Kultur

Tatort | 05.09.2010 21:45 | Matthias Dell

Wie wär's mit einem Absacker?

Fast so was wie Tränen in den Augen: Der letzte "Tatort" von Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) erzählt von stiller Zuneigung

Wir werden sie vermissen: Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) geben ihren Abschied im Frankfurter Tatort. Deshalb wollen wir der Folge, die – für unsere noch zu verfassende Ästhetik des "Tatort"-Titels nicht uninteressant – mit der heuer beliebten Manager-Floskel (Karl-Heinz Rummenigge!) Am Ende des Tages überschrieben ist, nachsehen, dass das, was wir am Sonntagskrimi so schätzen – die Ethnologie deutscher Zustände, die Übersetzung gesellschaftlicher Schieflagen in den einzig gültigen Präsidialkriminalfernsehfilm zur politischen Massenbildung –, hier keine Rolle spielt. Es geht allein ums Private, ein bisschen Geschlechterverhältnis (der todesnachrichtsüberbringungsfeige Dellwo, der in den Krimis von Herbert Reinecker, dem ungekrönten König der Todesnachrichtüberbringung, nie hätte angestellt werden können). Populäre Konfliktlagen (Überalterung, Gesundheit) sind zwar angelegt (Dellwos und Sängers von Peter Lerchbaumer gespielter Boss Rudi Fromm hat seinen letzten Tag und darf auf keinen ruhigen Lebensabend hoffen/Fromms auf Rache sinnender von Richard Sammel dargestellter Gegenspieler Nikolaus Graf hat nichts mehr zu verlieren, weil Krebs), werden aber nicht thematisiert.

Was soll man sagen? Der Fall beschreibt eben den verdorbenen Lebensabend von Rudi Fromm, dem Geliebte und Tochter genommen werden von einem frei gekommenen Bankräuber, dem er einst die schwangere Gefährtin erschoss. So bleibt Fromm nur die Frau (Barbara Focke), mit der er nichts anfangen kann, wie man daran sieht, dass er doch Pferde liebt, auf die er wettet, derweil sie Schafe malt. Inszeniert hat Titus Selge mit existentieller Melodramatik, die nicht nur dem kräftigen Organ des Theatermannes Lerchbaumer entgegenkommt, der hier alles sein darf – vom vergnügten Lover im Herbst des Lebens bis zum irre werdenden last man standing.

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Neben seiner intensiven Gefühlsbedeutung (Musik, Flashbacks) zeigt Am Ende des Tages seine production values vor, was neben der ganz hübschen gebastelten Achtziger-Jahre-Reminiszenz (die Urszene der ganzen Schuld-und-Ehre-Scheiße von Fromm und Graf inklusive eines toll montierten Tagesschauclips mit Werner "Gott hab ihn selig" Veigel) vor allem die Besetzung meint: Youngsters des deutschen Kinos wie Constantin von Jascheroff, Antonio Wannek und Tom Schilling, Stars des österreichischen Films (Georg Friedrich als Lude und Polizeispitzel), dazu beliebte Fernsehgesichter wie Angelika Bartsch als "Rotkäppchen", also eine Frau, die einen Häftling liebt, und Bartenderin im Rotlichtmilieu oder Michael Lott als Nachfolger Fromms schleimiger Nachfolger Hubert "Welcher Walter?" Walter. Sowie Rolf Becker in einem großen Kurzauftritt als Häftlingskollege des in Fragen der Moral dem Alten Testament verpflichteten Mörders Graf.

Ach, Fritze

Sehenswert aber war dieser "Tatort" allein wegen Sänger und Dellwo, deren Zusammenspiel der Schnitt (Stefan Kraushaar), zuerst aber das Drehbuch (Titus Selge) – das Abschied (Fromm) und Ankunft (Walter; die rührende, in Dellwo verliebte und von Dellwo gedisste Polizeianwärterin Fröhlich) geschickt outsourcte – zu Höhen trieb, die uns melancholisch zurücklassen – und alle Gerüchte über Animositäten zwischen den Darstellern zu dementieren scheinen. Es muss doch Liebe sein auf dieser Welt, und so sehr wir die amourösen Verwicklungen zwischen Kommissaren und ihren Nachbarinnen, Gerichtsmedizinerinnen oder Kollegen sonst nicht mögen – hier hat uns die sanft angedeutete emotionale Tiefe im Umgang miteinander eingenommen für das Paar, das nun getrennte Wege geht: Wie Dellwo sich bei der fürsorglichen Charlotte bedankt ("Oh, danke, Mutti"), wie Charlotte weise wie Curd Jürgens ihren Dellwo streichelt ("Ach, Fritze"). Wir haben in den vergangenen acht Jahren nicht immer an beide geglaubt, aber wenn der große Ulrich Tukur erst mit seinem Hirntumor spricht, werden wir wissen, was wir vermissen. Die indisponiert wirkende, kühle, Tango tanzende Charlotte-Andrea ("Ich rauche nicht, aber ich kann's ja mal probieren"), die – wenn es dann noch Fernsehen und Adelsserien gibt – eines Tages die seit Jahren vakante Brigitte-Horney-Nachfolge der gütig-strengen Grande Dame antreten kann, und den schnuffigen, ungestümen, rockerhaften Dellwo-Schüttauf ("Ich glaub', mein Schwein pfeift"), bei dem uns noch in zwanzig Jahren der Drang überkommen wird, ihn kumpelhaft vor uns hinflüsternd "Schütte" zu nennen.

