Kultur

Polizeiruf-Kritik | 07.03.2010 21:45 | Matthias Dell

Reiß dich zusammen!

Im neuen Polizeiruf werden Vermittlungsversuche zwischen Oben und Unten mit Mord bestraft. Die Folge "Schatten" strotzt nur so vor faden Klischees

Es ist naturgemäß absurd, einen Fernsehfilm, wie der "Polizeiruf 110" einer ist, dauernd drohend mit einer Realität abzugleichen, die da draußen angeblich herrscht, nicht aber in unserem Fernsehapparat. Was man umgedreht aber sagen kann über die Realität, die die "Polizeiruf"-Folge mit dem bemerkenswert nichts sagenden Titel "Schatten" vom Fernseher in unser Wohnzimmer strahlt: Da sieht's aus, wie die FDP sich das vorstellt. Es gibt nur noch oben und unten, und dazwischen allenfalls die Kommissare Schmücke und Schneider.
Oben ist in Schatten das Arzt-Business, wie es Frau Dr. Kugler (Sandra Speichert) und Herr Dr. Winter (Markus Knüfken) verstehen: Porsche, schicke Wohnung, Tennisplatz. Vor diesem Hintergrund wirkt die Auskunft von Frau Dr. Kugler, getätigt in eben ihrer schicken Wohnung, es habe noch nicht mal zur zweiten Sprechstundenhilfe gereicht, etwas dämlich. Soll sie wohl auch, denn naturgemäß dürfen Geld, Porsche und Tennisplatz nicht glücklich machen, zumindest nicht in deutschen Fernsehfilmen, weshalb Frau Dr. Kugler und Herr Dr. Winter mit unserer Sympathie nicht zu rechnen haben.

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 Bei Ausgleich: Mord

Die gehört schon eher dem Mann von Frau Dr. Kugler, dem Allgemeinmediziner Herrn Dr. Kugler, wenn er nur nicht so schnell ermordet werden würde. Außerdem ist für ihn die Rolle des Hahnreis reserviert, weil er nicht nur die ökonomischen Interessen seiner Frau und seines Kompagnons nicht teilte, sondern diese beiden offenbar auch das Bett. Herr Dr. Kugler jedenfalls begriff Medizin als Sozialfürsorge und behandelte unversicherte illegale Migranten in seiner Praxis. Warum dieses Engagement nicht vereinbar sein darf mit ökonomischen Interessen, bleibt das Geheimnis des Drehbuchs, das von der einstigen Heiner-Müller-Mitarbeiterin Renate Ziemer gemeinsam mit Hans-Werner Honert verfasst wurde. In gewisser Weise wird damit der Glaube an Vermittlung torpediert: Der Versuch eines gesellschaftlichen Ausgleichs wird mit Mord bestraft.
Unten meint die illegalen Migranten wie Leonid Tscherkassow (Leon Palamarciuc), die in Abbruchhäusern wohnen, in denen die Tapete hängen geblieben ist, die sich von Verbrechen ernähren müssen und auf windige Manchester-Kapitalisten-Unternehmer wie Robert Menge (kann Michael Schenk demnächst bitte mal einen Guten spielen?) angewiesen sind, die in die Fabrikhalle kommen, um anzuscheißen ("Legt mal einen Zahn zu!"). Immerhin muss man dem Film zugute halten, dass er im Wohnzimmer der deutschen Mehrheitsgesellschaft um Verständnis für die Geworfenheit der illegalen Migranten wirbt – auch wenn dauernd von "Ausländern" die Rede ist, was den opinion leadern des Integrationsdiskurses doch voll "nineties" erscheinen muss. Schmücke (Jaecki Schwarz) betont den alternativenlosen Zwang zur Migration, der einer Auffassung von fröhlich-freiwilligem Parasitentum in unserem anständigen Deutschland widerspricht; Schneider (Wolfgang Winkler) verspricht dem auskunftsfreudigen Bedürftigen Hilfe in schwereren Tagen und spendet zehn Euro.

