Kultur

| 02.09.2009 12:00 | Hans-Christoph Zimmermann

Das Theater als Quell ewiger Jugend

Die Babyboomer-Generation hat das Theater fast völlig übernommen. Alte Kampflinien sind nicht mehr zu halten, denn die Regiesseure von heute setzen auf Versöhnung

Lange nicht mehr hat im Theater ein solches Stühlerücken in Intendantenzimmern stattgefunden wie vor Beginn der neuen Spielzeit. Die Schweizer Regisseurin Barbara Frey ersetzt den Zürcher Chef Matthias Hartmann; der wiederum wechselt nach Wien ans Burgtheater, dessen ­interimistischer Leiter Joachim Lux das Hamburger Thalia Theater übernimmt und den dortigen Intendanten Ulrich Khuon ablöst, der nach Berlin ans Deutsche Theater wechselt, von wo Chefdramaturg und Interimschef Oliver Reese nach Frankfurt/Main geht. Zudem werden die Intendanzen in Dresden (Wilfried Schulz) und Hannover (Lars Ole Walburg) neu besetzt.

Damit ist der Generationenwechsel im Theater endgültig vollzogen. Bis auf ein paar Relikte wie Claus Peymann sind die 68er verschwunden, die Babyboomer haben die Macht übernommen. Fast durchweg in den Vierzigern, Kinder des Wirtschaftwunders und der Bundesrepublik, gehören sie einer Generation an, die nicht mehr die gesellschaftliche oder politische Konfronta­tion sucht, sondern auf Einvernehmen setzt. Künstlerisch gibt es keine Kampflinien mehr zu halten. Motto ist eher die allseitige Anschlussfähigkeit, die von der freien Szene bis zur Hochglanz­avantgarde eine Art ästhetischer multitude konstituiert und dem Zuschauer als kulturellem Allesfresser sein Mischfutter hinwirft.

Das Intendantenkarussell zeigt aber auch: Ähnlich wie in der Wirtschaft haben Frauen im Theater wenig Chancen auf eine Leitungsfunktion. Die Quote taugt im Theater allenfalls als bühnenträchtiger Debattenzauber, der aber die eigene Struktur nicht im Mindesten berührt. Und wenn Frauen die Thronbesteigung gelingt, müssen sie sich wie Barbara Frey (oder Karin Beier in Köln und Amélie Niermeyer in Düsseldorf) zunächst als Regisseurinnen bewiesen haben. Die Leitung eines Theaterbetriebes allein aufgrund von Führungsqualität und künstlerischer Richtlinienkompetenz traut man Frauen kaum zu. Bezeichnenderweise bekam Elisabeth Schweeger als frühere Intendantin des Frankfurter Schauspiels kein Anschluss­engagement.

Mit der Verjüngung der Chefetagen geht seit Jahren eine stetige Verjüngung der Ensembles einher. Demografischer Wandel? Die älteren Schauspieler ­haben vor allem in den mittleren und kleinen Theater weitgehend ausgedient. Dabei spielen finanzielle Aspekte eine wichtige Rolle, weil die Gehälter junger Schauspieler niedriger sind als die der alten. Auf diese Weise prägt das Theater eifrig das öffentliche Bild einer ewig juvenilen Gesellschaft und richtet im Gegenzug Altenclubs ein.

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Ästhetisch sorgt die dauernde Jugendlichkeit des Theaters nicht für Aufregung. Regisseure um die 30 wie David Bösch, Jette Steckel, Julia Hölscher oder Jan Bosse sind generationsübergreifend kompatibel. Die Keule „Regietheater“ verfehlt sie um Längen. Die Jungen von heute haben sich mit den Texten des Kanons arrangiert, ohne sich ihnen sklavisch zu unterwerfen. Daneben agiert Christoph Schlingensief, der für seine Kirche der Angst allseits Ovationen erhielt, oder Rimini Protokoll mit seinen globalen Alltagsexpeditionen.

