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Kultur : Die Sandwich-Methode

Das Mülheimer Theater an der Ruhr spielt Fassbinders als antisemitisch verschrienes Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod“ - als eines von dreien. Der Skandal fiel aus

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Die Proteste blieben aus, keine Buhs, kein Skandal. Das Großaufgebot an Pressevertretern schien fast schon obszön angesichts der Normalität des Vorgangs. Die Premiere von Rainer Werner Fassbinders Stück Der Müll, die Stadt und der Tod am Theater Mülheim an der Ruhr ging ohne jede Störungen über die Bühne. Nach den heftig umkämpften Inszenierungsversuchen 1985 in Frankfurt und 1998 in Berlin gelang so die erste öffentliche Aufführung des als antisemitisch inkrimierten Stücks in Deutschland überhaupt – auch wenn Fassbinders Opus um einen jüdischen Immobilienspekulanten inzwischen längst in Paris, New York, den Niederlanden und sogar Tel Aviv über die Bühne ging.
Auch in Mülheim kam es im Vorfeld zu heftigen Debatten. Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden und die jüdische Gemeinde vor Ort machten sich nach einem Probenbesuch für die Absetzung stark. Roberto Ciulli, der Mülheimer Intendant, blieb stur und servierte das Skandal-Stück nun geschickt im Fassbinder-Sandwich, flankiert von dessen Erstling Nur eine Scheibe Brot, das von den Schwierigkeiten eines Regisseurs beim Dreh eines Films über Auschwitz erzählt, und der Satire Blut am Hals der Katze, in der der Alien „Phoebe Zeitgeist“ unter die Deutschen fällt.
Roberto Ciulli dramaturgischer Kniff besteht darin, den Abend „Fassbinder“ zu nennen und die drei Hauptfiguren der Stücke quasi als Alter Ego des Regisseurs mit der Schauspielerin Simone Thoma zu besetzen. Im Brot-Stück tritt sie im Matrosenanzug als somnambul-vergrämter Filmregisseur auf, der an der Darstellung des Grauens und der Indolenz der Schauspieler verzweifelt. Ein Fingerschnippen zaubert die KZ-Szenen hervor; die Zigarette dient als unentbehrliches Accessoire. Der Matrose als Schwulenikone, die geschlechtliche Ambivalenz durch die Besetzung, das Spiel zwischen Imagination und Wirklichkeit reißen einen Deutungsraum auf, in dem Fassbinder als Fixpunkt unübersehbar ist.
Erstaunlich allerdings, wie Ciullis an diesem Abend gelegentlich pathetische, auch plakative Mittel einsetzt und damit seine bekannte Ästhetik unterläuft. Ob das das wiederkehrende Cellomotiv der drei Hauptfiguren ist, die Geräusche prasselnden Feuers und zuschlagender Ofentüren oder die an Filme Viscontis oder Pasolinis erinnernden Bildmetaphern. Bruchlos geht der Abend auf Thomas Hoppensacks Bühne mit einer Straße und einem Altarraum samt Lettner und Schminkspiegel in das Müll-Stück über. Simone Thoma in der Rolle des „reichen Juden“ liegt als weiß gepuderter Millionär mit weißer Mütze in einem rollenden Sarg. Der Tod fährt immer mit. Ganz offensichtlich eine verschrobene Kunstfigur, die gelegentlich jiddelt, sich in Pose wirft oder von einem ihrer Faktoten den Antisemiten vorspielen lässt - und sich in die blonde engelszarte Hure Roma B. (Carlotta Salamon) verguckt.
Fassbinder, der kein guter Dramatiker war, hat in seinem 1975 entstandenen Stück am Beispiel der baulichen Verschandelung Frankfurts dem Zusammenhang zwischen Immobilienspekulation und gesellschaftlichem Antisemitismus nachgespürt. Dass er mit Klischees spielt, macht weder sein Stück noch ihn antisemitisch. Ciulli nimmt dies zurück in eine individuelle Opfer-Rache-Phantasie. In der Figur des reichen Juden, der sich an Roma Bs faschistischem, als Transvestit auftretendem Vater rächen will, spiegelt sich Fassbinder selbst, der sich als Opfer einer repressiven Gesellschaft imaginiert. Am deutlichsten vielleicht, wenn er sich als leidender Christus an den Altarlettner lehnt oder Roma Bs Tod mit Scheinwerfern arrangiert. Zum Abschluss des Abend folgte dann noch Das Blut am Hals der Katze als pinkfarbenes Saytrspiel um Phoebe Zeitgeist, die in einem Sauerstoffzelt das hohle Parlando der Gesellschaft anhören muss und diese bundesrepublikanischen Lemuren bei einer Party per sinnlicher Überdosis totküsst. Trotz sich ziehender vier Stunden ein sehenswerter, wenn auch politisch eher entschärfter Abend. Vielleicht ist mehr aber auch nicht möglich.

Fassbinder Regie: Roberto Ciulli. Weitere Vorstellungen: 9., 10. und 15. Oktober, Karten unter 0208-5990188 www.theater-an-der-ruhr.de

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