ich ziemlich zufrieden.
Dann bin ich doch nicht ganz so schrecklich und gewöhnlich schadenfroh, wie ich dachte.
Das erschrockene und schmerzverzerrte Gesicht meiner Freundin hatte mich nämlich damals tiefer getroffen als mir bewusst ist, sonst würde ich mich wahrscheinlich nicht nach 20 Jahren noch daran erinnern.
Daher war mein letzter Satz und die Bemerkung "schrecklich" nicht ironisch gemeint.
Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt.
Wahrscheinlich bin ich aber nur wie alle anderen.
Liebe Grüße
Feli

P.S. bei mir spinnt die Technik auch grad.
Titta schrieb am 06.09.2009 um 19:17
Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich tragen.
Titta schrieb am 06.09.2009 um 19:18
Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich tragen.
LG
Titta
Titta schrieb am 06.09.2009 um 19:22
Danke für die Rückmeldung, Felicitas.
Ihr Potential sollte Sie ebensowenig beunruhigen.
"Ich finde es ab und zu schrecklich, was alles an Potential von scheußlichen Verhaltensweisen anderen Menschen gegenüber in mir steckt."
Das Potential brauchen Sie doch, zB. zur Abwehr und Verteidigung in Gefahrensituation, zur Selbstbehauptung. Deshalb ist es ja vordergründig da/existent, und nicht, weil Sie das Potential zu scheußlichen Verhaltensweisen/einem schlechten Menschen in sich trügen.
LG
Titta
paladin0505 schrieb am 06.09.2009 um 18:47
Die brennende Frage, die ich mir stelle ist, wer sich hier eingentlich wirklich profiliert. Sicherlich hat jeder das Recht auf freie Meinungsäusserung. Jeder hat das Recht, dies in der ihm am adäquatesten erscheinenden Form zu tun, ohne kritisiert oder angefeindet zu werden. Aber habe wirklich ich das recht, todkranke Menschen zu beschimpfen und dann einfach zu erklären, diese würden ja meine meine wahren Beweggründe nicht nachvollziehen können??? Ich nähme mir das Recht nicht heraus, vielleicht deshalb, weil ich kein Schreibtischtäter bin sondern tagtäglich mit Menschen zu tun habe, die am Ende ihres Lebens angekommen sind. Ich kenne ihre Wut und ich höre sie mir gerne an, vor allem deshalb, weil die restlich Gesellschaft angewidert von ihnen abwendet und nicht sehen will, das Leben auch eine grausame Seite hat. Es gibt noch viel zu wenig Schlingensiefs und ich hoffe, das möglichst viele seinem Beispiel folgen....
Titta schrieb am 06.09.2009 um 19:31
"Ich kenne ihre Wut und ich höre sie mir gerne an, vor allem deshalb, weil die restlich Gesellschaft angewidert von ihnen abwendet und nicht sehen will, das Leben auch eine grausame Seite hat."

Diese Aussage finde ich den Menschen gegenüber unangemessen, die sich eben jeden Tag um Menschen in diesen Extremsituationen kümmern. Und das sind auch eine Menge, und sie sind auch Teil der von ihnen kritisierten Gesellschaft.
paladin0505 schrieb am 06.09.2009 um 18:53
Sicherlich hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äussern, aber ich würde mir nicht herausnehmen, Menschen, die ich nicht verstehe, einfach zu beleidigen und dann mimosenhaft zurückschreiben, sie mögen doch bitte damit aufhören, weil ich einen so wahnsinnig differenziertes Schreibwerk präsentiert habe. Ich bin kein schreibtischtäter sondern arbeite seit Jahren mit Sterbenden zusammen und erlebe tagtäglich ihre Ohnmacht und Wut, von der die Gesellschaft sich nur angeekelt wegdreht. Es wird Zeit, das es noch viele Schlingensiefs gibt, damit das sterben endlich wieder zum Alltag der Menschen gehört.
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 18:58
Lieber paladin0505,

