Kultur

Filmkritik | 23.09.2009 13:05 | Magnus Klaue

Schule der höheren Töchter

Verklärte Heiligendarstellung und krude Anbiederung in einem. Margarethe von Trottas neuer Film changiert zwischen klischeehafter Unterhaltung und asketischer Kunst

Obwohl der Winter noch bevorsteht, wäre es keine allzu gewagte Prognose, zu behaupten, der größte anzunehmende Regieunfall im Jahr 2009 komme am 24.September in die Kinos: Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen bringt alle Voraussetzungen mit, die ein Film haben muss, um in jeder Hinsicht zu floppen. Dabei hätte Hildegard Chancen, zur popkulturellen Ikone zu avancieren: Seit ihre musikalischen Kompositionen wiederentdeckt wurden, ihre Lehrbücher zur Pflanzenheilkunde und homöopathischen Medizin in alternativen Bücherschränken stehen und die Äbtissin zur Vordenkerin der Frauenbewegung ernannt worden ist, war es eine Frage der Zeit, bis das erste Biopic über sie die Kinos erobert.

Eine solche Eroberung aber ist Margarete von Trottas langatmigem Epos nicht zuzutrauen. Die Regisseurin hat in der pathetischen Inszenierung von Frauenschicksalen Routine: 1981 erzählte sie in Die bleierne Zeit die Geschichte der RAF anhand einer Parallelbiografie der Schwestern Christiane und Gudrun Ensslin, Mitte der Achtziger verfilmte sie das Leben Rosa Luxemburgs, indem sie die Biografie der Rätekommunistin auf deren „weibliche“ Sensibilität reduzierte. Die Titelrolle spielte schon damals Barbara Sukowa, die nun als Seherin wiederkehren darf. Ähnlich wie der Luxemburg-Film ist Vision geprägt von akribischer Genauigkeit bei der Rekonstruktion historischer Kulissen, Kostüme und Ereignisse, gepaart mit einer unüberbietbaren Witzlosigkeit. Ohne jede Brechung werden die Etappen im Leben der Mystikerin nacherzählt: Die Erfahrungen der jungen Hildegard (Stella Holzapfel), die sich im Benediktinerkloster mit dem strengen Abt Kuno (Alexander Held) konfrontiert sieht, ihr musikalisches Talent entdeckt und nach ihrem Aufstieg zur Äbtissin die Klostergemeinschaft reformiert; die Gründung des Frauenklosters Rupertsberg, wo sie mit der Novizin Richardis (Hannah Herzsprung) zusammenarbeitet. Schließlich die Krise, in die sie gerät, als Richardis’ Mutter einen Keil zwischen beide treibt. Eine Nebenhandlung erzählt von der Freundschaft mit der Nonne Jutta (Lena Stolze), die an Missgunst zerbricht.

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All das inszeniert von Trotta in einer Mischung aus Hagiografie und Anbiederung, als wären die Probleme einer Äbtissin Mitte des 12. Jahrhunderts derart identisch mit den Konflikten einer beruflich erfolgreichen Frau der Gegenwart, dass es keiner ästhetischen Distanznahme bedürfte. Nicht einmal das lesbisch-feministische Moment, das eine populärkulturelle Bearbeitung zweifellos hervorgekehrt hätte, wird betont. Es ist, als solle der Kinosaal qua cineastischer Hypnosearbeit in eine sittsam-dröge Schule für höhere Töchter verwandelt werden. Entsprechend wird auf der Leinwand nicht gespielt, sondern deklamiert und geraunt, Gefühle werden nicht darstellerisch zum Ausdruck gebracht, sondern gefrieren zu Posen, ohne dass aus solcher Künstlichkeit – wie bei Dreyer oder Bresson – eine schlüssige Form entstünde. Das Ergebnis ist klischeehaft wie ein Unterhaltungsfilm, aber ohne Spannung, asketisch wie ein Kunstfilm, aber banal wie eine Fernsehproduktion. Kein Wunder, dass die Darstellerin der Rosa mühelos als Hildegard wieder auftauchen kann: Ob Kommunistin oder Äbtissin, jede „große Frau“ wird bei von Trotta zur Ikone leerer Bewunderung.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
brjmfjm schrieb am 23.09.2009 um 13:51
Nun, ich denke solch ein Kommentar ist - bzw. war zu erwarten. Vielleicht sollte man ihn erst mal sehen, bevor man ihn zerreißt!

Aber immer wenn es um eine Sache Gottes geht, muß der Mülleimer mit dem Frust, der sich da angestaut hat, ausgeleehrt werden.
So ist das halt in unserer Gesellschaft. Es tut zwar weh, aber schaden tut es der Seele, der so was schreibt, mehr.

Nichts für Ungut, lieber Magnus Klaue, aber wer solch scharfe Kritik, ungesehen, schreibt, kann meinen Kratzer auch einstecken - oder? ;-)
Friedland schrieb am 23.09.2009 um 14:12
"Vielleicht sollte man ihn erst mal sehen, bevor man ihn zerreißt!" Sie meinen den Film? Als Journalist dürfte Herr Klaue den Film bereits gesehen haben, damit er die Leser/Zuschauer vor bzw. zum Kinostart darüber informieren kann.
Gott? Frust? Seele? Aber seine Kritik bezog sich doch auf den Film: "Das Ergebnis ist klischeehaft wie ein Unterhaltungsfilm, aber ohne Spannung, asketisch wie ein Kunstfilm, aber banal wie eine Fernsehproduktion."
Man kann also auch über gute (?) Dinge schlechte Filme machen...
Titta schrieb am 23.09.2009 um 21:22
@brjmfjm

Also ich finde, Sie tun mit Ihrem Kommentar genau das, was Sie dem Autor vorwerfen.
Da kann man nur schlußfolgern, daß Sie anscheinend Frust mit denen haben, die mit Gott nichts am Hut haben.
Nelly schrieb am 23.09.2009 um 18:37
Nach den Ausschnitten zu urteilen, die ich im Fernsehen gesehen habe, stimme ich mit Ihrer Einschätzung völlig überein, lieber Magnus Klaue.

Ich hatte mich vor ein paar Jahren vom Namen "Margarethe von Trotta" ins Kino locken lassen, in "Ich bin die andere". Es war eine Tortur. Schwülstig, kitschig, künstlich und dabei in der Tat vollkommen humorfrei.
Schade, denn die "Bleierne Zeit" ist mir in guter Erinnerung geblieben.


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