Dauernd fährt ein Auto vorbei

Das Auseinanderklaffen der gesellschaftlichen Schichten bekommt dem Hallenser Polizeiruf nicht besonders gut. Es wirkt alles immer ein wenig bemüht und künstlich – so ähnlich wie die Autos, die in jedem zweiten Bild vor einem Gebäude vorfahren, und die irgendwie so aussehen, als gehörten sie da nicht hin, weil die Autos in solchen Filmen, in denen die Stadt durchaus Gebrauchsspuren aufweist immer alle niegelnagelneu sind. Oder zumindest geputzt. So ist Schatten ein Film, in dem dauernd irgendwelche Autos vor irgendwelchen Gebäuden vorfahren – und das ist vielleicht nicht nur  ein Problem der Regie, sondern mehr noch unserer Fortbewegungsmanier, weshalb es absolut passend ist, dass Schmücke in diesem Fall viel Wert auf das Zu-Fuß-Gehen legt.
Um DanielWs Anregung aus der letztwöchigen Diskussion aufzunehmen: Das Männer-Bild, das die Kommissare im Hallenser "Polizeiruf" vorstellen, ist ein ungewöhnliches. Die beiden Herberts, Schmücke und Schneider, vermitteln seit je den Eindruck eines so genannten alten Ehepaars, worauf auch in diesem Fall angespielt wird ("Wir müssen ja nicht immer Händchen halten"). Verstärkt wird der Eindruck durch das Wissen um Jaecki Schwarzens Homosexualität, auch wenn die von der Rollenfigur nicht thematisiert wird – es gibt dem Verhältnis der beiden ein eigenes Gepräge und erschwert die Zuschreibungen von typisch männlich und typisch weiblich. Nicht unberührt von der Ehe-Ähnlichkeit der Beziehung zwischen den beiden Kommissaren bleiben die Kontakte nach außen: Das Verhältnis von Schneider und seiner Gabi (Karin Düwel), in dessen Zentrum diesmal ein auszubauender Bungalow rückt, wirkt wenig überzeugend.

ERWARTBARE ANTWORTEN AUF DIE FRAGEN EINES KOMMISSARS: "Kann ich was für Sie tun?" – "Finden Sie den Mörder meines Mannes!"

ÜBERRASCHENDE ANTWORT AUF EINE BELANGLOSE FRAGE: "Wie lange sind Sie verheiratet?" – "Zu lange."
 

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Sarah Rudolph schrieb am 07.03.2010 um 22:29
Mir schwirrte die ganze Zeit das Wort "altbacken" im Kopf herum. Woran das nur lag?
weinsztein schrieb am 07.03.2010 um 22:55
evtl. an Klischees, die dort zu Hause sind.
Sarah Rudolph schrieb am 07.03.2010 um 23:41
in meinem Kopf?
weinsztein schrieb am 08.03.2010 um 00:10
ja wo denn sonst? :)
Sarah Rudolph schrieb am 08.03.2010 um 09:59
Pffft. Klischees, in meinem Kopf! So ein Quark! :)

