Kultur

Kino | 20.01.2010 13:00 | Axel Minge

Ein Mann sieht Not

"A serious Man", Der neue Film der Coen-Brüder, ist von bestechender Ambivalenz. Und er bildet einen ironischen Kommentar zu den Bindekräften des jüdischen Milieus

Ungefähr in der Mitte des Films A serious Man steht plötzlich ein Koreaner im Vorgarten des Vororteinfamilienhauses von Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg). „Cultural Clash, cultural Clash“, sagt der Koreaner ungerührt, und zur Illustration seiner Worte boxt er beide Fäuste gegeneinander. Larry Gopnik, der jüdische Physikprofessor, weist diese Hypothese zwar zurück, aber die finstere Miene, die Larrys stiernackiger, Hirsche schießender, durchschnittsamerikanischer Nachbar aufsetzt, um zu fragen, ob Larry Hilfe benötige, legt sehr wohl den Schluss nahe, dass es sich hier nicht nur um eine Meinungsverschiedenheit in der Sache handelt: Es ist Ende der sechziger Jahre, und zwischen den drei Männern gibt es durchaus kulturelle Differenzen.

Diese Szene ist ein schönes Beispiel für den lustvollen und zugleich subtilen Eiertanz um Bedeutung, den Joel und Ethan Coen in ihrem jüngsten Film veranstalten: Etwas kann etwas bedeuten, etwas kann aber auch etwas ganz anderes bedeuten, nämlich nichts. Anschaulich wird das Spiel mit den Zuschauererwartungen nach Erklärung und Auflösung schon in einem abgeklärten und dabei völlig irrwitzigen Prolog, dessen Beziehung zum Hauptfilm man sich in den blassesten oder schillerndsten Farben ausmalen kann.

A serious Man erzählt eine Hiobs-Geschichte. Larry Gopnik hat, was man zum Glücke braucht: eine Haus, eine Familie, sein Sohn steht so kurz vor der Bar Mitzwa wie er selbst vor der Festanstellung an der Universität. Doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf: ein koreanischer Student, dessen Vater später in Larrys Garten stehen wird, will von Larry mit Geld eine bessere Note erpressen; Sohn Danny ordert heimlich Platten; Frau Judith fordert die Scheidung, weil sie sich in Sy Ableman (Fred Melamed) verliebt hat; Frau Judith und Freund Sy verlangen von Larry, in ein nahe gelegenes Motel zu ziehen, gemeinsam mit Onkel Arthur (Richard Kind), der ein Genie ist oder ein Wirrkopf, aber in jedem Fall auffällig bei der Polizei wird. Und so weiter.

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Larry Gopnik geschieht in diesem Film alles Schlechte, was einem Menschen geschehen kann, und das offenbar ohne Grund: An verschiedenen Stellen beteuert der immer verzweifelter Werdende, nichts getan zu haben. A serious Man ist ein Film der Vektoren: Während Larry versucht , seinen Fall zu stoppen durch die Suche nach Rat bei den Rabbis der Gemeinde, und zwar aufsteigend nach Erfahrung und Klugheit, bewegen sich andere Figuren quasi horizontal durch diesen Film. Sohn Danny, der heimlich kifft, muss wiederholt vor dem Klassenschläger fliehen, der zugleich sein Dealer ist, weil er ihm Geld schuldet; Tochter Sarah kommt nie zum Haarewaschen, weil das Bad von Onkel Arthur besetzt ist, dabei muss sie ihre Haare waschen, weil es mit den Freundinnen in einen Club namens „Hole“ geht. Die Vektoren können ihre Richtung ändern, den Weg zum Sinn weisen sie nicht. Es geht darum, wie der Koreaner sagt, das Mysterium zu akzeptieren.

Die virtuose Ambivalenz von A serious Man, die anders als im letzten, schwächeren Coen-Film Burn after Reading nie zwanglos oder beliebig wirkt, bildet einen ironischen Kommentar zu den Bindekräften des jüdischen Milieus, in dem der Film spielt. Zwar ist die Religion mit ihren Halt stiftenden Traditionen und Geschichten präsent, auf die letzten Fragen weiß aber auch sie keine Antwort. Es sei denn, man rechnet die Besetzung von Jefferson Airplane dazu.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Jan Jasper Kosok schrieb am 20.01.2010 um 13:48
Ein wahrlich unterhaltsamer Film. Meine Co-Guckerin schlief allerdings ein, während ich mich nicht hätte sattsehen können. Vielleicht nicht jedermanns Süppchen.

Neben der gelungen konstruierten Geschichte im Übrigen auch ansehnlich fotografiert.


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