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"Drei", der neue Film von Tom Tykwer, ist immer unkonventionell und modisch zugleich – und niemals mehr als das. Aufregend ist nur Sophie Rois

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Tom Tykwers Filme sind auf der Höhe der Zeit, weil sie von der Bedeutung des Index’ wissen. Der Index ist das Gesicht all der Daten und Informationen, die man irgendwie organisieren muss. Wer ein Unbehagen an der Zeit hat, mag jetzt rufen: Genau, Index, Gesicht, deswegen ist unsere Zeit ja so blass um die Nase, weil ein Index die Anmutung einer Verwaltungsordnung verströmt! Ein Index kann etwas Poetisches haben, das hat Tykwer in seinen Beiträgen für die Omnibusfilme Paris, je t‘aime (2006) und Deutschland 09 gezeigt: Komplexe Sachverhalte wie die Liebe oder das globalisierte Leben werden auf Schlagwortkataloge reduziert und wiederholt heruntergerattert, und weil das Tempo hoch ist und aus der Variation die Pointe entsteht, entwickeln die kurzen Filme einen Sog, der den Zuschauer berühren kann.

Drei fängt genauso an: Eine Männerstimme erzählt ein Leben in Stichworten, dazu fährt die Kamera an Telegrafenmasten vorbei. Und wer dabei denkt, dass Telegrafenmasten das klassische, aber auch das klischierte Bild für Differenz und Wiederholung sind, der trifft in das kühle Herz von Drei: Der Film ist immer unkonventionell und modisch zugleich – und niemals mehr als das.

Die Geschichte ist schnell erzählt

Ein Simon (Sebastian Schipper) und eine Hanna (Sophie Rois) leben kinderlos, wohlständig und irgendwie glücklich zusammen, und fangen beide eine Affäre an – und zwar mit demselben Adam (Devid Striesow). Tykwer geht es bei dieser Konstellation um Liebe als Oberbegriff und nicht um Moral oder Psychologie, weshalb sich auch nie gestritten wird. Es geht ihm nur ums Spielen mit den Indices, und das leicht Dröge dieser nicht unoriginellen Erzählweise zeigt sich am besten daran, dass Indizierung eigentlich ein reduktionistisches Verfahren ist, der Film Drei aber zwei Stunden dauert.
Schon die Figuren sind in Drei Indices, wobei Adam den größten hat: erfolgreicher Wissenschaftler, Freizeitfußballler, Chorsänger, Judoka, Saunagänger, Vater, Motorradfahrer, Alleinsegler, FC Union-Fan, ostdeutsch. Einen anderen Index bildet das Berlin, das Drei zeigt: Altbaukreuzberg, Freizeitmauerpark, Szene-Eckkneipe, die Alte Försterei, Villenwesten, Technologieadlershof, DDR-Moderne. An einem weiteren Index schreibt die Kunst: Robert-Wilson-Inszenierung, Ingeborg-Bachmann-Vorlesen, Hermann-Hesse-Kritik, René-Pollesch-Auftritt, holländisches Die Vögel-Plakat, Martin-Gropius-Bau-Ausstellung, Das Wunder von Mailand-Film. So listet der Film auf, und das Merkwürdige daran ist vor allem, dass diese Indices auf ihre Weise gefangen sind in einem geschmacklich abgesicherten Nirgendwo zeitgenössischen bürgerlichen Lebens: nicht platt, aber auch sehr geräumig.

So ist das einzig wirklich Aufregende an einem Film – der seine Konstellation allen Ernstes von einer Sasha-Waltz-Choreografie vortanzen lässt – Sophie Rois. Die sagt nicht nur „Jeff Koons“ oder „Na, Volker“ auf eine Weise, als würde sie es zum ersten Mal tun, als wäre sie gerade auf die Welt gekommen und müsste sich noch über sich selbst wundern. Sophie Rois ist alles, was Drei vielleicht gern wäre, sich aber nicht traut: So besonders und eigenwillig, dass man sie durch keinen anderen Begriff beschreiben kann. Wer Sophie Rois nicht lieben will in diesem Film, der hat kein Herz. So wie sie spielt, könnte sie auch das Telefonbuch vorlesen, und es wäre ein Ereignis. Auch wenn es sich dabei um einen Index handelte, der aus der Zeit gefallen ist.

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