Kultur

Raubdruck | 12.01.2010 16:16 | Ralf Klausnitzer

Die Kunst des höheren Abschreibens

Uwe Tellkamp und die Plagiatsvorwürfe: Was sagt die Literaturwissenschaft dazu?

Uwe Tellkamp ist einmal mehr ins Gerede gekommen. In der NZZ hatte Dorothea Dieckmann explizite Parallelen zwischen der Schilderung eines Dresdener Antiquariats im 2003 erschienenen Erzählband Die letzten Mohikaner von Jens Wonneberger und dem 2008 veröffentlichten Bestseller Der Turm nachgewiesen. Die Dresdener Autorin Jayne-Ann Igel wiederum hatte deutliche Übereinstimmungen zwischen Stefan Wachtels Gefängnistagebuch delikt 220 von 1991 und dem Turm beobachtet.

Nachdem die TV-Sendung „Sachsenspiegel“ ein Interview mit Wonneberger mit missverständlichen Aussagen ausgestrahlt hatte, fordert der Schriftsteller vom MDR jetzt eine Gegendarstellung. Nun lässt sich fragen, ob Analogien in der Darstellung von Räumen und Figuren bereits den Vorwurf des Plagiats rechtfertigen. Zumal es sich bei Tellkamps Romanwerk um einen Ziegelstein handelt, der auf 950 Seiten die Welt des Dresdener Bildungsbürgertums mit überbordernder Beschreibungswucht verfolgt und dabei jene Topographien befestigt, die einer (westdeutschen) Literaturkritik als das lang erwartete Zeugnis von (ostdeutscher) Vergangenheitskartierung galten. Zugleich ließe sich fragen, ob die Unmutsäußerungen angesichts der nun entdeckten Ähnlichkeiten der Methode eines Schriftstellers gelten, der Vorgänge recherchieren musste – oder ob es nicht auch darum geht, einen Autor zu demontieren, der sich zum Sprachrohr des vereinigten Deutschland gemacht hat.

Wie dem auch sei: Die jetzt beginnende Debatte um Uwe Tellkamp und seinen Roman macht weitere Einsichten möglich, als nur die Feststellung von mehr oder weniger deutlichen Entlehnungen aus Texten von Autorenkollegen. Sie kann zeigen, dass die Welt des Turms und der Turmgesellschaft von Bezugnahmen auf erfahrene Realität ebenso lebt wie von vorgängigen Schilderungen und Rekonstruktionen dieser Welt durch andere Werke. Papierwelten stellen eben nicht Abbilder von Realität dar, sie sind vielmehr Konstruktionsleistungen der Erinnerung und der Imagination. Texte liefern – auch wenn sie sich auf historische Gegebenheiten beziehen – stets eigene Beschreibungen und Deutungen der Vergangenheit. Diese sind aber nicht nur individuell gemacht und veränderlich, sondern immer auch ein Reservoir von Möglichkeiten, an denen sich andere Autoren reproduktiv orientieren können.

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Ein Gewinn

Kein geringerer als Thomas Mann hat diesen Umgang mit vorgängigen Texten und Quellen – der bis zu einer von ihm selbst als „ungeniert“ bezeichneten Integration eines Brockhaus-Artikels in die Buddenbrooks reichte – als die „Kunst des höheren Abschreibens“ bezeichnet. Dieses höhere Abschreiben besteht aber eben nicht in der bloßen Kopie eines Textes oder Textteils, sondern in dessen gelingender Integration in einen neuen Zusammenhang, der als eine eigene (fiktionale) Welt funktioniert und seinerseits spezifische Wirkungen entfaltet.

Ein Text, der wie der Turm ein Universum von sozialen und emotionalen Beziehungen entwirft und detailliert ausgestaltet, kann deshalb durch Entdeckungen von Bezugnahmen und Refenzen nur gewinnen. Denn die dafür notwendige Aufmerksamkeit setzt nicht allein die Investition emotionaler und kognitiver Energien voraus: was schon ein Gewinn ist. Sie führt zugleich zu einer vertieften Beschäftigung mit anderen Texten und den in ihnen sedimentierten Erfahrungen, Erinnerungen, Einsichten. Was will man mehr?
 

