Kultur

Pop | 10.11.2009 16:30 | Dave Simpson, The Guardian

Gar nicht charmant

Vor der Deutschlandtournee gibt es Aufregung um Morrissey. Hat er mit Recht die Bühne verlassen, weil er von einer Bierflasche getroffen wurde?

Keiner könnte es den Menschen in Liverpool verdenken, wenn sie jetzt der Meinung wären, dass Morrissey ganz und gar nicht "This Charming Man" (so der Titel einer Smiths-Single aus dem Jahr 1983) sei. Am Samstag verließ der ehemalige Sänger der Smiths die Bühne, nachdem er von etwas getroffen wurde, das aussah wie eine Plastikflasche mit Bier. Nur wenige Augenblicke, nachdem Mozzer, wie seine Fans ihn nennen, das Publikum in der Echo Arena mit einem munteren „It’s Liverpool. It’s perfect“ begrüßt hatte, endete das Konzert nach gerade einmal eineinhalb Songs, weil der Künstler sich weigerte weiter zu machen. Morrisseys ergebene Fangemeinde würde für ein Lächeln des Meisters (was selten vorkommt) meilenweit gehen, 40 bis 50 Euro pro Ticket erscheinen für ein paar Minuten Musik dann allerdings doch zu deftig, insbesondere wenn man Augenzeugen glaubt, die gesehen haben wollen, der Sänger habe kaum einen Spritzer Bier abbekommen.

"Stop Me If You’ve Heard This One Before" – wahrscheinlich haben Sie das schon tausend Mal gehört – aber Seine Hohheit kann eine ganz ordentliche Bilanz an abgebrochenen Konzerten aufweisen. In der Vergangenheit hat er Konzerte (oft in letzter Minute) mit abwegigen Entschuldigungen abgesagt, wie etwa wegen plötzlicher Krankheit, Problemen mit der Stimme, Schwierigkeiten mit der Beheizung der Konzerthalle, aufgrund der finsteren Vergangenheit des Veranstaltungsortes als Schlachthof („Meat is Murder“, vergessen Sie das nicht) und – seine bislang beste – wegen Schnee auf dem Dach der Konzerthalle.

Nach mehreren Absagen in diesem Jahr (für die der Sänger ein „unerträgliches Virus“ verantwortlich machte), ist es nun seine neue Spezialität, die Bühne unter Protest zu verlassen und zu schmollen. Im April beendete der strikte Vegetarier in Kalifornien einen Auftritt beim Coachella Festival aus Protest, weil im Backstagebereich gegrillt wurde. Sein Kommentar war ein typischer Morrissey – „Ich kann verbranntes Fleisch riechen und ich hoffe, bei Gott, dass es von einem Menschen stammt“ –, trotzdem wird der Spruch kaum auf so viel Gegenliebe gestoßen sein, wie seine großartige Performance des Songs How Soon is Now?

ANZEIGE

Der Unterschied in diesem aktuellen Fall ist nun aber, dass der 50jährige wirklich ernsthaft krank gewesen ist. Vergangenen Monat musste er während eines Konzerts im südenglischen Swindon nach einem Zusammenbruch mit Atemschwierigkeiten ins Krankenhaus gebracht werden (was zu weiteren Konzertabsagen führte). Das letzte, was der vermutlich immer noch kranke Sänger nun also brauchen kann, ist eine Flasche Alkohol, die ihm ins Gesicht geschleudert wird. Allerdings erscheint seine Weigerung, weiter zu spielen, doch ein wenig divenhaft. Wäre Morrissey freilich fit genug gewesen um weiter zu machen, dann hätte man den Flaschen-Schleuderer hinauswerfen können, das Konzert wäre weiter gelaufen und alle wären am Ende glücklich nach Hause gegangen. So wie es nun aber war, ließ er die Mehrheit der Fans stinksauer zurück.

Was meinen Sie? Hat der mitgenommene Morrissey mit Recht die Bühne verlassen? Oder hätte er sich an den alten Slogan halten sollen: „The show must go on“?

Übersetzung: Christine Käppeler

Übersetzung: Christine Käppeler
 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG