Kultur

Dschihad | 02.02.2010 21:50 | Eren Güvercin

Die Schlacht der Ingenieure

In der Debatte um ­Kopftuchträgerinnen und Hass­prediger wird nicht klar zwischen Islam und ­Islamismus unterschieden

Wer „Islamismus“ sagt, meint oft nur die Sorge um eine mögliche Ideologisierung von Muslimen. Doch zu schnell und unreflektiert ist daraus ein Kampfbegriff geworden, der unterschiedlos bekennende Muslime und eine gewaltbereite Minderheit in einen Topf wirft. Ist ein Muslim schon ein Islamist, wenn er täglich zur Moschee geht? Ist er ein Islamist, wenn er den Koran rezitiert und glaubt, dass der Koran das Wort Gottes ist? Muss ein Muslim aus einem „Koran light“ rezitieren, ohne Prügelverse und dergleichen, um als „guter“ Muslim anerkannt zu werden? Die Gegner des Islam scheinen es darauf angelegt zu haben, die Trennlinie zwischen dem Islam mit einer in Traditionen verhafteten Lebenspraxis und einem islamistischen Modernismus als ideologischer Parteiung aufzulösen. Die unscharfe Definition und beliebige Verwendung des Begriffs spielt den polarisierenden „Islamkritikern“ geradezu den Ball zu.

Die Herkunft des Islamismus ist greifbarer als sein ‚eigentliches‘ Wesen. Islamismus ist ein Begriff, der verschiedene ideologische Strömungen umfasst, und am Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel widmete der Geschichte dieses Phänomens, das vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstand, eine detailreiche Arbeit.

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Das Paradies im Jenseits

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt sein Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus auch für Muslime interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise darauf, wie der arabische Modernismus zu hinterfragen wäre. Kepel betont, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Der Islam wird nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt. Wenn man sich die Chefideologen wie Sayyid Qutb oder Maududianschaut, auf die sich die heutigen Islamisten jeglicher Couleur berufen, waren diese keine islamischen Gelehrten, sondern Journalisten und Pädagogen. Sayyid Qutb‘s Wissen über den Islam beruht auf einem laienhaften Bücherstudium. Es scheint kein Zufall, dass die heutigen Vordenker der Dschihadisten fast ausnahmslos Ingenieure sind und mit ihrem naturwissenschaftlich-technischen Denken an den ­Islam herantreten: sie bedienen sich des Korans als wäre er ein Werkzeugkasten. Dessen Kennzeichen ist aber gerade eine mehrdeutige, offene Begrifflichkeit, wie etwa der Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Ahmad Milad Karimi betont. „Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe.“ „Wenn die Einstellung politisch ist,“ so Karimi, „dann ist Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum.“

Die Dschihad-Ideologie der Islamisten hat mit dem Dschihad-Begriff im Koran nichts zu tun hat. Die Idee des gerechten, im Ergebnis totalen Kriegs ist keine islamische Erfindung. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der koranischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des Islam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Weltherrschaft und die moderne Idee des Weltstaates sind nicht im islamischen Denken begründet. Das Konzept des „Dschihad“ als rechtliches Phänomen ist ja gerade eine Begrenzung des Kriegs, kein Wunder wird es von den modernen „Islamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Ideologie kaum beachtet.

Der Begriff „Dschihad“ wird im Koran an über 30 Stellen verwendet. „Aber an keiner Stelle“, so der Koranübersetzer Karimi, „ist der Begriff als ‚heiliger Krieg‘, bellum sacrum oder bellum sanctum zu verstehen; noch nicht einmal als bellum iustum im Augustinischen Sinne. Dschihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von ‚studere‘.“ Zum Problem wird der moderne Islamismus, weil er eine Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt. Das Bestreben der heutigen „Islamisten“ kann man mit dem Versuch extremistischer Gruppen wie der RAF oder der Roten Brigaden vergleichen, durch Terrorakte den Niedergang der kommunistischen Ideologie zu bremsen.