Aber es war tatsächlich so: in der ersten Viertelstunde fragte ich mich, wie ich den Film finden soll. Dann habe ich weiter geschaut und wurde dieses Wort nicht mehr los.
DanielW schrieb am 08.03.2010 um 10:00
Nun, ich glaube, daß dieser Polizeiruf tatsächlich, wie Matthias Dell schreibt, Klischee an Klischee reiht, es ist so langweilig und, wie Leeelah ganz zu recht sagt, altbacken. Ich hab mich auch ein wenig geärgert gestern Abend, auch wenn man ja weiß, was einen bei den beiden Alten erwartet.
Schade finde ich vor allem, daß die Möglichkeiten, die Halle bieten könnte, derart penetrant ignoriert werden (was aber im Übrigen genauso für den Leipziger Tatort gilt). Dieser Polizeiruf hätte in jeder deutschen Stadt spielen können, es gibt keinerlei Bezug zu der Stadt, die eigentlich nur als zufällige Gebäudekulisse herumsteht. Wie viele Porsches sind eigentlich in Halle zugelassen? Was soll der Quatsch?
Im Münsteraner Tatort beispielsweise habe ich sehr viel eher das Gefühl, daß die Handlung in die Stadt eingebunden ist, in der der Film spielt - auch wenn ich zugeben muß, Münster kaum zu kennen...
Und die gesellschaftliche Polarisierung ist tatsächlich ziemlich albern: auf der einen Seite reiche Ärzte, die von Tennis bis zur riesigen Wohnung alle Klischees brav abarbeiten, als Kontrast dann die Obdachlosen und illegalen Ukrainer, und als Bindeglied fungiert der kriminelle Unternehmer Menge. Das war alles doch ziemlich fade. Aber, um nicht nur herumzumeckern: Diesmal fand ich die beiden Kommisare ein bißchen lebendiger und auch etwas witziger als sonst.
Sarah Rudolph schrieb am 07.03.2010 um 23:42
Was jetzt aber Jaecki Schwartzens Homosexualität mit dem Krimi zu tun hat, kommt nicht ganz bei mir an, ehrlich gesagt.
weinsztein schrieb am 08.03.2010 um 00:21
Die Herren Schmücke und Schneider erinnern den Rezensenten irgendwie an ein altes Ehepaar. Matthias Dell meint, dass es dann ja gut passe, dass Schmücke, also Jaecki Schwartz, schwul sei. Ich finde das auch recht bemüht.
Mein bester Freund und ich werden auch schon mal als reiferes Ehepaar gesehen und ob uns manche für homosexuell halten ist mir so egal wie die Frage, ob Jaecki Schwartz unter Freunden BlackJack genannt wird.
Sarah Rudolph schrieb am 08.03.2010 um 09:57
Wie das gemeint war, hatte ich sogar verstanden ;).
Aber Schmücke ist Schmücke und Schwartz ist Schwartz und der Zusammenhang ist doch irgendwie weit hergeholt. Und dann auch noch die typisch Männlichen und typisch weiblichen Rollenklischees bei dem alten Ehepaar? Ich weiß nicht. Das erscheint mir recht albern.
Matthias Dell schrieb am 14.03.2010 um 21:29
natürlich ist schmücke schmücke und schwarz schwarz. und die bemerkung sollte weder privates mit beruflichem vermischen noch einen engen begriff vom beruf des schauspielers offenbaren. interessant an dem fakt scheint mir nur, dass es um unausgesprochene normierungen in der fernsehwelt geht, in denen männer, wenn sie nicht als problem markiert sind, heterosexuell sind. ohne diese unausgesprochenen normierungen könnte es eben auch anders sein. um dieses "könnte" ging es mir.
Rene Artois schrieb am 08.03.2010 um 10:39
Die Regie hat auch ganz schön gelschlampt, denn bei dem wenig überzeugend dargestellten Autounfall ist in dem schönen neuen Audi kein einziger Airbag aufgegangen ...
Grundgütiger schrieb am 08.03.2010 um 11:22
Gibt es eigentlich schon Textbausteine für Drehbücher?
Gibt es Besetzungslisten für Bösewichter?
Gibt es multible Choice für die Auflösung?
Alles so schrecklich lieblos. Ja, Klischee ist leider auch das einzige Wort, das mir hierzu einfällt.
Schade um Schneider und Schmücke, sie wurden nicht gefordert.
Sarah Rudolph schrieb am 09.03.2010 um 22:39
lieblos, ja, das ist auch ein Wort, das mir fehlte.
lebowski schrieb am 08.03.2010 um 17:18
Die Polizeiruf-Folgen mit Schmücke und Schneider kommen immer unprätentiös daher. Von daher kann erst gar nicht die große (Erwartungs-)Fallhöhe entstehen, die dann gewisse Tatort-Folgen zu großen Enttäuschungen werden lässt. Es sind Krimi-Folgen in der Tradition von Derrick oder "der Kommissar".
Altbacken? Ja! Aber besser altbackene Krimis als solche, die permanent an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.

Wenn Schmücke homosexuell ist, wieso dann nicht auch Derrick, der Alte, Siska usw.. Schmückes Sexualität spielt einfach keine Rolle.
Sarah Rudolph schrieb am 09.03.2010 um 22:39
Das Schmückes Sexualität keine Rolle spielt ist ja nochmal etwas anderes. Aber die Sexualität des Schauspielers? Also nein, echt nicht.
Matthias Dell schrieb am 14.03.2010 um 21:25
in der tradition des kommissar - dieser behauptung möchte ich widersprechen. die schuhe des kommissars sind zu groß dafür


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