Respekt für Ihre Arbeit. Ich möchte Sie ehrlich und ohne doppelten Boden fragen, ob und falls ja: wie den Menschen, denen Sie beistehen, der aktuelle SPIEGEL-Aufmacher hilft.
paladin0505 schrieb am 06.09.2009 um 19:18
Ich hoffe, das andere Menschen, die so etwas lesen, dies nicht als krankhaften Exhibitionismus bezeichnen, sondern das sie realisieren, das todkranke Menschen zu unserer Gesellschaft gehören und wir sie nicht ignorieren müssen, weil das was sie sagen uns so peinlich berührt.

ps.: Habe den Artikel 2x neu geschrieben weil Seite ein wenig überlastet zu sein schien, sorry....
paladin0505 schrieb am 06.09.2009 um 19:25
Irgendwie dauert das hier ziemlich lange bis die Seite das tut, was man möchte....also...nochmal..
ich erhoffe mir von solchen Artikeln, das die Gesellschaft sich endlich vernünftig mit dem Thema auseinandersetzt und nicht vor lauter
Angst vergeht, weil wieder irgenjemand es wagt, über seine Krankheit zu schreiben. Dies ist kein Exhibitionismus sondern einfach die Weigerung des Kranken, sich demütig seinem Schicksal zu unterwerfen.

PS: Sollte das wieder ein Dopelpost werden, tuts mir leid.....
Columbus schrieb am 06.09.2009 um 18:59
Liebe Gemeinde,

Ich tituliere jetzt ´mal wild, weil die Bandbreite der Antworten, -ehrlich gesagt gehen mir die vielen Zynismen, versteckten Abwertungen und ganz offenen Beleidigungen auf den Senkel, ziehen mir geradezu die Schuhe aus-, das Spiel genau so spielen, als müssten sie alle den städtischen Theaterkritiker geben in der Sache Schlingensief, Leinemann und je nach Vorliebe und Geschmack, anderen Bekannten, Prominenten und Kulturschaffenden. Als müssten ein paar Noten geben werden, weil die Ästhetik nicht stimmt und es Schlimmeres als den Tod überall und an jeder Ecke gibt. - Es ist wie in einem Dorf und die soziale Kontrolle schlägt zu, ausgerechnet im "Der Freitag".

Wo doch eigentlich genau das der hypertrophe Feuilletonstil ist, der sich einerseits am liebsten längliche dialogische Waldspaziergänge mit den dritt- und viertwichtigesten noch lebenden Menschen auf dieser Erde wie ein Briefmärkchen ins Interviewer- und Moderatoren-Poesiealbum steckt, andererseits aber beständig Künste und Kunst, auch Lebenskunst einfordert, die er selbst nicht zu pflegen bereit ist. Diese Art Schreibe sollte man ruhig der "ZEIT", der "FAZ" und der "Welt", sowie dem "Spiegel" überlassen, die damit nur das Stadtgespräch rund um einige öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen aufedeln und zweitverwerten.

Die Bewerter und Feinziselierten, die Geschmacksbeurteiler, gehören in dieser Frage auf den Prüfstand, nicht die Kranken, die sich, hoffentlich stellvertetend mit Christoph Schlingensief und anderen zu Wehr setzen gegen das ewige, "so musst du sein, und wenn du so nicht bist, dann halte die Klappe."

Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen kann.

Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, nicht umgekehrt.

Wie weit sind wir denn, wenn das Spiel auf den Kopf gestellt wird, und sich in der Krankheit zuerst erweisen soll, wie moralisch, stressresistent, mit Freunden und Gesprächspartnern gesegnet und dazu noch geschickt der Kranke ist? - Wo hier Verwirrung herrscht ist mir mittlerweile klarer geworden.

Zu viel "Bekenntnisliteratur" kann ja gar nicht entstanden sein, wenn hier so fleißig geübt wird, den Kranken ihr angeblich falsches und vor allem geschmacklich störendes, weil nicht ästhetisches Berichten über ihr Dasein vorzuhalten.

