Heute wird viel über Depressionen berichtet. Es ist zu einem Thema geworden, über das wir gerne reden und schreiben. Dabei weisen wir routinemäßig jede eigene Nähe zu dem Thema von uns. Es heißt, wer unter Depressionen leide, schäme sich zu sehr, dies zuzugeben und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig sind wir uns doch alle einig, dass man sich psychischer Erkrankungen nicht zu schämen braucht.
Wie die Schriftstellerin Marian Keyes, deren Aufschrei der Verzweiflung in der vergangenen Woche jede Menge sowohl mitfühlender als auch höhnischer Kommentare provoziert hat. Sie sagt, sie könne nicht mehr essen, schlafen, schreiben, lesen, könne mit niemandem reden und wisse nicht, wann sie jemals wieder aus diesem Dunkel heraustreten werde. Sie wird mir nicht übel nehmen, dass ich hier davon berichte, denn sie hat die Öffentlichkeit auf ihrer Website davon in Kenntnis gesetzt.
Sind Depressionen also ein schickes Distinktionsmerkmal geworden oder stellen sie immer noch ein Tabu dar? Ist ein Bekenntnis zu ihnen ein exhibitionistischer Akt, der von mangelnder Selbstbeherrschung zeugt? Wir wissen nicht, ob wir eher zuviel oder zuwenig darüber reden.
Für Politiker scheint es offenbar nicht besonders klug, ihre Depression offen zuzugeben, zumindest, solange sie ein Amt innehaben oder anstreben. Auch Zahnärzte und Allgemeinmediziner hängen ihr Leiden nicht an die große Glocke, obwohl viele davon betroffen sind. So weisen Zahnärzte in den USA eine höhere Selbstmordrate auf als alle anderen Berufsstände – dabei machen die meisten von ihnen doch einen recht fröhlichen Eindruck! Umgekehrt könnte man meinen, dass Schauspieler, Künstler, Schriftsteller und Frauen es sich leisten können, derartige Schwächen zuzugeben.
Menopause
Auch Krankheiten sind Moden unterworfen, die bekanntlich kommen und gehen. Blinddarm- und Mandelentzündungen sind nicht mehr so schick wie früher, Geschwüre mussten auf der Liste angesagter Erkrankungen dem Sodbrennen weichen. Selbst bei psychischen Erkrankungen gibt es Modeerscheinungen und der jüngste Boom an Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie lässt Depressionen zunehmend altmodisch erscheinen. Die feministischen Wissenschaftlerinnen Elaine Showalter und Lisa Appignanesi weisen in ihren Arbeiten zur Geschichte von Frauenkrankheiten unter anderem darauf hin, dass die im 19. Jahrhundert häufig ausgestellte Diagnose der Hystrie (das Wort leitet sich etymologisch vom altgriechischen Wort für Gebärmutter, „hystera“, ab ) mehr oder weniger verschwunden sei und von derjenigen der Depression abgelöst wurde. Glaubt man den wenig zuverlässigen Statistiken, die uns zur Verfügung stehen, dann neigen Frauen eher zu Depressionen als Männer.
Früher, zu Zeiten meiner Mutter und Großmutter, hatten Depressionen oft mit der Menopause zu tun. Frau fühlte sich wertlos und niedergeschlagen, war starken Stimmungsschwankungen unterworfen und gebärdete sich oft exzentrisch (Kleptomanie wurde oft mit der Menopause entschuldigt). Männer hatten dieses Problem so nie und machten etwas ähnliches, wenn überhaupt, erst später durch, wenn sie in Ruhestand gingen.
