Wie wär's mit einem Absacker?

Tatort Fast so was wie Tränen in den Augen: Der letzte "Tatort" von Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) erzählt von stiller Zuneigung

Wir werden sie vermissen: Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) geben ihren Abschied im Frankfurter Tatort. Deshalb wollen wir der Folge, die – für unsere noch zu verfassende Ästhetik des "Tatort"-Titels nicht uninteressant – mit der heuer beliebten Manager-Floskel (Karl-Heinz Rummenigge!) Am Ende des Tages überschrieben ist, nachsehen, dass das, was wir am Sonntagskrimi so schätzen – die Ethnologie deutscher Zustände, die Übersetzung gesellschaftlicher Schieflagen in den einzig gültigen Präsidialkriminalfernsehfilm zur politischen Massenbildung –, hier keine Rolle spielt. Es geht allein ums Private, ein bisschen Geschlechterverhältnis (der todesnachrichtsüberbringungsfeige Dellwo, der in den Krimis von Herbert Reinecker, dem ungekrönten König der Todesnachrichtüberbringung, nie hätte angestellt werden können). Populäre Konfliktlagen (Überalterung, Gesundheit) sind zwar angelegt (Dellwos und Sängers von Peter Lerchbaumer gespielter Boss Rudi Fromm hat seinen letzten Tag und darf auf keinen ruhigen Lebensabend hoffen/Fromms auf Rache sinnender von Richard Sammel dargestellter Gegenspieler Nikolaus Graf hat nichts mehr zu verlieren, weil Krebs), werden aber nicht thematisiert.

Was soll man sagen? Der Fall beschreibt eben den verdorbenen Lebensabend von Rudi Fromm, dem Geliebte und Tochter genommen werden von einem frei gekommenen Bankräuber, dem er einst die schwangere Gefährtin erschoss. So bleibt Fromm nur die Frau (Barbara Focke), mit der er nichts anfangen kann, wie man daran sieht, dass er doch Pferde liebt, auf die er wettet, derweil sie Schafe malt. Inszeniert hat Titus Selge mit existentieller Melodramatik, die nicht nur dem kräftigen Organ des Theatermannes Lerchbaumer entgegenkommt, der hier alles sein darf – vom vergnügten Lover im Herbst des Lebens bis zum irre werdenden last man standing.

Neben seiner intensiven Gefühlsbedeutung (Musik, Flashbacks) zeigt Am Ende des Tages seine production values vor, was neben der ganz hübschen gebastelten Achtziger-Jahre-Reminiszenz (die Urszene der ganzen Schuld-und-Ehre-Scheiße von Fromm und Graf inklusive eines toll montierten Tagesschauclips mit Werner "Gott hab ihn selig" Veigel) vor allem die Besetzung meint: Youngsters des deutschen Kinos wie Constantin von Jascheroff, Antonio Wannek und Tom Schilling, Stars des österreichischen Films (Georg Friedrich als Lude und Polizeispitzel), dazu beliebte Fernsehgesichter wie Angelika Bartsch als "Rotkäppchen", also eine Frau, die einen Häftling liebt, und Bartenderin im Rotlichtmilieu oder Michael Lott als Nachfolger Fromms schleimiger Nachfolger Hubert "Welcher Walter?" Walter. Sowie Rolf Becker in einem großen Kurzauftritt als Häftlingskollege des in Fragen der Moral dem Alten Testament verpflichteten Mörders Graf.

Ach, Fritze

Sehenswert aber war dieser "Tatort" allein wegen Sänger und Dellwo, deren Zusammenspiel der Schnitt (Stefan Kraushaar), zuerst aber das Drehbuch (Titus Selge) – das Abschied (Fromm) und Ankunft (Walter; die rührende, in Dellwo verliebte und von Dellwo gedisste Polizeianwärterin Fröhlich) geschickt outsourcte – zu Höhen trieb, die uns melancholisch zurücklassen – und alle Gerüchte über Animositäten zwischen den Darstellern zu dementieren scheinen. Es muss doch Liebe sein auf dieser Welt, und so sehr wir die amourösen Verwicklungen zwischen Kommissaren und ihren Nachbarinnen, Gerichtsmedizinerinnen oder Kollegen sonst nicht mögen – hier hat uns die sanft angedeutete emotionale Tiefe im Umgang miteinander eingenommen für das Paar, das nun getrennte Wege geht: Wie Dellwo sich bei der fürsorglichen Charlotte bedankt ("Oh, danke, Mutti"), wie Charlotte weise wie Curd Jürgens ihren Dellwo streichelt ("Ach, Fritze"). Wir haben in den vergangenen acht Jahren nicht immer an beide geglaubt, aber wenn der große Ulrich Tukur erst mit seinem Hirntumor spricht, werden wir wissen, was wir vermissen. Die indisponiert wirkende, kühle, Tango tanzende Charlotte-Andrea ("Ich rauche nicht, aber ich kann's ja mal probieren"), die – wenn es dann noch Fernsehen und Adelsserien gibt – eines Tages die seit Jahren vakante Brigitte-Horney-Nachfolge der gütig-strengen Grande Dame antreten kann, und den schnuffigen, ungestümen, rockerhaften Dellwo-Schüttauf ("Ich glaub', mein Schwein pfeift"), bei dem uns noch in zwanzig Jahren der Drang überkommen wird, ihn kumpelhaft vor uns hinflüsternd "Schütte" zu nennen.

Darauf einen Absacker!

Kann mansich merken für den Fall, dass sich jemand entschuldigt für einen verhuschten Kuss: "Ach, du."
Sollte man wissen, wenn die Kriminalpolizeilaufbahn ledig angetreten wird: "Und zweitens lerne ich sowieso nur Verdächtige kennen – und Ermittler."

21:45 05.09.2010
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Ausgabe 14/2020

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hibou | Community