Kultur

Film-Kritik | 07.01.2010 13:00 | Matthias Dell

Das Spiegelkabinett des Heath Ledger

Terry Gilliams Film "Das Kabinett des Dr. Parnassus" ist originell nur im Umgang mit dem Image des Schauspielers Heath Ledger, der während der Dreharbeiten verstarb

Der Schauspieler Heath Ledger ist seit fast zwei Jahren tot, aber das Kino hält ihn am Leben. Schon die letzte Batman-Verfilmung The Dark Knight (Freitag vom 22. August 2008) bezog einen Großteil ihrer Attraktivität aus dem Umstand, dass Ledgers Auftritt als Bösewicht Joker, für den er postum einen Oscar erhielt, eine Art Vermächtnis war.

Nun kommt Terry Gilliams Fantasyfilm Das Kabinett des Dr. Parnassus in die deutschen Kinos, dem der Tod des Schauspielers im Alter von nicht einmal 30 Jahren auf eine besondere Weise eingeschrieben ist: Ledgers vermutlich unwillentliche Überdosierung von Tabletten fiel in die Dreharbeiten, woraufhin Gilliam das Buch umschrieb und dessen Rolle in den noch zu drehenden Szenen in der Fantasiewelt des Films mit Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell besetzte.

Das Kabinett des Dr. Parnassus erzählt eine faustische Geschichte aus alter Zeit im London unserer Tage. Dr. Parnassus (Christopher Plummer) tritt als Kopf eines anachronistischen Kleinkunstzaubers in Erscheinung, zu dem außer seinem kleinwüchsigen Partner Percy (Verne Troyer), Tochter Valentina (Lily Cole) und der Teenager Anton (Andrew Garfield) gehören. Einen Aufschwung erlebt das antiquierte Varieté, als Anton und Valentina einen scheinbar aufgeknüpften Toten ins Leben zurückholen, der sich dank einer zuvor geschluckten Zauberflöte vor dem Ersticken bewahrt hat. Der Unbekannte, der sein Gedächtnis verloren zu haben scheint, wird Tony genannt und von Ledger gespielt. Zeitungsausschnitte aus alten Boulevardzeitungen (die in der deutschen Synchronfassung absurderweise mit Der Spiegel übersetzt werden) weisen Tony als ehemaligen Fundraiser der Kindernothilfe a

us, der allerdings, wie der Film nicht schlüssig entfaltet, auch im Verdacht steht, wissentlich schmutzige Geschäfte mit der Mafia gemacht zu haben.

Tonys Geschäftstüchtigkeit beschert dem Kabinett eine Hausse, da es ihm gelingt, konsumsatte Damen in einem Einkaufszentrum mit dem Reiz ihrer Fantasie zu konfrontieren: Der Clou von Parnassus’ Show ist der Eintritt in eine Welt hinter dem Spiegel, in der man mit den Vorführungen der eigenen Fantasie konfrontiert wird – im Fall der besagten Damen handelt es sich dabei um romantische Stelldicheins und überdimensionierte Schuhmodelle. Nicht nur darin zeigen sich die traditionellen, wenn nicht klischierten Rollenbilder des Buchs von Gilliam und seinem Ko-Autor Charles McKeown, was in Kontrast zum Bohei um den Entwurf märchenhafter Welten steht.

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Der Teufel heißt in Das Kabinett des Dr. Parnassus Mr. Nick (Tom Waits), und steuert im Kampf um die Fantasien der Kabinett-Besucher eine jeweils destruktive Option bei. Mit Mr. Nick verbindet den wettfreudigen Parnassus, der dem Teufel sein ewiges Leben verdankt, ein überzeitlicher Streit, der über die ästhetische Verfasstheit unserer Existenz geht: Wenn allerdings Parnassus’ Votum für die Macht der Fantasie in dem kulturpessimistisch-kunstgewerblichen und dabei nicht uneitlen Hokuspokus von Gilliam seinen treffendsten Ausdruck finden sollte, würde man sich als Kinozuschauer im Jahre 2009 wohl eher auf die Seite des Teufels schlagen.

So bleibt als einziges reizvolles Arrangement das Spiel mit den Leinwand-Images, bei dem sich die Rollenbilder von Depp, Law und Farrell mit dem Ledgers überschneidet. Und außerdem die Erkenntnis, dass ewiges Leben in den Alkoholismus führt.

 
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