Kultur

Medientagebuch | 13.01.2010 17:00 | Michael Jäger

Ökologie der Zeitung

Die Netzeitung war die erste deutsche Zeitung, die nur im Netz erschien. Seit Anfang dieses Jahres wird sie vollautomatisch erstellt. Suche nach Spuren des Menschlichen

Die Netzeitung war einmal die ­erste deutsche Tageszeitung, die ausschließlich im Internet erschien. Da sich der wirtschaftliche ­Erfolg nicht einstellte, wurden nach mehreren Besitzerwechseln erst alle freien Mitarbeiter entlassen (Ende 2008), dann musste die ganze Redaktion gehen (Ende 2009).

Doch es gibt ein Leben nach dem Tod: Seit dem 4. Januar 2010 macht die Netzeitung als „vollautomatisiertes Nachrichtenportal“ weiter. Heißt das, wir erhalten jetzt Maschinennachrichten? Nein, denn „Vollautomatisierung“ ist natürlich eine Übertreibung. Die ­Netzeitung übernimmt die Nachrichten, ihre Reihenfolge, ihre Rubriken ­automatisch von nachrichten.de.

Nachrichten.de ist ein automatischer Zugriff auf ausgewählte Zeitungen, die online repräsentiert sind, und andere Nachrichtenquellen. Die Automatik ­besteht darin, dass die einzelnen ­Nachrichten-Artikel in der Reihenfolge ihres zeitlichen Auftauchens im Netz aufgegriffen und angeordnet werden. Nun stecken hinter den Zeitungen Menschen, wir lesen also letztlich doch nichts anderes, als was irgendein Redakteur der Zeit oder des Spiegel oder wessen auch immer geschrieben hat. Und auch die Auswahl der Zeitungen haben Menschen besorgt.

Und nicht nur an der Quelle sitzen Menschen, sondern auch der Output der Netzeitung ist von solchen offensichtlich immer noch mitbestimmt, pflegen sich doch die Artikel-Überschriften von denen in nachrichten.de zu unterscheiden, nur die Artikel-Texte selber sind identisch. „Togos Spieler wollen nun doch zu Afrika Cup antreten“, heißt es bei nachrichten.de, „Togo-Trainer stellt Zukunft des Africa Cup infrage“ bei der Netzeitung.

Das ist immerhin eine gewaltige Akzentverschiebung. An dieser Stelle drängt sich sogar die Frage auf, ob der Unterschied von der neuen zur alten Netzeitung überhaupt so groß ist, denn auch dort wurden häufig nur ­Texte aus anderen Quellen übernommen, auch dort bestand das „Eigene“ dann nur in der Überschrift. Das lässt sich verallgemeinern, und ich bin als Humanist erleichtert: Wenn ich die ausgesucht bösartige Titelzeile "Althaus fährt wieder Ski" sehe, dann weiß ich, das kann sich keine Maschine ausgedacht haben, sondern nur ein Mensch, ein Bild-Redakteur!

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Das Interessante sind aber doch eher die Nachrichtentexte unter den Überschriften. Wir nehmen eine Web­site, die aus hundert heterogenen ­Quellen montiert ist, als Sinn-Einheit wahr: Warum funktioniert das? Die Antwort fällt leicht: Weil überall ­Informationen stehen und solche formal einen recht einheitlichen Charakter haben. Die Kehrseite davon ist aber, dass die Montage nichts weiter als ­Informationen weitergibt, während man in der Quelle, selbst wenn es die Bild-Zeitung ist, immer auch einen Kommentar und andere Formen des urteilenden Schreibens findet. Da nun der typische User das ganze Internet in erster Linie, und nicht selten ausschließlich, als Sammlung von Informationen, von „Fakten“ ansieht, hat er den Kommentar der Bild-Zeitung oder auch der FAZ online ohnehin gar nicht gelesen. Warum ihm dann nicht von vornherein nur den Informations-Verschnitt anbieten?

Man sieht daran, dass es den klassischen Printmedien gar nichts nützt, online zu gehen, um wirtschaftlich zu überleben, denn was sie dort noch zusätzlich verlieren, ist ihre Identität und damit erst wirklich ihre Existenz. Was sollen sie tun? Vielleicht die Informationsideologie selber online angreifen, laut sagen, dass die Urteilskraft bedroht ist, und zugunsten dieser bedrohten Art den ökologischen Kampf aufnehmen.

 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
wingthom schrieb am 15.01.2010 um 23:14
Die Netzeitung hat ihr ökologische Nische in dem Moment verloren, als das Internet ein Massenmedium wurde. Von da an ging es nur noch bergab. Auf einmal stellten viele Zeitungen ihre Archive online, ihre aktuellen Meldungen, die Nachrichtendienste auch und es entstanden massenhaft spezialisierte Online-Medien, von gut gemachten Blogs und Foren zu schweigen. Sie hat letztlich weiterhin zu den Kosten eines klassischen Mediums produziert aber nur die Einnahmen aus dem Internet erzielen können - das konnte mit Nachrichten als "Produkt" nicht funktionieren. Kein reines Nachrichtenangebot rentiert sich - nicht einmal bei den TV-Sendern wie CNN. Die schreiben jedesmal rote Zahlen, wenn es viel zu berichten gibt (hohe Kosten für das Programm und wenig Einnahmen, weil im Umfeld von Krieg und Katastrophen keiner werben will). Die historisch einmalige Kombination aus Vertriebs- und Anzeigenerlösen (von Nebengeschäften wie Bucheditionen zu schweigen) gibt es im Internet einfach nicht, am ehesten noch im Pay TV. M. E. werden trotzdem einige gedruckte Medien überleben, einige werden sich in interaktive Kanäle wandeln, noch andere Inhalte werden als Bücher erscheinen - doch die große Zeit von Zeitungen und Magazinen mit üppigen Redaktionsetats, Werbekampagnen und Deutungshoheit ist wohl für immer vorbei.
oca schrieb am 15.01.2010 um 23:58
"Wir nehmen eine Web­site, die aus hundert heterogenen ­Quellen montiert ist, als Sinn-Einheit wahr: Warum funktioniert das? Die Antwort fällt leicht: Weil überall ­Informationen stehen und solche formal einen recht einheitlichen Charakter haben."

Oder: Weil fast überall der gleiche (keinesfalls heterogene) Einheitsbrei steht und eine einheitliche Interpretation der "Nachrichten" gleich mitgeliefert wird.

Ein kleiner Anteil besserer (Jungle World) und schlechterer (Junge Freiheit) Publikationen als der Durchschnitt fällt da wenig ins Gewicht.

Wenn ein Autor des Freitag allerdings auf diese Antwort kommen würde, müsste ihm ja auch auffallen, dass das eigene Blatt selbst immer weniger von diesem Einheitsbrei abweicht.
dmark schrieb am 18.01.2010 um 10:39
Das ist leider nicht sonderlich sauber und gut recherchiert. Nicht die netzeitung war die erste Zeitung, die im Netz erschien! ka-news.de ist etwa ein halbes Jahr vor der netzeitung gestartet und somit die erste Zeitung, die rein im Netz erschienen ist. Man sollte halt nicht einfach abschreiben.

Und einfach den Schluss zu ziehen, das Print im Netz seine Identität aufgibt, wenn sie online erscheinen, halte ich auch für eine ziemlich gewagte Aussage. Viele Seiten/Zeitungen werden hierbei einfach als "Beliebig" entlarvt. Überregionale Nachrichten kann ich mir auch gleich bei 'vernünftigen' Quellen hohlen. Lokal sieht das schon anders aus.


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