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Das Gedicht ist das schlechte Gewissen des Feuilletons. Die Redakteure denken: Die Lyrik ist ein besonders zartes Pflänzchen im Literaturgarten, man müsste...

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...es viel eigentlich mehr hegen und pflegen. Dann bestellen sie diverse Rezensionen bei den Lyrikkennern im Lande, die wiederum bei den Lesern einen einzigen, quälenden Gedanken erzeugen: Man müsste eigentlich viel mehr Gedichte lesen. Die Leser nehmen sich also fest vor, den besprochenen Band zu kaufen, und sie planen, mindestens ein Gedicht auswendig zu lernen, oder wenigstens dem Liebesten/der Liebsten vorzulesen.

Aber sie lassen es dann meistens doch. Weil der Band beim Buchhändler gerade nicht vorrätig war. Weil der neue Mankell (oder die neue Christa Wolf) dringend mitgenommen werden musste. Weil Gedichte auch anstrengend sein können. Weil, weil, weil. Aber damit ist nun Schluss.

Mindestens ein Gedichtband muss in den bevorstehenden Urlaub mitgenommen werden. Und da in diesem Jahr offenbar alle an die Ostsee fahren, jedenfalls in Berlin ist das so, der gefühlte Befund könnte bestimmt in unbestechlichen Zahlen ausgedrückt werden, drängt sich ein Band mit Ostseegedichten geradezu auf – auch wenn längst nicht alle diese Gedichte von Ferienstimmungen sprechen. Vielmehr ist auch von „Boddenterror“ (Bert Papenfuß) oder „vom Zugrundegehen“ (Tom Schulz) die Rede. Eine Anthologie also, und schon verdrehen sich die Augen: Bloß keine Anthologie!

Kann man verstehen, was wird nicht alles unter dem Vorwand, ein Thema schräg oder schnurgerade anzugehen, husch, husch eingesammelt und in ein Buch gezwängt, das dann ungelesen liegen bleibt (man hat es geschenkt bekommen, von jemandem, der offenbar auf Nummer sicher gehen wollte). Wenn Gedichte das schlechte Gewissen des Feuilletons sind, dann sind Anthologien die Triebtat der Verlage. Sei’s drum. In diesem Fall wurde der Trieb prima sublimiert: Die Schönheit ein deutliches Rauschen heißt, nach einer Wendung von Steffen Popp, der an­genehm in der Hand liegende kleine Band. Herausgegeben wurde er von Ron Winkler, einem Lyriker der jüngeren Generation, der, natürlich, in Berlin lebt. Das Buch selbst stammt aus ­Leipzig, ist eben in der Edition Wörtersee der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschienen (156 Seiten, 15 €). Mehr als einhundert Gedichte von ­Autoren der jüngeren und mittleren Generation versammelt es, alphabetisch gesagt: von Andreas Altmann und Wilhelm Bratsch bis Judith Zander und Hennig Ziebritzki. Über das Thema hinaus bietet der Band so einen ­exzellenten Querschnitt durch die ­neuere und neueste deutschsprachige Lyrikproduktion – falls es dieses bildenden Anreizes überhaupt bedarf. Falls nicht, auch gut. Man sieht sich. Auf Hiddensee oder sonstwo zwischen Festland und Ferne.

Björn Kuhligk

My Own Private Hidden Poem

Zwischen Festland und Ferne

diese achtzehn mal tausend Meter

eingebläut/abends trug ich Sand

in den Händen, ließ ihn vorm Haus

zu Boden und sagen: Der Grund, auf dem

du schläfst, sei immer Grund

zwischen Festland und Ferne die Häfen

in denen sie die Fische in die Häuser

trgen zwischen Festland und Ferne mein Lied, in dem ich

Ton um Ton die Lippen zu dir neige

mein leises Lied, in dem ich Wort

um Wort die Haken aus der Sprache hole

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