Die Aussichten für Frauen haben sich durch die Möglichkeiten der Hormonersatzbehandlung dramatisch verändert. Sie verschiebt die Menopause nach hinten und lindert einige der mit ihr verbundenen Beschwerden. Meine Generation schluckte diese rötlich-braunen Kügelchen aus Stutenurin – oder aus was auch immer sie gemacht werden – , als handele es sich bei ihnen um ein reines Lebenselixier. Wir schluckten sie, wie wir zuvor die freiheitsbringende Anti-Baby-Pille geschluckt hatten. Wir scherten uns nicht um die Langzeitfolgen, wir wollten nur noch eine Weile jünger bleiben, nur jetzt noch nicht Lebewohl sagen. Ich erinnere mich daran, dass mich ernsthafte Zweifel befielen, als mir bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung eine 68-Jährige anvertraute, sie menstruiere noch immer und sei sehr stolz darauf.
Generation Sex and the City
Die chronologische Lebenskurve von Frauen hat sich radikal verändert, seit Marian Keyes ihre Karriere als Schriftstellerin begann. Sie ist heute 46, da gilt man noch nicht einmal als Frau mittleren Alters. Sie steht in der Blüte ihres Lebens und man hegt eher den Verdacht, dass sie mit ihrem Erfolg nicht klarkommt, als dass man ihre Depression auf diese unvermeidliche Veränderung im Leben zurückführen würde. Vor zehn Jahren las ich ein oder zwei ihrer Bücher, als ich, inspiriert durch Bridget Jones, einen Essay über Chick-Lit (postfeministische Frauenliteratur à la Sex and the City) und Courtship-Novels schreiben wollte. Die Heldinnen der Chick-Lit sind zehn Jahre älter als die von Jane Austen, eher in ihren Dreißigern als in ihren Zwanzigern. Sie sind finanziell unabhängig, können sagen, was sie wollen und sich frei bewegen. Bridget Jones ist im Bett wesentlich selbstsicherer als am Herd. Diese Welt unterscheidet sich doch sehr von derjenigen einer Jane Austen und selbst von der, die ich in meinen frühen Kurzgeschichten beschreibe.
Einige Experten für psychische Erkrankungen argumentieren, Frauen seien heute unglücklicher, weil ihre Erwartungen höher lägen. Sie könnten nicht ewig schön und jung bleiben, müssten aber bis an ihr Lebensende in einer Gesellschaft leben, die von Konsum und der Verherrlichung der Jugend geprägt ist. Das, so die Experten, könnte unter Umständen sogar noch schmerzvoller sein als die Angst, mit 46 in die Resignation der Wechseljahre zu fallen und danach schnell alt zu werden.
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Jede Veränderung birgt Risiken. Frauen sind heute nicht mehr so passiv wie früher. Sie haben eine höhere Lebenserwartung und sie sind abgehärteter, obwohl sie im Alter neue Herausforderungen bewältigen müssen. Sie arbeiten immer noch daran, wie ihre Zukunft einst aussehen soll. Wenn Marian Keyes ihre momentane Verzweiflung öffentlich macht und darüber redet, ist sie bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Sie ist Schriftstellerin und wird sich wohl durchs Schreiben aus der Krise befreien. Schriftsteller machen das für gewöhnlich so.
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Ist es eine launige Behauptung oder wissenschaftlich belegt, das Krankheiten der Mode unterliegen? Und falls es wissenschaftlich belegt ist: Verändert sich die Häufigkeit von Krankheiten mit unseren Lebensbedingungen oder unabhängig davon? Und verändert sich wirklich die Krankheit oder lediglich die Diagnose?