 
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Kommentare
franzmalef schrieb am 12.01.2010 um 20:31
Fein, fein und sooo gelehrt, indes, unser aller Thomas Mann hat sozusagen als "Bock vom Gärtner" geredet. Man weiß von seiner "Abschreiberei". Auch scheint eine Rechtfertigung mit Tellkamps Werksumfang ungeeignet, denn er hat die Pflicht zur Genauigkeit genauso als ob er ein Bändchen von 100 Seiten schriebe. Tellkamps "Verhalten" ist uneghrenhaft, zumal er ein "Kollege" von Wonneberger ist und sie (jetzt) nur Minuten voneinandfer entfernt wohnen. Und was soll daas Gerede von der Demontage eines "gesanmtdeutschen Autors"? Tellkamp hat die (und seine eigene) Vergangenheit denunziert, denn seine Schreibe ist weder wahrhaftig noch wahr - sie ist tendenziell und erfüllt Erwartungen einer bestimmten politischen Lobby - und sein Buch ist trotz aller Größe und des Seitenumfanges eine handwerkliche Ausschussarbeit. Er beherrscht sein Gewerbe nicht - das sollten Sie als Literaturwissenschaftler doch wohl erkannt haben, oder?
jayne schrieb am 13.01.2010 um 06:52
Das größere Problem bei Tellkamp sind tatsächlich nicht die Parallelitäten, von denen Jens Wonneberger sehr treffend und sinngemäß schrieb, daß sich der Autor da möglicherweise zu nahe entlang des Originals bewegt (was so auch in Hinsicht auf die Parallelitäten zu Wachtel formuliert werden könnte) - das größere Problem stellt für mich der denunziatorische Grundgestus des Romanwerks dar. Tellkamp läßt keines der Klischees aus, die über die DDR-Wirklichkeit in Umlauf sind und eher Vorurteilen Vorschub leisten als einer differenzierten Sicht. Das massierte Auftreten all dessen, was es im Einzelnen auch wirklich gegeben hat, erzeugt ein Bild von dieser Wirklichkeit, das man tendenziös oder stark überzeichnet nennen mag. Von einem Roman, der vom Autor wie von der Kritik als Gesellschaftsroman verstanden und mit Werken Thomas Manns verglichen wird, kann man eine differenziertere Sicht verlangen. Zudem erweckt der "Turm", dessen Handlung in den 80er Jahren angesiedelt ist, stetig den Eindruck, man befände sich in der DDR der wahrlich weit düsteren 50er Jahre - zwischen der noch stalinistisch geprägten Realität der 50er und der weit liberaleren Atmosphäre der endsiebziger resp. 80er Jahre sind zeitgeschichtlich indes erhebliche Unterschiede auszumachen, auch wenn in dieser oder jener Amtsstube der stalinistische Geist noch präsent gewesen ist.
Die Metaphorik in diesem von der Kritik als lyrisch und dicht gefeierten Text holpert oft bedenklich, das läßt sich an vielen Stellen belegen, und dies ist m.E. der Ungenauigkeit in der Beobachtung der Wirklichkeit geschuldet ...
franzmalef schrieb am 13.01.2010 um 09:15
Oh ja, liebe Jayne, so ist es! Das Plakative und die wimmelnden Klischees haben etwas plebejisches und ziehen den Text auf ein Niveau herunter, wo er m.E. auch hingehört. Und dieses in Wahrheit niedrige Niveau, welches von allen Denunzianten gebraucht wird, reduziert das Buch und den Autor auf die Ebene populistischer Politiker. Es nährt den Verdacht, hier sei etwas Bestelltes geliefert worden. Oder der Autor habe sich "andienen" wollen, um der Garantie des Erfolges willen. Es ist eigentlich ein Buch, das für den Westen geschrieben scheint. Insofern ist das Wort vom "gesamtdeutschen" Autor völlig unzutreffend. Es gibt in Dresden zahlreiche Bürger, auch solche, die im Zielgebiet des Autors wohnen, die empört sind und Tellkamp als "Schmierfinken" bezeichnen. Nein, er ist vielleicht kein Schmierfink, aber ein Anfänger, der sich seinen Weg und die Rückendeckung bei bestimmten politischen Kreisen sucht. Schlimm, wenn ein Autor sich derart instrumentalisieren lässt und er es nicht einmal merkt, sondern fleißig Interviews und Statments abgibt, die alle in gleicher Weise gestrickt sind. Wir werden erleben, dass Tellkamp Dresden wieder verlässt, und zwar noch bevor sein neues "Opus" erscheint, und dieser "Auszug" wird dann entsprechend politisch "vermarktet". Das ganze Theater ist eine verfluchte Schmierenkomödie und so viele spielen mit. Manche absichtsvoll, andere merken es nicht. Aber durch diese Inszenierung gerät der Ursprung, der literarische Text nämlich, in den Hintergrund und es wird vergessen wie erbärmlich er in Wahrheit ist.
jayne schrieb am 14.01.2010 um 10:14
ergänzend zu eigenem obigen Kommentar möchte ich noch einen anderen Aspekt ins Blickfeld rücken: vor dem Hintergrund einer sich immer stärker abzeichnenden Tendenz (vorangetrieben von jenen politischen Kreisen, die sich in dieser Frage die Diskurshegemonie angeeignet haben), nach der schon das Einfordern einer differenzierteren Sicht auf die DDR-Wirklichkeit im geschichtlichen Aufarbeitungsprozeß als "Verklärung" oder "Schönfärberei" eben dieser Vergangenheit denunziert wird, sehe ich durchaus auch Autoren, die sich literarisch mit dieser Wirklichkeit auseinandersetzen, in einer gesellschaftlichen Mit-Verantwortung (je nachdem, ob sie diese Tendenz bedienen und mit befördern, oder eben nicht...).
Axel Henrici schrieb am 13.01.2010 um 10:09
Lieber Herr Klausnitzer,