Darauf einen Absacker!

Kann man sich merken für den Fall, dass sich jemand entschuldigt für einen verhuschten Kuss: "Ach, du."
Sollte man wissen, wenn die Kriminalpolizeilaufbahn ledig angetreten wird: "Und zweitens lerne ich sowieso nur Verdächtige kennen – und Ermittler."

 
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Artikelaktionen
Kommentare
koslowski schrieb am 05.09.2010 um 22:48
Eine starke Eingangssequenz, Rolf Becker und zwei, drei Dialoge, die einigermaßen witzig auf das Ende des Ermittlerduos anspielten - mehr war eigentlich nicht in diesem mittelmäßigen Tatort, dessen Plot so vorhersehbar war, dass Spannung nicht aufkam. Es gibt deswegen keinen Grund, auf den Abgang von Charlotte und Dellwo mit Melancholie zu reagieren
Matthias Dell schrieb am 06.09.2010 um 10:46
der witz, den die ganze folge hatte, ist more than mittelmäßig. fand ich
Ludwig Hasselberg schrieb am 05.09.2010 um 22:55
Na, ich fass es ja nicht! Endlich habe ich mal das Gefühl, ich hätte mit Matthias Dell auf einer Couch gesessen und denselben Tatort geguckt. Kann also eigentlich nur zustimmen. Zwar eine durchaus düstere Angelegenheit, so mit Pensionierung, kalter Rache, Krebs und neuem Chef, aber dabei wirklich rund und stimmig, ja, und eben einfach existentiell. Und leider ein Absacker...
Matthias Dell schrieb am 06.09.2010 um 10:44
irgendwann musste es ja dazukommen, herrlich
Uwe Theel schrieb am 05.09.2010 um 23:11
Sowas geht nur beim Hessischen Rundfunk:

Ein Ermittlerteam, das sich getrennt habende Paar, giftet sich unglaubwürdig bis zum Letzten 15 Handlungsjahre lang an, um dann, am Ende dieses längsten Tages zu bemerken, dass man doch zusammengehört.

Da kann die Geschichte wirlich nicht weiter gehen.

#####

- Ich hoffe nur, dass man demnächst den Król in Frankfurt nicht auch noch verheizt.

- Damit die Sawatzky mal so gut aussieht, wie die Horney wirklich war, da werden sich die Maskenbildner aber anstrengen müssen
Gustlik schrieb am 06.09.2010 um 08:35
Mit Schüttauf ging wohl ein letzter Ostgebürtiger unter den Tatortbesichtigern. Er hätte noch mal eine Platte auflegen sollen... "Smoke on the Water" oder "Child in Time".
Uwe Theel schrieb am 06.09.2010 um 12:58
Helfen Sie mir bitte Gustlik,

aber woran habe ich das (i.e. Ostgebürtigkeit) in den sieben oder acht Folgen hätte merken können, auch als West(berlin)geborener? Die Drehbuchschreiber scheinen mir ja auch nichts davon reingeschrieben zu haben. Das war Frankfurter Allerlei von der Fastfoodseite aus. Sicher ist, dass Ehlichers nicht nur Leipziger Allerlei nahrhafter gewesen ist.
Volker schrieb am 06.09.2010 um 13:35
Die schlüssigste Szene spielte auf der Brücke, wo ein alles verloren habender Fromm auf High Noon machen will und ein Beinschuss vom Kollegen die Pension rettet und der Gesellschaft die Debatte um Selbstjustiz erspart.

Tatort halt....
hibou schrieb am 06.09.2010 um 19:07
"Danke für den Kaffee"
Die Sawatzki wie immer viel maennlicher als die Maenner (in der FC ja auch zu beobachten :-))
naja bis aufn Tango


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