Hinter den Zerrbildern

Das Bild, das für gewöhnlich vom Islam gezeichnet wird, ist das einer rücksichtslos homogenen Gemeinschaft, welche die westlichen Werte ablehnt und die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens ins Zentrum Europas hineinträgt. Aber fundamentalistische Strömungen wie der Wahhabismus (oder auch der protestantische Evangelikalismus) sind nicht etwa Produkte traditioneller Kulturen. Im Gegenteil: Sie sind die Folge von De-Kultivierung und Globalisierung. In diesem Sinne sind sie „modern“. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen – und sind nicht deren Ausprägung. Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy betont, dass die Religion keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung spiele. „Es gibt einige „Neugeborene“, so Roy, „welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam fasziniert, der die traditionellen muslimischen Kulturen – die Kultur ihrer Vorfahren – in ähnlicher Weise kritisiert, wie sie es mit westlichen Kulturen praktizieren.“ Roy versteht Fundamentalismus als Tendenz, die jeder Religion innewohnt. Dabei mache es keinen Sinn, von außen einen „guten Islam“ zu befördern: „Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.“

Umso fataler, dass unter den Staubwolken des Terrors der Islam selbst kaum mehr erkennbar ist. Wirksam werden Zerrbilder, die nur hirnrissigen Fundamentalismus oder banale Esoterik erkennen lassen. Die Denunziation der Muslime hat erschreckende Ausmaße angenommen. Aber auch auf der muslimischen Seite braucht es dringend eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamischen Modernismus. Sie ist für Muslime von entscheidender Bedeutung. Notwendig dazu ist die entschiedene Haltung, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen. Denn wie der Wahhabismus schon zeigt, ist die Hochzeit von Ideologie und islamischer Lebenspraxis eindeutig gefährlich – für Muslime wie Nicht-Muslime.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
schwarzbart schrieb am 04.02.2010 um 13:01
Es geht, wie meist in der Geschichte unserer Spezies, um Macht, und, insbesondere, um ihren drohenden Verlust. Der "militante Islam" - um mal einen weiteren lustigen Stempel zu generieren, hat in Wahrheit nur mittelbar mit dem Nahost-Konflikt zu tun, nur mittelbar mit den politischen Tölpelhaftigkeiten der USA.
Er hat aber unmittelbar mit dem Machtverlust der christlichen Kirchen in Europa zu tun. Die zeigen den Imamen auf, was ihr Schicksal sein wird, wenn sich die Zivilisation weiter ausbreitet und staatliche Säkularität, Demokratie und die Freiheit des Individuums zu nicht verhandelbaren Rahmenbedingungen menschlichen Lebens werden.
Und ein kleiner Teil dieser Imame und deren Schüler stellen sich diesem religiösem Machtverfall entgegen. Es ist nicht verwunderlich, dass sich diese Bewegung in Saudi-Arabien und den ländlichen Teilen Pakistans am stärksten verbreitet hat. Wo Bildung in der Hauptsache darin besteht, religiöse Schriften auswendig zu lernen, gibt es kein intellektuelles Immunsystem.
Die aktuelle situation, gerade in Europa, kann nur überwunden werden, wenn sich die ivilisierten Kräfte auf beiden Seiten der religiösen Berliner Mauer, anfangen, sich zu vertrauen. Paranoia gibt es mehr als genug. Und sie hilft, wie wir sehen, nicht weiter.
Grüner Salon schrieb am 04.02.2010 um 15:57
Laut Artikel sind es ja eben gerade meist keine Imame, die einen solchen Islamismus vorantreiben, sondern religiöse Laien. Und es hat auch - so zumindest mein Eindruck - nichts mit Ungebildetheit zu tun, eher im Gegenteil: während die ungebildete Landbevölkerung eher einen traditionelleren Islam praktiziert, ist es gerade die relativ gut gebildete Mittelschicht, die teilweise im Kontakt mit westlichen Wertvorstellungen gekommen ist, sich zwischen dieser und eher traditionell-islamischen kulturellen Systemen wiederfindet und sich dann
- da gebe ich dem Autor völlig recht - sehr modernen, fundamentalistischen Strömungen anzuschließen.
Querdenker schrieb am 05.02.2010 um 09:30
Sie vergleichen Islamisten mit der RAF oder den Roten Brigaden, welche "durch Terrorakte den Niedergang der kommunistischen Ideologie zu bremsen" versucht hatten. Warum kommen Sie dann nicht zu dem logischen Schluss, daß eben jene Islamisten durch Terrorakte den Niedergang der islamischen Ideologie zu bremsen versuchen? Nehmen Sie dann noch den Koran als Schrift der islamischen Ideologie, und das kommunistische Manifest als Schrift der kommunistischen Ideologie. Verfasst von einem bzw. zwei Autoren. Man findet in beiden Schriften sicherlich ganz universelle Ansätze, die man ohne weiteres unterschreiben kann. Das ist wie beim täglichen Radio-Horoskop, irgendwas passt immer wo man sagt: Ja, genau! Aber im großen und ganzen sind Islam und Kommunismus mit einer freiheitlich, demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar. Es ist sowieso immer höchst bedenklich, wenn ein (Koran) bis zwei (Manifest) Leute versuchen, die Regeln für den Rest der Menschheit aufzustellen. Das kann nicht gut gehen. Das kommunistische Manifest beginnt übrigens mit den Worten: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus".
gelegentlich schrieb am 05.02.2010 um 22:18
Ich denke Sie haben gut beobachtet. Dieser ,,Islamismus" hat mit Religion nicht viel zu tun und ist eher die Reaktion einer halbgebildeten Schicht auf ,,Entwurzelung" - wie auf der Gegenseite bei den ,,Islamophoben" auch zu beobachten ist.
Die wirklich Gläubigen und die Gebildeten haben mit Beidem nichts zu tun.
Angelia schrieb am 06.02.2010 um 00:35
Die wohl wichtigste Aussage dieses Artikels ist, dass es in speziell monotheistischen Religionen extrem fundamentalistische, erzkonservative Strömungen gibt. Bedauerlicherweise bestimmen deren Anhänger und Repräsentanten nicht nur häufig die öffentliche Diskussion, sondern versuchen mit allen Mitteln Einfluss auf Politik und Gesellschaft auszuüben.
In diesen Punkten unterscheiden sie sich nicht von anderen radikalen Ideologen, sei es aus dem Bereich der Politik, Wirtschaft oder anderer Weltanschauungen.