Grüße
Christoph Leusch
Leila schrieb am 06.09.2009 um 19:11
Herr Angele, Argerer, Angerer und Aberer, wie Sie hier genannt werden,
Sie wundern sich darüber, dass hier Leute das Wort gegen Ihren Artikel erheben und sind auch an dieser Stelle wieder ungenau, in dem Sie jetzt behaupten, die Ursache dafür sei in einer sektenartigen Zuwendung zu Christoph zu suchen. Das sind ja zwei Paar Schuhe. Ihr Artikel hat seine vielen Schwächen, da kann man gar nichts dagegen halten. Es sieht danach aus, als ob Sie gut mal ein Buch schreiben könnten, über ihre Erfahrungen mit dem Journalismus und der Zeitknappheit und Überfordertheit des Journalisten im Mittelbau der Arbeits- und Organisationsstrukturen eines modernen Medienbetriebes. Nichts desto trotz sind Sie selbst verantwortlich für das, was Sie da tun. Würden Sie das mal zugeben und sagen:
Ja, da war ein aktuelles Stück im Spiegel, das habe ich aufgegriffen und wie es so ist, kam ich auf keine andere Idee in der Schnelle, als diese Pseudo-Aktualität aufzubauschen und irgendwie ungerade zusammenzuschrauben, wie für Gäste, die nur einmal dran vorbeigehen müssen und nicht sehen können, wie wackelig die Angelegenheit ist. Sagen Sie doch mal: Ich habe nicht geglaubt, das einer meine Arbeit überhaupt liest!
Das haben wir hier (fast) alle entdeckt und das ist sehr unangenehm für Sie. Wäre doch wirklich interessant, mich würde ihr Bekkentnis über das Leben mit Copy & Paste Journalismus interessieren.
Michael Angele schrieb am 06.09.2009 um 19:20
Liebe Leila

genau so ist es. Sie haben mit jedem Wort Recht. Nur eine Sache noch: Warum duzen Sie eigentlich Christoph Schlingensief in Ihren Kommentaren ständig? Da sind wir eben wieder am Anfang: Mir geht schon das auf die Nerven. Im Übrigen möchte ich Sie bitten, mich nie mehr "beknackter Penner" zu nennen. So und nun möchte ich den "Tatort" schauen.
Columbus schrieb am 06.09.2009 um 19:13
Liebe Gemeinde,

Ich tituliere jetzt ´mal so wild, weil die Bandbreite der Antworten, -ehrlich gesagt gehen mir die vielen Zynismen, versteckten Abwertungen und ganz offenen Beleidigungen auf den Senkel, ziehen mir die Schuhe aus-, das Spiel genau so abspulen, als müssten sie hier allesamt den städtischen Theaterkritiker geben in den Sachen Schlingensief, Leinemann und je nach Vorliebe und Geschmack, der anderer Bekannter, Prominenter und Kulturschaffender. Als müssten ein paar Noten geben werden, weil die Ästhetik nicht stimmt und es Schlimmeres als den Tod überall und an jeder Ecke der Welt gibt. - Es ist wie in einem Dorf und die soziale Kontrolle schlägt gnadenlos zu, ausgerechnet im Berliner "Der Freitag".

Wo doch eigentlich genau das der hypertrophe Feuilletonstil ist, der sich einerseits am liebsten längliche dialogische Waldspaziergänge mit den dritt- und viertwichtigesten, noch lebenden Menschen auf dieser Erde wie ein Briefmärkchen ins Interviewer- und Moderatoren-Poesiealbum steckt, andererseits aber beständig Künste und Kunst, auch Lebenskunst einfordert, die er selbst nicht zu pflegen bereit ist. Diese Art Schreibe sollte man ruhig der "ZEIT", der "FAZ" und der "Welt", sowie dem "Spiegel" überlassen, die damit nur das Stadtgespräch rund um einige öffentlich-rechtliche Fernsehsendungen aufedeln und zweitverwerten.

