Kultur

Bühne | 02.02.2010 12:38 | Rudolf Mast

Im Klettergarten der Eifersucht

"Woyzeck" ist coming home: Das Hamburger Thalia spielt eine Produktion von Robert Wilson und Tom Waits nach, die beide vor 20 Jahren dort große Erfolge feierten.

„Football is coming home“ grölen Fans rund um den Globus. Anlass dazu haben jedoch einzig die Einwohner Englands: Dort wurde der Fußball erfunden, und nur dorthin kann er folglich heimkehren.

Nicht gleich, aber vergleichbar verhält es sich mit Büchners Woyzeck in der Bearbeitung von Robert Wilson und Tom Waits, nach The Black Rider und Alice die dritte Zusammenarbeit des Regisseurs und des Musikers. Die beiden ersten wurden zu Beginn der neunziger Jahre am Thalia-Theater Hamburg uraufgeführt. Woyzeck aber kam 2000 in Kopenhagen heraus, erst vor gut einem Jahr wurde dem Theater Oberhausen eine Neuinszenierung gestattet. Seither bahnt sich das Stück seinen Weg in die Theater.

Am Sonnabend ist es im Thalia angekommen, wo die Kombination Wilson und Waits einst zustande kam. Doch während die Musik notiert und auf die CD Blood Money gebrannt ist, bleibt vom umstrittenen „Visual Design“ Robert Wilsons unter anderer Regie nur wenig übrig. Für die zeichnete nun Jette Steckel verantwortlich, und sie hat eine Entscheidung getroffen, die an Arbeiten Wilsons immerhin erinnert: Die Inszenierung ist so stark vom Bühnenbild (Florian Lösche) und vom Licht (Paulus Vogt) bestimmt, dass es dem Stück nicht unbedingt zugute kommt.

Im Bühnenhaus hängt horizontal ein riesiger Rahmen aus Metall mit einem weitmaschigen Netz. Davor baumelt eine Strickleiter, an der Woyzeck (Felix Knopp) aus dem Schnürboden steigt. Ein Microport überträgt seinen Atem, während er in der Dunkelheit kaum zu sehen ist. Seine Mitspieler liegen derweil im Netz, wie erkennbar wird, als es sich zum ersten Lied der Inszenierung in Bewegung setzt, um in der Vertikalen zu enden.

Im Lauf des zweistündigen Abends teilt es den Raum auch diagonal, auf einer Ecke stehend oder schräg in der Luft hängend. In Verbindung mit dem stark gerichteten Licht, das große Teile der Bühne in Dunkelheit taucht, ergibt das eindrückliche Bilder. Doch lädt das Netz auch zum Klettern ein, wovon die Spieler reichlich Gebrauch machen. Zur Sicherheit sind sie dabei angeleint, was mitunter statt an existenzielle Vorgänge an einen Klettergarten erinnert.

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In solchen Kompromissen zeigt sich ein Wille zum Ernst, der mitunter übers Ziel hinausschießt. Das gilt auch für die sechsköpfige Band vor der Rampe, die Tom Waits ohnehin oft dissonanter Musik manch schrägen Ton hinzufügt, und das gilt auch für die Microports, die bis zum Anschlag aufgedreht sind. Von der Geschichte des Füsiliers und medizinischen Versuchskaninchens Franz Woyzeck bleibt so vor allem das Eifersuchtsdrama, das die Affäre seiner Frau Marie (Maja Schöne) mit dem Tambourmajor (Josef Ostendorf) auslöst. Der Schnitt durch Maries Kehle gerät eher beiläufig; umso länger fällt das Lied aus, zu dem Woyzeck erst die Tote, dann sich selbst aus dem nun wieder horizontal hängenden Netz abseilt.

Es ist der Hang zum Überdeutlichen, der den Abend trübt. Trotzdem: Nun, da es zum Nachspielen freigegeben ist, wird das Stück seinen Weg machen, und wie einst Black Rider und Alice wird das Hamburger Publikum auch den Woyzeck goutieren. Dass die Inszenierung nicht der Weisheit allerletzter Schluss ist, fällt dabei nicht ins Gewicht.

Schließlich bedeutet nach Hause zu kommen nicht notwendigerweise, dort am besten aufgehoben zu sein. Die Anhänger der englischen Fußball-Nationalmannschaft können ein Lied davon singen.

 
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