Differenzieren ist wichtig, doch wichtiger ist m.E. die Erkenntnis, dass die Mehrheit eigentlich nichts anderes will, als ein in ihrem Sinne “gutes Leben” zu führen, sich kaum bewegt aber sich stets von radikalen Ideologen (Ingenieuren) vor sich hertreiben lässt, ohne sich wirklich zu wehren. Im Grunde gehen Muslime, Christen und Atheisten im Alltag nach den Regeln des Mensch seins und menschlichen Zusammenlebens miteinander um,- mal besser mal schlechter. Irgend wie scheint es da doch ein universelles Recht und Akzeptanz von allgemeingültigen Regeln zu geben, die der Mehrheit der Menschen, unabhängig von Ideologien einleuchtet. Mal mehr mal weniger, weil sie den unvollkommen antastbaren Menschen in den Fokus der Betrachtung rückt und keinen Gott, den man als absolut gesetzte Wesenheit gar nicht anzweifeln, kann (oder darf). Auf der Basis eines unantastbaren Gottes und seiner “Worte” vermittelnden “Verkünder” ist Dogmatismus und Fundamentalismus bereits angelegt. Unvollkommene müssen sich in der konkreten Sache halt irgendwie einigen, einen Kompromiss eingehen, wenn sie in Ruhe und friedlich leben wollen.

Kämpfe um Weltanschauungen gehen genauso wenig von der Masse aus wie Revolutionen. Das müsste schon Georg Büchner vor 170 Jahren erkennen.

Aus diesen Gründen ist eine Säkularisierung genau so anzustreben wie die Einhaltung allgemeingültiger Menschen- und Grundrechte auf der Basis eines verstandenen Freiheitsbegriffs.

Lange Rede kurzer Sinn, so lange Ideologen und ihre Anhänger das öffentliche Bild bestimmen, ist der Wunsch nach Differenz zwar genauso essentiell wie Aufklärung. Doch wirft die lethargische Masse das Ergebnis differenzierter Aufklärung mit dem Hintern genau so wieder um, wie das dominante radikale fundamentalistische Ingenieurwesen.
Wir haben das z.B. aktuell bei unserer Bundestagswahl erlebt und nun eine radikale, ideologisch neoliberal verblendete, wenn auch pubertierende Partei am Hals. ;-)

vG Angelia
mustermann schrieb am 20.02.2010 um 20:40
"Dschihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von ‚studere‘"

Nicht zu fassen, Was für ein Schwachsinn im Freitag veröffentlicht wird.


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