Die Bewerter und Feinziselierten, die Geschmacksbeurteiler, gehören in dieser Frage auf den Prüfstand, nicht die Kranken, die sich, hoffentlich stellvertetend mit Christoph Schlingensief und anderen zu Wehr setzen gegen das ewige, "so musst du sein, und wenn du so nicht bist, dann halte gefälligst die Klappe."

Für mich gibt es da einen klaren Unterschied, auch in der Art und Weise wie man zu diesem Thema sprechen und schreiben kann.

Wer nicht verletzt ist, nicht krank, nicht leidend, der muss sich bei diesem Thema was gefallen lassen, und er muss sich etwas Kunstfertiges einfallen lassen, wenn er nicht platt und unwürdig daher kommen will, mit einer leisen Kritik, nicht umgekehrt.

Wie weit sind wir denn, wenn das Spiel auf den Kopf gestellt wird, und sich in der Krankheit zuerst erweisen soll, wie moralisch, stressresistent, mit Freunden und Gesprächspartnern gesegnet und dazu noch ästhetisch geschickt der Kranke ist? - Wo hier Verwirrung herrscht ist mir mittlerweile klarer geworden.

Zu viel "Bekenntnisliteratur" kann ja gar nicht entstanden sein, wenn hier so fleißig geübt wird, den Kranken ihr angeblich falsches und vor allem geschmacklich störendes, weil vorgeblich nicht ausreichend ästhetisches Berichten über ihr Dasein vorzuhalten.

Grüße
Christoph Leusch
ruhrrot schrieb am 06.09.2009 um 21:43
Ich verstehe diese Debatte gar nicht. Herr Schlingensief ist ein großer Künstler, dem die linke Community sehr viel zu verdanken hat und der ganz viel Respekt verdient. Es tut sicherlich allen leid, dass er diese schreckliche Krankheit hat. Das er über den Artikel empört ist, kann man nachvollziehen, aber es ist auch richtig wenn seine Mitstreiter und Begleiter aus der linken Gemeinschaft ihm nur eine unangemessen zornige Reaktion auf den Artikel nicht durchgehen lassen. Sicher hat Herr Schlingensief das Recht krank und traurig zu sein , aber sind diese Krokodilstränen aus dem Kulturbetrieb der rechten Presse denn wirklich das, was er wollte? Er kann mehr, sollte das auch zeigen, weil er das kann und er würde somit sich selbst und der ganzen linken Gemeinschaft helfen, so sehr ich auch verstehen kann, wenn er zur Zeit die Schnauze voll hat.
Eisvogel schrieb am 06.09.2009 um 23:48
at Titta

Ja, warum nicht, Stellung beziehen, gegenüber einer Trauernden, liebe Titta? Ja, da ist Trauer und da ist Schmerz. Das heisst nicht, dass ich deswegen nicht kritisiert werden dürfte. Hätte ich Angst vor der Auseinandersetzung, hätte ich nicht geschrieben.

Vor allem aber habe ich Herrn Angele nicht "mit Unflat überhäuft", sondern seinen Artikel kritisiert und meine Mühe mit dieser Art von Journalismus ausgedrückt. Auch kann ich nach wie vor marsborns Ausführungen bezüglich Angeles Beurteilungskriterien als Kritik der "exhibitionischen medialen Vermarktung dieses existenziellen Problems" nicht folgen.

Herr Angele schreibt Ihnen doch wortwörtlich was seine eigentlichen Beurteilungskriterien waren:

"Nur: Warum soll ich schweigen, wenn mir vom Titel des "Spiegel" die Headline "Gestern wollte ich wieder sterben. Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs" entgegenschlägt. Ich finde das widerwärtig, aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass andere das wohl nicht so empfinden?"

Das ist ein sehr seltsamer journalistischer Ansatz. Aber es ein Journalismus, der mehr und mehr anzutreffen ist. Hier ist keine Distanz mehr. Das ist ein "aus-dem-Bauch-heraus-Journalismus. Hätte Michael Angele als Privatperson hier seine Meinung im Blog veröffentlicht, wäre es etwas anderes. Aber er schreibt als Journalist. Das ist eine andere Warte und da gelten andere Regeln.