ich finde, Sie lassen Tellkamp etwas voreilig vom Haken. Es kommt durchaus vor, dass Autoren sich von anderen Texten "inspirieren" lassen – die meisten klären dies aber mit dem Originalautor ab und/oder legen den "Klau" korrekterweise in einer Vor- oder Nachbemerkung oder zumindest im Kleingedruckten der Titelei offen. Wieso macht Tellkamp das nicht? Zum Inhaltlichen möchte ich mich nicht äußern, da ich das Buch nicht gelesen habe. Ich lege aber jedem, der sich für das Thema Dresden und Wendezeit interessiert Ingo Schulzes grandios-mehrbödigen Roman "Neue Leben" ans Herz. Auch ein ziemlicher Wälzer, aber es lohnt sich.
Magda schrieb am 13.01.2010 um 10:53
Danke - auch für den Tipp mit Ingo Schulze. Der ist ganz hervorragend. "Neue Leben" aber habe ich noch nicht gelesen.
Axel Henrici schrieb am 13.01.2010 um 17:20
btw. Ingo Arend hat "Neue Leben" damals eine scharfsinnige Kritik gewidmet.
www.freitag.de/kultur/0542-entleerung
Magda schrieb am 13.01.2010 um 10:49
"Wie dem auch sei: Die jetzt beginnende Debatte um Uwe Tellkamp und seinen Roman macht weitere Einsichten möglich, als nur die Feststellung von mehr oder weniger deutlichen Entlehnungen aus Texten von Autorenkollegen. Sie kann zeigen, dass die Welt des Turms und der Turmgesellschaft von Bezugnahmen auf erfahrene Realität ebenso lebt wie von vorgängigen Schilderungen und Rekonstruktionen dieser Welt durch andere Werke. "

Weitere Einsichten macht dies bestimmt möglich. Die jetztigen Reaktionen auf Tellkamps "Turm" sind ein gutes Beispiel dafür, wie "Enttäuschung" funktioniert. Es gab kaum eine Möglichkeit, sich kritisch über das Werk des - in den Himmel gehobenen und ausgepreisten- Autors zu äußern. Literaturforen plapperten munter etwas von der Musikalität und Geschlossenheit des Romans nach und bezogen sich - so schien es mir, immer nur auf den Klappentext.
Ein so gründlich ungelesenes und gefeiertes Buch - irgendwann kommt der Rückschlag.

Jetzt: Da es einen handfesten "Vorwurf" gibt, kommen ganz sicher auch jene, die endlich mal Luft ablassen wollen. Eine solche merkwürdig konzertierte Einpeitschung eines Buches wie dieses ist bisher selten zu verzeichnen gewesen. Nur wenige, die wider den Stachel löckten. War vorher "Der Eisvogel" - gleicher Stil, wenig Milieukenntnis - noch mit Skepsis bis Ablehnung behandelt worde, plötzlich ein Eloge an die andere
Ich denke mir, die beiden Schriftsteller Wonneberger oder auch Wachtel werden sich hüten zuviel zu klagen -und es ist ja dies alles Ermessenssache - weil sie nicht unter diese unglaubliche PR-Walze geraten wollen.