Womöglich nimmt die Kunst Züge dessen an, was Habermas deliberative Demokratie nannte: In einem Akt der Integration mutiert jede Bühne zu einer kleinen ästhetischen Zivilgesellschaft, die ihre vielfältigen Entwürfe als theatral ausdifferenzierten Meinungsstreit verkauft – bis hin zur Austauschbarkeit. Nicht alles, was für die Politik taugt, muss in der Kunst funktionieren.

 
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Kommentare
SteinMain schrieb am 04.09.2009 um 03:18
Kann ich verstehen, hier in Frankfurt hat vor 20 Jahren z.B. Willy Brandt den ehemaligen Theaterplatz gekauft, die Austauschbarkeit von Schauspiel und gekaufter Politik in bis dahin kaum einsehbarer Weise verdeutlichend. Seine strikte Weigerung, nach seinem Tode in den 90gern noch einmal als Bundeskanzler zu kandidieren, hat andereseits eine Art von ambiguiner Gewalt in seiner seltsamen Gesichtsweise des Lebens im Jenseits. Wie die oft verkannte Frührentnerin Helga Wanz in ihren Spätwerk "Haut ab, ich schwörs euch" in einer Art Hommage an die Jugend mehrfach bemerkte, wurde auch Schlingensiff mit seinem Erguss zur gewöhnlichen Kriminalität einfach überbewertet, ich würde mich an dieser Stelle sogar zu der Bemerkung hinreissen lassen: "Kackt der Papst im Wald ?" oder "Ist die Oper vorbei bevor die Dicke gesungen hat ?", womöglich verrenne ich mich an dieser Stelle in abstruse Gedankengänge, aber was solls.
pkaras schrieb am 07.09.2009 um 14:33
Wie war die künstl. Qualität des Schauspiel Frankfurt unter der Leitung von Fr. Schweegers?
Ich habe in den Jahren nichts aus Frankfurt mitbekommen, ausser der Geschichte mit dem FAZ-Kritiker Stadlmeier, der von einem Schauspieler in einer Inszenierung verbal angegangen wurde, soll aber noch mässig gewesen sein, Stadlmeier sofort die Vorstellung verliess, Schirrmacher am gleichen Abend von der 'Beleidigung' in Kenntniss setzte, dieser sofort Fr. Roth benachrigte und die von Schweegers die fristlose Kündigung des Schauspielers forderte, die dieser auch tagsdrauf beim Pförtner abholen konnte.
Aber es stimmt schon, dass Frauen in Führungspositionen an Theatern unterrepräsentiert sind. Das gleiche gilt aber auch für Schauspieler mit migrantischem Hintergrund, von denen kaum welche an deutschen Bühnen engagiert sind.
quenzel schrieb am 07.09.2009 um 20:33
jaja, diese viel gerühmte Konsensdemokratie schwächt die Kunst und vornehmlich das Theater.Die Jungen haben von den 68ern überliefert bekommen, dass Theater irgendwie politisch sein müsse, das hat sie verwirrt und da sie keine geborenen Radikalinskis mehr hervorbringen kann, bleibt ihr nur der Eierkuchen, meint sie.
Es gäbe ja noch die Poesie,freilich wie fände die Jugend zu ihr, da sie doch nur mit Rockmusik und Fantasy-Romanen aufgewachsen ist. Sie liest auch den Kanon, von Sophokles bis Elke Heidenreich, wie solche Fantasygeschichten.
Und die Welt der Bretter, die wenig mehr bedeuten, gestaltet diese niedliche Jugend zu einem Abenteuerspielplatz um.Es wäre interessant, wenn eines dieser jungen Kraftgenies- weiblich oder männlich, egal- enmal eine Shakespearetragödie, am besten ein Römerdrama, im Legoland oder im Asterixgelände am Münchner Königsplatz probieren wollte.Da käme man auf eine heiße Spur,vermute ich.


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