Kultur

Stufentheorie | 01.01.2010 11:30 | Magnus Klaue

Lasst es Euch schmecken!

Der italienische Publizist Daniele Dell’Aglio hat eine Anthologie über „Gastrosophische Modelle“ herausgegeben

Seit die Geisteswissenschaften die Populärkultur entdeckt haben, ist auch das Kochen zur philosophischen Disziplin geworden. Manchmal wird dabei sogar wirklich Pikantes serviert.

Die wohl bekannteste kulturphilosophische Auseinandersetzung mit der profanen Tätigkeit des Essens stammt von Georg Simmel. Dieser beschrieb in seiner 1910 veröffentlichten Soziologie der Mahlzeit die gemeinsame Nahrungsaufnahme als eine Handlung, bei der sich das „Egoistische“ der Menschen zugleich als ihr „Gemeinsamstes“ darstelle: „Personen, die keinerlei spezielles Interesse teilen, können sich bei dem gemeinsamen Mahle finden – in dieser Möglichkeit, angeknüpft an die Primitivität und deshalb Durchgängigkeit des stofflichen Interesses, liegt die unermeßliche soziologische Bedeutung der Mahlzeit.“

Coffee to go

In der gemeinsamen Mahlzeit, so Simmel, läutere sich das primitive Interesse am Selbsterhalt, das die Menschen mit den Tieren verbinde, zu einem ästhetisch wertvollen, zivilisatorischen Akt, weshalb der Sinn für Geschmacksnuancen, für Tischsitten und Konversationsregeln kein überflüssiges Relikt einer aristokratischen Vergangenheit sei, sondern den Sinn der Mahlzeit überhaupt ausmache.

So wie Simmel würde heute wohl niemand mehr über das Essen schreiben. Zu sehr merkt man seiner Diktion die großbürgerliche Exaltiertheit des Gelehrten an, der sich mit distanziertem Interesse einem Thema widmet, das gewöhnlich für niveaulos befunden wird. Heute dagegen, da Fast Food und „Coffee to go“ zum Ernährungsalltag fast aller Gesellschaftsschichten gehören, wirkt ein solcher Gestus antiquiert.

Essen ist für die meisten Menschen nichts mehr, worüber es sich lange zu reflektieren und zu spekulieren lohnt, sondern ein leider notwendiges Bedürfnis, das möglichst ohne großen Zeitverlust zwischen Zweitjob und Dating befriedigt werden muss. Der Trend der TV-Kochsendungen, in denen das häusliche Kochen als beinharter Leistungskampf in Szene gesetzt wird, passt zu diesem neuen Verhältnis zum Essen ebenso wie Veganismus, „Light“-Nahrung und ähnliche unappetitliche Modemasochismen, die alle darauf hinauslaufen, dem Essen samt seiner Zubereitung jede Spur von Luxus, Genuss und Zweckfreiheit zu nehmen. Statt dessen hat alles möglichst schnell, praktisch, mager und gesund herzugehen: Wer es sich beim Essen noch wahrhaft schmecken lässt, gilt wahlweise als Schöngeist oder Schmarotzer.

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Glücklicherweise hat die allgegenwärtige Kulturindustrie, die für diesen Verfall des Essens mitverantwortlich ist, auch gegenläufige Trends hervorgebracht. So beschäftigen sich die Geisteswissenschaften, seit sie ihr Profil zukunftsgerecht zu modernisieren versuchen, so unverkrampft wie selten mit Kochtopf und Herd. Kaum eine überregionale Tageszeitung, deren Feuilleton keinen diplomierten Kochphilosophen beschäftigen würde, kaum ein seriöser Verlag, der nicht den Kochbuchverlagen tiefsinnige Konkurrenz zu machen versuchte.

Zu den bislang interessantesten Ergebnissen dieses Wettbewerbs zwischen Hermeneutikern und Hausmännern gehört der Band Essen als ob nicht“, den der italienische Publizist Daniele Dell’Agli nun bei Suhrkamp herausgegeben hat. Er versammelt fünf essayistische Beiträge unterschiedlicher „Gastrosophen“, die sich dem Gegenstand mentalitätsgeschichtlich, sprachgeschichtlich, ideologiekritisch und psychoanalytisch nähren. Dass dabei stets der Bezug zum konkreten Gegenstand gewahrt bleibt, der bei diesem Sujet nie aus dem Blick geraten darf, ist das größte Verdienst des Bandes.

So entwirft der Honneth-Schüler Harald Lemke, der bereits zahlreiche Studien zur Geschichte und Ethik der Nahrungsaufnahme veröffentlicht hat, eine „Genealogie des gastrosophischen Hedonismus“, in der er der Frage nachgeht, wie der moralphilosophische Begriff des Guten in den kreatürlichen Lusterfahrungen des Magens fundiert ist.