Tellkamps Reaktion leuchtet ebenfalls ein: Der Musensohn kriegt jetzt eine Ahnung, dass die gekrönten und gepreisten und hymnisch gefeierten Zeiten vorbei sind. Alltag ist und sein miserables "Hecht"-Buch auf dem Markt und es könnte auch was vom "nackten Kaiser" bald gerufen werden. Wird ja schon.
ralf klausnitzer schrieb am 13.01.2010 um 14:05
In der Tat. Aus Tellkamps Werk wie aus den Reaktionen von Literaturkritik, Politik, Lesern lässt sich eine Menge lernen.
Zum einen kann es schon zu denken geben, dass sich nahezu die gesamte literaturkritische Zunft voller Lob auf den Text geworfen hat. Dennis Scheck vom DLF war einer der wenigen, der die schweißtreibenden Bemühungen in Tellkamps Roman wahrgenommen und benannt hat. Warum aber hat niemand vorher die Übernahmen aus Texten anderer Autoren gesehen?
Insofern ist es wohl zutreffend, von der literarischen Bedienung einer bestimmten öffentlichen Erwartungshaltung zu sprechen. Ohne aber gleich Absprachen oder Machinationen zu vermuten. Eher sind es wohl dominierende Interessengruppen in unserer Medienöffentlichkeit bzw. deren Lautsprecher, die ihre Sicht auf die Vergangenheit und "die DDR" bestätigt sehen wollten. (Bitte an den Hype um den Henckel von Donnersmarck-Streifen DAS LEBEN DER ANDEREN erinnern..

Zum anderen zeigen Text+Reaktionen m.E. auch, wie seltsam selektiv Erinnerungen und ihre literarische Formgebung funktionieren. Ist es der zeitliche Abstand, der zu Verschiebungen, Verkleinerungen, Vergrößerung führt? Sind es Perspektivwechsel durch veränderte Positionen? oder Reaktionen auf gegenwärtige Erwartungshaltungen?

Und so hat also auch diese Diskussion ihr Gutes. Denn sie zeigt, dass Literatur noch etwas bewegt.
Magda schrieb am 13.01.2010 um 14:51
"Ohne aber gleich Absprachen oder Machinationen zu vermuten."

Nee, so läuft das natürlich nicht in dieser Gesellschaft, so platt. Aber klappt eben auch.

Übrigens: Auch ich habe an das Theater um "Das Leben der Anderen" gedacht. Ein kleiner, bedenkenswerter Film über Lüge und Verrat in einer Diktatur - wimmelt zwar von Klischees, aber bitte - wird zum Superereignis.
Und - wo isser nu, der Donnersmarck? In Hollywood, wo er sich erstmal anstellen muss.

"Und so hat also auch diese Diskussion ihr Gutes. Denn sie zeigt, dass Literatur noch etwas bewegt."

Darauf kann man sich gut einigen.

Trotzdem: Ich will meinen Hut schlucken, wenn aus dem Tellkamp nochmal so ein Feuer geschlagen wird.

