Kultur

Sachlich richtig (I) | 07.07.2010 12:40 | Erhard Schütz

Der diskrete Charme der Pollerforschung

Literaturprofessor Erhard Schütz liest neue Non-Fiktion

Geopolitik ist politisch in, wenn wir etwa nun erklärt bekommen, dass wir wegen der Bodenschätze in Afghanistan sein müssen. Sie ist selbst für Literaturwissenschaftler so interessant geworden, dass man eine Dissertation drüber schreiben kann. Andy Hahnemann hat populäre deutsche Sachbücher der Zwischenkriegszeit auf Geopolitik hin untersucht. In seiner klugen, äußerst lesbaren Studie hat er die Phantastereien und Drohszenarien zum Weltkampf um Rohstoffe und Wetterzonen der Politik, Racheträume über den Weltbrand von morgen, Siedlungsräume ohne Volk und Volk ohne Raum untersucht – es macht gruseln, was damals populäre wie Anton Zischka oder Colin Ross da alles zwischen Kautschuk und Öl, Afrika und Australien zusammensinniert haben – und was vieltausendfach von den Altvorderen geglaubt und verschlungen wurde! Am wundersamsten aber bleibt „Atlantropa“, ein Projekt des Architekten Herman Sörgel, das Mittelmeer auszutrocknen, die Sahara zu bewässern und so einen Friedenskontinent zu schaffen. Schade eigentlich! Spanien und Griechenland hätten heute ganz andere Probleme. Eine spannende Forschung über Pseudoforschungen.

Man kann ja so ziemlich alles beforschen. Poller zum Beispiel. Der taz-Aushilfshausmeister Helmut Höge ist auch noch Pollerforscher. Ein anspruchsvoller Job. Wer etwa denkt, Poller seien klassifikatorisch schlichter als etwa Insekten, wird schnell eines Besseren belehrt. Zwar gibt es den Wellmann-Standardpoller etwa so häufig wie Tauben in den Städten, aber die „Kreuzberger Penisse“, wie sie auch genannt werden, sind bei näherem Hinsehen doch nur banaler Alltag. Höge hat näher hingesehen und allein in Berlin 600 verschiedene Typen ausgemacht. Speedbreaker, Pilonen, Blumenkübel und selbstgebastelte Hausmeisterpoller nicht zu vergessen. Seine jahrzehntelangen Forschungen liegen nun gesammelt zur gefälligen Kenntnisnahme durch ein Publikum vor, das nach der Lektüre nie wieder so naiv vor einen Poller rennen wird wie zuvor.

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Arno Schmidts gedörrte, eingemachte oder pulverisierte Lesefrüchte dürfen selbstverständlich auch nicht unbeforscht bleiben. Hat uns bisher nicht das ultimative Erklärungswerk zu seinem atomokalyptischen, kentaurinnendeckenden und selbstbedenkmälernden Romangärtlein Die Gelehrtenrepublik schmerzlich gefehlt? Nein? Winand Herzog meint: Ja! Und wenn man ihm vertraut, wird man anschließend sich fragen, wie man bisher ohne alle die Antworten zu Fragen, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie hätte stellen können, hatte leben können. Am Ende weiß man alles zur Gelehrtenrepublik und was je über sie geschrieben wurde. Das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Das Herrlichste ist die Lektüre selbst, den Autor zu beobachten, wie er seine Examensarbeit von 1975 abdruckt, um sie Stück für Stück zu ergänzen, zu kommentieren, richtig zu stellen oder zu verteidigen. Das ist nicht nur ein Stück heiterer Forschungsgeschichte, sondern auch eine Zeitreise über die Siebziger in die Fünfziger und wieder zurück. Schmidts „Romantik in der Katastrophe“ findet hier ihre Analogie im Schmidtvertrauen in Zeiten von Facebook. Was das Ganze vergnüglich macht, ist nicht nur die am Meister geschulte Klugheit und der ihm abgesehene kaustische Witz, sondern – was man weder Meister noch den meisten Adepten nachsagen kann – die gelassene Selbstironie.

Was dem einen sein Bargfeld, ist dem anderen sein (Schreber)Garten. Gärten sind immer in, wenn es ringsum prekär wird. Voltaires Candide hat ja schon gelehrt, dass in Zeiten, wie wieder die unsrigen, es drauf ankomme, seinen Garten zu bestellen. Nicht nur Blumen, sondern auch Kohl! Robert Harrisons Buch über Gärten nun aber ist keins über Tage der offenen Tür oder Blumenrabatten aus Tüten, sondern nicht weniger als ein Versuch über das Wesen des Menschen – so der Untertitel. Der Mensch ist – Freitag-Leser wissen es – Gartenwesen, seit er aus dem Garten Eden flog, weil er sich dort einen nicht selbstangebauten Apfel aufschwatzen ließ. Der Garten ist Anderort par excellence. Und als Ablenkung vom sonstigen Leben nicht dessen gesteigerte Wiederholung? Wiederholung, aber nie so, wie gedacht. Wer einen Garten bestellt, setzt sich wahrlich kein Denkmal. Oder allenfalls nur, solange er gärtnert. Hört er auf, ist auch der Garten im Nu dahin. Ein Buch ist da dauerhafter. Dies hier ist ein wunderbarer Gedankengarten, eine eigentümliche Mischung aus Brevier und Schmöker – jedenfalls das rechte Antidot zur Geopolitik!

 

 
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