Linkes und rechtes Essen

Dass seine weit ausgreifende Skizze, die den Zusammenhang von Ethos und Sinnlichkeit von den Epikureern über Rousseau bis zum modernen Verbraucherschutz umreißt, das neuzeitliche Ideal der „grünen Küche“ allzu positiv bewertet und nicht auf seine ideologischen Gehalte hin befragt, schmälert das Verdienst der Studie kaum. Wer sich für solche Zusammenhänge interessiert, kann statt dessen die Essays von Dell’Agli und Martin Reuter lesen, die sich mit Sarkasmus und Kenntnisreichtum der deutschen Küche als gastronomischer Ideologiefabrik widmen.

Während Dell’Agli vom Frühstück bis zum Dessert jene „Abneigung gegen alles Raffinierte“ nachzeichnet, die schon Nietzsche als genuin deutsche Geschmacksneigung zu verabscheuen gelernt hat, geht der Kommunikationstheoretiker Reuter den verschiedenen Essstilen nach, die die postmoderne deutsche Alltagskultur prägen – vom Imbiss über die „Erlebnisgastronomie“ bis hin zu „linken“ und „rechten“ Formen der Nahrungsaufnahme.

Appetit verderben

Der Psychoanalytiker Claus-Dieter Rath und der mexikanische Dichter Octavio Paz heben dagegen besonders das erotische und sexuelle Moment des Essens hervor, das als Akt der Einverleibung aus eigener Dynamik heraus stets zur Maßlosigkeit tendiert und dessen destruktiven Momente in jahrhundertelanger Arbeit zivilisiert werden mußten.

Eher enttäuschend fällt allein der Beitrag des Kochs und FAZ-Gastro­nomie­kritikers Jürgen Dollase aus, der sich von seinem Vorhaben, den Stellenwert der „Theoriebildung“ in der Kochkunst zu untersuchen, leider dazu verleiten läßt, nach Art der funktionalistischen Soziologie „Stufentheorien“ zu entwerfen, Regelwerke zu erstellen und Graphiken zu zeichnen, die dem Leser den Appetit auf den Gegenstand schon auf den ersten Seiten verderben.

Insgesamt aber merkt man allen Autoren jenes sinnliche Vergnügen an, ohne das sich übers Essen so wenig schreiben lässt wie über Literatur ohne Lust an der Sprache. Simmels gastrosoziologische Versuche haben mit diesen Essays eine würdige Nachfolge gefunden.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
h.yuren schrieb am 01.01.2010 um 20:28
aus der rezension geht nicht hervor, ob der autor ein leidenschaftlicher koch und esser ist. kein wort zu seiner persönlichen praxis. das interesse gilt dem gastrosophischen werk. ok.
dass der artikel in der rubrik "Kultur" verortet ist, macht sinn. denn die esskultur ist die basis aller kultur überhaupt.
wenn im deutschen von geschmack die rede ist, wird an den grundlegenden beitrag der esskultur erinnert.
je nach dem bewusstsein des betrachters fällt in der teutonischen küche die "Abneigung gegen alles Raffinierte" auf oder aber der mangel an gewürzen, ja, der mangel an bewusstsein, an weltinnesein.
darum fiel es einer jungen veganerin aus münchen nicht schwer, die ganze runde der teilnehmer/innen am tv-talk-tisch in die ecke der ahnungslosen und bewusstlosen esser/innen zu bugsieren. sie musste gar nicht viel dazu tun. die damen und herren waren ohne biss. die 20-jährige studentin zeigte ihnen allen, was die gedankenlosigkeit kostet.
zum bewussten leben gehört das bewusste kochen und essen. davon ist in der rezension nichts zu spüren.
weinsztein schrieb am 02.01.2010 um 01:36
Lieber Magnus Klaue,

danke für den Hinweis auf dieses Buch, das ich mir besorgen werde.

Kochsendungen mit dem Trend, "häusliches Kochen als beinharten Leistungskampf in Szene" zu setzen, kenne ich nicht. Oder meinen Sie damit irgendwelche blöden Kochduelle von Semiprominenten bei VOX, bei denen es eher nicht ums Kochen geht? "Wer es sich beim Essen noch wahrhaft schmecken lässt, gilt wahlweise als Schöngeist oder Schmarotzer", schreiben Sie. Schöngeist ok, aber wieso denn Schmarotzer?

Was "Nietzsche als genuin deutsche Geschmacksneigung zu verabscheuen gelernt hat", nämlich die Abneigung gegen alles Raffinierte, gilt diese Abneigung auch heute noch? Ich glaube das nicht. Seit mindestens 30 Jahren hält der Boom von Kochbüchern an, seit über 20 Jahren gehören TV-Kochsendungen zu den Quotenbringern, heute halten die meisten Sender gleich mehrere Koch-”Formate”.
Nie war in Deutschland das Interesse an gutem Essen, an Schwelgerei und kulinarischer Raffinesse, größer als heute. Und das gilt nicht nur für ein kleines Grüppchen Gourmands & Gourmets, denn dann gäbe es all diese TV-Kochsendungen nicht.