Sorry, das ist schlicht schlechter Journalismus. Und um es noch einmal zu sagen: Hier ist Michael Angele nicht allein. Letzlich ist da ein Verlag und eine Chefredaktion, die die Höhe der Latte festlegt. Und die hängt niedrig, extrem niedrig.

Stark finde ich, dass Herr Angele sich immer wieder zu Wort meldet. Weniger stark, dass er es sich so einfach macht und seine Kritiker und Kritikerinnen in eine "Schlingensief-Sekte" packt.

at Michael Angele
Ich habe zuvor keine einzige Aufführung von Herrn Schlingensief gesehen. Nur dieses Buch gelesen. Es ist ein gutes Buch, ein verdammt gutes Buch. Haben Sie es wirklich gelesen? Hätten Sie dann nicht gemerkt, dass Schlingensief etwas sehr ähnliches wie Sie erlebt hat? Seine Wut auf seinen Vater nämlich. Seine Unverständnis. Er war wie abgestossen davon, wie sein Vater mit seiner eigenen Krankheit umging. Bis er, Schlingensief, selber krank ist und realisiert, was vielleicht in seinem Vater vorgegangen sein mag. - Und Schlingensief bleibt dann selber nicht still. Hält sich nicht an die Regeln einer seltsamen Gesellschaft, die noch im 21. Jahrhundert junge Menschen hervorbringt, die Sätze formulieren wie: "...aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?". Nein, er schreit es heraus. "So schön wie hier kann's doch im Himmel gar nicht sein" ist keine Bekenntnissliteratur sondern - wenn schon - Erkenntnissliteratur.
Titta schrieb am 07.09.2009 um 00:53
@Eisvogel

Der Artikel von Herrn Angele ist deutlich als Kommentar gekennzeichnet, zum Kommentar gehört die eigene Meinung des Verfassers. Dachte ich jedenfalls immer.

Sie beurteilen den Artikel als schlecht, konstatieren dies mehrmals, belegen ihr Werturteil aber nicht mit stichhaltigen Argumenten, sondern spekulieren lediglich über journalistische Praktiken wie Copy&Paste, Zeitknappheit und dergleichen.

Ein Buch kann einem persönlich gefallen, es kann einem dabei helfen, gesellschaftliche Zusammenhänge, die Verhaltensweisen anderer und sich selbst besser zu verstehen. Aber all das sind keine Kritierien dafür, ob ein Buch gut geschrieben ist oder ob es von gesellschaftlicher Relevanz ist.
Knutze schrieb am 07.09.2009 um 13:18
Interessiert habe ich mich durch Artikel und Kommentare gelesen und man sollte meinen, dass nach 155 Komemntaren eine einigermaßen vernünftige Diskussion vorhanden sein sollte. Leider fallen mir verschiedene Dinge immer wieder auf (ohne pauschalisieren zu wollen)

Inhaltlich kann ich zu diesem Thema eher weniger beitragen, der Name Schlingensief war mir nicht unbedingt in Bezug auf Krebs ein Begriff und auch sonstige "Bekenntnisliteratur" habe ich mir noch nicht einverleibt.
Dennoch halte ich es für notwendig einen Kommentar zu schreiben.

Zunächst möchte ich gegen die immer wieder vorgenommene Unterteilung in "Kranke" und "Gesunde" plädieren (oder besser: "Betroffene" und "Nicht-Betroffene", wobei auch das es nicht ganz trifft):
Eine derartige Pauschalisierung kann nicht funktionieren und trägt auch nichtzu einer fruchtbaren Diskussion bei. Vielleicht gibt es "Gesunde", die die Ängste "Kranker" nicht nachvollziehen können, daraus lässt sich aber keinesfalls ableiten, dass alle "Gesunden" die "Kranken" nicht verstehen könnten.