Mutig, Trends bei Krankheiten zu behaupten und dann keine weiteren Informationen dazu zu liefern. |
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„Wenn Marian Keyes ihre momentane Verzweiflung öffentlich macht und darüber redet, ist sie bereits einen entscheidenden Schritt weiter. Sie ist Schriftstellerin und wird sich wohl durchs Schreiben aus der Krise befreien. Schriftsteller machen das für gewöhnlich so.“
In meiner Sprechstunde bleibt die momentane Verzweiflung nach wie vor eine Privatangelegenheit, die durch die Schweigepflicht geschützt ist. Das ist gut so, denn Menschen in Verzweiflung sind im öffentlichen Leben weitaus verletzlicher und irritierbarer durch Kritik, Unterstellung, Abwertung, Konkurrenz usw. als wenn sie sich noch in einer einigermaßen ausgeglichenen und verteidigungsfähigen Verfassung befinden. Inwieweit hier die Flucht der Verzweifelten nach vorn in die mediale Öffentlichkeit von therapeutischem Nutzen für sie ist, kann nur durch eine häufigere derartige Praxis und anschließende wissenschaftliche Vergleichsuntersuchung mit Therapieergebnissen auf althergebrachten Wegen geklärt werden. Auch eine entgegenkommende Entwicklung von Öffentlichkeit, die sich zu einer toleranten, teilnehmenden und quasi therapeutischen Rezeption von öffentlich gemachter Verzweiflung verändert, ist ja nicht ausgeschlossen und scheint gelegentlich von prominenter Stelle gewünscht zu werden. Man muß auch hier abwarten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Situation noch sehr ambivalent. Bei der Veröffentlichung einer privaten Verzweiflung ist nicht zu unterscheiden, ob dies bloße Zurschaustellung ist, ein Heischen nach medialer Aufmerksamkeit oder eben ein ernstzunehmender Hilferuf. Dasselbe Problem einer korrekten Einschätzung begleitet schon immer die Ankündigung bzw. Drohung mit einem Selbstmordversuch für den oder die Umstehenden: wie ernst soll man das nehmen; ist das wirklich final gemeint; ist es als Erpressung angelegt; wird versuchsweise manipuliert? Wer eine derartige Ankündigung abtut, kann sich grausam irren – aber wer sie grundsätzlich ernst nimmt, braucht sehr viel Geduld und Nachsicht. Ob Schriftsteller andere Erfahrungen mit dem unverklausulierten Veröffentlichen ihrer Verzweiflung machen, weiß ich mangels persönlicher Erfahrung nicht. Ich denke aber, dass die mediale Öffentlichkeit bisher noch nichts vom Charakter einer Schlangengrube verloren hat. |
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Danke für den sensiblen Beitrag zu diesem spannenden Thema. Als ich gestern den Artikel von Margaret Drabble im Freitag gefunden habe, wollte ich ihr spontan beipflichten. Frauen sind heute bestimmt nicht unglücklicher als zu Austens Zeiten. Vielleicht sind sie länger unglücklich, weil sie länger leben. Wenn man glaubt, man hätte die Depression doch schon in seinen Vierzigern, den Sechzigern erledigt, dann steht sie noch einmal vor der Tür, wenn man 85 ist.
Als von dieser Krankheit immer mal wieder gebeutelte Frau stelle ich vor allem fest, wie schwierig es für die betroffene Frauen ist,und es sind meiner Erfahrung nach mehrheitlich die Frauen, die Selbsthilfegruppen und andere Einrichtungen aufsuchen, selbst im engsten Freundeskreis oder mit einem Partner über die Krankheit zu sprechen. Da ein depressiver Mensch durchaus gut aussehen kann, die Krankheit hat man nicht im Gesicht, ist es für die Umwelt oft schwer, den Grad der Verzweiflung zu erkennen. Wenn da ein paar Künstler so etwas wie Öffentlichkeitsarbeit betreiben, in dem sie sich öffentlich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, finde ich das erstmal hilfreich. Und heute denke ich übrigens, dass Frauen vielleicht doch unglücklicher sind als früher. Weil sie vernetzt sind. Weil sie sich vielleicht eher vergleichen können und auf dem Prüfstand stehen. Warum habe ich keinen jüngeren Liebhaber? Warum Falten? Warum bin ich nicht so erfolgreich? Warum ist meine Partnerschaft im A....., wenn ich mir mit dem Mann Tatort ansehe? |
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