All die vielen guten Bücher, all diese Kochsendungen haben aber keine Wende gebracht, hin zu besserem Essen, zu mehr Genuss. Kochbücher mit vielen schönen Fotos, Sendungen aus Küchen von Spitzenrestaurants, Sterneköche in TV-Studios – Menschen schauen sich das gern an, wollen teilhaben am Glamour und greifen dann zu 5-Minuten-Terrinen von Maggi oder Knorr, zu Fertigpizza oder zu sonstwas Ekligem.

Warum ist das so? Am Geld kann es nicht liegen, eine große Pfanne Bratkartoffeln für vier Personen, für jeden ein Spiegelei und dazu Kopfsalat wären ein gutes Essen und viel billiger - und wertvoller sowieso - als vier Fertigpizzen. (Zum Beispiel.) Dass es an Zeitproblemen hängt, glaube ich nicht. Es ist möglich, aus wenigen Zutaten, alle preiswert zu haben, recht rasch köstliche Mahlzeiten zu bereiten, denen es an Raffinement nicht fehlte. Rezepte dazu gibt es massenhaft.

Ich war rund 15 Jahre als Autor an einer Kochserie des WDR beteiligt, von mir stammen mindestens 400 TV-Beiträge zum Thema Kochen. Die Einschaltquoten waren meist sehr gut. Die Downloads der ins Internet gestellten Rezepte gingen oft in die Zehntausende. Das ist bei anderen TV-Kochformaten wohl nicht anders.

Es ist zum Verzweifeln. So viele gute Kochbücher, so viele Fresssendungen im Fernsehen - trotzdem ernähren sich so viele Menschen von minderwertigem Zeug. Das zu untersuchen, Hintergründe dafür zu finden, Erklärungen, wäre ein tolles Thema.
Ok, darum ging es im rezensierten Buch nicht, ich wich ab.

Der Freitag scheint mir da mit seiner Kochkolumne von Jörg Kabisch auf einem guten Weg zu sein. Auf einem der Leserschaft angemessenen Niveau vermittelt er kulinarische “basics” auf eine sympathisch verspielte Weise.

Herzliche Grüße, schönes Neues Jahr

weinsztein

(Ob Sie ein leidenschaftlicher Koch sind, lieber Magnus Klaue, oder gar nicht, ist mir egal. Aber ich vermute: eher nicht :-))) )

Dir natürlich auch ein wunderschönes 2010, lieber h.yuren!
h.yuren schrieb am 03.01.2010 um 22:27
danke, lieber weinsztein. auch dir ein gutes neues jahr!
das ist ja interessant, was du da ausplauderst über deine wdr-küche. warum vermutest du, dass der rezensent eher kein leidenschaftlich aktiver koch ist?
und wann und wie hast du selbst angefangen, in den verschiedenen pötten zu rühren? war koch etwa dein job?
(entschuldige bitte meine neugier, aber ich bin erst spät zum kochen bekehrt worden - durch einen iraner)
weinsztein schrieb am 04.01.2010 um 01:22
Lieber h.yuren,
schon als Kind habe ich gerne gekocht, Koch bin ich leider nicht geworden, vielleicht auch zum Glück, dann was konnte man in deutschen Küchen der 60-er Jahre schon lernen? Das kulinarische Niveau in Deutschland wurde erst gehoben durch die damals so genannte Gastarbeiterwelle. Die Wochenmärkte wurden reicher ("Was ist das denn? - Auberginen. - Ach so"), mediterrane Rezepte und Kochgewohnheiten zogen in deutsche Küchen ein.

Ich bin Hobby-Koch geblieben, bis heute. Fürs WDR Fernsehen rührte ich nicht selbst in Pötten. Wir drehten unsere Beiträge in Spitzenrestaurants mit der Vorgabe, dass der Hauptgang für ein Festessen (damals) nicht teurer als 20 Mark sein dürfe. Zuerst hieß diese Serie Krisenkochtipp, später leider Spitzenkochtipp. Für mich war das wie eine zweite Berufsausbildung. Erst Journalist, dann Koch.

Dass Magnus Klaue nicht mit Leidenschaft kocht, vermute ich nur und bin womöglich ungerecht. Ich vermute, ein Hobbykoch hätte bei der Rezension des Buches auf Abschweifungen ins eigen Kulinarische nicht verzichten können.
Magnus Klaue, seine Beiträge lese ich sehr gern, hat auf ein Buch hingewiesen, das mich jetzt sehr interessiert.

Neugier, lieber h.yuren, ist mir herzlich willkommen. Dich bekehrte ein Iraner, ich lebte eine Weile in Afghanistan und lernte dort Gerichte kennen, die icdh auch heute noch immer wieder sehr gern (nach)koche. Norenj Palau, z.B. (Reis mit Rosinen, Pinienkernen, Orangenzesten, Knoblauch. Kombiniert mit einem Fleischgericht).

Herzliche Grüße
weinsztein


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