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„Das Öffnen und Schließen des Mundes" von Ernst Jandl

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Im Nachhinein ist man klüger. „Sehr geehrter Herr Dr. Jandl!“, schrieb der gescheite Suhrkamp-Lektor Walter Boehlich im Mai 1958 an eben diesen: „Wir erlauben uns, Ihnen Ihre Gedichte wieder zurückzuschicken, da wir uns außer Stande sehen, in diesen puren Wortspielereien irgend einen lyrischen Gehalt zu entdecken. Man kann vieles als Gedicht bezeichnen, diese Stücke aber ganz gewiss nicht.“

Die Geschichte hat Jandl rehabilitiert. Aber man sollte sich klar machen, dass damals, in den fünfziger Jahren, auch andere, nicht nur die konservativen Ex-Nazis im österreichischen Kulturbetrieb, am literarischen Wert von Jandls Dichtungen zweifelten. Selbst die Heroen der Wiener Gruppe duldeten ihn nur als Randfigur, fanden seine Texte zu verspielt, zu sehr auf eine Pointe hin konzipiert.

Wenn Erfolg der Maßstab ist, hat Jandl die Wiener Gruppe hinter sich gelassen. Welcher andere Avantgarde-Poet hat es geschafft, dass Kleinbühnen seine Gedichte nachsprechen und szenisch umsetzen? Sie sollten es lieber nicht tun. Keiner kann Jandl so gut interpretieren wie Jandl selbst.

Das bezeugen zwei DVDs, auf denen die Poetikvorlesungen zugänglich gemacht werden, die er im Studienjahr 1984/85 in Frankfurt am Main hielt. In der vordersten Reihe des überfüllten Hörsaals sitzen nicht nur Jandls Lebensgefährtin Friederike Mayröcker und sein treuer Lektor Klaus Siblewski, sondern ist auch Siegfried Unseld zu sehen, der damals offenbar zu einem anderen Urteil gekommen war als zuvor Boehlich. Und er muss sich anhören, wie Jandl mit leiser Ironie von „seinem“ Autor Thomas Bernhard spricht.

Denn Jandl hatte ausgeprägte Abneigungen und Vorlieben. Er wird nicht müde, seine „Götter“ anzupreisen und mit Superlativen zu überhäufen: Gertrude Stein, Kurt Schwitters, Josef Hiršal, John Cage. Andere nennt er mit Respekt: Gerhard Rühm zum Beispiel und, das mag erstaunen, Bertolt Brecht.

Kernstück der fünf Vorlesungen aber ist der Vortrag und die Erläuterung seines eigenen Werks, an das er allgemeinere Überlegungen zu seiner Auffassung von Poesie und ihrem Verhältnis zur außersprachlichen Realität, aber auch Abschweifungen zur Politik knüpft. Das Öffnen und Schließen des Mundes ist der Übertitel der Reihe, und genau darum geht es: dass Dichtung sichtbar wird in der Bewegung und Formung der Lippen, dass sie über die Luft ihren Weg finden muss vom Kopf des Dichters zum Zuhörer, der sie wiederum in Ideen umzusetzen vermag.

Wenn man Jandl gespannt zuhört und zusieht – und das ist die Rechtfertigung für das Medium DVD anstelle eines Buchs oder einer CD –, so liegt das allerdings nicht nur an der Mundbewegung beim Rezitieren, sondern auch an seiner Mimik. Es wird viel gelacht bei diesen Vorlesungen. Jandl selbst lacht kaum. Selten hat man so sehr den Eindruck von Ernsthaftigkeit, ja Humorlosigkeit, wo eine komische Wirkung erzielt wird. Jandl hat etwas von einem Clown, der seinen Spaß verdirbt, wenn er sich selbst darüber amüsiert. Man kann bezweifeln, dass das bei ihm Kalkül ist. Eins jedenfalls lässt sich mit Sicherheit sagen: Um die Dichtung, die für Boehlich keine war, ist es ihm verdammt ernst. Sie ist in höchstem Ausmaß reflektiert und bis ins Detail ihrer Machart begründbar.

Ernst Jandl. Das Öffnen und Schließen des Mundes. Frankfurter Poetikvorlesungen 1984/1985. Filmedition Suhrkamp 17/absolut Medien. 2 DVD, Mono, 263 Min., Farbe, 29,90

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