Kultur

Ausstellung | 05.03.2011 15:00 | Katja Behrens

Das funktionierende Chaos

Mit "Afropolis" zeigt das Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln die modenerne, urbane Seite der afrikanischen Kunst - und erfindet sich als modernes Völkerkundemuseum neu

Afrika ist seit jeher Objekt und Opfer eines undifferenzierten Blicks: Afrika ist arm, hungrig, krank, korrupt, chaotisch. Oder exotisch, primitiv, wild, lüstern, erotisch. Dass es eine afrikanische Moderne gibt, die mit diesen stereotypen Bildern nichts zu tun hat, wissen wir nicht, weil wir deren Bilder nicht kennen.

In der Kölner Ausstellung Afropolis. Stadt, Medien, Kunst sind solche anderen Ansichten jetzt zu sehen. Etwa die große Installation, die Kgafela oa Magogodi, südafrikanischer Autor und Spoken-Word-Künstler, gemeinsam mit der Filmemacherin Jyodi Mistry mitten im dämmrigen Ausstellungsraum platziert hat: Unter einer Art Riesenpilz stehend hört man ein im Stakkato vorgetragenes Gedicht, konkrete Poesie, die untermalt wird von Musik und begleitet von einer Collage aus Filmbildern einer Performance, fotografierten und gemalten Stadtansichten. Itchy City ergibt auf diese Weise einen Fluss aus Beschreibung und Assoziation ohne Punkt und Komma, ein atemloses, ironisches Porträt von Johannesburg.

Die Schau Afropolis bilanziert die urbane Kunstproduktion der letzten Jahre in den rasant wachsenden afrikanischen Megacities: Lagos, Kairo, Nairobi, Kinshasa und Johannesburg werden nicht nur wissenschaftlich dargestellt, sondern repräsentieren sich in 30 künstlerischen Positionen auch selbst – eine Praxis, die für ein einstiges Völkerkundemuseum eher ungewöhnlich ist, bestand doch dessen Aufgabe darin, Kulturäußerungen und Artefakte aus einer ethnologischen Perspektive von außen zu untersuchen. Das im letzten Jahr in einem Neubau wiedereröffnete Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln trägt nun den Zusatz „Kulturen der Welt“ im Namen.

Im gelben Danfo durch Lagos

Im Zentrum von Afropolis stehen Werke über soziale Netzwerke, kulturelle Zusammenhänge und Strategien der Selbstermächtigung: nicht als Illustration, sondern als eigensinnige Äußerungen. Dabei erzählen die Arbeiten davon, wie Architektur mit politischen Gesten und einem alltäglichen Leben verknüpft ist. Die ägyptische Künstlerin Hala Elkoussy etwa richtet ihren Blick auf die vermeintlich banalen Aspekte gemeinschaftlichen Lebens. In ihrer wie ein Kino eingerichteten Videoinstallation We are by the sea now wird Kairo zur Kulisse für unzählige persönliche Anekdoten der Bewohner, die im Film zu Wort kommen. Fast nebenbei erfährt man, dass die Träume und Sehnsüchte der Menschen in Kairo nicht so anders sind als die eigenen.

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Emeka Ogboh fängt Fragmente des städtischen Klangs ein, wenn er mit seinem Mikrofon in den gelben Minibussen von Lagos, genannt Danfos, unterwegs ist. Lautes Hupen, Händler, die ihre Waren anpreisen, lokaler Hip-Hop aus schepperndem Radio, Gerede am Handy, die laute Stimme des Busfahrers. Auf den ersten Blick scheint Lagos by Bus die stereotypen Vorstellungen einer bunten, lauten afrikanischen Realität zu bedienen, auf den zweiten dementiert er sie, indem der bunte Lärm als überschaubares und lebbares Chaos schließlich eine funktionierende Ordnung repräsentiert.

Derart liefert Afropolis einen Ansatz, das Bild Afrikas hierzulande zu dekonstruieren – und auch die Rolle des Museums einer Selbstbefragung zu unterziehen, das an diesem Bild mitgewirkt hat.

 
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