Des Weiteren finde ich, dass es gerade in diesem Thema keine "richtige" Position gibt. Natürlich kann es lobenswert sein, wenn ein Kranker (diesmal ohne ") seine Erfahrungen publiziert um anderen Kranken Hilfestellungen oder gar Antworten in Bezug auf bestimmte Ängste zu geben. Es kann aber auch Ausdruck eben jenes vom Autor benannten Exhibitionismus sein.
So wie ich den Artikel verstanden habe, plädiert Herr Angele keineswegs dafür jegliches Publizieren solcher "Bekenntnisliteratur" zu unterlassen. Er stellt vielmehr die Frage an die Autoren solcher WErke, worin ihre Motivation für dieses Werk liegt/lag und ob diese nicht eher im Bereich des Exhibitionismus als in dem der "Hilfestellung" zu sehen ist.
Dieser Frage folgend stellt er dann die These auf, dass es durchaus Autoren bzw Werke gibt, die eben jene Frage eher mit Exhibitionismus beantworten (würden).

Abgesehen von der Korrektheit dieser These, darf ein solcher Artikel NIEMALS Anlass zur Schmähkritik auf die Person des Autors sein. Selbst bei vollkommener Ablehnung sollte man vom mündigen Leser eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Artikel erwarten dürfen.

Als Letztes würde ich gerne noch folgende Anregung geben: Ziel deiser Diskussion ist nicht der "Sieg" einer der beiden Seiten (wenn man das ganze auf "Angele vs Schlingensief" runterbrechen will).
Eine Position in der Mitte ist zumindest vertretbar, wenn nicht sogar "richtiger" als eines der beiden Extreme.

Und als wirklich letztes dann noch folgende These: Ein Artikel muss nicht immer exakt die Meinung des Autors widerspiegeln. Unter Umständen kann er auch krasser formuliert sein um eine besonders erregte Diskussion zu provozieren. abgesehen davon ob das bei diesem Artikel zutrifft, sollte man sich sowohl diese Möglichkeit vor der Verunglimpfung des Autors immer vor Augen halten als auch die Möglichkeit, dass man selbst eine Aussage des Autors missverstanden haben könnte.
Leila schrieb am 07.09.2009 um 14:37
Lieber 'Knutze',

Ich kann es nicht genau verorten, meine aber das Sie sehr gewandt sind im Fach "Verteidigungen von Artikeln".
Können Sie mir dann vielleicht bitte erklären, was Herr Angele positives an dem Nach-Ausschwitz-Schweigen hervorzuheben versuchte und was das mit dem Schreiben über Krebs zu tun hat? Das wäre wirklich hilfreich, und würde dann auch ihrerseits bedeuten, dass Sie über den ganzen Artikel schreiben und nicht nur über die untere Hälfte. Und dies müssen Sie auch hinnehmen: Sie Schreiben "(...) darf ein solcher Artikel NIEMALS Anlass zur Schmähkritik auf die Person des Autors sein." Wer sich Redaktionsleiter Kultur nennt, muss Schmähkritik ertragen, wenn er das Trauma geprägte Schweigen nach allem was wir mit Ausschwitz meinen, Krebstagebücher und die Feuchtgebiete von Charlotte Roche öffentlich und professionell zu dieser unbekömmlichen Mixtur zu verquirlen sucht.

Leila
Leila schrieb am 07.09.2009 um 15:02
(Anhang)...verquirlen sucht, und dabei zufällig einen schiksalhaften Tag erwischt. Das ist das Leben.
Knutze schrieb am 07.09.2009 um 15:10
Liebe Leila,

Ich habe an keiner Stelle versucht den Artikel zu verteidigen (hoffe ich zumindest, wenn doch war das nicht die Intention).
Dementsprechend habe ich auch nicht Auschwitz angesprochen, sondern nur auf den Teil den ich für den für diese Diskussion am wichtigsten hielt (= subjektive Wertung). Ich halte das Heranziehen von Auschwitz ebenfalls für zumindest missglückt, schließe aber die Möglichkeit nicht aus, dass Herr Angele sich dabei etwas gedacht hat.

"Wer sich