Gruß Magda
franzmalef schrieb am 13.01.2010 um 15:19
"die ganze literaturkritische Zunft hat sich voller Lob auf den Text geworfen" - Ja, warum wohl? Eine bestimmte öffentliche Erwartungshaltung. Jawohl. Und wer erwartete was? Keine Machination? Herr Tellkamp hat noch vor Erscheinen seines Buches im Spätsommer 2008 Herrn Biedenkopf in dessen Schweizer Villa besucht. Biedenkopf! Der ist bosher nicht durch literarische Taten iergendwelcher Art aufgefallen - wohl aber aks politischer Strippenzieher. Wir wollen doch in diesen Lande bitte nicht so naiv sein und an den gottgewollten Zufall denken. Im Gegenteil, alles spricht dafür, das hier einer das Buch zur Politik geschrieben hat. Und auch die Rezensentenzunft gehorcht den Regeln bestimmter politischer Tendenzen. Man ist ja kein Selbstmörder, oder will sich selber kaltstellen. Also, springt man auf den fahrenden Zug auf. Einer schreit "Hurra!" und alle schreien mit. Kollektive Blindheit. Wie im Märchen von des "Kaisers neuen Kleidern" - und nur ein paar haben geschrieen "Der ist ja nackt!" Doch jetzt plötzlich, wo sich der Funkenregen und das Konfetti verzogen hat, jetzt wird langsam klar, wem man da hinterher gerannt ist. Und der Vorwurf des Plagiats steht schon seit mindestens einem halben Jahr oder länger im Raum. Die Spatzen zwitscherten es von den Dächern, aber da lärmte die Karawane noch. Und dass der Text insgesamt schwach ist, voller Klischees, ja, dass man sogar eine Klischeeliste abhaken kann, die von der Politik immer wieder bemüht wird, dass es eigentlich keinen wirklichen Plott gibt und kaum Figurenentwicklung, dass die Sprache unter einer explodierenden Adjektivitis leidet, wie sie typisch für literarische Anfänger ist, dass offenbar kaum ein Lektor am Text gearbeitet hat - all das war schon lange bekannt und von (allerdings) wenigen Rufern herausgeschrieen. Aber all das ging unter im Kanonendonner des Preisregens. Und auffällig: Alle Preise regneten aus derselben Wolke - aber keine Machination und Absprachen ist zu erkennen? Wie blind muss man sein, um nicht zu erkennen. Wie sage der alte Cicero "Cui bono?" - nein, nein dieses Buch kam zur rechten Zeit, es fehlte derartiges eben noch und so wurde es geliefert, ob zufällig oder absichtsvoll, dies beantworte man sich selber ...
Michael Angele schrieb am 13.01.2010 um 23:34
In Unkenntnis des Buchs neige ich dazu, Axel Henrici Recht zu geben. Es wäre Tellkamp doch kein Zacken aus der Krone gefallen, seine Quellen offenzulegen - gerade weil ein Gutteil von Literatur, etwas polemisch gesagt, aus dem Ab- und Umschreiben von anderer Literatur besteht. Allerdings scheint Tellkamp ja nicht mit höherem Kunstanspruch auf die Quellen zugegriffen zu haben, sondern sich eben wirklich an den darin mitgelieferten Realien bedient zu haben. Ich kann mich allerdings täuschen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 23:58
Die Realität literarisch abschreiben ist für mich völlig in Ordnung, in der Schule abschreiben auch.
In der Wissenschaft zitiert man Übernommenes, und im Kabarett parodiert man es.
Wer aber Noten fälscht und übernommene Noten fälschlich in Umlauf bringt, wird mit Nichtmitsingen bis zu fünf Jahren bestirnt.
Ingo Arend schrieb am 19.01.2010 um 12:21
bei aller berechtigten kritik an tellkamp: dass er seine quellen nicht offengelegt hat, dass er offenbar doch sehr stark "abgeschrieben" hat. mit den klausnitzerschen kriterien der anverwandlung usw sind doch momente ins spiel gekommen, die geeignet sind, literatur in einem anderen licht als im gängigen der überholten genieästhetik zu sehen. im breiten publikum geistern bis heute diese seltsamen begriffe von inspiration oder eingebung im opf herum. hier sind sie einmal mehr relativiert worden und ästhetische produktion ist genau also solche sichtbar gemacht worden. für die kunst im allgemeinen ebenso wie für die literatur im speziellen hat das etwas gutes.
Beat Mazenauer schrieb am 23.01.2010 um 16:01
Ingo Arend ist zuzustimmen. Der Nachweis der Quellen ist sicherlich eine hohe Tugend - andererseits aber soll nicht immer so getan werden, als ob Bücher aus dem Leeraum der genialischen Inspiration entstehen. Gerade wenn sie gesellschaftliche Relevanz haben, nähren sie sich aus dem kollektiven Textspeicher.
Bei der Gelegenheit sei an Philipp Theisohns jüngst erschienenes Buch "Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte". Einen Angelpunkt des Geniebegriffs ortet er in Goethes "Prometheus"-Gedicht:
"Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde..." -
doch nicht vergessen werden dürfe dabei, so Theisohn, dass dieser Schöpfungsakt mit dem Diebstahl des olympischen Feuers eng verknüpft sei. Und trotzdem bleibt es auch Prometheus' Werk.
jayne schrieb am 08.02.2010 um 08:23
auch Gerhard Zwerenz hat sich jetzt an anderer Stelle zu Wort gemeldet, vor allem sagt er Wichtiges zu Stefan Wachtel: www.poetenladen.de/zwerenz-gerhard-sachsen99-14-kampf-der-deserteure.htm


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